Er sei, so klingt nun der Grundton der Nachrufe, der Godfather of Fusion gewesen, der Pate des Jazzrock.
Das ist ein lexikalischer Gummiring wie seinerzeit die Titulierung „Bürgerschreck“ für Frank Zappa - sehr hartnäckig, eine Halbwertzeit wie Plutonium, aber von einer Gültigkeit der Zeit, die man braucht, um beide Augen darob gnädig zuzudrücken.
Zwar ist ein Territorium dieses Paten kaum auszumachen, kaum jemand ist in seinem Namen ausgeschwärmt, um die Jazzgeschichte zu erhellen, wie in den Kollegenbeispielen Mike Stern, Pat Metheny, John Scofield.Larry Coryell
Aber biografisch ist an dem Etikett durchaus etwas dran. Denn als 1965 der in Texas geborene, in der Nähe von Seattle aufgewachsene Gitarrist in New York eintraf, spielte er poppigen Rock bei den Free Spirits (wie John McLaughlin zu der Zeit bestensfalls als Studiomucker in London) und wenig später Jazz bei Gary Burton.
Die Fusion hat er anfangs buchstäblich verkörpert, auch wenn ihm gattungshistorisch dann die größten Würfe nicht gelungen sind.
Auf seinem Debüt „Lady Coryell“ (1968) laufen beide parallel, manchmal zusammen. 1970 wendet er eine alte List, nicht nur im Jazz, an und lädt den besseren Konkurrenten zu sich ins Studio: „Spaces“, angeblich hatte er zuvor in einem Club nach 30 Sekunden erkannt, was dieser John McLaughlin für eine Marke ist.
1979 trifft er ihn in einem Trio, das weltberühmt wurde, als er wegen eines Drogenproblems nicht mehr mithalten konnte und durch den doppelt so schnellen Al DiMeola ersetzt wurde.
Vorher aber, 1974, liegt der „Funky Waltz“, die Hymne seiner konzeptionell wohl stärksten Fusiongruppe Eleventh House. Anfang Juni wird man das Stück sicher wieder hören, in der CD einer Reunion, die in dieser Besetzung nicht mehr - wie geplant - auf Tour gehen kann, weil zwei ihrer Teilnehmer verstorben sind: Alphonse Mouzon und Larry Coryell.
Wir wollen nicht vergessen die Zusammenarbeilt mit Wolfgang Dauner, mit Philip Catherine, oder sein Trio 1971 in Montreux mit Bernard Purdie. Und drei Alben mit Mingus. Alles in den 70er Jahren.
Er war später ungebrochen fleißig, seine Discografie umfasst an die 60 Alben - aber wer könnte eines davon benennen? Oder berichten, es habe ihn umgehauen?
Larry Coryell lag, um den Zitatregen aus dem Schatz des jüngst verstorbenen Michael Naura zu beginnen, „gut im Mittelfeld“.
Er war weltoffen, vielseitig orientiert, er trat zu einem günstigen Zeitpunkt in die Jazzgeschichte ein, vielleicht fehlte ihm das Glück, sicher aber die künstlerische Potenz zweier seiner Nachfolger bei Gary Burton, nämlich John Scofield und Pat Metheny.
Larry Coryell, geboren am 2. April 1943 in Galveston/Texas, starb - eines „natürlichen Todes“, wie es heißt in einem Hotel in New York City - am 19. Februar 2017. Er wurde 73 Jahre alt.

erstellt: 21.02.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten


 

Nun gut, die Tagesschau wird beim NDR produziert.  Aber dass sie seinen Tod in der 20-Uhr-Ausgabe meldet, sogar garniert mit einem kleinen Einspieler, dafür durfte man beinahe  schon eine Träne wegdrücken. Das dürfte keinem weiteren ARD-Jazzredakteur, keinem weiteren deutschen Jazzpublizisten je widerfahren.
Er war mit Sicherheit die größte „Einzelanfertigung“ aus unserer kleinen Jazzwelt in Deutschland, der Wortschöpfer Volker Kriegel (1943-2003) sähe das gewiß auch so. Ein Jazzpianist, der Jazz-Redakteur wurde, 1971, beim NDR als Nachfolger von Hans Gertberg, bis zu seiner Pensionierung 1999.
Sein Job als Rundfunkmann wurde deutlich überstrahlt von seiner Rolle als Jazzpublizist; wenn es einen deutschen Jazzautor gab, dem man das Attribut „Schriftsteller“ andienen mochte, dann Michael Naura.
Er schrieb für Spiegel und Zeit; wen er mochte (z.B. Keith Jarrett), dem verfiel er nahezu
(„Ich sass nicht in Reihe 3 - ich kniete“), wen er nicht mochte, den trat er nicht selten mit neuen Wortschöpfungen in die Tonne („Es gibt Frisöre und es gibt Pianisten. Der Franzose Richard Clayderman ist ein Pianör.“)
Na klar, Naura war ungerecht, sorgfältiges Abwägen war seine Sache nicht, aber in seinem Zorn wie in seiner Hingabe zu besimmten Künstlern donnerte eben nicht nur Sprachkraft, sondern auch Sachkenntnis.
Für ersteres hatte er einen Meister, und er hat nie verhehlt, wer das war: der große Lyriker Peter Rühmkorf (1929-2008). Jahrelang ist er mit ihm und Wolfgang Schlüter, 83, vib, getingelt, drei alte Männer, zwei kugelrund, der dritte mit Indianerprofil, sowas von aufeinander eingespielt, die brauchten keinen soundcheck.
michael nauraNaura, physiognomisch ein Verwandter von Karl Marx, war die Streitlust geradezu ins Gesicht geschrieben. Er stürmte u.a. eine Präsentation des Hitler-Tagebuchfälschers Kujau.
Weit unterhalb solcher Öffentlichkeit erinnern wir uns lebhaft, wie er die Kölner Saxophon Mafia zunächst verfluchte, dann hörte er sie sich in einer stillen Stunde aufmerksam an - und ludt sie ins NDR-Studio, zum „Blues for Millowitsch“.
1999 zog er sich weitgehend in sein umgebautes Bauernhaus in Hollbüllhuus (der Name ist vollkommen Nauraesk) zurück, 2009 zeigte er sich noch einmal in Köln anlässlich der Verleihung des WDR-Jazzpeises für Radiojournalismus.


Michael Naura
geboren am 19. August 1934 in Memel/Litauen, starb am 13. Februar 2017 in Hollbüllhuus bei Schwabstedt in der Nähe von Husum.
Und wir Berufskollegen sollten jetzt von Zeit zu Zeit die „jazz-toccata“ zur Hand nehmen.

Naura Hollbull 1

 

 

 

 

 

 

Michael Naura
Hollbüllhuus
Foto: Lutz Voigtländer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

erstellt: 14.02.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten


Von all denen, die sich vom Jazz abwandten, war er einer der radikalsten und profiliertesten.
Es ist kaum ein größerer Schritt denkbar als der von den Geburtsstunden des europäischen FreeJazz (Manfred Schoof´s „Voices“, 1965, die erste „Globe Unity“-Aufnahme, 1966) zu Can, ab 1968, zu einer metronomischen Spielweise, die er von dort an zu einer einsamen Kunst entwickelt hat.
Die mit Schoof und Schlippenbach sind die einzigen Jazz-Aufnahmen in seiner umfangreichen Diskografie, alles folgende ist Rock und auch Pop.
Jaki Liebezeit 1Die Abkehr vom Jazz hat ihn kaum Sympathien gekostet, im Gegenteil, insbesondere in Köln wurde er einfach weiter dazugezählt, sein Fortgang bedauert.
Die Kölner Saxophon Mafia ließ ihn 1990/91 mit tom-tom-Wirbeln über 4/4 eine beinahe „britisch“ klingende Polyphonie unterfüttern.
Wir erinnern uns anderseits an ein Treffen von ihm mit einem echten Briten, mit Evan Parker, es war wohl in den 90ern, im Stadtgarten, das man bestenfalls mit Stoizismus a la John Cage ertragen konnte: zwei separate, lebende Klangquellen auf der Bühne, die keinerlei Anstalten machten, das aufzugreifen, was der jeweils andere anbot- ist das falsche Wort - nein, produzierte.
Er war ein Stilist, keine Frage, sein karger Trommelstil wurde Kult im Pop, nicht immer nur bei den kultigen Can oder bei Eno, sondern auch bei diversen Kleingeistern (u.a. Schiller oder Burnt Friedman).
Sein artist statement, wie es Wikipedia wiedergibt: „Du musst monoton spielen, also immer wieder das gleiche, den gleichen rhythmischen Zyklus wiederholen, wiederholen, wiederholen. Dann entsteht Groove“, liest sich gut - ob es aber auch stimmt, ist eine andere Frage. Und sicher nicht stil-unabhängig zu entscheiden.
Sein letztes Album erschien 2015, „Akşak“, zusammen mit dem Kölner Perkussionisten Holger Mertin.
„Heute, 22. Jan. 2017, 11:41 Uhr hat er die Bühne und diese Welt verlassen. Doppelseitige Lungenentzündung - er wollte keine invasiven Maßnahmen und ist friedlich im Krankenhaus eingeschlafen“, teilte sein Kölner Hausarzt mit.
Jaki Liebezeit, geboren am 26. Mai 1938 in Dresden, wurde 78 Jahre alt.

 erstellt: 22.01.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten