Nun gut, die Tagesschau wird beim NDR produziert.  Aber dass sie seinen Tod in der 20-Uhr-Ausgabe meldet, sogar garniert mit einem kleinen Einspieler, dafür durfte man beinahe  schon eine Träne wegdrücken. Das dürfte keinem weiteren ARD-Jazzredakteur, keinem weiteren deutschen Jazzpublizisten je widerfahren.
Er war mit Sicherheit die größte „Einzelanfertigung“ aus unserer kleinen Jazzwelt in Deutschland, der Wortschöpfer Volker Kriegel (1943-2003) sähe das gewiß auch so. Ein Jazzpianist, der Jazz-Redakteur wurde, 1971, beim NDR als Nachfolger von Hans Gertberg, bis zu seiner Pensionierung 1999.
Sein Job als Rundfunkmann wurde deutlich überstrahlt von seiner Rolle als Jazzpublizist; wenn es einen deutschen Jazzautor gab, dem man das Attribut „Schriftsteller“ andienen mochte, dann Michael Naura.
Er schrieb für Spiegel und Zeit; wen er mochte (z.B. Keith Jarrett), dem verfiel er nahezu
(„Ich sass nicht in Reihe 3 - ich kniete“), wen er nicht mochte, den trat er nicht selten mit neuen Wortschöpfungen in die Tonne („Es gibt Frisöre und es gibt Pianisten. Der Franzose Richard Clayderman ist ein Pianör.“)
Na klar, Naura war ungerecht, sorgfältiges Abwägen war seine Sache nicht, aber in seinem Zorn wie in seiner Hingabe zu besimmten Künstlern donnerte eben nicht nur Sprachkraft, sondern auch Sachkenntnis.
Für ersteres hatte er einen Meister, und er hat nie verhehlt, wer das war: der große Lyriker Peter Rühmkorf (1929-2008). Jahrelang ist er mit ihm und Wolfgang Schlüter, 83, vib, getingelt, drei alte Männer, zwei kugelrund, der dritte mit Indianerprofil, sowas von aufeinander eingespielt, die brauchten keinen soundcheck.
michael nauraNaura, physiognomisch ein Verwandter von Karl Marx, war die Streitlust geradezu ins Gesicht geschrieben. Er stürmte u.a. eine Präsentation des Hitler-Tagebuchfälschers Kujau.
Weit unterhalb solcher Öffentlichkeit erinnern wir uns lebhaft, wie er die Kölner Saxophon Mafia zunächst verfluchte, dann hörte er sie sich in einer stillen Stunde aufmerksam an - und ludt sie ins NDR-Studio, zum „Blues for Millowitsch“.
1999 zog er sich weitgehend in sein umgebautes Bauernhaus in Hollbüllhuus (der Name ist vollkommen Nauraesk) zurück, 2009 zeigte er sich noch einmal in Köln anlässlich der Verleihung des WDR-Jazzpeises für Radiojournalismus.


Michael Naura
geboren am 19. August 1934 in Memel/Litauen, starb am 13. Februar 2017 in Hollbüllhuus bei Schwabstedt in der Nähe von Husum.
Und wir Berufskollegen sollten jetzt von Zeit zu Zeit die „jazz-toccata“ zur Hand nehmen.

Naura Hollbull 1

 

 

 

 

 

 

Michael Naura
Hollbüllhuus
Foto: Lutz Voigtländer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

erstellt: 14.02.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten


Sie machen´s spannend, die Mitglieder des neuen Jazzclub Wuppertal e.V.
Die musikalisch Aktiven verbergen ihr Konterfei hinter ihrem Instrument, die zuhörenden Mitglieder hinter den Covers ihrer Lieblingsalben, oder was sonst gerade zur Hand war.
(Insider aus dem Tal meinen gleichwohl, die eine oder andere Identität lüften zu können.)
Jazzclub Wuppertal 1

Ein neuer Jazzclub in Wuppertal? Noch dazu im Luisenviertel, Heimstatt des „ort“, des Hauses, in dem Peter Kowald (1944-2002) gelebt hat. Wo auch heute noch sein Erbe gepflegt wird, der Wuppertaler FreeJazz nebst Anverwandten aus anderen Weltteilen, für das den ähnlich orientierten US-Musikern die unschlagbare Lautmarke sounds like whoopataal eingefallen ist.
Wer hinter die Cover schaut, entdeckt durchaus aus dem „ort“ vertraute Gesichter, ja sogar einen (nicht auf dem Bild), der für das dortige Programm nicht ganz unverantwortlich ist.
Man ahnt, zurecht, der Jazzclub Wuppertal sieht sich als Ergänzung, nicht als Konkurrenz zum „ort“, Jazz-Wuppertal war ja schon immer größer als „whoopataal“, man denke nur an die sommerliche Reihe „Klangart“ im Skulpturenpark.
Der neue Club hat keine eigene location, er tagt im LOCH (vormals SommerLOCH) Ekkehardstr/Plateniusstraße in Elberfeld, auch die Webseite ist noch nicht durchgeschaltet, die Absichten aber schon vollmundig:
„Der Jazz Club geht hier ganz neue Wege, mit Livemusik + DJs, Techno + Improvisation, aber auch Tanz, Visuals, Elektronik und Beats.“
Die ersten Veranstaltungen sind am 11., 18. und 25. März, am 18. auch durch die Nacht hindurch.

Foto: Süleyman Kayaalp

erstellt: 14.02.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten


Von all denen, die sich vom Jazz abwandten, war er einer der radikalsten und profiliertesten.
Es ist kaum ein größerer Schritt denkbar als der von den Geburtsstunden des europäischen FreeJazz (Manfred Schoof´s „Voices“, 1965, die erste „Globe Unity“-Aufnahme, 1966) zu Can, ab 1968, zu einer metronomischen Spielweise, die er von dort an zu einer einsamen Kunst entwickelt hat.
Die mit Schoof und Schlippenbach sind die einzigen Jazz-Aufnahmen in seiner umfangreichen Diskografie, alles folgende ist Rock und auch Pop.
Jaki Liebezeit 1Die Abkehr vom Jazz hat ihn kaum Sympathien gekostet, im Gegenteil, insbesondere in Köln wurde er einfach weiter dazugezählt, sein Fortgang bedauert.
Die Kölner Saxophon Mafia ließ ihn 1990/91 mit tom-tom-Wirbeln über 4/4 eine beinahe „britisch“ klingende Polyphonie unterfüttern.
Wir erinnern uns anderseits an ein Treffen von ihm mit einem echten Briten, mit Evan Parker, es war wohl in den 90ern, im Stadtgarten, das man bestenfalls mit Stoizismus a la John Cage ertragen konnte: zwei separate, lebende Klangquellen auf der Bühne, die keinerlei Anstalten machten, das aufzugreifen, was der jeweils andere anbot- ist das falsche Wort - nein, produzierte.
Er war ein Stilist, keine Frage, sein karger Trommelstil wurde Kult im Pop, nicht immer nur bei den kultigen Can oder bei Eno, sondern auch bei diversen Kleingeistern (u.a. Schiller oder Burnt Friedman).
Sein artist statement, wie es Wikipedia wiedergibt: „Du musst monoton spielen, also immer wieder das gleiche, den gleichen rhythmischen Zyklus wiederholen, wiederholen, wiederholen. Dann entsteht Groove“, liest sich gut - ob es aber auch stimmt, ist eine andere Frage. Und sicher nicht stil-unabhängig zu entscheiden.
Sein letztes Album erschien 2015, „Akşak“, zusammen mit dem Kölner Perkussionisten Holger Mertin.
„Heute, 22. Jan. 2017, 11:41 Uhr hat er die Bühne und diese Welt verlassen. Doppelseitige Lungenentzündung - er wollte keine invasiven Maßnahmen und ist friedlich im Krankenhaus eingeschlafen“, teilte sein Kölner Hausarzt mit.
Jaki Liebezeit, geboren am 26. Mai 1938 in Dresden, wurde 78 Jahre alt.

 erstellt: 22.01.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten