Drucken
AARON GOLDBERG & GUILLERMO KLEIN Bienestan ********

01. All the Things you are (Kern, Hammerstein), 02. Implacable (Guillermo Klein), 03. Moose the Mooche (Charlie Parker), 04. Burrito (Klein), 05. Human Feel, 06. Anita, 07. Blues for Alice (Charlie Parker), 08. Manhã de Carnaval, Black Orpheus (Bonfa, Maria), 09. Yellow Roses (Klein), 10. Manhã de Carnaval, Orfeo Negro (Bonfa, Maria), 11. Impresion de Bienestar, 12. Amtrak/All the Things you are (Klein/Kern, Hammerstein)

Aaron Goldberg - p, Guillermo Klein - ep, Matt Penman - b, Eric Harland - dr, Miguel Zenon - as (3,5,67,11), Chris Cheek - ts (5,6), ss (11)

rec 13.+14.05.2009
Indigo/Sunnyside SU 1245

Wenn man das Moers Festival 2006 ff. (The Michalke Years) passieren lässt und allen Modeschaum, alle Hipness und Coolness herausfiltert, landet man z.B. bei einem Mann mit Halbglatze. Er könnte ein südamerikanischer Dramatiker sein, ein Regisseur, ein Filmtheoretiker. Am 31.05.2009 jedenfalls schien er auf der Bühne in Moers unter den Los Guachos der Unauffälligste zu sein. Aber er war ihr Kopf, und man musste sehr genau hinhören, um ihn ihm einen „Evoluzzer“ zu erkennen, wie Dieter Glawischnig, der frühere Chef der NDR Big Band, die Helden knapp unter der Revolutionsgrenze zu bezeichnen pflegte.
Guillermo Klein ist ein solcher Evoluzzer, ein Evoluzzer des Latin Jazz. Er ist nicht der erste und auch nicht der einzige, der dieses Genre, das immer so dynamisch daherkommt, aus seinem Dynamik-Korsett befreit, als da sind: das gleichbleibende Tempo, der gleichbleibende Aktivitätslevel in einem Stück und der ewige 4/4-Takt.
cover-bienestanAls Kleins Visitenkarte empfiehlt sich hier z.B. seine Fassung von Charlie Parkers „Moose the Mooche“, die den Verwandlungskünsten eines Django Bates oder Christopher Dell in nichts nachsteht: accelerando und ritardando auf engstem Raum, Tempowechsel und groove switching bis zum Abwinken. Eine solche Achterbahn würden die meisten Latin-Jazzmusiker nicht lebend verlassen. Gut, sie haben ihre Meriten, aber das Verdienst, diesen Laden aufgebrochen zu haben, gebührt dem 1970 in Buenos Aires geborenen Mann mit der Halbglatze und dem Spießerhabitus.
Einer seiner Mitstreiter, der auf seinen eigenen Alben in Maßen ähnlich verfährt, ist hier mit an Bord (und war auch in Moers): Miguel Zenon. Ein weiterer wäre der bei uns sträflich unterrepräsentierte Edward Simon aus Venezuela.
Guillermo Klein packt hier aber mindestens noch ein weiteres Juwel aus: Minimal Patterns, wie man sie im Jazz lange nicht mehr gehört hat. In „Human Feel“ verteilt er ein entsprechendes Muster auf einen Kanon über einem Beat, den man im weiteren der M-Base-Fraktion zuordnen kann, und „Implacable“ („unerbittlich“, nomen es omen!) wirkt, als habe Minimal-Altmeister Steve Reich Piano und E-Piano verzahnt. Hammer!
In den ersten drei tracks von „Bienestan“ entfaltet sich bereits (fast) das ganze Programm des Albums. Es beginnt mit eleganter Jazz-Konvention, die auch später immer wieder aufscheint, hier einem unglaublichen swingenden Piano-Bass-Duo zu „All the Things you are“, ohne Bläser, ohne Schlagzeug, auch ohne E-Piano.
Auch die beiden Fassungen von „Manhã de Carnaval“ erscheinen zunächst als pure Jazz-Konvention. Aber glaube niemand, dass diese Geschichte auserzählt ist! Die Fassung von track 10, ein wenig schneller als die von 08, öffnet mit einer offbeat-Verschiebung zwischen Piano und Baß, die in gewisser Weise das in totalem Understatement gehaltene, spätere drum-solo gegen riff vorwegnimmt.
Beide Fassungen von „Manhã de Carnaval“ sind für Piano-Trio, sie verzichten auf den reizvollen Kontrast zwischen Piano und E-Piano (noch ein Juwel!), den Klein mitunter an die Grenze der klanglichen Ununterscheidbarkeit führt, z.B. im kaum bewegten, herrlich-düsteren Titelstück.
Solche Piano-Trio-Konstellationen ergeben sich mehrmals, laut Cover dürfte der Pianist dann immer nur Aaron Goldberg sein, weil Klein lediglich mit „Fender Rhodes“ verzeichnet ist. Und man kann sich kaum vorstellen, dass er überall dort seinem Freund Goldberg den Vortritt lässt. (Es kann aber auch sein, dass die Angaben auf dem Cover unvollständig sind). Denn dies ist, ausweislich der Kompositionen, Guillermo Kleins Album, auch wenn sein Name discographisch als zweiter erscheint. (wird am 27.04. veröffentlicht)

erstellt: 29.03.12
©Michael Rüsenberg, 2012. Alle Rechte vorbehalten