KAJA DRAKSLER/PETTER ELDH/CHRISTIAN LILLINGER Punkt.VRT.Plastik Kompress ********

01. Yogen (Draksler), 02. Trip (Eldh), 03. Granular Navigation (Lillinger), 04. For Sibylle, 05. Mariatorget 87 (Eldh), 06. Jogol (Draksler), 07. For A / Kompress (Lillinger, Eldh), 08. EKV (Draksler), 09. När Världens Hopp Förtvinat Stod (J. Rhau/P. Eldh), 10. Mera Punkt (Eldh, Draksler), 11. Vrt (Lillinger)

Kaja Draksler - p, Petter Eldh - b, Christian Lillinger - dr

rec. 18.+19.01.2025


Intakt Records CD 454/2026


Nach zwei Studio- (2018, 2020) und einem Live-Album (2021) ist dies das vierte des slowenisch-schwedisch-deutschen Trios.
Ein Wink des Pianisten Alexander Hawkins aus seinen liner notes zum zweiten („somit“) hilft, die right-into-your-face-Ästhetik dieser Art Post FreeJazz besser zu verstehen.
Hawkins fühlte sich dort an die Formen von "Musica Ricerata“ von György Ligeti (1923-2006) erinnert. 
Viel direkter noch als auf dem Live-Album bezieht sich Kaja Draksler hier nun darauf: in der Eröffnungsattacke „Yogen“ donnert sie das Sekundintervall aus "Musica Ricerata II“ in tiefer Lage und verstreut es zudem in zwei höheren Pianospuren.
Petter Eldh gibt den anchor man mit einem stumpfen 4/4-Baß-ostinato; der Groove wird durchsiebt von Lillinger in einer offbeat-Orgie metrischer Mehrdeutigkeiten.
Im übernächsten track („Granular Navigation“) mag man sogar einen waschechten uptempo swing erkennen, in „Mariatorget 87“ und in „Mera Punkt“ Themen wie in fiktiven Jazz-Balladen, und „När Världens Hopp Förtvinat Stod“ ist die Bearbeitung eines schwedischen Kirchenliedes von 1589.
Will sagen: mehr noch als auf den früheren Alben offeriert dieses vierte dejavu-Erlebnisse in Gestalt konventioneller Formen.
Nur, sie werden allesamt manipuliert, konterkariert, in Frage gestellt, dass es eine helle Freude ist.
Das Alt-Schwedische zum Beispiel löst sich auf, ohne den Charakter einer Kantilene zu verlieren, in McCoy Tyner-artigen Trillerketten.
Aus dem clubbigen „Mera Punkt“ bleibt ein leicht verstimmtes Klavier mit Wiederholungen übrig, deren Töne wie auf einer falsch abgetasteten Vinyl-Platte ruckeln. 
Der uptempo swing von „Granular Navigation“ bleibt selbstverständlich nicht erhalten, erst liegen Cluster-Akkorde obenauf, dann wechselt er ständig die Gestalt in kurztaktigen Groove-Wechseln, umwieselt von Lillingers snare.
Überhaupt die snare drum von Christian Lillinger!
(Ästhetisch) - wir wissen nicht ob auch seitens der Herstellung - eine absolute Einzelanfertigung (um mal wieder Volker Kriegel zitieren zu können).
In den 80ern hatte niemand einen Klang auf diesem zentralen Teil des drumset wie Steve Jordan (Achtung, Achtung, dies ist ein Vergleich und keine Gleichsetzung), er war dermassen ikonisch - wie 40 Jahre später der des Drummers aus dem Spreewald. Mit anderer Spieltechnik, mit noch anderererer Ästhetik (um ja nicht missverstanden zu werden).
Lillingers snare klingt so obergeil, dass er sich in „EKV“ mittels ultralanger Hallfahne eine maximale Abweichung davon gestattet. Hörer mit guten Erinnerungen an TripHop werden hier leicht andocken können.
Kaja Draksler bedient hier nicht (und in anderen Stücken ebenfalls nicht) das „piano“, wie es auf dem back cover so reinlich geschrieben steht. Sie setzt klangliche, auch mikro-tonale Verfremdungen ein (über die man gerne aus den liner notes etwas erfahren hätte).
Lillingers Rausschmeisser „Vrt“ (slowenisch für Garten) bringt die Repetitions-Ästhetik dieses Trios noch einmal in Fahrt: ein Spieluhr-Thema in einem irrsinnigen Tempo, das nach einem geradezu „hochmütigen“ Thema, wiederum umgarnt von Trillern, einfach den Deckel fallen lässt.
Mit anderen Worten: „Kompress“ ist das zugänglichste Album dieses Wirbelwindes im Trio-Format.

erstellt: 13.08.26
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