Sein erster Beruf, kaum bekannt, setzte den physiologischen Rahmen für seinen zweiten: der ausgebildete Korbmacher konnte greifen wie kein zweiter - und er klang wie kein zweiter.

Scharen von Gitarristen, inklusive John McLaughlin und Frank Zappa, haben bewundernd gerätselt, wie er das macht, was er da macht. 

Uns gegenüber, in den 80ern, in Kingston/Surrey, südlich von London, hat er zum Spaß mal die linke Spielhand ausgespreizt: Voraussetzung für all die verminderten, übermäßigen und sonstwie gitarren-fremden Akkorde, die irrwitzigen Linien, kurz: den komplexen Klangball, der früh sein Markenzeichen wurde.

holdsworthDas Diktum von Robben Ford, er sei der John Coltrane der Gitarre gewesen, kann als erste Annäherung so falsch nicht sein (bis irgendein Doktorand aus der Tiefe des Raumes kommt und sie widerlegt).

Beide schießen die Töne legato in hohen Tempi heraus, in „sheets of sound“, wie sie Coltrane attestiert wurden; Tonballungen, denen man gerade noch heraushören kann, dass die einzelnen Bestandteile sauber artikuliert werden.

Dazu passt, dass er früh schon Coltrane als Vorbild nannte - obgleich er niemals dessen Instrument spielte.

Im Gegensatz zu Coltrane aber hat sich Allan Holdsworth lange gar nicht als Jazzmusiker verstanden, er wollte als „as good as“ bewertet werden: so gut wie ein Jazzmusiker.
Er war sich seiner Sonderstellung bewusst, er hat sie kultiviert, mit immensem Training. Sie hat ihn andererseits von bread & butter jobs ausgeschlossen; Holdsworth war, weil er keine Noten lesen konnte, in den Studios nicht zu gebrauchen.

Als er von Bradford, seiner Heimatstadt in Yorkshire, Anfang der 70er nach London kam, wurde er als Künstler, nicht als Funktionsträger gebucht, zunächst von Ian Carr („Belladonna“), von Jon Hiseman („Tempest“), von Soft Machine.

Ein erster Ausflug nach Amerika, Tony Williams New Lifetime (insbesondere „Believe it“, 1975), musikalisch nur teilweise beeindruckend, endete - karrieretechnisch - in einer Sackgasse. Die zweite Hälfte der Dekade verbrachte er wieder daheim, in England, mit den Spitzen des ProgRock, mit Bruford, mit UK und Gong.

Ein erstes eigenes Album, „Velvet Darkness“, 1978, auf dem Jazz-Traditionslabel CTI, hätte er am liebsten a la Keith Jarrett behandelt: in die Tonne getreten. Hier, wie auch später, zeigte sich ein anderer Charakterzug, der des Zauderers, des notorisch mit der eigenen Leistung Unzufriedenen.

Mochte die Entourage sich vor Vergnügen biegen - der Urheber kam zu einem anderen Urteil, er bat z.B. den WDR, das gerade mitgeschnittene Konzert nicht zu senden.

1982, nachdem es drei Jahre zuvor produziert worden war, kam dann das erste eigene Album heraus, „das zählt“: I.O.U. mit dem gerade entdeckten Meistertrommler Gary Husband.

I.O.U. wie auch die nachfolgenden, darunter „Atavachron“ 1986, erneut mit Tony Williams, lassen sich nicht umstandslos dem Jazzrock zuordnen, es waren typische „as good as“-Projekte eines eigenen Stilisten.

Kaum nachzuzeichnen an dieser Stelle die Vorzüge, Nachteile, die technischen und markenrechtlichen Probleme, die der Einsatz seiner Art des Gitarren-Synthesizers, des Synthaxe, verursachte. Wenn ihm Pathos, Schwulst und Abkehr von der „reinen Lehre“ vorgeworfen wurden, dann meist im Zusammenhang mit diesem technischen Wunderding (für das er beinahe sogar die Gitarre an den Nagel gehängt hätte).

2000 gelang ihm noch einmal ein großer Wurf mit „The Sixteen Men of Tain“, einem sehr jazz-nahen Album, dem letzten, das er in seinem eigenen Studio „The Brewery“ in San Diego aufgenommen hat. Nomen est omen, Holdsworth hatte eine Schwäche für den Gerstensaft, aber auch Kennerschaft: er braute ihn selber, von ihm ist auch ein Bier-Zapfsystem patentiert.

Zwölf Studioalben (plus einige wenige Live-Alben) in einer so langen Karriere, das sind erstaunlich wenige Zeugnisse für einen Künstler dieses Formates und Einflusses. Sie sind auch Ausdruck der inneren Zerrissenheit eines Musiker, über die man vielleicht in einer Biografie mehr erfahren wird.
holdsworth toechterZuletzt ist er am 10. April aufgetreten, Tage zuvor wurde eine umfangreiche Box veröffentlicht, Archivmaterial, nichts Neues.
Ihren Titel ("The Man Who Changed Guitar Forever!: The Allan Holdsworth Album Collection") wird man jetzt kaum noch für Großmannssucht halten.

Am 16. April 2017 fand ein Mitbewohner Allan Holdsworth, geboren am 6. August 1946 in Bradford, in seiner Wohnung in Vista/Kalifornien tot auf.
Er wurde 70 Jahre alt.


Seine Töchter baten um Spenden für die Beerdigung. Die Kampagne wurde vorzeitig eingestellt; das Ziel, 20.000 $, war binnen 3 Stunden erreicht. Inzwischen sind 114.000 $ von über 2.800 Spendern eingegangen, unter ihnen Holdsworth´ Nachfolger bei Soft Machine, John Etheridge, und der deutsche Saxophonist Axel Knappmeyer.

PS: Der Tod von Allan Holdsworth ist in geradezu exklusivem Ausmaß am deutschen Großfeuilleton vorüber gegangen.
Hatte es Larry Coryell noch zu einem Helden der Vielfalt verklärt, blieb es in diesem Fall stumm.
Man weiß nicht recht, ob aus Dummheit, Platzmangel oder Schlamperei ein Unikat der Gitarrenwelt überhört wurde.


erstellt: 17.04.17/21.04.2017
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Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft, in der Kulturpolitik von ganz besonderm Duft.
Das wichtigste deutsche Jazzfestival, das Jazzfest Berlin, wird ab 2018 von einer Frau geleitet: von Nadin Deventer, 40.
In einem Land, das seit 12 (und bald mehr?) Jahren von einer Kanzlerin geführt wird, sollte das nicht mal mehr einen Wimpernschlag hervorrufen. Zumal in einer Szene, deren Maulheldentum lange schon das entsprechende Sprungbrett gezimmert hat.
Die Szene steht Kopf, von „öffentlicher Hinrichtung“ des Festivals raunt ein Insider, mit Nadin Deventer hatte einfach keiner gerechnet. Obwohl, oder weil, sie sie alle kennen. Seit 2013 ist sie den Berliner Festspielen in diversen Positionen verbunden, in den letzten drei Jahren, laut Jazzfest-Impressum, verantwortlich für „Festival Koordination & Organisation“, an der Seite von Richard Williams, dem Jazzfest-Programmchef (2015-17).
Die Szene steht auch deshalb Kopf, weil von Deventer keine kuratorische Leistung überliefert ist, die - Achtung, schiefer Vergleich! - beispielsweise dem legendären Merkel-Beitrag in der FAZ auch nur in kleiner Portion entspräche.
In dem Wortgeklingel, mit dem ihr oberster Chef Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, nun diese Hausberufung verkauft, ist sie gar nicht wieder zu erkennen: als „Jazzexpertin“, als „studierte Jazzmusikerin“, mit „untrüglichem Gespür für Qualität“ und „dem Drang, Jazz als progressive Kunstform erlebbar zu machen - experimentell, klug und politisch engagiert“.
Gut, dass Helmut Schmidt dies nicht mehr lesen muss.
Für den nächsten Satz hätte er Oberender in die HNO-Klinik geschickt:
„Sie hört nicht nur Jazz, sie lebt ihn.“
Kann man sich so einen Quatsch bei einer Berufung im Bereich Klassische Musik oder Neue Musik vorstellen? ("XY hört nicht nur Neue Musik, er lebt sie".)
Frau Deventer bedankt sich mit einem Text, der klingt, als habe sie den gleichen ghostwriter eingespannt:
Nadine Deventer 1„Für mich ist Jazz als Improvisationsmusik gelebte Diversität, ein höchst kreativer und gleichberechtigter Dialog. Auch das Jazzfest Berlin mit seiner über 50-jährigen sehr erfolgreichen Geschichte sehe ich zukünftig verstärkt verortet als Teil einer weltweiten Community, verankert in der Berliner Musik- und Kulturlandschaft – beides auch zur Stärkung Berlins als Jazzstandort.“


Mag sein, dass das der Sound ist, der der Betriebstemperatur der Berliner Kulturpolitik entspricht.
Die lebt ihn nicht, die hört ihn nicht, sie schwadroniert nur über Jazz - als habe es einen Richard Williams, einen Bert Noglik, einen Albert Mangelsdorff, einen George Gruntz, einen Joachim Ernst Berendt nie gegeben.
Der gemeine Kölner sagt: Jazzstandort Berlin? Auf Augenhöhe mit Knollendorf!

erstellt: 11.04.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten


Endlich!
Ein paar Mal saß er auf der Wartebank. Ihm, der dank des „Genieparagraphen“ schon mit 15 das Schlagzeugstudium an der Musikhochschule Dresden aufnehmen durfte, ihm, der inzwischen dabei ist, die Grenzen des auf seinem Instrument rhythmisch noch Darstellbaren noch ein Stückchen weiter hinauszuschieben, ihm gelang mehrfach nicht, aus den letzen Vier zur Spitze zu stoßen.
Christian Lillinger
2017 ist es soweit: Christian Lillinger, geb 1984 im Spreewald, erhält den gemeinsam vom Land Rheinland-Pfalz wie vom SWR gestifteten Jazzpreis, er ist mit 15.000 Euro dotiert.
Nicht nur der Wartezeit wegen, auch in Bezug auf die eher illustere denn drängende Konkurrenz (Simon Nabatov, p, Elisabeth Coudoux, vc, Anna Lena Schnabel, as) ist eine gerechtere Wahl nicht denkbar.
Mit Lillinger, damit lehnen wir uns nicht zu weit aus dem Fenster, wird eine künstlerische Potenz geehrt, die durchaus historischen Zuschnitt erreichen kann, noch dazu auf einem Instrumental-Sektor, auf dem die Teutonen bis dato traditionell eher unterbelichtet waren.
Das Konzert des Preisträgers findet, wie immer, beim nächsten Enjoy Jazz Festival statt, im Herbst 2017 in Ludwigshafen.

erstellt: 15.02.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten


 

bild span12Für sein Album „Lenox Avenue Breakdown“ hatten sich die Designer des Labels Columbia 1979 mal richtig Mühe gegeben: das Eckhaus in Form eines Altsaxophons war eine schöne Symbolisierung seiner Tongebung; erdig zwar, in der Cannonball Adderley-Tradition, zugleich ungemein „singend“.
Da war er, 1974 aus Kalifornien kommend, richtig gelandet in der Hauptstadt des Jazz, „der beste Altsaxophonist der Westküste“, wie der Saxophonist David Murray gegenüber der New York Times meint.
Sein Ton war richtig gefragt, bei Chico Hamilton, Gil Evans, McCoy Tyner, höchst prominent sein singendes vibrato in der ersten Ausgabe von Jack DeJohnette´s Special Edition, neben Murray, 1979.
Blythe stand mit einem Bein in der Avantgarde, mit dem anderen „In the Tradition“, wie sein erstes Album für Columbia 1978 betitelt war.
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Dazu gehörten nicht nur Standards, sondern auch Funk, lange Jahre zusammen mit dem Tubisten Bob Stewart, unvergessen „Bush Baby“, dessen 3/4-Takt nicht minder fordernd war wie der „Boogie Woogie Waltz“ von Weather Report ein paar Jahre zuvor.
Eine Zeitlang wurde er hoch gehandelt, als einer der neuen young lions.
Doch der Absturz kam schon während er Columbia-Jahre, mit dem unsäglichen Funk von „Put Sunshine in it“.
In den 90ern war er kurzfristig noch Mitglied des World Saxophone Quartet.
1996 ging Blythe wieder zurück nach Kalifornien, sein letztes Album erschien 2003.
Vor Jahren wurde bei ihm die Parkinson Krankheit diagnostiziert.
Am 27. März starb er daran in Lancaster/CA. Arthur Blythe wurde 76 Jahre alt.

erstellt: 30.03.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten


 

Er sei, so klingt nun der Grundton der Nachrufe, der Godfather of Fusion gewesen, der Pate des Jazzrock.
Das ist ein lexikalischer Gummiring wie seinerzeit die Titulierung „Bürgerschreck“ für Frank Zappa - sehr hartnäckig, eine Halbwertzeit wie Plutonium, aber von einer Gültigkeit der Zeit, die man braucht, um beide Augen darob gnädig zuzudrücken.
Zwar ist ein Territorium dieses Paten kaum auszumachen, kaum jemand ist in seinem Namen ausgeschwärmt, um die Jazzgeschichte zu erhellen, wie in den Kollegenbeispielen Mike Stern, Pat Metheny, John Scofield.Larry Coryell
Aber biografisch ist an dem Etikett durchaus etwas dran. Denn als 1965 der in Texas geborene, in der Nähe von Seattle aufgewachsene Gitarrist in New York eintraf, spielte er poppigen Rock bei den Free Spirits (wie John McLaughlin zu der Zeit bestensfalls als Studiomucker in London) und wenig später Jazz bei Gary Burton.
Die Fusion hat er anfangs buchstäblich verkörpert, auch wenn ihm gattungshistorisch dann die größten Würfe nicht gelungen sind.
Auf seinem Debüt „Lady Coryell“ (1968) laufen beide parallel, manchmal zusammen. 1970 wendet er eine alte List, nicht nur im Jazz, an und lädt den besseren Konkurrenten zu sich ins Studio: „Spaces“, angeblich hatte er zuvor in einem Club nach 30 Sekunden erkannt, was dieser John McLaughlin für eine Marke ist.
1979 trifft er ihn in einem Trio, das weltberühmt wurde, als er wegen eines Drogenproblems nicht mehr mithalten konnte und durch den doppelt so schnellen Al DiMeola ersetzt wurde.
Vorher aber, 1974, liegt der „Funky Waltz“, die Hymne seiner konzeptionell wohl stärksten Fusiongruppe Eleventh House. Anfang Juni wird man das Stück sicher wieder hören, in der CD einer Reunion, die in dieser Besetzung nicht mehr - wie geplant - auf Tour gehen kann, weil zwei ihrer Teilnehmer verstorben sind: Alphonse Mouzon und Larry Coryell.
Wir wollen nicht vergessen die Zusammenarbeilt mit Wolfgang Dauner, mit Philip Catherine, oder sein Trio 1971 in Montreux mit Bernard Purdie. Und drei Alben mit Mingus. Alles in den 70er Jahren.
Er war später ungebrochen fleißig, seine Discografie umfasst an die 60 Alben - aber wer könnte eines davon benennen? Oder berichten, es habe ihn umgehauen?
Larry Coryell lag, um den Zitatregen aus dem Schatz des jüngst verstorbenen Michael Naura zu beginnen, „gut im Mittelfeld“.
Er war weltoffen, vielseitig orientiert, er trat zu einem günstigen Zeitpunkt in die Jazzgeschichte ein, vielleicht fehlte ihm das Glück, sicher aber die künstlerische Potenz zweier seiner Nachfolger bei Gary Burton, nämlich John Scofield und Pat Metheny.
Larry Coryell, geboren am 2. April 1943 in Galveston/Texas, starb - eines „natürlichen Todes“, wie es heißt in einem Hotel in New York City - am 19. Februar 2017. Er wurde 73 Jahre alt.

erstellt: 21.02.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten