Drucken
WAYNE KRANTZ Krantz Carlock Lefebvre ********

01. It´s no Fun not to like Pop (Krantz), 02. War-torn Johnny, 03. Rushdie, 04. Wine is the Thread, 05. The Earth from above, 06. Left it on the Playground, 07. Jeff Beck, 08. I was like, 09. Mosley, 10. Holy Joe, 11. Rugged individual


Wayne Krantz - g, voc; Tim Lefebvre - bg, Keith Carlock - dr

rec. 03.2009
Abstract Logix ABLX 018

Tony Williams (1945-1997) schätzte Keith Moon (1946-1978) - kaum mehr ist bekannt über die Anziehungskraft zwischen Jazz und The Who. (Vielleicht existiert sie gar nicht.)
Das dürfte sich mit diesem Album ändern. „I was like“ springt einen an wie frühe Songs von The Who: Haspelgesang, Dominanz des Schlagzeugs, metallische Klangfarben der Gitarre, mit Wucht vorgetragen, unentschieden zwischen Solo und Begleitung, aber vollgesogen mit vielen kleinen Dreiton-vamps.
Während ein John McLaughlin noch seine elektrischsten Läufe im Prinzip auch auf der akustischen Gitarre vortragen könnte, hat man den Eindruck, in den Händen von Wayne Krantz, 54, wird die elektrische Gitarre selbst zum Thema. Die „Zerr- und Splitterklänge“, über die sich der Gitarrist Volker Kriegel (1943-2003) in den Kritiken von Siegfried Schmidt-Joos zu mokieren pflegte, sie sind hier allgegenwärtig. Das Elektrische fliegt in tausend Partikeln umher, bereit, immer wieder zu einem Ausbruch sich zu bündeln.
Wie ein Widerspruch mag erscheinen, dass in „Rushdie“ von Anfang unter den Gitarrenstimmen auch eine akustische mitläuft - was man freilich erst merkt, wenn sie in einem kleinen Solo plötzlich freisteht und man den Kern von Krantz´ Gitarrentechnik völlig unverblendet erkennen kann: das finger pickin´ der Folk-Gitarristen.
Was dieser Moment bedeutet, macht Krantz klar, in dem er nach wenigen Momenten wie der Derwisch mit einem Elektrohammer dazwischenfährt.
Es ist ein Rätsel, warum Wayne Krantz trotz seines einzigartigen Personalstiles zwischen finger pickin´ hier und den single notes der Jazzgitarre dort nicht als Gitarren-Held gefeiert wird. Vielleicht weil man ihn - trotz name jobs - nicht nachspielen kann (einzig das britische Trio Troyka bezieht sich auf ihn)? Vielleicht weil sein individueller Stil sich selbst zu genügen scheint, zu sehr auf Technik setzt und weniger auf Komposition im engeren Sinne?
In der Tat ist diese Musik ein einziger Triumph der Interpretation über die Form, alles lebt aus kleinzelligen Einfällen: aus dem beständigen Funkenflug der Gitarre und ihrem permanenten Dialog mit der Rhythmusgruppe. Krantz Carlock Lefebvre spielen seit 1997 zusammen, es verbindet sie einen enorme Live-Erfahrung und wenig gemeinsame Studioarbeit. Letzteres bekommt man mitunter in ziellosen Spielereien zu spüren (etwa in der Ringmodulator-Verliebheit von „Left it on the Playground“), wo Drive zum Selbstzweck geronnen zu sein scheint.
Apropos Drive: das Trio agiert zwar aus einem Guß, der seinesgleichen sucht, was das Ganze aber zu einer Lehrstunde in Sachen Jazzrock macht, sind die kleinen Abweichungen, die rhythmischen Umdeutungen.
Für „It´s no Fun not to like Pop“ z.B. könnte man sie küssen: das Klein-Klein dieser Musik läuft hier zu ganz großer Form auf.
Rhythmische Grundlage ist ein mittel-schneller Shuffle, der freilich in triumphaler Geste wie ein Marsch zelebriert wird. Das Schlagzeug stark verräumlicht, mit mächtig nachklingender snare und bass drum. Und darüber: ein Elektro-Gewitter aus tausend Klangfarben, ein vamp nach dem anderen! Hier findet die elektrische Gitarre zu sich selbst.
„It´s no Fun not to like Pop“ dauert 5 Minuten und 45 Sekunden - es dürften gerne auch Stunden sein.

erstellt: 14.05.10

©Michael Rüsenberg, 2010, Alle Rechte vorbehalten