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RANDY BRECKER The Brecker Brothers Band Reunion


CD ****
01. First Tune of the Set (Randy Brecker), 02. Stellina, 03. The Dipshit, 04. Merry go town (Rockberger, Rovatti), 05. The Slag (Brecker),06. Really in for it, 07. Elegy for Mike, 08. On the Rise (Brecker, Rockberger), 09. Adina (Brecker), 10. F n bee, 11. Musician´s ol Lady Dues Blues

Randy Brecker - tp, rap (6,8), Ada Rovatti - ts, George Whitty - keyb, Mike Stern - g (5), Dean Brown - g (1,4,6,9), Adam Rogers - g (2,3,11), David Sanborn - as (3,6,10), Oli Rockberger - voc (8), Dave Weckl - dr (5), Mitch Stein - g, Chris Minh-Doky - bg, Rodney Holmes - dr

rec 2013 (?)



DVD ******
01. First Tune of the Set (Randy Brecker), 02. The Slag, 03. Adina, 04. Really in for it, 05. Straphangin´(Michael Brecker), 06. Stellina (Randy Brecker), 07. Merry go Town (Rockberger, Rovatti), 08. Inside out (Randy Brecker), 09. Some Skunk Funk


Randy Brecker - tp, rap (4), Ada Rovatti - ss, ts, Mike Stern - g, George Whitty - keyb, Will Lee - bg, Dave Weckl - dr, Oli Rockberger - ep
, voc (7)

rec. 17.09.11 Blue Note, New York City

Indigo/Moosicus M 1217-2, LC-Nr 03104

Randy Breckers grosse Hypothek ist sein Katalog (in modischem Falsch-Deutsch „Back-Katalog“ genannt, als könne ein Katalog auch auf etwas anderes verweisen, was nicht „back“ ist, also nicht in der Vergangenheit liegt) - insbesondere der Katalog der Aufnahmen  zusammen mit seinem Bruder Michael (1949-2007), den Brecker Brothers.
Alles, was Randy heute tut, muss vor einer Vielzahl von Dokumenten bestehen, seien diese nun physikalischer Natur (siehe oben) oder immateriell gespeichert in den unfassbar zahlreichen Erinnerungen der Brecker-Brothers-Hörer.
Die Situation ist keineswegs neu, sie bestand auch 1992, als Michael und Randy 1992 nach einem Jahrzehnt getrennter Wege zu  „The Return of the Brecker Brothers“ zusammen kamen. Auch damals bestand Anlass zu Skepsis, ob sie würden anschliessen können an ihre Vergangenheit als eines der Pionier-Ensembles des Jazzrock. Und da die Band immer schon zerfiel in ein Ensemble mit z.T. beeindruckenden Studio-Aufnahmen, aber entfesselten Konzertmitschnitten, galt damals (und gilt auch heute noch) „Heavy Metal Bebop“ (1978) als vordringliche Referenz.
Ein heutiges Wiederhören von „The Return....“ beruhigt ungemein: die Band setzt sich mit den Tendenzen jener Tage auseinander, Afro-Rhythmen, Loop-Technik, HipHop. Aber vor allem generiert sie mit der Samba „Above & Below“ und dem ternären Monk-Tribute „Spherical“ zwei Stücke in ihrem klassischen Stil, die live funkeln (remember Musik-Triennale Köln, 1994), was sich ähnlich über YouTube nachprüfen lässt (ein weiterer Katalog!).
cover-Brecker-reunionWas immer man als Tendenzen der Gegenwart ausmachen mag - eine Auseinandersetzung damit unterbleibt weitgehend bei der zweiten Rückmeldung Randy Breckers unter dem alten Signet.
Wahrscheinlich hält er selbst die beiden Gastrollen des britischen, in New York lebenden Singer/Songwriters Oli Rockberger für viel Gegenwart; einmal zusammen mit Breckers neuer Ehefrau Ada Rovatti in „Merry Go Town“ (dessen gedachte Stilistik als blue eyed soul in der DVD-Fassung viel deutlicher hervortritt) und in „On the Rise“, wo Brecker erneut nicht unterdrücken kann, den Veteran-Rapper zu geben.
In dieser Rolle („Randroid“) hat er schon „The Return...“ vor 21 Jahren partiell nach unten gezogen, hier „rappt“ er zweimal (zuerst in „Really in for it“), zum Abschluss mimt er noch einen alten Bluesmann in „Musician´s ol Lady Dues Blues“.
Offenkundig ist sich der 68jährige der Peinlichkeit dieser Darbietung bewusst; im Blue Note New York jedenfalls moderiert er „Really in for it“, so an, als sei nicht er, sondern sein alter ego für den Rollenwechsel verantwortlich („don´t blame me“). Und man fragt sich, ob in seiner Entourage niemand den Mut aufbringen kann, dem Chef diesen Spät-Nachts-Musikerscherz auszureden, der beim Publikum voll danebengeht.
Ansonsten nämlich ist Randy Brecker brav bemüht, einen Nostalgiekurs zu fahren, der zumindest kompositorisch nicht vom Mittelwert des Grossen Kataloges abweicht. Nichts klingt neu, alles hätte er vor 10, vor 20, oder auch vor 30 Jahren so schreiben können. Es ist klassischer BB-Jazzrock, freilich ohne virtuose Spitzen. Ob eines der neuen Stücke der Zeit wird standhalten können wie zwei oder drei aus dem Album von 1992, ist fraglich, kann aber jetzt nicht entschieden werden.
Oberpeinlich aber, dass unter der Überschrift einer „Reunion“ mit seinem verstorbenen Bruder Michael für diesen nichts weiter vorgesehen ist als eine ihm gewidmete Ballade (die dann genauso klingt, wie man sich das ausgemalt hat).
Im Live-Set aus dem Blue Note New York City, der der Studioproduktion zeitlich deutlich vorangeht, wird wenigstens noch dessen „Straphingin´“ aus dem gleichnamigen Album von 1981 gespielt. Die undankbare, unerfüllbare Aufgabe, den Platz von Michel Brecker einzunehmen, fällt Ada Rovatti zu, geboren in Italien. Sie hält sich bravorös. Aber wie gross der Abstand wirklich ist, wird schmerzhaft deutlich, wenn man die beiden abschliessenden Knaller dieses Live-Sets mit ihren Vorläufern aus „Heavy Metal Bebop“ vor 35 Jahren vergleicht.
Nicht nur dass sie damals „Some Skunk Funk“ (mit Barry Finnerty, Neil Jason, Terry Bozzio) genauso schnell spielen (2011 müssen sie eine Verschnaufpause in halbem Tempo einlegen), auch bei gleichem Einsatz der Mittel (Tenorsaxophon moduliert mit Wha-Wha-Pedal) ist damals ein Genie am Werk - das seinen Höhepunkt 1978 noch gar nicht erreichte hatte!
Die Live-DVD hier ist deutlich der Studio-CD vorzuziehen, alles ist sauber gespielt, noch dazu mit amtlichem Personal. Und doch fehlen wesentliche Parameter, nämlich Inspiration und Resolutheit des Ausdrucks.
Diese Art von Jazzrock ist aus der Zeit gefallen, selbst ein Dave Weckl, selbst ein Mike Stern, selbst ein Will Lee brennen nicht mehr darin. Heute führen sie die Musik vor - damals haben sie darin gelebt.
erstellt: 24.11.13
©Michael Rüsenberg, 2013. Alle Rechte vorbehalten