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BRUCE HORNSBY Camp Meeting *******

01. Questions and Answers (Ornette Coleman), 02. Charlie, Woody and you (Hornsby, Ives), 03. Solar (Miles Davis), 04. Death and the Flower (Jarrett), 05. Camp Meeting (Hornsby), 06. Giant Steps (Coltrane), 07. Celia (Bud Powell), 08. We´ll be together again (Fischer, Laine), 09. Stacked Mary Possum (Hornsby), 10. Straight no Chaser (Monk), 11. Un Poco Loco/Chant Song (Powell, Hornsby)

Bruce Hornsby - p, Christian McBride - b, Jack DeJohnette - dr

prod 04.2006
Sony/Legacy 88697 09663 2; LC 00699

Jack DeJohnette und Christian McBride, so berichtet ihr Piano-Partner, hätten ihren diebischen Spaß gehabt, Freunde in diese Produktion hineinhören - und den Namen des Pianisten raten zu lassen.
Es muß der schwerste
blindfold test aller Zeiten gewesen sein. Niemand vermag sich vorzustellen, daß ein Pop-Grammy-Gewinner, einer, der über 10 Mio Platten verkauft hat, die Rhythmusgruppe McBride/DeJohnette mit Ideen füttern kann.
Bruce Hornsby hat dafür den schönen Vergleich gewählt: "Stell´ dir vor, du lernst 6 Jahre lang Französisch und spricht es auch ganz flüssig, dann aber sprichst du es 30 Jahre lang nicht mehr. Dann wirst du urplötzlich Französisch-Dolmetscher bei der UNO. Du kannst dir vorstellen, wie hart und einschüchternd das wäre. So aber war es für mich, Jazz zu spielen."
Nun denn, ganz unbeleckt vom Jazz ist
Bruce Hornsby, Jahrgang 1954, nach einem Studium und Berklee und an der University of Miami (bachelor in music) denn doch nicht. 1993, auf seinem Album "Harbor Lights", assistierten schon Branford Marsalis und Pat Metheny.
Außerdem bekam er starken Rückwind durch zwei Motivationsschübe: vor 5 Jahren bat ihn
Pat Metheny anlässlich eines Konzertes mit der Virginia Jazz Orchestra Band, bei Miles Davis´ "Solar" einzusteigen, und Jack DeJohnette soll den Popmusiker, backstage nach einem Konzert des Keith Jarrett Trios, mit der Frage konfrontiert haben: "Wann machen wir was zusammen?" Ganz offensichtlich haben sie beiden eine Qualität in Hornsby erkannt, die im Jazzlager nicht so verbreitet ist. Sie ist schwierig zu fassen und ließe sich am ehesten umschreiben mit dem Vermögen, instrumentalen Jazz als Song aufzufassen.
Im April 2006 jedenfalls fühlte Bruce Hornsby sich gerüstet, und die beiden Paten wirkten mit: Jack DeJohnette am Schlagzeug (mit einem ziemlich anderen Ton als bei Keith Jarrett) und Pat Metheny als "de facto Executive Producer".
Sie haben auf das richtige Pferd gesetzt: "Camp Meeting" entwickelt schon nach wenigen Takten einen eigenen Charakter, den es nicht mehr verliert. Ein Merkmal ist klanglicher Art, nach zwei Minuten in "Questions and Answers" eröffnet eine
TripHop-verfremdete hi-hat eine zweite rhythmische Ebene neben dem hi-fi-Schlagzeug von DeJohnette. Der Effekt taucht in "Solar" wieder auf, beim Titelstück, einem hymnischen Gospelsong mit New Orleans backbeat, und "Giant Steps" wird ebenso damit eröffnet, bloß in weitaus höherem Tempo.
Das zweite Merkmal ist eher struktureller Natur, ein "eckiges" Phrasieren, als habe das Trio von
The Bad Plus sich anstecken lassen, ohne freilich deren Exaltiertheiten zu übernehmen. Dieses Trio nämlich wurzelt viel zu sehr in amerikanischem Mutterboden, Hornsby zitiert eine sehr gediegene Einflußkette von Samuel Barber und Charles Ives bis Keith Jarrett und Bud Powell, nicht zu vergessen Bill Evans und Folk-Hymnik.
Dies alles hebt dieses Trio von vielen gleichen Instrumentariums´ ab. Virtuosität und große Anschlagskultur werden ersetzt durch kluge Repertoirewahl, pfiffige Arrangements und ein paar originelle Eigenkompositionen. Allein drei
Blues-Stücke sind dabei, neben "Solar" und dem ein wenig Bluegrass-inspirierten "Straight no Chaser" (wiederum mit New Orleans backbeat) auch die verwunderliche Mischung aus Blues & Ives in "Charlie, Woody and you".
"Celia" hat ein leichtes Reggae-Feeling, "We´ll be together again" erklingt als dunkler Kirchenmusik-Hymnus. Thematische Ausschmückungen halten sich in Grenzen, es dominiert sozusagen die pure Expression, eine Schlichtheit, die allenfalls noch bei
Robin Holcomb zu finden ist. Nur dass Bruce Hornsby noch einen Dreh jazziger aufspielt (der Herr Esbjörn, der sich auf ähnlichem Terrain versucht, sieht dagegen ganz alt aus).

erstellt: 19.10.07

©Michael Rüsenberg, 2007, Alle Rechte vorbehalten