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ROBERT GLASPER EXPERIMENT Black Radio 2 ******

01. Baby tonight/MId Check 2 (Glasper), 02. I stand alone feat. Common & Patrick Stump, 03. What are we doing feat Brady, 04. Call feat. Jill Scott, 05. Worries feat Dwele, 06. Trust feat Marsha Ambrosius, 07. Yet to find feat Anthony Hamilton, 08. You own me feat. Faith Evans, 09. Let it ride feat. Norah Jones, 10. Persevere feat Snoop Dogg, Lupe Fiasco & Luke James, 11. Somebody else feat. Emeli Sandé, 12. Jesus Children (Stevie Wonder) feat Lalah Hathaway & Malcolm-Jamal Warner

Robert Glasper - p, ep, keyb, Casey Benjamin - vocoder, as, keyb, Derrick Hodge - bg, Mark Colenburg - dr, perc

rec. 2013 (?)
Blue Note 0602537433834, LC 0133

Wynton Marsalis im Juni 2013 im Gespräch mit einem Provinzblatt in Akron/Ohio: „Ich meine, die Kunstform Jazz gewinnt nichts hinzu, wenn sie sich als R&B ausgibt. Das liegt hinter uns.“

Fasten Seatbelts - His Wyntoness hat recht. 
Die klingenden Belege für seine These finden wir bei Herbie Hancock und George Duke, um mal nur bei den prominentesten zu verweilen.
Und bei Robert Glasper.
Roy Ayers ist sein Rollenmodell. Wie jener, so Glasper jüngst großmäulig gegenüber dem Wall Street Journal, habe auch er den Eindruck, „ich schulde der Jazz Community nicht das Geringste“. Das ist fast schon Politiker-Speech, nämlich Forderungen beiseite zu wischen, die niemand aufgestellt hat.
Obwohl Glasper also Roy Ayers als sein Rollenmodell ausgibt, verbindet ihn doch manches mit George Duke (1946-2013), nicht instrumental-technisch, aber stilistisch und vor allem im Hinblick auf den Verlauf der Karriere(n).
Beide sind dem Jazz als grosse Soul- und Groove-Meister entwachsen, ein jeder mit den Insignien seiner Zeit, Duke im aufkeimenden Funk-Fieber des Jazzrock, Glasper in den Ausläufern des HipHop. Beide sind dem Melisma, dem Schmelz der afro-amerikanischen Ballade geradezu erlegen. Beide haben die Konsequenzen daraus gezogen und sind dorthin konvertiert, wo ihre Talente ganz andere Publika erreichen - in den Rhythm & Blues.
Glasper weitaus früher als Duke, aber die Bewegung ist sehr ähnlich.
Jetzt hat Robert Glasper, wie einst George Duke, jeden Jazz-Ballast abgeschüttelt: „Black Radio 2“ ist nicht mal mehr eine „Mischung aus Jazz und HipHop“, es ist ein reines, Soul-Album, ein gutes obendrein, mit furz-trockenen drum-Grooves.
Es eine Fortsetzungsgeschichte, der Vorgänger „Black Radio“ brachte es 2012 zu einem Grammy für das „beste R&B-Album“. Dem Nachfolger könnte gleiches widerfahren: „Black Radio 2“ ist noch besser.
cover-glasper-2Das Album startet knietief in Klischees: mit „Baby, tonight“-Gesäusel, wie wir es auch von Onkel Herbie und George Duke kennen, Glasper kann nicht der Marotte widerstehen, ein Stück auszublenden und ein Stück ausblenden und im gleichen track ein weiteres anzuhängen, hier wie bei „Black Radio“ ein groovender Mikrofon-Check.
Der eigentliche Beginn ist track 2, am Anfang eingestreut ein viriles „yeah“ wie weiland bei Barry White.
Track 3, „What are we doing“: vier Vorschläge auf der geschlossenen Hi-Hat und dann ein snare pattern, super-trocken und angeshuffelt, das sofort den Körper ins Wiegen bringt. Chris Dave ist nicht mehr dabei (einen solchen Metren-Zersteuber braucht´s nicht mehr), aber was Mark Colenburg hier hinlegt, zusammen mit dem tiefen Bass von Derrick Hodge, diese Schieber-Funks in mittleren Tempo, die sind erstklassig.
Brandy hat eine wunderbare Soul-Stimme, und das kann man von etlichen anderen hier sagen - inklusive Norah Jones in „Let it ride“, das rhythmisch auf einer schnellen drum´n´bass-Figur basiert. Es ist das einzige Stücke, wo Glasper, der ein sehr aktiver Begleiter ist, nicht nur die Harmonien durchspielt, sondern obendrein an manchen Stellen die obligaten Vorhänge aus cheesy organ sounds ausbreitet.
Gerade in der Begleitung, an Piano und E-Piano, liegt Glaspers große Kunst, wie er kleine Soli einschiebt und immer wieder in sein eigentümliches parlando verfällt.
Diese Mittel, die angeshuffelten, herbst-dunklen Grooves, die Piano-Begleitfiguren, kulminieren im letzten Stück zum Höhepunkt der gesamten Produktion, einer kongenialen Interpretation von Stevie Wonders „Jesus Children“. Ein so dunkles, tief-schwarzes Alt wie das von Lala Hathaway hat man lange nicht gehört. Hier macht auch die Teilung des tracks Sinn: im zweiten Teil des Songs tritt die Sängerin mit melismatischen Ausschmückungen in den Hintergrund, vorne intoniert Malcolm-Jamal Warner einen Text über die bei einem der zahlreichen Schulmassaker ermordeten Kinder, im Stile von Rap-Poetry.

erstellt: 18.11.13
©Michael Rüsenberg, 2013. Alle Rechte vorbehalten