Wayne Shorter, 84, hat ein erstes klassisches Orchesterwerk geschrieben, „Sherwood Forest“ (ein Schelm, wer dabei nicht an Robin Hood denkt….)
Beauftragt wurde er von der Argovia Philharmonic in Aarau/CH sowie dem britischen Klarinettisten Julian Bliss.
Yes folks, ein Konzert für Klarinette und Orchester, nicht für Sopransaxophon und Orchester.
Shorter selbst wird nicht auf der Bühne stehen, allenfalls für die Premieren-Ovationen am 17. September.

Im gleichen Programm: Beethoven´s „Eroica“ sowie „Girga“, das Werk eines zeitgenössischen Schweizer Komponisten namens Margin Jaggi, 39.

erstellt: 13.07.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten


Wir wissen zwar, wer kommt (Nadine Deventer), aber wir wissen nicht was kommt. 2018.
Also, Vorfreude auf die letzte Saison von Richard Williams.
Unter seinem von Ornette Coleman entlehnten Motto
„In all Languages“ werden sich alle wohlfühlen, insbesondere jene, die sich mit Verweis auf das Jazz-Schallplatten-Centenial 2017 in der Binsenweisheit ausruhen, „dass der Jazz, während er seinen kostbaren afroamerikanischen Kern bewahrt, ganz ungeachtet ihrer Herkunft alle diejenigen willkommen heißt, die auf ihrem Recht bestehen, anders zu sein, Orthodoxie zu hinterfragen und Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit anderen zu finden” (Williams).
Er führe zum ersten Mal in 54 Jahren Jazzfest Berlin einen artist in residence ein, tönt es vorab, in einem noch unvollständigen Vorecho auf das Programm 2017.
Ein Blick ins Archiv lehrt, dass Williams´ Vorgänger Bert Noglik 2012 mit  Nils Wogram etwas sehr Ähnliches praktiziert hat: er hat ihn in vier verschiedenen (seiner) Formationen präsentiert.
Wenn Tyshawn Sorey 2017 „sowohl mit seinem Trio als auch in neuen Formationen mit Berliner Musiker*innen zu erleben ist“, wird dieser Status im Festival so bangig premierenhaft also nicht sein.
Das Festival vergibt „großformatige Projekte“ an zwei Trompeter: Ambrose Akinmusire aus den USA und an den irakisch-amerikanischen Musiker Amir ElSaffar.
Steve Lehman kommt wieder; nach dem hammerharten, betörenden Konstruktivismus des letzten Jahres kommt er jetzt u.a. mit zwei Rappern.
Kit Downes erscheint mit den neunköpfigen Trondheim Voices; Shabaka Hutchings mit seinen „Vorfahren“ (Ancestors), Musikern aus Südafrika; Ingrid Jensen, tp, mit ihrer Schwester Christine, sax und dem Gitarristen Ben Monder.

Die Tradition der Schweineorgel ruht diesmal in den Händen von Dr. Lonnie Smith.
Am anderen Ende der Fahnenstange hat Williams das derzeit wohl schärfste Piano-Trio plaziert: Kaja Draksler, p, Petter Eldh, b, Christian Lillinger, dr, die im Januar in Münster (Foto) eine ungemein vibrierende Premiere hatten.

Draksler Trio 2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

erstellt: 11.07.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten


 

Sein erster Beruf, kaum bekannt, setzte den physiologischen Rahmen für seinen zweiten: der ausgebildete Korbmacher konnte greifen wie kein zweiter - und er klang wie kein zweiter.

Scharen von Gitarristen, inklusive John McLaughlin und Frank Zappa, haben bewundernd gerätselt, wie er das macht, was er da macht. 

Uns gegenüber, in den 80ern, in Kingston/Surrey, südlich von London, hat er zum Spaß mal die linke Spielhand ausgespreizt: Voraussetzung für all die verminderten, übermäßigen und sonstwie gitarren-fremden Akkorde, die irrwitzigen Linien, kurz: den komplexen Klangball, der früh sein Markenzeichen wurde.

holdsworthDas Diktum von Robben Ford, er sei der John Coltrane der Gitarre gewesen, kann als erste Annäherung so falsch nicht sein (bis irgendein Doktorand aus der Tiefe des Raumes kommt und sie widerlegt).

Beide schießen die Töne legato in hohen Tempi heraus, in „sheets of sound“, wie sie Coltrane attestiert wurden; Tonballungen, denen man gerade noch heraushören kann, dass die einzelnen Bestandteile sauber artikuliert werden.

Dazu passt, dass er früh schon Coltrane als Vorbild nannte - obgleich er niemals dessen Instrument spielte.

Im Gegensatz zu Coltrane aber hat sich Allan Holdsworth lange gar nicht als Jazzmusiker verstanden, er wollte als „as good as“ bewertet werden: so gut wie ein Jazzmusiker.
Er war sich seiner Sonderstellung bewusst, er hat sie kultiviert, mit immensem Training. Sie hat ihn andererseits von bread & butter jobs ausgeschlossen; Holdsworth war, weil er keine Noten lesen konnte, in den Studios nicht zu gebrauchen.

Als er von Bradford, seiner Heimatstadt in Yorkshire, Anfang der 70er nach London kam, wurde er als Künstler, nicht als Funktionsträger gebucht, zunächst von Ian Carr („Belladonna“), von Jon Hiseman („Tempest“), von Soft Machine.

Ein erster Ausflug nach Amerika, Tony Williams New Lifetime (insbesondere „Believe it“, 1975), musikalisch nur teilweise beeindruckend, endete - karrieretechnisch - in einer Sackgasse. Die zweite Hälfte der Dekade verbrachte er wieder daheim, in England, mit den Spitzen des ProgRock, mit Bruford, mit UK und Gong.

Ein erstes eigenes Album, „Velvet Darkness“, 1978, auf dem Jazz-Traditionslabel CTI, hätte er am liebsten a la Keith Jarrett behandelt: in die Tonne getreten. Hier, wie auch später, zeigte sich ein anderer Charakterzug, der des Zauderers, des notorisch mit der eigenen Leistung Unzufriedenen.

Mochte die Entourage sich vor Vergnügen biegen - der Urheber kam zu einem anderen Urteil, er bat z.B. den WDR, das gerade mitgeschnittene Konzert nicht zu senden.

1982, nachdem es drei Jahre zuvor produziert worden war, kam dann das erste eigene Album heraus, „das zählt“: I.O.U. mit dem gerade entdeckten Meistertrommler Gary Husband.

I.O.U. wie auch die nachfolgenden, darunter „Atavachron“ 1986, erneut mit Tony Williams, lassen sich nicht umstandslos dem Jazzrock zuordnen, es waren typische „as good as“-Projekte eines eigenen Stilisten.

Kaum nachzuzeichnen an dieser Stelle die Vorzüge, Nachteile, die technischen und markenrechtlichen Probleme, die der Einsatz seiner Art des Gitarren-Synthesizers, des Synthaxe, verursachte. Wenn ihm Pathos, Schwulst und Abkehr von der „reinen Lehre“ vorgeworfen wurden, dann meist im Zusammenhang mit diesem technischen Wunderding (für das er beinahe sogar die Gitarre an den Nagel gehängt hätte).

2000 gelang ihm noch einmal ein großer Wurf mit „The Sixteen Men of Tain“, einem sehr jazz-nahen Album, dem letzten, das er in seinem eigenen Studio „The Brewery“ in San Diego aufgenommen hat. Nomen est omen, Holdsworth hatte eine Schwäche für den Gerstensaft, aber auch Kennerschaft: er braute ihn selber, von ihm ist auch ein Bier-Zapfsystem patentiert.

Zwölf Studioalben (plus einige wenige Live-Alben) in einer so langen Karriere, das sind erstaunlich wenige Zeugnisse für einen Künstler dieses Formates und Einflusses. Sie sind auch Ausdruck der inneren Zerrissenheit eines Musiker, über die man vielleicht in einer Biografie mehr erfahren wird.
holdsworth toechterZuletzt ist er am 10. April aufgetreten, Tage zuvor wurde eine umfangreiche Box veröffentlicht, Archivmaterial, nichts Neues.
Ihren Titel ("The Man Who Changed Guitar Forever!: The Allan Holdsworth Album Collection") wird man jetzt kaum noch für Großmannssucht halten.

Am 16. April 2017 fand ein Mitbewohner Allan Holdsworth, geboren am 6. August 1946 in Bradford, in seiner Wohnung in Vista/Kalifornien tot auf.
Er wurde 70 Jahre alt.


Seine Töchter baten um Spenden für die Beerdigung. Die Kampagne wurde vorzeitig eingestellt; das Ziel, 20.000 $, war binnen 3 Stunden erreicht. Inzwischen sind 114.000 $ von über 2.800 Spendern eingegangen, unter ihnen Holdsworth´ Nachfolger bei Soft Machine, John Etheridge, und der deutsche Saxophonist Axel Knappmeyer.

PS: Der Tod von Allan Holdsworth ist in geradezu exklusivem Ausmaß am deutschen Großfeuilleton vorüber gegangen.
Hatte es Larry Coryell noch zu einem Helden der Vielfalt verklärt, blieb es in diesem Fall stumm.
Man weiß nicht recht, ob aus Dummheit, Platzmangel oder Schlamperei ein Unikat der Gitarrenwelt überhört wurde.


erstellt: 17.04.17/21.04.2017
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten


 

Geri Allen 2

 

Anfangs nannten wir sie „Yoruba-Prinzessin“; sie war jung, hübsch und wurde auf Covers auch so inszeniert. Für uns sah sie aus wie eine Angehörige vom Stamm der Yoruba in Nigeria, jedenfalls wie wir sie auf den Straßen von Lagos Mitte der 80er meinten identifiziert zu haben.
Sie bedurfte dieses Bonus´ gar nicht. Ihr Klavierspiel war von Anfang an so hypnotisch, dass wir sie genausogut princess of vamps hätten taufen können.


Ähnlich klingt es in der Beschreibung von ex-Mahavishnu-Bassist Ralphe Armstrong: „Sie war der weibliche Herbie Hancock des Pianos“ - ein Satz, den man, gut gewürzt mit einer Prise Sexismus-Verdacht, mit Leichtigkeit missverstehen kann.
Aber Armstrong weiß, was er sagt. Er kannte Geri Allen seit dem 14. Lebensjahr, aus der Cass Technical High School in Detroit. Seinen Satz versteht er als Vorhalt zu dem Hinweis, sie habe „dieselbe Rhythmusgruppe wie Miles Davis“ eingesetzt (Ron Carter, Tony Williams, „Twenty One“, 1994).

„Um mit einer solchen Rhythmusgruppe arbeiten zu können“, nun der volle Armstrong, „muss man zur Elite gehören“.
Und Geri Antoinette Allen, geboren am 12. Juni 1957 in Pontiac/Mich.,  aufgewachsen in Detroit, die Mutter Regierungsangestellte, der Vater Schuldirektor, gehörte zu Eliten.
Von der Ausbildung her: Jazz-Bachelor an der Howard University in Washington D.C., ein Master in Musikethnologie an der University of Pittsburgh. Die letzten vier Jahre ihres Lebens hat sie dort verbracht, als Professorin dieser Universität und Leiterin des Jazz Studies Programme.
Ihre Wiederkehr 1982 nach New York City (wo sie zuvor von Kenny Barron unterrichtet worden war) führte sie gleich wieder in eine Elite: mit der Rhythmusgruppe Anthony Cox, b, und Andrew Cyrille, dr, entstand 1983 ihr Debütalbum „The Printmakers“.
Schon dort und gleich im Anschluss in der M-Base Community fällt sie auf mit ihren „craggy rhythms“, den „zerklüfteten“ Rhythmen, wie sie ein Detroiter Klassik-Kritiker nicht ganz unzutreffend beschrieben hat:
riffs
, vamps, häufig ungerade, häufig afrikanisch inspiriert.
„Die Musik in den meisten afrikanischen Gesellschaften integriert alle Künste, insbesondere Tanz“, hier spricht 2012 die ausgebildete Musikethnologin. Und sie spricht implizit auch über die eigene Praxis (zu der später auch ein tap dancer gehört).
Der Jazzteil ihres artist statement klingt 1996 so: „Mein Interesse heute besteht in dem Versuch, sehr sorgfältig und informiert Herbie Hancock, McCoy Tyner und Cecil Taylor zur Kenntnis zu nehmen; die haben das Piano bis an den Rand gebracht. Meine Herausforderung sehe ich darin, inmitten dieser drei Stimmen meine eigene zu finden.“
Dieses ambitionierte Vorhaben, gar nicht so fern von Ralphe Armstrong, und vielleicht ergänzt um die vierte Stimme „Monk“, ist ihr über weite Teile der 80er und 90er Jahre geglückt; eine Avantgardistin, die tanzt, eine große Stilistin.
Auf mehr als einem Dutzend eigenen Alben und noch mal so vielen Gastauftritten bei anderen kann man das staunend verfolgen, von Betty Carter über Ornette Coleman bis Charlie Haden und Wallace Roney, ihrem Ehemann; mit dem sie drei Kinder hat, inzwischen geschieden.
Geri Allen 1
Spät erst, 2006 und 2011, absolviert sie eine Aufgabe, der man sich als MusikerIN offenbar nur schwer entziehen kann: ein Tribut an eine große VorgängerIN, in diesem Falle an Mary Lou Williams.
Hier sollen nicht Ursache und Wirkung beschrieben werden…aber dies fällt in eine Zeit, wo ihre Entourage nicht mehr durchgängig aus Eliten besteht und der große Ruhm zunehmend historisch aufgeladen erscheint.
Am 27. Juni 2017 ist Geri Allen in Philadelphia einer Krebserkrankung erlegen, kurz nach ihrem 60. Geburtstag.

Nachruf SWR2, 21.9.


erstellt: 28.06.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten


 

Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft, in der Kulturpolitik von ganz besonderm Duft.
Das wichtigste deutsche Jazzfestival, das Jazzfest Berlin, wird ab 2018 von einer Frau geleitet: von Nadin Deventer, 40.
In einem Land, das seit 12 (und bald mehr?) Jahren von einer Kanzlerin geführt wird, sollte das nicht mal mehr einen Wimpernschlag hervorrufen. Zumal in einer Szene, deren Maulheldentum lange schon das entsprechende Sprungbrett gezimmert hat.
Die Szene steht Kopf, von „öffentlicher Hinrichtung“ des Festivals raunt ein Insider, mit Nadin Deventer hatte einfach keiner gerechnet. Obwohl, oder weil, sie sie alle kennen. Seit 2013 ist sie den Berliner Festspielen in diversen Positionen verbunden, in den letzten drei Jahren, laut Jazzfest-Impressum, verantwortlich für „Festival Koordination & Organisation“, an der Seite von Richard Williams, dem Jazzfest-Programmchef (2015-17).
Die Szene steht auch deshalb Kopf, weil von Deventer keine kuratorische Leistung überliefert ist, die - Achtung, schiefer Vergleich! - beispielsweise dem legendären Merkel-Beitrag in der FAZ auch nur in kleiner Portion entspräche.
In dem Wortgeklingel, mit dem ihr oberster Chef Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, nun diese Hausberufung verkauft, ist sie gar nicht wieder zu erkennen: als „Jazzexpertin“, als „studierte Jazzmusikerin“, mit „untrüglichem Gespür für Qualität“ und „dem Drang, Jazz als progressive Kunstform erlebbar zu machen - experimentell, klug und politisch engagiert“.
Gut, dass Helmut Schmidt dies nicht mehr lesen muss.
Für den nächsten Satz hätte er Oberender in die HNO-Klinik geschickt:
„Sie hört nicht nur Jazz, sie lebt ihn.“
Kann man sich so einen Quatsch bei einer Berufung im Bereich Klassische Musik oder Neue Musik vorstellen? ("XY hört nicht nur Neue Musik, er lebt sie".)
Frau Deventer bedankt sich mit einem Text, der klingt, als habe sie den gleichen ghostwriter eingespannt:
Nadine Deventer 1„Für mich ist Jazz als Improvisationsmusik gelebte Diversität, ein höchst kreativer und gleichberechtigter Dialog. Auch das Jazzfest Berlin mit seiner über 50-jährigen sehr erfolgreichen Geschichte sehe ich zukünftig verstärkt verortet als Teil einer weltweiten Community, verankert in der Berliner Musik- und Kulturlandschaft – beides auch zur Stärkung Berlins als Jazzstandort.“


Mag sein, dass das der Sound ist, der der Betriebstemperatur der Berliner Kulturpolitik entspricht.
Die lebt ihn nicht, die hört ihn nicht, sie schwadroniert nur über Jazz - als habe es einen Richard Williams, einen Bert Noglik, einen Albert Mangelsdorff, einen George Gruntz, einen Joachim Ernst Berendt nie gegeben.
Der gemeine Kölner sagt: Jazzstandort Berlin? Auf Augenhöhe mit Knollendorf!

erstellt: 11.04.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten