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COLOGNE CONTEMPORARY JAZZ ORCHESTRA PLAYS SLAYER Do you wanna die ******

01. Angel of Death (Hanneman), 02. Dead Skin Mask (Hanneman, Araya), 03. Bloodline (Hanneman), 04. Threshold (Kerry King), 05. Seasons in the Abyss (Hanneman, King), 06. World painted Blood (Hanneman), 07. Read between the Lies (Araya, King, Hanneman), 08. Spill the Blood (Hanneman)


Jens Schneider, Matthias Knoop, Christian Winninghoff, Matthias Bergmann - tp, Max von Einem, Benjamin Degen, Tobias Wember, Wolf Schenk, Stephan Schulze - tb, Marko Lackner, Frank Sackenheim, Claudius Valk, Niels Klein, Marcus Bartelt - reeds, Jens Düppe - dr, Sebastian Räther - b, Hendrik Soll - p, Norbert Scholly - g, Radek Stawarz - v, Klaudia Hebbelmann, Markus Weckermann - voc, Axel Knappmeyer - cond, arr  

rec: o.A.
Phonector o. Nr.; LC-Nr 13752

Zugegeben, die Metal-Szene bietet einiges, um jazz-eingemessene Augen in Schrecken zu versetzen - und sich zugleich lächerlich zu machen. Da stehen blutrünstigen Titeln, wie sie vermutlich nicht einmal Al Kaida-Anhängern Spaß machen, verbale Verlautbarungen von geradezu heiliger Einfalt entgegen.
So zitiert Axel Knappmeyer im inlay der CD den Boss der kalifornischen Thrash Metal-Band Slayer, Jeff Hanneman, mit dem ultimativen Spießer-Motto „Meine Sicht ist: Lebe ein gutes Leben und sei gut zu anderen Leuten.“ Haben wir schon immer gesagt, lieber reich und gesund als arm und krank.
Und in den liner notes steigert sich ein gewisser Richard Kempkens ins Abstruse: „Slayer ist die ersehnte klangliche Trachtprügel für Hörer, die von den zuckrigen Kuschelsounds und manisch-iditotischen Klingeltönen allerorten bis in den Tod angewidert sind und den wirklichen Triumphen Satans in jedem Werbeplakat und -jingle nichts mehr entgegenzusetzen haben als die Finsternis ihrer geheimnislos kryptischen und hilflos wüsten T-Shirts.“
Nach solchen Tiraden kehrt man gerne wieder heim in die geheimnislos kryptische und kuschelige Toleranz unserer schönen kleinen Welt, in der das Törichte vergleichsweise doch auf Sparflamme köchelt.
Einmal gut durchatmen, das alles ist Theaterdonner (wie auch die Folge 19 des HR-Funkkolleg Musik aufklärt.)
cover-knappmeyerWer die ersten sechseinhalb Minuten „Todesengel“ überstanden hat, mit allen Metal-Kischees, aber auch deren Aufbrechung durch sanfte Sax- & Flöten-Interludes, dem mögen sich bei „Dead Skin Mask“ Respekt & Gefallen einstellen. Der Gesang klingt nicht, als stünde die Einlieferung in die HNO-KLinik unmittelbar bevor, Klaudia Hebbelmann singt über gemäßigtem Tempo eine durch-chromatisierte Linie (es ist möglicherweise dieselbe Sängerin, die vor Jahren in einem anderen Knappmeyer-Projekt zu beeindrucken wusste („CCJO plays the Music of Allan Holdsworth“), Norbert Scholly steuert ein nämliches Solo bei. Das Stück schraubt sich zum Schluß, obwohl von völlig anderer Herkunft, in einer Art, wie es vom Vienna Art Orchestra nicht unbekannt ist.
Pathos, ein düsteres, schwerfälliges Hammerriff mit bohrender Gitarre obenauf, eröffnet „Bloodline“, ein Instrumental, das schon wieder ein bewegendes Solo enthält: von dem immer wieder überraschenden Claudius Valk (ts). Valk war 2002 auch an Klaus Königs Edgar Allan Poe-Projekt „Black Moments“ beteiligt, das in der Erinnerung als eine Art Vorläufer wabert, im direkten Hörvergleich aber wie eine Knabenschule anmutet.
„Threshold“ böte sich als alternative Einstieg in das ganze Projekt an: ein jagendes uptempo-riff im tiefen Register mit Sandstrahl-Gebläse auf - die kürzeste Fassung des Höllenfeuers, das Knappmeyer und die Seinen hier entfesseln. Yes, folks, das hat was, das hat eine Kraft, der man sich schwerlich entziehen kann.
Und im Gegensatz zu Panzerballett, die alles Mögliche pseudo-metallisieren, wird hier der umgekehrte Weg eingeschlagen: Original Metal wird durch Techniken des Jazz aufgebrezelt.
Wird es dadurch seinerseits zu Jazz?
Selbstverständlich; das Wie, das Bill Evans zum Konstruktionsprinzip des Jazz erklärt hat, dieses „wie etwas gespielt wird“ mag hier ganz anders klingen als seinerzeit die Anreicherungen von Schlagermaterial mit dem harmonischen Vokabular der Impressionisten durch den Jazzpiano-Großmeister - der Vorgang ist prinzipiell ähnlich.
Sicher, das Pathos der Vorlagen ist nicht zu leugnen (es hat ja durchaus auch seinen Reiz), aber die Harmonik der Bläser z.B. in „Seasons in the Abyss“ stammt klar aus dem Jazz.
Von „Spill the Blood“ ganz zu schweigen, hier werden die riffs des Originales dermassen an die Kette gelegt, dass eine Art slow swing in Suitenform entsteht. Hanneman geh´du voran! Hieran könnten sich durchaus auch andere Jazz-Arrangeure erproben. Selbst für den ansonsten schwer erträglichen Gesang von Markus Weckermann ist in einer gesampelten Form eine Lösung gefunden, Klaudia Hebbelmann kommt generell besser ´rüber.
Ja, es gibt noch ein paar Baustellen, wo weiteres „Hochjazzen“ (jetzt endlich mal positiv gemeint) noch Abhilfe schaffen könnte.
Für den Anfang ist dieses Projekt auf jeden Fall beifallswürdig.
Zwei Elchtests sind denkbar.
Wie würden die Metalheads in Wacken, dem größten Metal-Festival der Welt, auf diese Botschafter aus Köln reagieren?
Und - Jens Thomas hat am Beispiel AC/DC ungefähr die Richtung gewiesen - was bliebe von ihrer Musik, würde man Slayer auch beim CCJO den Stecker ´rausziehen? Also, keine E-Gitarre mehr, die ja immer noch die größte Teilmenge produziert, und nur noch Holz- und Blechbläser? Das Meridian Arts Ensemble hat dies vor Jahren schon erfolgreich an Hendrix, Zappa & Co. erprobt.

erstellt: 31.05.12
©Michael Rüsenberg, 2012. Alle Rechte vorbehalten