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ENRICO RAVA On the Dance Floor *****

01. Speechless (Michael Jackson), 02. They don´t care about us,03. Thriller (Temperton), 04. Privacy (Jackson, Jerkins, Daniels, Belle), 05. Smile (Chaplin), 06. I just can´t stop loving you (Jackson)/Smooth Criminal, 07. Little Susie, 08. Bloon on the Dance Floor (Jackson, Riley), 09. History (Jackson, Harris III, Lewis)

Enrico Rava - tp, Andrea Tofanelli, Claudio Corvini - tp, flh, Mauro Ottolini - tb, tuba, Daniele Tittarelli - as, fl, Dan Kinzelman - ts, cl, bcl, Franz Bazzani - keyb, Giovanni Guidi - p, ep, toy piano (7), Dario Deidda - bg, Marcello Giannini - g, Zeno de Rossi - dr, Ernesto Lopez Maturell - perc

rec 05. + 11/2010
ECM 2293 3706654; LC-Nr 02516

Enrico Rava spielt Michael Jackson. Wird jetzt ein bestimmter Kritiker - wie im Falle „Jens Thomas spielt AC/DC“ - rügen, hier wolle jemand ein Stück vom großen Kuchen ergattern? (Von einem nun viel voluminöseren Kuchen?)
Was den Ehrgeiz des Kritikers schwer bremsen dürfte: Rava huldigt dem King of Pop auf dem geheiligten Label des Jazz, hat also vor dem Markteintritt ein spezielles Selektionsverfahren durchlaufen.
Und Rava ist nicht allein: vor ihm haben viele Ähnliches getan, angefangen mit Chico Freeman (1988), zuletzt Marcus Miller, nicht zu vergessen Jacky Terrasson und der Türöffner Nr 1 in den Jazz: Miles Davis.
Besser zu vergessen: Lester Bowie & Brass Fantasy, die 1992 („The Fire this Time“) zwei Jackson-Vorlagen in der Manier einer Feuerwehrkapelle angingen.
cover-rava-jacksonDass Michael Jackson jazz-kompatibel ist, muss also nicht mehr bewiesen werden. Fraglich bleibt allerdings, ob das für alle Formen seiner Musik gilt. Die Balladen - auch dies keine neue Erkenntnis - sind am leichtesten zu adaptieren; Beispiel hier: „Little Susie“, das Enrico Rava wie ein Stück aus einem Italo Western interpretiert.
Mit Jacksons Riff-Themen hat aber auch er bzw. sein Arrangeur Mauro Ottolini seine liebe Mühe. Das Thema von „They don´t care about us“ vertändeln sie zunächst a la Kurt Weill, das kommt sehr gut, setzen es anschließend auf einen Reggae und holen erst spät den großen Metallhammer heraus. Einmal, in „Smooth Criminal“, meint man sogar, Martin Lancelot Barre von Jethro Tull zu hören.
Wenn die Tuba das ostinate Kommando übernimmt (wie in „Thriller“) und sich später eine erregte Posaune darüber setzt, rutscht das Unternehmen vernehmbar in Richtung „Zickendraht“, der Marsch-Charakter von „History“ beschleunigt diese Bewegung.
Von ein paar Intonations-Eintrübungen abgesehen (wiederum in „Histroy“) sind Rava´s Männer vom Parco della Musica Jazz Lab freilich deutlich besser dabei als weiland Lester Bowie´s Feuerwehrtruppe.
„Rava on the Dance Floor“ ist gewiß unterhaltsam, aber auf Dauer möchte man den Trompeter doch in seinem eigenen Gelände vorziehen, als ihm beizuwohnen, wenn er mit anderen, die eben auch nicht aus dem Ziel-Genre stammen, einen auf „wild“ macht.

erstellt: 13.08.12
©Michael Rüsenberg, 2012. Alle Rechte vorbehalten