DELL - LILLINGER - WESTERGAARD Beats *******

01. CONFIGURATION I (Dell, Lillinger, Westergaard), 02. CONFIGURATION II, 03. CONFIGURATION III, 04. CONFIGURATION IV, 05. CONFIGURATION V, 06. CONFIGURATION VI, 07. CONFIGURATION VII, 08. CONFIGURATION VIII, 09. CONFIGURATION IX, 10. CONFIGURATION X, 11. CONFIGURATION XI, 12. CONFIGURATION XII, 13. CONFIGURATION XIII

Christopher Dell - vib, Christian Lillinger - dr, Jonas Westergaard - b,

rec. 27.02.2020
Plaist 009

Der Ausblick auf- pardon, wir sind in einen akustischen Medium, also fangen wir neu an: dass das Vorecho dessen, was bei Christian Lillinger gar nicht vorzukommen scheint, nämlich Beats, nun zum Versprechen eines ganzen Albums sich aufschwingt, ruft eine eigenartige Spannung hervor.
Lillinger wäre nicht Lillinger, würde er die Erwartung nicht sogleich unterlaufen und uns foppen.
Die erste von dreizehn „configurations“ enthält nichts, was man auch im weitesten Sinne unter „Beats“ verstehen könnte. Die Sounds repräsentieren das glatte Gegenteil: überwiegend verschwimmende Klangflächen, hervorgerufen - mutmaßlich - durch gestrichenen Kontrabass (arco) in hoher Lage und gestrichene Cymbals, im Verschwimmen kippen sie auch noch leicht in der Tonhöhe.
Der Spuk dauert nur eine gute Minute - und wir befinden uns mitten im einen Beat. Einem Funk-Beat. Einem Funk-Groove.
Ein Funk-Groove bei Christian Lillinger?
cover dlw beats 1Jawoll.
Ein einfaches pattern im 2/4-Takt: ein hoher Bassdrum-Schlag auf „1“, ein verwischter Snare-Schlag auf „2“, umwuselt von schnell Bewegungen auf dem Kontrabass.
Christopher Dell spielt darüber nichts als ein 7-Töne-Muster auf dem Vibraphon. Daraus formt sich ein 2-Takte-Muster.
Es wiederholt sich. Es mutet an, als sei es aus einer anderen Aufnahme herausgeschnitten und hier auf loop gesetzt.
Der Eindruck der Repetition ist suggestiv - und falsch.
Immer wieder ändert sich ein Detail. Mal fehlt die Bassdrum auf „1“, mal kommt sie verzögert, mal tritt Lillinger sie über mehrere Takte durch.
Dann bricht die snare aus. Der Groove aber, er pflanzt sich unerbittlich fort.
Gegen 1:48 wird das Stück gewissermaßen von einer elektro-akustischen Transformation seiner selbst überholt. And the beat goes on!
(Die Aufnahme muss also, was die liner notes nicht verraten, einiges an Post-Production durchlaufen haben.)
Ein weiter solcher „Klangball“ aus rückwärts laufenden Tönen bringt das Stück kurz zu einem absoluten Stop, bevor das Trio - and the beat goes on - im letzten Drittel der insgesamt 5 Minuten und 18 Sekunden in einer dichten Klangbewegung landet wie neulich bei seiner irrisierenden Begegnung mit der Pianistin Tamara Stefanovich in der Philharmonie Köln.
Ganz ähnlich wie track 1 die „CONFIGURATION VI“, wo Dell - Zufall oder nicht - sechs Töne wiederholt und Lillinger eine sehr druckvolle snare spielt.
Ab „CONFIGURATION VII“ trifft das Motto „Beats“ nicht mehr durchgehend zu. Insbesondere das Vibraphon bekommt viel mehr Raum als nur minimale Variationen zu spielen.
„CONFIGURATION IX“ wird - erneut durch elektro-akustische Manipulation - per Höhenfilter quasi die Luft abgeschnürt.
In der darauf folgenden „CONFIGURATION X“ wird teilweisedas Szenario von track 2 noch einmmal aufgegriffen, freilich mit der pikanten Abweichung eines angedeuteten walking bass im Hintergrund.
Der Schlusstrack hat am allerwenigsten mit „beat“ zu tun; er startet mit dem gloriosen Post FreeJazz, wie er auch für dieses Trio typisch ist.
Im Verlauf von nur knapp drei Minuten dünnen die Stimmen aus und brechen dann ab - ein unbefriedigendes Ende. Auch für ein Projekt, das klar von einem experimentellen Gestus gekennzeichnet ist.
„Diese Musik ist nicht für einen jeden!“ würde der Zawinul, Josef, hier urteilen. „Beat“ ist bereits das zweite Projekt Lillingers mit einem experimentellen Zuschnitt. Im Gegensatz zu „The Meinl Session“ lässt es einen weniger ratlos zurück.
Der konzeptionelle Charakter ist evident, „Beats“ hat nichts (mehr) von einer Instrumenten-Vorführung.
Es ist eine Errungenschaft, so mit diesem Parameter umzugehen.

PS: Gratulation für das Cover - egal, ob „Beats“ nun „authentisch“ abfotografiert oder per einkopiert wurde.

Ist das nicht die Hilde aus der sitcom „Familie Heinz Becker“, die da sympathischerweise auf einem der Balkone posiert?
„Im Läwe ned“, hören wir Heinz Becker in breitem Saarländisch abwinken, „hätt die Hilde was mit´m Lillinger zu tun ghäbt!“

erstellt: 12.01.21
©Michael Rüsenberg, 2021. Alle Rechte vorbehalten

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