WOLF KAMPMANN
Jazz
. Eine Geschichte von 1900 bis übermorgen
Stuttgart 2016, Reclam Verlag

392 Seiten, 34.95 Euro
ISBN 978-3-15-011072-0

ebook 29.99 Euro

 Bei der Jazzahead Bremen 2015 wird Wolf Kampmann der mit 5.000 Euro dotierte „Preis für deutschen Jazzjournalismus“ überreicht.
„Kampmanns Credo“, so liest sich auszugsweise das Urteil der Jury, „ist die Offenheit des aufmerksamen Intellekts, seine Leidenschaft die Kunst, die Menschlichkeit generiert. Damit gehört er zu den Autoren, die dem Journalismus wie auch dem Jazz helfen, auf oberstem Niveau zu agieren.“
Diese beiden Sätze sind jazzszene-typisch verschwurbelt; wer diesen Band gelesen hat, wird sagen, dass sie selbst schon Kampmann´sch inspiriert sind. Das verwundert kaum, denn der Journalist aus Berlin tritt einem überall entgegen, wo es über Jazz was zu sagen gibt, in Programmheften, Jazz-Magazinen, Radio-Sendungen, auch am Jazz-Institut Berlin.
Jetzt wagt er sich an die größte Aufgabe, die das Genre zu bieten hat, an eine Geschichte des Jazz, und das bedeutet zugleich, sich schwergewichtiger Konkurrenz zu stellen, allein schon vom Umfang her.
„The History of Jazz“ des amerikanischen Musikers Ted Gioia umfasst, je nach Übersetzung, zwischen 450 und 570 Seiten; „A New History of Jazz“ von Alyn Shipton von der BBC - 832 Seiten; und das meistverbreitete Nachschlagewerk der Gattung, „Das Jazzbuch“ von Joachim-Ernst Berendt, fortgeführt von Günther Huesmann, geht auf die 1.000 Seiten zu.
cover reclam 2
Der neue Band von Wolf Kampmann, der den gleichen Zeitraum vor Ohren hat, ja sogar noch darüber hinausgehen will - laut Untertitel ja „eine Geschichte von 1900 bis übermorgen“ umspannt - nimmt sich mit 392 Seiten schmal aus.
Eine andere Konkurrenz erwächst aus den immer zahlreicheren Teildarstellungen, den Ausschnittsvergrößerungen bestimmter Phasen der Jazzgeschichte.
Und wer noch dazu des Englischen mächtig ist, der wird mir zustimmen: noch nie war es so leicht, über Jazz sich klug zu lesen, wie heute.
Wer also in diesen, mitunter dissonanten Chor drängt, der muss schon etwas Besonderes bieten, um überhaupt noch gehört zu werden.
Um es vorweg zu nehmen:
Wolf Kampmann gehört nicht dazu.
Er fällt auf, durchaus: durch einen Ton, durch eine Diktion, die man auch aus seinen zahlreichen Magazinbeiträgen kennt: ungenau, wenig durchdacht, überladen mit unpassenden Adjektiven.



Ein Beispiel: mit dem folgenden Satz versucht Kampmann, den Unterschied zwischen Albert Mangelsdorff und Nils Wogram zu beschreiben:
„Einer linearen Persönlichkeitsentwicklung, wie sie beispielsweise noch für Albert Mangelsdorff charakteristisch war, setzt er eine unkompromittierbare Flexibilität entgegen, die ihm in jedem von ihm angestrebten Kontext einen neuen Standpunkt erlaubt.“
Wer einen solchen Satz nicht einfach durchrauschen lässt, sondern ernstnimmt, der müsste den Autor eigentlich fragen, auf grund welcher Kriterien er sich erlaubt, die Persönlichkeitsentwicklung von Albert Mangelsdorff überhaupt zu charakterisieren, obendein als "linear". Und was dies für seine Musik zu bedeuten habe.
Man erfährt es nicht. Der Autor wirft zahllose solcher Sätze dahin, ohne zu bemerken, wie nebulös, ja wie widersprüchlich die damit getätigten Aussagen sind. Der Adjektivismus („unkompromittierbare Flexibilität“ … gibt es deren auch eine „kompromittierbare“?) ist zum Schreien komisch.

Köln Concert - FreeJazz?

Fragwürdig, zumal in einer Geschichte des Jazz sein Umgang mit musikalischen Begriffen. So lesen wir z.B. über das „Köln Concert“:
„Die Musik erfüllt alle Anforderungen an den Begriff des Free Jazz, denn jeder Ton, jede Entwicklung basiert allein auf der Intuition des spielerischen Augenblicks.“
Das ist nun wirklich „originell“. Es dürft kaum ein anderes Jazz-Ereignis geben, das so schillernd mit Bedeutungen aufgeladen ist, wie das „Köln Concert“ von Keith Jarrett - aber mit „FreeJazz“ hat es noch niemand in Verbindung gebracht. Dazu fehlen ihm vor allem zwei wesentliche Merkmale: das Auflösen von Tonalität und Metrum.

Und noch ein Detail in diesem Zusammenhang. Der britische Musikwissenschaftler Peter Elsdon hat eine Studie über das „Köln Concert“ veröffentlicht, in der er vorsichtig in Zweifel zieht, ob Jarrett an jenem Januar-Abend 1975 in der Kölner Oper wirklich alles „frei“ erfunden hat.
 Kampmann kennt das Buch von Elsdon, aber er zitiert daraus nicht diesen 
wichtigen Aspekt, sondern eine Lapalie:
„Elsdon ist der Überzeugung, dass Jarretts exzessive Solo-Aktivitäten überhaupt nur möglich waren, weil er sich mit Manfred Eicher und ECM auf Europa konzentrierte.“
Vollends absurd seine Behauptung, Jimi Hendrix habe „am kongenialsten“ die Intentionen von John Coltrane „aufgegriffen“.


Der Jazz ist immer auch sein Gegenteil

Den schönsten argumentativen Purzelbaum schlägt Kampmann im Kapitel „Post Nine Eleven“.
„Eine Welle des Konservatismus im amerikanischen Jazz war in der Folge von 9/11 jedoch unüberhörbar. Davon wurden selbst Musiker ergriffen, die gerade noch an der Front der künstlerischen Avantgarde und sozialen Diskursbereitschaft gestanden hatten, wie Trompeter Dave Douglas.“
Hat irgend jemand diese Welle gehört? 
Ist eh wurscht, denn schon mit dem nächsten Satz macht Kampmann die Rolle Rückwärts:
„So widersprüchlich es nach dem eben Geschilderten erscheinen mag, nach der Jahrtausendwende erstarkte trotzdem die amerikanische Free-Jazz-Szene.“
Er diskutiert diese Thesen nicht, sucht nicht nach Belegen oder gegenteiligen Meinungen, kurzum: der Diskurs, die ästhetische Debatte sind seine Sache nicht.


Jazz-Stammtisch

Dieses Nebeneinander von Lapalien und Großbehauptungen ist schwer zu ertragen - so muß man sich wohl einen Jazz-Stammtisch vorstellen. Das ist weder von Ton und Inhalt einem Buch angemessen.

War da noch was? 
Ach ja, das „übermorgen“ im Untertitel des Buches.
 Auf der vorletzten Seite ein Wunsch des Autors, wieder so eine Kampmann-Satz, der ein Phantom beschreibt:
„Es wäre dem europäischen Jazz zu wünschen, dass er sich wieder stärker in Richtung Amerika öffnet, denn Austausch und Symbiose haben den Jazz zu allen Zeiten weiter vorangetrieben als Alleinvertretungsansprüche und Abschottung.“

Was ist das für eine Kleingeistigkeit. Wer unter den angesprochenen europäischen Musikern hat je einen „Alleinvertretungsanspruch“ gestellt oder „Abschottung“ gepredigt?

Hilft das, um mit der Bremer Jury zu sprechen, „dem Jazz (…), auf oberstem Niveau zu agieren“?

erstellt: 13.12.16
©Michael Rüsenberg, 2016. Alle Rechte vorbehalten