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STEFANO BATTAGLIA Raccolto *******

CD I: 1. Raccolto (Battaglia), 2. Triangolazioni (Battaglia, Maier, Rabbia),3. Triosonic I, 4. All is language, 5. Our circular Song, 6. Coro (Battaglia), 7. Triosonic II (Battaglia, Maier, Rabbia), 8. In front of the fourth door, 9. L´osservanza (Battaglia)
CD II: 1. Lys (Battaglia, Pifarely, Rabbia), 2. Canto I,3. Riconoscenza, 4. Reminiscence pour violon et piano (Battaglia, Pifarely), 5. Pourquoi? (Battaglia, Pifarely, Rabbia), 6. Il ciro ungherese, 7. Veritas, 8. Velario de marzo (Battaglia, Pifarely), 9. Recitativo in memokria di Luciano Berio (Battaglia, Pifarely, Rabbia), 10. Canto II, 11. Trois brouillons, 12...dulci declinant lumina somno

Stefano Battaglia
- p, Giovanni Maier - b (CD I), Michele Rabbia - perc, Dominique Pifarély - v (CD II)

rec 09. + 12.2003
ECM 1933/34 9870670; LC-Nr 02516

Der italienische Jazz zerfällt zunehmend in zwei
Fraktionen. Da sind diejenigen, die beifallumtost die fröhlichen Südländer geben; sie gefallen (sich) als Parodisten, weil ihr Handwerk nichts anderes zulässt; kaum eine Jazztechnik, die sie zweifelsfrei beherrschten. Dieser Typus versammelt sich laut & lustig und nahezu exklusiv im Italian Instabile Orchestra. Ein einziger aus dieser Schar (wir reproduzieren hier einen Konzerteindruck, Darmstadt, 2003) lässt sich als kleine Schnittmenge mit dem anderen Typus in Verbindung bringen, nämlich Gianluigi Trovesi.
Diese andere Gruppe besteht - nicht zufällig - aus Virtuosen, die - ohne amerikanisch zu spielen - über Jazzhandwerk wie die Amerikaner gebieten:
Stefano Bollani, Paolo Fresu, Stefano Di Battista, Flavio Boltro, Aldo Romano, auch Enrico Rava gehört hierher.
Es tut also, will man sich vor Humorattacken schützen, not, bei unbekannten Künstlern frühzeitig eine Art
Parodie-Firewall einzurichten. Stefano Battaglia winkt sie durch, Stefano Battaglia hat nichts mit der Banda-Fraktion und anderen Lebenszeitvernichtern zu tun, er ist - so stocksteif das jetzt auch klingen mag - ein seriöser Künstler.
In Mitteleuropa mag er neu sein, eine
Entdeckung gar, aber in seiner Heimar verfügt der 1965 in Mailand geborene Pianist über eine Discographie von sage und schreibe 60 Tonträgern. Nicht alle daruner aus dem Jazz-Fach, sondern auch Barock-Aufnahmen sowie das 20. Jahrhundert, vertreten durch Hindemith, Boulez, Messiaen und Ligeti.
Irjenswie mag man ihn in ein Panorama von Benoit Delbecq bis Vassilis Tsabropoulos einbringen, möglicherweise näher bei Letzterem, dem Griechen, denn auch bei Battaglia scheint eine gute Portion
Keith Jarrett durch. Als 14jähriger (so schliesst sich der diesmal schöne, selbstreferentielle Kreis) erwachte sein Interesse am Jazz, durch ECM-Aufnahmen von Paul Bley ("Open, to Love") und Keith Jarrett ("Facing you").
Auf seinem ECM-Debüt präsentiert Stefano Battaglia zwei verschiedene Konzepte, personifiziert durch zwei Trios, beide gegründet 2001 und zusammengehalten durch den Perkussionisten
Michele Rabbia.
CD I enthält einen frei-tonalen Jazz, dank seiner Kollektivimprovisationen mit vielerlei Bezügen zur Improvisierten Musik. Nichts daran ist neu, aber was dennoch aufhorchen lässt ist Battaglia´s Sinn für die Wiederholung kleiner Motive, die durchaus auch in
Bach´schen Momenten starten können. Darin zeigt sich die Verwandtschaft zu Keith Jarrett, aber selbst da, wo Battaglia bluesig spielt, hat er nichts von Jarrett´s Gospel-Grooves. Ja, lange Zeit nicht mehr so poetische Kollektivimprovisationen gehört.
CD II vertritt ein völlig anderes, vielleicht eher semi-"klassisches" Konzept, eine moderne Kammermusik, in der der komponierte oder geplante Anteil grösser ist. Hier steht ihm in Form von
Dominique Pifarely´s Violine - die ja bekanntlich nicht gerade jazz-like gespielt wird - ein stilistisch ähnlicher Part gegenüber. Hier geht´s weniger in Richtung blue notes als in Richtung nicht-temperierte Stimmung und präpariertes Piano - was wiederum Anmut a la Arvo Päärt ("Velario de marzo") nicht ausschliesst.
Und wenn Stefano Battaglia als nächstes ein Tribut an
Pier Paolo Pasolini ankündigt, darf er unserer Aufmerksamkeit sicher sein, weil man ihm gerne ein sehr italienisches Thema ohne jeden Italien-Kitsch abnimmt.

erstellt 09.01.06

©Michael Rüsenberg, 2006
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