JOHN HOLLENBECK & HOT CLUB JAZZ ORCHESTRA Peace and Justice *********

01. Sinanari (Hollenbeck), 02. Peace and Justice, 03. Racing Heart, Heart Racing, 04. Red Shades (trad Ukraine), 05. Sighs (Hollenbeck), 06. In the Middle of the Yard (trad Ukraine) , 07. Feed the Fire (Geri Allen), 08. Verbena (Hollenbeck), 09. Power of Water    

Rita Maria - voc, Tomás Marques - ss, as, fl, Mateja Dolsak – as, César Cardoso - ts, cl, João Capinha – ts, cl, fl, Paulo Gaspar - bars, bcl, Lars Arens, Xavier Ribeiro, Rui Ferreira - tb, Rui Bandeira – btb, Micael Pereira, Gonçalo Marques, Tomás Pimentel, Johannes Krieger – tp, flh, Nuno Costa – g, Óscar Graça – p, keyb, Demian Cabaud – b, Pedro Felgar  – dr (2, 3, 4, 5,9), John Hollenbeck – dr (1,6,7,8), Luís Cunha – cond

Rec. 04.-06.06.22
Flexatonic Records (Flex 004)


2026 > It’s Hollenbeck time, all year.
Im Februar ein grandioses Programm mit der hr Big Band aka Frankfurt Radio Big Band; im April die Re-Komposition eines Werkes der Österreicherin Johanna Müller-Hermann (1868-1941) für das Stehgreif-Orchester Berlin; im Mai das zweite Album seiner „Synth-Pop-Jazz-Fusion“ mit  George; im September eine Konzert dieses Quartetts bei der Cologne Jazzweek.
Und jetzt: ein neues Projekt aus dem Kernbereich seiner Ästhetik, ein neues seiner Big Band-Projekte mit europäischen und amerikanischen Formationen, nunmehr aus Portugal - ein Projekt, das mit Blick auf den Partner, auf das Cover, auf das Repertoire (Spoiler: darunter die Neuinterpretation eines Geri Allen-Klassikers!) sowie auf die Entstehungsgeschichte der Erläuterung bedarf.
Musikalische Erwartungen, die man z.B. gewöhnlich mit einem Klangkörper unter dem Signet „Hot Club“ (eigentlich Hot Clube de Portugal) verbindet - werden mit den ersten Tönen aufs Angenehmste enttäuscht.
Deshalb noch´n Spoiler: „Sinanari“ klingt nach Philip Glass, es hat zudem einen türkischen Bezug.

Das multiphonale Spiel beginnt mit dem CD-Cover.
Es bietet eine gewiß nicht originelle Symbolisierung des Titels, der multilingual ausformuliert wird. „Peace and Justice“ („Frieden und Gerechtigkeit“) oben in Englisch, in der Mitte auf Ukrainisch und unten auf Portugiesisch.
Von der Sprache auf den musikalischen Inhalt zu schließen, ist fragwürdig. Aber wenn man es dennoch tut (und eben nicht auch noch „skaliert“, wie es heute gang und gäbe ist), kommt dem Portugiesischen außer ein paar Worten der Sprache in „Sighs“ sowie der Herkunft der MusikerInnen der geringste Anteil zu.
Das Ukrainische wiederum findet sich in den musikalischen Vorlagen zu zwei Re-Kompositionen von Hollenbeck, nicht zuletzt auch in persona des Initiators des ganzen Projekts, Olha Bekenshtein.
Als Kurator erteilte er 2021 John Hollenbeck den Auftrag, ukrainische Musik in einen Big Band-Kontext zu transferieren, wie er es zuvor schon des öfteren mit anderen Musiken getan hatte (vorbildlich die Arbeit mit der Frankfurt Radio Big Band).
Eine Uraufführung in Kviv konnte in Folge des russischen Angriffskrieges nicht realisiert werden. "But Olha's vision for the project never disappeared—it evolved into this album", schreibt Hollenbeck in einem aktuellen newsletter.
Joa, kann man so formulieren; tatsächlich materialisiert sich diese „Vision“ lediglich in den tracks 4 und 6, als eine von mehreren Farben eines überragenden Albums.
Der erste, hier „Red Shades“ neu betitelt, bezieht sich auf das ukrainische Lied „Oi u luzi chervona kalyna” („Oh, der rote Schneeball auf der Wiese“), 1914 vom Theaterintendanten und Komponisten Stepan Charnetskyi, wiederum auf der Basis eines Folksongs, geschrieben. Hollenbeck entfaltet das kantilenenhafte Thema in mehreren Sektionen in Kanons. Im Ausklang auch hier minimal-artige Verschränkungen, wie ja überhaupt das Album - once again - als Dokument des Importes von Techniken der Minimal Music in den Big Band Jazz leuchtet.
Das Original soll schon im Ersten Weltkrieg von ukrainischen Partisanen gesungen worden sein und finde, nachdem der Kriegsfreiwillige & Sänger Andriy Khlyvnyuk 2022 davon ein Video produziert habe, heute erneut als Lied der Befreiung von den Russen Verwendung.
Olha Bekenshtein berichtet darüber in den linernotes kurioser- oder ehrlicherweise (?) mit dem Zusatz, dass er diesen Song nicht eingebracht habe.
Bleibt als letztes (und einziges von ihm kuratiert) aus der Ukraine demnach „In the Middle of the Yard“, eine sich hinter einem dominanten Tenorsaxophon aufschaukelnde Ballade, ursprünglich aus der Region Charkiv.
„Peace and Justice“, das ist natürlich ein Binsen-Titel (dessen unstrittig positive Konnotation unvermeidlich in liner notes und Pressetext herausgestellt wird) für ein Album, das noch auf einen weiteren Anlass aus der Vergangenheit rekurriert, nämlich auf zwei Stücke aus „Shut up and Dance“ (2010), seinem Projekt mit dem Orchestre National de Jazz
In „Racing Heart, Heart Racing“ stellt er diesmal die Afro-Anteile deutlicher heraus. 
Und „Power of Water“ ist mit seinem Kontrast von Morse-Rhythmus gegen erhabene Themen einfach immer wieder delikat: 2010 mit den Franzosen, im Frühjahr 2026 mit den Deutschen (in Darmstadt) und jetzt mit den Portugiesen. Letztere mögen solistisch nicht immer auf der gleichen Höhe fliegen, als Ensemble spielen sie in der gleichen Liga.
Beleg dafür ist „Sighs“ (Seufzer), das nicht mal einen Wimpernschlag mit der Fado-Ästhetik teilt.
Im Gegenteil, es führt mitten in hinein in Hollenbeck-Country. Mit einem Drehwurm-ostinato nicht ga
nz so schnell wie bei „Pure Poem“, 2023 mit der NDR Big Band, aber aus derselben Klasse der Suggestion, die einen rasch aufgeben lässt, nach dem Metrum zu tappen.
Rita Maria, ansonsten vokalisierend in den Bläsersätzen versteckt, trägt hier ein Sachtext über „Seufzer“ wie aus einem Lexikon vor, auf Englisch und auf Portugiesisch; und wenn sie das polyglotte Adjektiv „fundamental“ spricht … möchte man einfach nur dahinfliessen. 
„Verbena“ ist ein Feature für den Kontrabaß von Demian Cabaud, zunächst umhüllt von einem Flöten-Minimalismus, wandelt sich der Hintergrund der Ballade zunehmen in einen Choral-artigen Bläsersatz.
Und dann - wir haben sie nicht vergessen, sondern setzen es an den Schluß - die Neuinterpretation eines Stückes, das John Hollenbeck besonders gelegen kommen muss: „Feed the Fire“ von Geri Allen (1957-2017), zunächst auf „Maroons“ (1992) und dann in der „unvergleichlichen“ Fassung mit ihrem Trio auf „Twenty One“ (1994) mit Ron Carter, b, und Tony Williams, dr.
Im Groben behält er die Form bei, nämlich zunächst Riff-Thema und dann uptempo swing. Aber, hey dies ist ein Arrangement für Big Band, da müssen mehr Hände beschäftigt werden. Hollenbeck lässt die Bläser rubato eröffnen, das Riff-Thema erhält einen kontrastierenden Nachbarn, und öffnet sich die Landschaft für einen midtempo swing.
Für dieses Stück, samt finales drum-solo gegen Bäserriff, lässt sich der Herr des Verfahren nicht nehmen, selbst am drum set zu sitzen.

Album erscheint am 14.08.26
Foto: Portugal Live-Premiere, Coimbra, Jardins da Quinta das Lágrimas, 16.07.26
erstellt: 19.07.26
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