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MASABUMI KIKUCHI TRIO Sunrise *******

01. Ballad I (Kikuchi, Morgan, Motian), 02. New Day, 03. Short Stuff, 04. So What Variations, 05. Ballad II, 06. Sunrise, 07. Sticks and Cymbals, 08. End of Day, 09. Uptempo, 10. Last Ballad

Masabumi Kikuchi - p, Thomas Morgan - b, Paul Motian - dr

rec. 09/2009

ECM 2096 27809555, LC 02516



Kikuchi & Motian, was auf den ersten Blick neu ausschaut, ist uralt, die beiden waren einander seit bald zwei Dutzend Jahren verbunden. Sie haben als Tethered Moon Standards gespielt (1990), später auch Chansons von Edith Piaf (1999), Bassist ihrer Wahl war jeweils Gary Peacock.
 Jetzt hat der Bassist gewechselt, und das Treffen, es sollte sich als das letzte herausstellen, fand für ECM statt, 2009. Der Tod von Paul Motian am 22.11.11., so schreibt Kukuchi in den liner notes, habe ihn „am Boden zerstört“.
Masabumi Kikuchi, geboren 1939 in Tokio, lebt nach einem Studium in Berklee seit den 70er Jahren in den USA. Manche erinnern sich an seine Zeit bei Gil Evans, in manchem Kopf sind vielleicht auch noch seine Jazzrock-Aufnahmen präsent, z.B. „Susto“ (1980) oder „Acoustic Boogie“ (1995) mit Terumasa Hino (darauf auch Hip-Hop Jazz, Mr. Glasper!). Irgendwo in den Archiven befindet sich auch noch eine Studiosession aus den 70er Jahren mit Miles Davis.
cover-kikuchiDie „elektrische“ Phase ist lange abgeschlossen, Kikuchi verschreibt sich dem rubato und den Andeutungen, der Sparsamkeit und dem broken swing. Und dafür hat er in Paul Motian den idealen Partner.
Selbst für die, die ahnen, wohin die Reise geht, vulgo: in welchen Farben die Sonne aufgehen wird, dürften die ersten Momente von „Sunrise“ eine harte Prüfung sein. Kein Beat nirgends, nur Andeutungen, Tupfer, Verzögerungen von Erwartung, wenig Einlösung - der Zuhörer als Sinnstifter ist gefragt. Man möchte dem Autor von „Sweet Anticipation. Music and the Psychology of Expectation“, David Huron, in seinem Labor an der Ohio State University, diese Produktion zu Studienzwecken überlassen.
Es ist eine (Jazz)Musik der totalen Improvisation (nicht zu verwechseln mit totaler Verausgabung oder Atonalität), über die die Musiker im jeweiligen Moment selbst wenig mehr wissen als die Zuhörer. Das mag man z.B. an den Schlüssen der tracks 2 und 3 erkennen, die aus dem Moment heraus eine Schlüssigkeit der Form nahelegen, dass jeder weitere Ton sich erübrigt.
Das bedeutet nicht, dass es dieser Musik an Drama fehlte. Im weiteren Verlauf der Produktion nimmt die Dynamik zu; was für ein Befreiungsschlag, als in "Sticks and Cymbals" z.B. die sich verdichtenden Tontrauben ab 4:40 plötzlich in einen 4/4-Takt fliessen.
Gut denkbar, dass sich demjenigen, der über weniger Hörerfahrung in der Improvisierten Musik verfügt, der sich darauf beschränkt, festen Formen zu folgen, der Charakter und auch der Reichtum dieser Musik nicht erschließt. Nicht zuletzt muss der weniger Kundige gegen ein Phänomen ankämpfen, das manchen Improvisatoren am Piano quasi zur zweiten Natur geworden ist: das Mit-Vokalisieren oder Brabbeln. Kikuchi beginnt verhalten damit in „New Day“ und lässt es dann kaum noch los.
Aber, wer sich auf diesen offenen Vortrag einlässt, kann es überhören, zumal Meister Kikuchi im Avatar Studio zu New York City an einem vorzüglich klingenden Instrument sich abarbeitet.

erstellt: 26.04.12
©Michael Rüsenberg, 2012. Alle Rechte vorbehalten