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Kategorie: CD reviews 2012
UNITED JAZZ + ROCK ENSEMBLE Second Generation ****

01. Ausgeschlafen (Dauner), 02. Capriccio funky, 03. Gone with the Weed (Carr), 04. Feuerwerxmusik (Dauner), 05. Double Bind (Kriegel), 06. South Indian Line (Mariano), 07. Wendekreis des Steinbocks (Dauner), 08. Was geht up and Dauner, 09. Ganz schön heiss Man (Mangelsdorff, Hiseman)


Wolfgang Dauner - p, ep, Bobby Stern - ts, Klaus Graf - as, Claus Stötter - tp, Stephan Zimmermann - tp, Tobias Weidinger - tp, Adrian Mears - tb, Frank Kuruc - g, Dave King - bg, Flo Dauner - dr      

rec: o.A.
Connector Records 59900-2; LC-Nr 10449

Das Urteil der Jazzgeschichte (wer führt ihr die Feder?) über das United Jazz + Rock Ensemble steht vermutlich noch nicht fest. Aber es darf angenommen werden, dass es auf dem Felde der konzeptionellen Schöpfung, der Weiterentwicklung des Genres Jazz-Rock, kaum zu mehr als einer Fußnote reichen dürfte. Mehr ins Gewicht fallen dürften die Performance-Werte, unter den namhafen Mitgliedern der alten Garde zeigten einige solistisches Format, allen voran Albert Mangelsdorff, sicher Christof Lauer, Charlie Mariano und Jon Hiseman, hier und da auch der spiritus Rektor des Unternehmens, Wolfgang Dauner.
Nicht unterschätzen sollte man auch den Mobilisierungswert „der Band der Bandleader“ für unsere kleine Welt. Sie hat nicht zuletzt durch diesen Slogan, nämlich die Prominenz ihrer Mitglieder, und durch den Bestseller ihres ersten Albums „Live im Schützenhaus“ (1977), noch dazu unter Umgehung des traditionellen Handels, vermutlich dem Jazz neue Hörer zugetragen.
2002, nach mehr als zwei Jahrzehnten, (ein allerletztes Konzert gab es 2003 zu Ehren von Albert Mangelsdorff), fand die Erfolgsstory ein Ende, inzwischen sind einige aus der Erstbesetzung verstorben: Charlie Mariano (2009), Ian Carr (2009), Albert Mangelsdorff (2005), Volker Kriegel (2003) oder durch Krankheit zu Spielunfähigkeit verurteilt: Barbara Thompson, Eberhard Weber.
Dauner selbst ist gerade 76 geworden; wie sehr es ihn gejuckt haben muss, das alte Format noch einmal aufzugreifen, kann man hier mit Händen greifen. Im Prinzip ist ja auch nichts dagegen einzuwenden, mit verjüngtem Personal, sozusagen eine Generation später, wieder anzusetzen. Dass sein Sohn Flo nun am Schlagzeug sitzt, dürfte am wenigsten überraschen, hatte er ihn doch schon 1987, für „Round Seven“, in einem track dazugenommen. Dave King gehört, nach dem Abgang von Eberhard Weber, ebenfalls noch zur alten Mannschaft, Bobby Stern geht auf die 60 zu und hätte von daher schon zur Startmannschaft gehören können, der große Rest enthält keine überraschenden Nominierungen - wie das ganze Projekt.
cover-united2Es ist in überaus peinlicher Art auf den Übervater ausgerichtet, „Stuttgart´s great son“, wie er sich in der grotesken Übersetzung der liner notes feiern lässt. Diese schwülstige Text-Inszenierung, die nicht mal haltmacht, die Tätigkeiten der Gattin des „Grenzüberschreiters“ in ein Licht zu tauchen, als handele es sich um eine unabhängige Kuratorin, sie schraubt die Fallhöhe dieses Projektes auf einen Level, von dem es sich nicht mehr erholen kann.
„Runderneuert und auf den Sound-Stand unserer Tage gebracht“? Albern.
„Capriccio Funky“ liesse sich umstandslos in die 70er rückdatieren.
„Experimentierlust und Entdeckerfreude“?
Keine Rede, rhythmisch dominiert eine marsch-mässige Bräsigkeit, die bis auf die Beiträge von Ian Carr und Charlie Mariano alles über einen Leisten zieht - spielte BAP Jazz, würden sie so ähnlich klingen.
Die größte Lachnummer ist „Was geht up and Dauner“, („using a quote of ´Die Fantastischen Vier´ by permission“), vorgeblich „furioser Fusionjazz mit Rap-Einlagen“, den man in Filser-Englisch quittieren möchte mit „There stand one yes the hairs to mountains!“
Eine solche Selbstüberschätzung hat der deutsche Jazz seit langem nicht mehr erlebt.
Nix gegen die Bläser, sie können gar nicht schlecht, weil sie gut ausgebildet sind und weil dort, wo sie herkommen, ganz andere Leistungen von ihnen abgefragt werden.
Dem Bandleader hingegen, „this crosser of boundaries“, sei ein Besuch der Berlitz School angeraten.

erstellt: 27.01.12
©Michael Rüsenberg, 2012. Alle Rechte vorbehalten