Drucken

KEITH JARRETT No End ***

CD 1:
No End, I - X (Jarrett)
CD 2
No End XI - XX (Jarrett)

Keith Jarrett - g, bg, dr, tablas, perc, voc, recorder, p

rec. 1986
ECM 2361/62 3755519, LC 02516

Keine Chance, dieses Doppelalbum bei einer „Blindverkostung“ Keith Jarrett zuzuordnen. Nur selten spielt er Piano, und wenn dann so, dass auch der glühendste Fan nicht auf den Trichter käme. Stattdessen: Gitarren, Baßgitarre, Schlagzeug oder Perkussion, alle suksessiv und allein eingespielt. Es rauscht, die Aufnahmen sind 1986 auf zwei Tandberg-Cassettengeräten aufgezeichnet worden.
Auch die Produktionsästhetik läuft allem zuwider, was man bisher von Veröffentlichungen dieses Künstlers kannte: die „Producer´s Note“, diese Musik LAUT zu hören, speziell die tracks II bis XX (also fast alle), „weil bei geringer Lautstärke viele Details verloren gehen“ - undenkbar auf einer Keith-Jarrett-Produktion bis dato.
Producer von „No End“ ist Keith Jarrett, ECM-Boss Manfred Eicher fungiert lediglich als „Executive Producer“. Und wer von dem sehr speziellen Verhältnis der beiden zueinander hört, für den verkürzt sich noch mehr die Antwort auf die Frage, ob ein unbekannter Künstler mit einer Aufnahme a la „No End“ je eine Chance bei ECM hätte.
Bei einem Label, das z.B. einen so kunstvollen Solo-Handwerker wie Steve Tibbetts betreut hat.
Die Antwort gibt eine Metapher des verstorbenen Sportreporters Hans-Joachim Rauschenbach, die Chance sei so groß „wie die eines Schneeballes im Hochofen“.
Das Phänomen selbst kennt man aus dem wirklichen Leben: die Person X, bislang Experte für A, enthüllt bei irgendeiner Gelegenheit, dass ihr auch B liegt - womit keiner gerechnet hatte. Auch hier werden wir Zeugen einer bisher verborgenen Obsession. Und es fragt sich, ob unser Bild des Künstlers dadurch eine Bereicherung erfährt.
Bei „No End“ laufen zwei Motive zusammen, deren Widersprüchlichkeit Jarrett in den liner notes nicht auflöst, ja geradezu betont.
Zum einen schwelgt er in Erinnerungen an Haight-Ashbury, „die goldenen Hippie-Zeiten“ in jenem Viertel von San Francisco, mithin 1967 ff, wo er mit seinem Saxophon am Golden Gate Park aufgetaucht sei und unter einem bestimmten Baum den lieben langen Tag gespielt habe. Zusammen mit anderen. Jeder hatte irgendwas in der Hand, und sei es auch nur ein Teil eines drum set. „Um Geld ging es gar nicht“.
Und noch etwas kennzeichnete diese Zeit: „Einige der Spieler war nicht gut, aber das spielte überhaupt keine Rolle, wichtig war „die ´Absicht´“. Vieles von dieser Freiheit, schreibt Jarrett, käme ihm in Erinnerung, wenn er sich diese CDs anhöre.
Dieser Teil des Textes „The Times“, konsequent umgesetzt, hätte nahegelegt, diesen paradiesischen Zustand irjenswie noch einmal zu reinszenieren.
cover-jarrett-noendDass aus „No End“ aber keineswegs ein Kollektiv-, sondern ein Solo-Projekt geworden ist, wo Jarrett 1986 alle Instrumente allein einspielt, legt der zweite, kürzere Teil der liner notes nahe.
Jarrett spricht darin die „Fallgruben“ an, die sich auftun, wenn man in einer Band spiele: die „Unterschiede“ (Anführungszeichen im Original) zwischen den musikalischen Erfahrungen der Beteiligten. Und er spitzt zu, genau die sei IMMER (Hervorhebung im Original) die Fallgrube, auch wenn eine Band gut zusammen spiele. Nur die Big Bands seien dem entkommen, indem ihre Mitglieder ihr Leben mit den anderen auf Tour teilten.
Abschließend stellt der die rhetorische Frage, ob es nicht „irgendwie therapeutisch“ sei, diese 93 Minuten zu hören und sich sich nicht ermuntert zu fühlen.
Wie gesagt, Jarrett verknüpft nicht die losen Enden seiner Gedanken. Und da er offenkundig auch keinen Lektor hat, der ihm Kontra geboten hätte, bleiben die Gedankenfetzen, die durchaus einer ausführlichen Erörterung wert gewesen wären, sozusagen einfach dumm herum liegen.
Bei der langen Vorgeschichte kann man stilistisch keinen „Jazz“ erwarten; wer die 60er erlebt hat, Quicksilver Messenger Service, Jefferson Airplane, auch Grateful Dead, der wird durchaus gewisse Verwandtschaften erkennen. Dies ist viel eher Rockmusik, instrumentale Rockmusik, und die ersten tracks, insbesondere Nr III, haben etwas für entsprechend eingemessene Ohren. Eine Gitarre führt, umspielt von einer zweiten und dritten, die Baßgitarre sucht sich ihren Weg, bei den Schlagzeug-Figuren ist von track zu track der Wunsch nach Variation am meisten erkennbar.
Track V mit seinem Vokal-Gebrabbel kann, obwohl kein Saxophon erklingt, durchaus die Szene unter jenem Baum im Golden Gate Park imaginieren. Ab VI werden die Finger klamm, insbesondere die der Greifhand der ersten Gitarrenstimme, man verliert zunehmend das Interesse. Man kann das einfach nicht hören, als sei Keith Jarrett ein nobody...
Als Gitarrist, Bassist, Schlagzeuger ist Keith Jarrett wie seine anonymen Mitstreiter von anno 1967 „nicht gut“. Aber, reicht, um den Gedanken wieder aufzugreifen, seine "Absicht“?

erstellt: 06.12.13
©Michael Rüsenberg, 2013. Alle Rechte vorbehalten