NILS PETTER MOLVÆR Be quiet ******
01. Bangkok (Molvaer), 02. Rome, 03. Düsseldorf, 04. London-Finsbury Park, 05. Copenhagen, 06. London-Hackney, 07. Amsterdam, 08. Berlin-orbit, 09. München
Nils Petter Molvær - tp, Jan Bang - mix (excl. 07, 08), Chang Jing - guzheng (01), Martux_m - electronics, synths (02), Miki Yui - field recordings, electronics 03, John Paul Jones - p (04), Marilyn Mazur - perc (05), Imogen Heap - voc, electronics (06), Jan Bang - keyb, sampling (06), Soheil Shayesteh - kamancheh, electronics, mix (07), Alva Noto - electronics, mix (08), Anja Lechner - vc (09)
rec. (?)
Edition Records EDN 1305
Zugegeben, JC hat in den letzten Jahren Nils Petter Molvær nur noch am Rande zugehört. Zuviel des Gleichen oder Ähnlichen war zu vernehmen, wenig dringend Berichtenswertes (manchen wird das als eine geradezu frivole Haltung erscheinen). Denn, angenommen der norwegische Trompeter wäre ein (schreibender) Kollege von Karl Ove Knausgård, man hätte die lange Kette seiner Werke vielleicht als „Mitteilungen einer Trauerweide“ gelesen.
Damit sind Molværs frühe Meriten keineswegs in Frage gestellt, die frühen TripHop & Jazz-Amalgamierungen, z.B. ab „Khmer“ (1997), noch dazu in ungeraden Takten.
„Be quiet“ signalisiert nun allein schon vom Titel her eine Umkehr. Wenn Molvær denn schon mit seinem Instrument vor sich hinträumt, dann wenigstens nicht inmitten von Donnerwolken, sondern in dynamisch erträglichen Gefilden.
Be quiet - seid ruhig, er hat’s ja angekündigt.
Und, soviel vorweg, er hält sich daran, konsequent (eine der Lieblingsvokabeln der Jazzkritik, hier trifft sie zu). Vielleicht sogar zu konsequent: es fehlt jeglicher Kontrast, jegliche Gegenrede, noch der kleinste Aufruhr.
Aber, ist das Motto „Be quiet“ nicht andererseits bestens geeignet, die Abweichung eben nicht im Bereich der Dynamik zu suchen, sondern im Detail? Im Sound? Zumal er sich für diese Sammlung von Begegnungen ja doch illustre PartnerInnen gewählt hat?
Der Dokumentarfilmer Per Manning hat Molvær an die weit verstreuten Orte seiner Begegnungen begleitet, und die Beschreibung des Labels („capturing the process, environments and relationships behind the music, and informing the project's visual world“) sowie erste Clips im Netz lassen nicht erwarten, dass er sich dabei vorwiegend in den Studios umgesehen hat.
Eine spannende Frage wird sein, wie Mannings Bildsprache mit den geografischen Bezeichnungen für eine in weiten Teilen „ortlose“ Musik umgeht, die in hohem Maße Produkt einer weltweit verbreiteten Studiotechnik ist.
Die Stücketitel signalisieren Standorte von Studios und Wohnorte von Künstlern, sie versprechen nicht fieldrecordings oder soundscapes aus den so Bezeichneten.
Und selbst dort, wo von fieldrecordings die Rede ist, bei „Düsseldorf“ mit Miki Yui, sind diese "O-Töne" marginal, ohne repräsentationalen Charakter.Das Album ist Marilyn Mazur (1955-2025) gewidmet.
Ihr track schliesst insoweit an den banalsten track des ganzen Albums an („London-Finsbury Park“), als auch hier - zumindest im langen Intro - Piano-Arpeggien stehen.
Erst ab Minute 2:19 schaltet „Copenhagen“ um: auf einen dezenten Groove mit Pauken-Schlegeln und Molværs typischen, an Jon Hassell (1937-2021) angelehnten Sound, der jeden einzelnen Ton der Trompete mittels Harmonizer (heute dürften das andere Digitalgeräte sein) akkordisch und klanglich ausweitet.
Es ist ein Klangbild, das früher einzig Keyboardspielern offenstand, nun mit einem ganz anderen Ansatz (einer anderen Hüllkurve): dem Ansatz einer Trompete, was eben auch andere Phrasierungen erlaubt.
Gleichwohl bleibt dem Instrument in dieser Ästhetik alles „Typische“, alles Schmetternde, Schneidige versagt. Die Trompete fungiert wie ein Weichzeichner-Stift, der fraglos zu betörenden Eindrücken verhilft.
Nichts von dem, wie gesagt, in „London-Finsbury Park“, wo der frühere Led Zeppelin-Bassist John Paul Jones, nun auch schon 80, den Pianopart übernimmt und Nils Petter Molvær die Trompete pur spielt.
Der andere London-Beitrag („London-Hackney“) mit der Sängerin Imogen Heap zieht eine Art Quersumme des ganzen Albums, es ist der wohl repräsentativste track mit seinen drei, je langgezogenen Flächen in einem großen Hallraum: durch Molværs Trompete, die Vokalisierungen Heaps, durch Jan Bang. Wer was bewirkt, ist nicht klar, aber auch nicht entscheidend; die instrumentalen Zuordnungen lassen vieles an Ähnlichem zu.
Wie leicht diese primär klangliche, selbstgenügsame Vorgehensweise in Musik für Wellness-Oasen abgleiten kann, zeigt zuvor „Rome“ mit dem italienischen Elektroniker Martux_m, ein harmloses Blubbern & Wabern.
Zwei „Ethno“-tracks scheinen davor gefeit schon durch den Respekt, den Molvær den traditionellen Instrumenten erweist, indem er sie im Mix deutlich hervorhebt:
die Wölbbrett-Zither Gutzeng in „Bangkok“ durch Chang Jing sowie in „Amsterdam“ der/die Kamancheh, einer Stachelgeige aus der indischen und aserbaidschanischen Musik, durch Soheil Shayesteh.
Jener steht mit seinen elektro-akustischen Transformationen dieses Instrumentes der Ästhetik von Nils Petter Molvær sehr nahe, offenkundig auch in der Eigenart, dass diese Musik keine wirklich durchlaufenden drones kennt, sondern nur auf- und abschwingende Flächen.
Die beiden besten tracks sind die beiden letzten, die unter deutscher Beteiligung. „Berlin-orbit“ mit Carsten Nicolai aka Alva Noto überzeugt dadurch, dass der üblichen Tiefe des (Klang)Raumes minimale Klangpunkte im Vordergrund entgegengestellt werden. Man könnte hier sogar von einem „beat“ sprechen.
„München“ mit Anja Lechner bildet insofern doch einen Kontrast, als es die adagio-Stimmung des Albums ausschließlich analog zu Ende führt, fast wie in einem Song. Die Cellistin beginnt akkordisch und streicht erst in der zweiten Hälfte des Vier-Minuten-Stückes. Molvær selbst verzichtet auf alle digitalen Helferlein und nähert sich in der Tongebung ein wenig der flöten-artigen Intonation seines Landsmannes Arve Henriksen an (der erst kürzlich mit der hr Big Band in „Sketches of Spain“ brilliert).
Schön, dass das Wabern damit vorzeitig ein Ende findet.
erstellt: 05.07.26
©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten
Das Album ist