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SCHNEEWEISS & ROSENROT Pool ********

01. Turntable Love (Eldh), 02. Miss Palsy (M: Cadotsch, Eldh, T: Cadotsch), 03. Le Monsieur (M: Eldh, Cadtosch, Borchert, T:Cadotsch), 04. Macho Pen (M: Cadotsch, Schneeweiss & Rosenrot, T: Cadotsch), 05. Pretty Krank Frank (Eldh, Lohr), 06. Prosíte Parasite (M: Lohr, Cadotsch, T: Cadotsch), 07. We´re all loose (M+T:Borchert),  08. Phony Bones (M: Lohr, Cadotsch, T: Cadotsch),  09. Zürich (M+T: Eldh), 10. World of Fitness (M: Eldh, T: Cadotsch), 11. Behind Moonshine (M+T:Borchert), 12. Spinning Spirits, 13. Ecstatic  (M+T: Eldh), 14. TTL (Eldh)

Lucia Cadotsch - voc, Johanna Borchert - p, keyb, Frans Petter Eldh - b, synth, Marc Lohr - dr, electronics
Philipp Gropper - ts (9,10,12), bars (2), Tom Arthurs - tp (9), Shasta Ellenbogen - va (6,13), Ukrop - kalimba (6), Almut Kühne - voc (3), Robert Feuer - voc (4), Grégory Desarzens - voc (6), Wayne Shorter - sax-sample (8)

rec ?2012
Yellowbird /Enja yeb7733 2; LC-Nr 18386

Man würde diese Produktion gern den Herren des deutschen Großfeuilletons zu Ohren bringen, den Jens-Christian Rabes, Diedrich Diederichsen oder Edo Reents´, die bei Pop-Rezensionen stets in große Höhen abdriften, zu Fragen von Lifestyle, Hipness und Distinktion, und dabei wenig berücksichtigen, was ihnen den Anlass dazu bot.
Also, wir wären brennend daran interessiert zu erfahren, was die denn von dieser Art Pop halten, Pop von Jazzmusikern. Ein Kollege von ihnen, Leander Steinkopf in der FAS, hat schon mal den Weg gewiesen. Zwar eiert auch er herum und faselt was von der Aufmerksamkeitsstörung ADHS, die er fiktiv dieser Band zuschreibt (wie gesagt, ohne Partikel der gesellschaftlichen Großwetterlage heranzuziehen, fällt den Herren dieser Schöpfung zu Musik nix ein), aber er gibt doch vergleichsweise genau Zeugnis von seinem Hören:
„Haben sie (Anm.:die MusikerInnen) einmal eine Ordnung gefunden, tanzt schon einer aus der Reihe, stellt den anderen ein Bein, der Takt strauchelt, und schon sind sie in einen anderen Rhythmus hineingestolpert.“
Ja, so kann man sich den poly-rhythmischen Spielereien, den raffinierten offbeat- und Tempo-Irritationen dieser Band nähern. Sie stehen wieder so in Blüte wie auf dem Vorgänger „Pretty Frank“, der zumindest vom Titel her durch track 5, eine frei-metrische Übung von Synth und Drums in 22 Sekunden, verlinkt ist.
cover-sr-pool„Pool“ hebt sich insgesamt nicht so sehr ab vom Vorgänger, es enthält vielleicht mehr Balladen. Die Wundertüte der rhythmischen Spezereien öffnet sich nach dem knapp zweiminütigen Auftakt mit „Miss Palsy“, das gesungene Thema bietet einen Kontrast zur Begleitung, als beträte man ein schwankendes Schiff; ein Eindruck, der noch unterstrichen wird durch kurze ritardandi und accelerandi.
In „Le Monsieur“ unterliegt ein piccicato in 3/4 einer Piano-Figur in 5/8, Baß und Schlagzeug mäandern durch´s Gelände und erhöhen bisweilen die Dynamik - eine wunderbar abgedrehte Ballade. „Macho Pen“ ist Spät-Punk in 50 Sekunden. Die geradezu teenie-pop-einfache Melodik findet sich in mehreren Stücken. Das ist der große Kunstgriff von S&R: mit einfachsten Mitteln zu locken und dann herrliche Falltüren zu öffnen.
Zu ganz großer Form läuft diese Methode in „World of Fitness“ auf, einer blue-eyed-Soul-Ballade in 4/4, mit Herbie-Hancock-meets-House-Akkorden in der Begleitung. Der Refrain dann ist so was von polyrhythmisch-hinterfotzig, dass man ins Schwanken gerät.
Die ganze Strecke, die auf diesen track 10 zuläuft, ist grandios. Angefangen mit dem welt-verlorenen „We´re all loose“, dem ein Schritte-Sample unterliegt (und Schritte, wissen wir von Heiner Goebbels und dem Ensemble Modern, swingen), über „Phony Bones“, das von einer Schreibmaschine eingeleitet wird, mit einem Sopransax-Sample von Wayne Shorter schließt und dazwischen von derlei Rhythmik hin- und hergezerrt wird, wie sie Frans Petter Eldh vom Django Bates Trio importiert hat.
In dem suiten-haft opulenten „Zürich“ lässt er seinen Kontrabaß knarzen wie bei Django und lässt schließlich einen Ohrwurm in einer geradezu psalmenhaften Trunkenheit entschweben. Das ist das Verrückte an Schneeweiss & Rosenrot, an diesem thinking mens pop: er bringt einen ins Trudeln und fängt wieder auf mit süffigen Melodien. Das ist definitiv kein Jazz, sondern Pop, der mit allen Jazzwassern gewaschen ist.
Dem Vernehmen nach soll der amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle über Schneeweiss & Rosenrot gesagt haben: „Ich mag, was ihr macht, die zerfahrenen Rhythmen, der Björksche Gesang. Glückwunsch.“
Wichtiger wäre zu erfahren, was Fred Frith, Chris Cutler und Dagmar Krause von S & R halten, die Art Bears, die zwischen 1978 und 1982 ähnlich unerschrocken und geistreich in die Popmusik jener Jahre gefahren sind. Man könnte sie für Vorfahren halten.

erstellt: 07.11.12
©Michael Rüsenberg, 2012. Alle Rechte vorbehalten