JOEL ROSS Gospel Music *******

01. Wisdom Is Eternal (For Barry Harris) (Joel Ross), 02. Trinity (Father, Son and Holy Spirit), 03. Protoevangelium (The First Gospel), 04. Hostile, 05. The Shadowlands, 06. Nevertheless, 07. Word for Word, 08. Repentance, 09. The Sacred Place, 10. A Little Love Goes A Long Way, 11. Praise To You, Lord Jesus Christ (Frank Schoen), 12. Calvary ((Betty King Jackson), 13. The Giver 2:58 (T: James Baldwin), 14. To The Throne (The Mercy Seat), 15. Be Patient, 16. The New Man, 17. Now & Forevermore

Joel Ross - vib, Celeste, Mellotron, Glockenspiel, dr (11,12), Josh Johnson - as, Maria Grand - ts, Jeremy Corren - p, dr, Kanoa Mendenhall - b, Jeremy Dutton - dr, Brandee Younger - harp (17), Laura Bibbs - flh (17), voc (11), Austin White - electronics (17), Ekep Nkwelle - voc (12), Geoff Gallante - p (11), Andy Louis - voc (13), g (13)

rec.
 2025 (?)
Blue Note 00602488058292

Das praise the Lord (oder „Lobe den Herrn!“, wie europäische Seelen es zunehmend leiser intonieren), es begleitet den Jazz von den ersten Tagen an.
Das liegt darin, dass ein Teil dessen, was schließlich zu „Jazz“ sich geformt hat, aus den Gottesdiensten der Afro-Amerikaner zugeflossen ist.
Wie aber kam es dorthin?
Die afrikanischen Sklaven haben es mitgebracht, freilich als hybride Form. „Spirituals und Gospelsongs“, sagt der Grazer Musikethnologe Maximilian Hendler, „(verraten) jedoch eindeutig den Einfluss europäischer Missionare“.
Die Mitglieder der (weißen) Mehrheitsgesellschaft hörten die Songs der Sklaven nicht mit musikethnologischem Verstand, das Temperament der schwarzen Interpretation übertönte sie, darin gewissermaßen einen „Re-Import“ ihrer eigenen Musik zu erkennen.
I'm coming from the Black church in Chicago, playing gospel music, sagt nun Joel Ross. Und bekundet damit eine sehr geläufige afro-amerikanische Musiksozialisation.
Die liner notes des Albums ziehen Dizzy Gillespie heran: „Ein Instrument zu spielen ist eine Form der Anbetung (worship), und ich habe mein ganzes Leben so gehandelt.´ Und wie Diz hat sich auch Ross der Anbetung verschrieben, die sich in und durch seine Musik ausdrückt.“
Wir müssen ihn uns als Bibel-fromm vorstellen, denn „das Leben ist das, was wir in Christus leben, um anderen zu helfen, damit unser Leben nicht umsonst ist.“
Dem Gottesglauben, geschweige denn der modernen Theologie, fügt der Vibraphonist keine neuen Gedanken zu - dafür aber der Hauptsache, also dem, was in uns allein schon der Albumtitel an Erwartungen auslöst.
cover Ross Gospel MusicSchon mit dem opener unterläuft er freilich Vorstellungen dessen, was man gemeinhin von diesem Genre erwarten mag: Gospel Music. Der track ist dem Pianisten Barry Harris (1929-2021) gewidmet; der hatte einen ähnlichen sozio-musikalischen Background. Die Mutter, eine Kirchenpianistin dort, der Vater, ein Seelsorger in der Kirche, hier, im Falle Ross.
Schon die Form von „Wisdom Is Eternal (For Barry Harris)“ läuft den meisten Gospelformen zuwider, es ist Viertakter mit drei Takten in 4/4, dem vierten Takt aber in 6/4, was sich zu einem 18/4-Metrum addiert.
Das liest sich komplizierter als es klingt, das Thema, das identisch ist mit dem Metrum, eine ostinato-Kette von 18 Noten, hat Ohrwurmcharakter.
Das nächste ostinato folgt sogleich. Und das Lob der Dreifaltigkeit ist bestimmt noch nicht in einem so komplizierten outfit vorgetragen worden: eine nicht grad-taktige Baß-Eröffnung, ein poly-rhythmisch, im Kanon versetztes Hymnenthema. Nach gut zwei Minuten, in einem kurzen Zwischensolo des Pianisten Jeremy Corren wechselt der Groove von binär nach ternär, in einen lebhaften midtempo swing, darüber Soli von fast allen Melodikern dieser Band.
Darunter erneut die Tenoristin Maria Grand aus der Schweiz sowie zum ersten Mal (und man meint noch, seinen Vorgänger Immanuel Wilkins zu hören) der ebenso gute Altist Josh Johnson.
Auch das „Protoevangelium“ ist zweigeteilt, der zweite Teil gehört ganz überwiegend der weitgehend arco aufspielenden japanischen Bassistin Kanoa Mendenhall (wer nach ihr forscht, entdeckt, dass sie u.a. auch, im Oktober 2024, im Nachbarsveedel, im Loft in Köln-Ehrenfeld, im Trio mit Pablo Held gespielt hat).
Und so geht es eine Zeitlang weiter, sehr flüssige Jazz-Grooves, sehr jazz-nahe, gewundene Themen, (bei „Nevertheless“ mag man an Steve Coleman denken), und wenig Gospel-Hymnik, vorgetragen von einem vorzüglichen Team. Man möchte dem Album einen Anspruch zubilligen, den es gar nicht erhebt, nämlich New Gospel Music zu präsentieren.
Gut eine Dreiviertel Stunde geht das so - da verändert Ross die Perspektive.
Sein eigenes, kurzes „A Little Love Goes A Long Way“ macht den Auftakt für zwei konventionelle Gospelstücke, ein neueres „Praise To You, Lord Jesus Christ“, ein älteres „Calvary“.
Es ist, wenn auch ein sanfter, aber doch ein Bruch mit dem großen ersten Teil des Albums.
Ross´ eigenes „The River“ (nach einem Text von James Baldwin, gesungen von Andy Louis) klingt stark angelehnt an „Killing me softly“.
Und die vier Stücke, die dann noch folgen, man kann sie sich bei einem echten worshipping, bei einem protestantischen Gottesdienst vorstellen.
Es ist in diesem Teil des Albums nur wenig noch von dem Kunstanspruch vorhanden, der die ersten neun von insgesamt 17 Titeln fraglos auszeichnet.

erstellt: 13.02.26
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