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PETER MATERNA Solo at Arp Museum Bahnhof Rolandseck *******

01. Jesu meine Freude (Bach), 02. Blue in Green (Miles Davis), 03. Over the Rainbow (Harburg, Arlen), 04. Schichtwechsel I (Materna), 05. The Dancer, 06. All the Things your are (Hammerstein, Kern), 07. In medias Res (Materna), 08. Blue 7 (Sonny Rollins),  09. Stella by Starlight (Washington, Young), 10. Summertime (Gershwin), 11. 24 Shades of White (Materna),  13. Schichtwechsel II



Peter Materna - ss, as, ts

rec. 8/2011

Jazzhaus Musik JHM 209, LC 09632

Wenn Jazzmusiker der Bildenden Kunst sich zuwenden, verständlicherweise zunächst mit Blick auf bestimmte Kunstwerke. So wurde Vince Mendoza z.B. für sein „Blauklang“-Projekt von einem Bild Ernst Wilhelm Nays inspiriert, Tim Whitehead hatten es die Skizzenbücher von JMW Turner (1775-1851) angetan. Der Raum ihrer Ausstellung, Tate Britain, interessierte ihn weniger, zumal ihm etliche Exponate aus dem Fundus zugänglich gemacht wurden.
Bei Peter Materna aus Bonn war es ähnlich, im Rahmen eines Solokonzertes zur Eröffnung der Ausstellung „Schichtwechsel“ des
Bonner Malers Martin Noël (1956-2010), im nur wenige Kilometer südlich gelegenen Arp Museum Rolandseck.
Während des Konzertes wurde er der akustischen Vorzüge des Raumes selbst gewahr, entworfen von dem amerikanischen Architekten Richard Meier. Dessen Nachhall liesse sich zwar im nachhinein mühelos per Software modellieren, aber es ginge ihm doch völlig ab, was - neben dem Handwerk des Saxophonisten Materna - den wesentlichen Input dieser Produktion ausmacht: die Inspiration durch die Werke und den Raum, der innen noch mehr den äußeren Eindruck stützt, wie wunderbar hell und luftig er sich in die Rheinhügel schmiegt.
cover-maternaMaterna kehrte ein paar Tage später noch einmal zurück, früh morgens, allein, mit hochwertigem Aufnahmeequipment und einem Programm, das mehr Gerüst ist und Wegmarken der Kontemplation setzt als harmonisch-melodische Handlungen vorzugeben.
Denn schon wie er den Bach-Choral angeht, macht er deutlich, dass er nicht den Formen zu folgen gedenkt, sondern - wie in der Malerei das Palimpsest - übermalt, was an „Originalen“ und tausenderlei Interpretationen schon vorklingt.
Den Höhepunkt dieses Willens zur Abstraktion erzielt er in „Summertime“, wo er das Thema überhaupt nicht mehr ausführt und stattdessen knapp vier Minuten lang paraphrasiert, was ohnehin in unseren Köpfen zu diesem Gassenhauer herumspukt.
„Summertime“ markiert auch in anderer Hinsicht eine Zäsur dieser Produktion. Es ist das erste Stück, wo er multiphonics spielt, also Überblas-Effekte einsetzt, ansonsten pflegt Materna überwiegend einen geradezu kammermusikalisch klaren Ton. 
Vor allem aber setzt Materna mit „Summertime“ ein Gestaltungsmittel außer Kraft, das er bis dahin 9 Stücke lang praktiziert, nämlich - trotz aller Wechsel zwischen Sopran-, Alt- und Tenorsaxophon - die unterschiedlichen Stücke an den Übergängen mit ähnlichen Phrasen zu verbinden (die Einstellung „Audioüberblendung“ auf dem iPod bekräftig diesen Eindruck mit einer zusätzlichen Perspektive).
Egal aus welchen Gründen Materna darauf verzichtet hat, Bilder von Noël im booklet abzubilden (auch das Cover-Foto nimmt Bezug auf den Bahnhof Rolandseck und nicht das Museum selbst) - diese Auslassung macht klar: der Künstler gibt uns allenfalls eine Handreichung zu seiner Inspiration, die Inspiration selbst bleibt privat. Wir müssen sie nicht en detail kennen, um diese bemerkenswert kontemplative, von Saxophon-licks weitgehend unberührte Musik zu genießen.
Sie bietet eben nicht ... "Bilder einer Ausstellung".

erstellt: 14.04.12
©Michael Rüsenberg, 2012. Alle Rechte vorbehalten