AMOK AMOR We know not what we do *********

01. Pulsar (Peter Evans), 02. Body Decline (Eldh), 03. Brandy, 04. Alan Shorter (Peter Evans), 05. Trio Amok (Lillinger), 06. Enbert Amok, 07. The new Portal (Peter Evans), 08. Jazzfriendship (Slavin), 09. A Run through the Neoliberalism (Lillinger)

Christian Lillinger - dr, Petter Eldh - b, Wanja Slavin - as, Peter Evans - tp

rec. 05/16
Intakt CD 279/2017

 Die Jagd geht weiter. Das Durcheilen eines Parcours aus Fanfaren- und Ornette-Coleman-Jagd-Themen, mit dezidierten anti-swing Grooves, auf Kante gefahren, immer kurz vor dem Absturz.
Tjaaa, „We know not what we do“ - stimmte der Titel, könnte man sich das Unternehmen schenken. Tatsächlich erleben wir zum zweiten Male einen Triumph des Könnens, die Arroganz vierer Meister-Jongleure, getrieben vom Übermut, das Unspielbare auszudrücken.
Es gibt kein besseres Gegengift gegen den Kinderjazz, die ganzen Tingvalls, die Niedlichkeiten, die derzeit von Jazz-Bildungsanstalten aus mit Hilfe zarter Pianohände europaweit die Bühnen und Lautsprecher umgarnen, das akustische Pendant zu Wasserbeutelchen, die Tomaten sein wollen.
Hier aber herrscht eine right-into-your-face-Ästhetik, eine Absage an vieles, was dem Jazz heilig ist, beispielsweise in der Rhythmik.
cover amok 2Der Eröffnungstrack enthält nichts mehr davon; er klingt eher wie Punk, eher wie achteinhalb Minuten Alarm. Wenn man den mehrfach hört, erkennt man, wieviel Gestaltung in den scheinbar kaputten Rhythmen steckt, welche Vielfalt in der Reihung signalhaft kurzer Töne.
Am Schluss steht ein Trompeten-Ton wie eingefroren, begleitet von Wirbeln auf der hi-hat - so klingt es, wenn man die Wasserleitung getroffen hat.
Sie wissen nicht, was sie tun?
Im zweiten Stück, „Body Decline“ drehen sie den Spieß um, der Bass packt weiterhin ruppig zu, aber er führt durch ein groove switching ohne Ende, durch einen irren Wechsel der patterns und Tempi.
Nach fünf Minuten, am Ende einer Phrase, bricht das Stück einfach ab. Freunde, das ist nicht Improvisierte Musik, das ist Komposition, das ist Planung, das schüttelt man nicht einfach so aus dem Ärmel.
Mit track 3 erklimmt diese Dialektik aus Schein & Sein einen Höhepunkt: „Brandy“ wird eröffnet von einem pattern auf bassdrum, snare & hi-hat, dessen 2/4 Christian Lillinger immer wieder ins Kippen bringt. So klingt einfach kein Jazz-Schlagzeug. Petter Eldh fährt dazwischen, ist das noch 2/4 oder was? 
Ein Trompetenschwall erklingt, und peu a peu weitet er sich mit Hilfe kurzer Echos (Elektro-Akustik ist neu bei diesem 2. Album) zu einer kleinen Fläche. Ab Minute 3:22 die erste Kette eines Fanfaren-Themas von Trompete und Altsaxophon, der zweite und dritte Durchgang im gleichen Duktus, aber mit anderen Tönen; sowas kann man nicht improvisieren, das ist Hoch-Konstruktion.
Der Bass fummelt etwas, was man mit Mühe & Not als 6/4 identifizieren kann, aber nicht immer; das ist sowas von kaputt, aber es groovt! Kurz vor Schluss geht der Drummer ins halbe Tempo, für ganz zwei Takte, um 6:02 ist Schluss.
Dem Debüt des Quartetts hat man vorgehalten, es gebe nur Vollgas und kenne keine Ruhepunkte. Das ist jetzt anders, Peter Evans hat dem älteren Bruder von Wayne, dem Trompeter Alan Shorter (1932-1987) ein verhaltenes Stück gewidmet, das in diesem Kontext als „Ballade“ durchgehen kann,.
„Jazzfriendship“ von Wanja Slavin wäre eine zweite; letzteres enthält auch elektronische Klangflächen und geschickte Spiegelungen der Motive im Rückwärtslauf.
Diese elektro-akustische Behandlung findet in den liner notes keine Erwähnung, nicht mal in dem Text von Kevin Whitehead, der uns mit Sottisen hinhält wie „Jeder weiss zu jedem Zeitpunkt, wo die anderen gerade sind und wie er sie in kürzester Zeit erreichen kann.“
Sind wir irgendwo auf einem Fußballfeld? „Was erlauben Weitehätt?“, hätte der berühmte Bayern-Trainer gebrüllt.
Dieser Verzicht ist umso erstaunlicher, als im Schlußstück, „A Run through Neoliberalism“, das im Stile von uptempo FreeJazz beginnt, ein keyboard schließlich das immer mehr verlangsamte Thema von den beiden Bläsern übernimmt - bis es am Ende ganz frei steht: das keybard, das verfremdete piano, oder der vollkommen transformierte Bläserklang.
1965, als es ihnen bei Miles zu langweilig wurde, deuteten Onkel Herbie und Tony Williams ihre Proben und das, was sie dann "Live at the Plugged Nickel" auf die Bühne brachten, als anti-jazz um.
Es wurde zu einem neuen Standard, sie haben das Vokabular der Gattung erweitert, wenn auch begleitet mit einem Schuss Unsicherheit.
Nämliches gilt hier, 51 Jahre später; nur dass die Protagonisten vor Selbstbewußtsein bersten.
Sie wissen, was sie tun. Und warum!

erstellt: 12.09.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten