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JOEL HARRISON Urban Myths ********

01. You must go through a Winter (Joel Harrison), 02.125 and Lenox, 03. Mood Rodeo, 04. Last Waltz for Queva, 05. Straight no Chaser (Monk), 06. Between the Traveler und the setting Sun (Harrison), 07.Urban Myths, 08. High Expectation and low Return

Joel Harrison - g, David Binney - as, Christian Howes - v, Daniel Kelly - keyb, Stephan Crump - b, Jordan Person - dr, Fima Ephron - bg (2,8), Ambrose Akinmusire - tp, Corey King - tb (4,5,7), Jerome Sabbag - ts (4,5)

rec. 15./16.12.2008
HighNote HCD 7194

Joel Harrison ist Gitarrist - aber kein großer Gitarren-Stilist. Man wird schwerlich irgendwo einen "Joel Harrison" heraushören. Seine größere Bedeutung liegt im Bereich Komposition, seine Discographie zeichnet eine Linie konzeptionell deutlich wechselnder Projekte; ja er ist ein Multi-Stilist, ein sehr amerikanischer Multi-Stilist.
Harrison stammt aus Washington D.C., hat am Bard College einen B.A. in Komposition erworben; er hat in Boston gelebt, 12 Jahre in San Francisco, seit 1999 ist in New York City, und seitdem zieht sich durch die meisten seiner Projekte die Mitwirkung von
David Binney.
Mit ihm hat er in zwei Alben ("Free Country", 20002, "So long 2nd Street", 2004) Country & Western samt ihrer Anverwandten umkreist, dem berühmten Namensvetter George eine Referenz erwiesen ("Harrison on Harrison", 2005) und zuletzt ein Orchesterwerk vorgelegt ("The Wheel", 2008).
"Urban Myths" schließt stilistisch an "Harbor" (2006) an. Das war mitunter schon sehr rockig, mit einem neben dem Bandleader mächtig aufheulenden Nguyen Le. Ohne den Begriff ãJazzrock“ zu verwenden (er spricht von "Electric Jazz") beschreibt Harrison als Schwerpunkt der Produktion "Mitte und Ende der 70er Jahre", als er in Washington D.C.
Herbie Hancock, Chick Corea, Zawinul und Shorter - und dann zählt er sie alles auf, bis Miles Davis - gehört habe.
Ja, klar denkt man, das ist eine Hommage-Platte, und zumal mit der Gegenwart eines Violinisten (der heute "amtliche"
Christian Howes) macht man sich unwillkürlich auf, die Produktion nach den entsprechenden Einflüssen abzuscannen.
Pustekuchen! Nirgenwo ein direktes Zitat, Joel Harrison ist clever genug, Remakes zu vermeiden, er verwendet lediglich bestimmte Klang- (Fender Rhodes E-Piano) und strukturelle Gesten (schwerer-Funk in schleppenden Tempi, Samba, Suiten-Formen), die damals gebräuchlich waren. Ohne seinen Hinweis käme man gar nicht auf die Idee, die Vergangenheit heranzuziehen - man könnte "Urban Myths" für ein quasi zeitloses Jazzrock-Album halten, gewürzt um ein paar Prisen "Gegenwart" (
Dub-Elemente auf der snare-drum, drum´n´bass-Feeling); auch Monk´s "Straight no Chaser" so anzupacken, dass das Thema nie vollständig ausgesprochen wird, (noch dazu in ausgesprochener M-Base-Fraktur) dürfte man eher für eine Errungenschaft der Jetztzeit halten.
Vor allem erfreut der Komponist Harrison durch den häufigen Einsatz des
groove switching, mithin also nicht nur die Tempi in einem Stück zu wechseln, sondern auch die Grooves, die rhythmisch-melodischen Fundamente. Resultat ist eine erfrischende Vielfalt innerhalb fast einer jeden Komposition, die bei Bedarf die Solisten (herausragend David Binney, auch der Bandleader agiert prononcierter als sonst) in ein je anderes setting setzt. Das ist glänzend gelöst in "Mood Rodeo", wo - nun hat er uns doch auf eine Spur geführt - ein knockentrockener Funk nein, nicht ein Thema a la McLaughlin, sondern durch die Mitwirkung der Violine die Anmutung eines solchen Themas transportiert.
Ein ebenso unterhaltsames wie konzeptionell anspruchsvolles Album!


erstellt: 27.06.09

©Michael Rüsenberg, 2009, alle Rechte vorbehalten