NILS WOGRAM, JIM MCNEELY, FRANKFURT RADIO BIG BAND – Trilogue + 15 *********

01. Trilogue (Mangelsdorff, B: Jim McNeely), 02. Zores Mores, 03. Foreign Fun, 04. Accidental Meeting, 05. Ant Steps on an Elephant´s Toe, 06. Yellow Hammer (Wogram solo)

Nils Wogram - tb
Frankfurt Radio Big Band cond. Jim McNeely
Heinz-Dieter Sauerborn - as, ss, cl, fl, Oliver Leicht - as, cl, alto cl, fl, picc, Stefan Karl Schmid - ts, altofl, Steffen Weber - ts, cl, bcl, Rainer Heute - bars, bcl, Frank Wellert, Thomas Vogel, Martin Auer, Axel Schlosser - tp, Günter Bollmann, Lukas Wyss, Christian Jaksjo - tb, Manfred Honetschläger - b-tb, Peter Reiter - p, Martin Scales - g, Hans Glawischnig - bg, Jean Paul Höchstädter - dr

rec. 22.10.2018

NWOG Records / nwog 072 / 4015698651966

Wie einst Netzer (ja, wir zitieren diesen Satz von Ror Wolf bei jeder sich bietenden Gelegenheit); wir zitieren und modulieren „Netzer kam aus der Tiefe des Raumes“ in: wie einst Netzer kam Jaco Pastorius aus der Tiefe der Berliner Philharmonie, aus den mittleren Rängen. Und bevor man ihn sehen konnte, konnte man ihn - Überraschung! - bereits hören, denn er sandte die signiture sounds seiner bandlosen Baßgitarre per Funk an den auf der gleissend erleuchteten Bühne wartenden Verstärker.
Klingt gut - stimmt aber nicht. Denn zum einen stammt der berühmte Satz gar nicht von Ror Wolf, sondern vom damaligen FAZ-England-Kulturkorrespondenten Karl-Heinz Bohrer. Und er hat ihn auch nie so formuliert (das Zitat ist plausibel, aber falsch - so wie „Harry hol´ schon mal den Wagen!“).
Und Pastorius kam auch gar nicht auf diesem Weg zur Bühne bei dem Konzert, auf das sich dieser Live-Mitschnitt bezieht, sondern drei Jahre später.
Das Konzert, auf das sich „Trilogue + 15“ nicht nur einfach bezieht, sondern es sich ausdrücklich anverwandelt, fand drei Jahre früher statt, am 6. November 1976.
Festivalchef war seit ein paar Jahren schon George Gruntz. Das spezifische Konzert, vor allem seine spätere Veröffentlichung auf LP aber war eine Idee des vormaligen Leiters (bis 1971), eine Idee von Joachim Ernst Berendt. „Ein typischer Berendt“, wie Kenner zu nörgeln pflegten, unter ihnen war diese Aussage ein Synonym für „Schnapsidee“. Der damalige „Jazzpapst“ beliebte nämlich, Gruppen nach seinem gusto zusammenzurufen.
Manches Projekt ging schief, das Konzert am 6. November 1976 aber nicht, im Gegenteil:
Das Konzert wurde zu einem meiner größten Erfolge, die ich je erlebt habe.“
169371310Sagt Albert Mangelsdorff (1928-2005), damals schon „amtierender Posaunenweltmeister“; den Berendt mit zwei der seinerzeit angesagtesten Jazzrock-Musiker zusammenbrachte.
Dass Alphonse Mouzon (1948-2016) dabei sein sollte, war klar. Mit ihm hatte ich schon öfter im Duo gespielt“, mit dem nach Billy Cobham meistbeachteten Drummer jener Jahre; berühmt u.a. für seine abenteuerlichen fills in Fünfergruppen über die tom toms (eines von mehreren Kernelementen der historischen Aufnahme).
Mouzon gehörte zum Gründungsstamm von Weather Report; Jaco Pastorius (1951-1987) stieß erst später, zu deren Hochzeiten, hinzu.
Mangelsdorff kannte Pastorius nicht; zu Weather Report hatte er „kaum Berührungspunkte. Nachdem ich ihn auf einer Platte, die Berendt mir zukommen ließ, gehört hatte, sagte ich natürlich: Klar, den nehmen wir.“
Mit anderen Worten: Mangelsdorff, der nie mit einem E-Bassisten gespielt hatte, wurde sogleich derjenige angedient, der schon damals (und bis heute) jenseits der Funk-betonten Kollegen mit seinen vibrati, seinen Akkorden, seinen glockenhaften Flageoletts die Ästhetik dieses Instrumentes, der Baßgitarre, prägt wie kein zweiter. (Anthony Jackson ist ein Sonderfall).
cover  Trilogue 15Jetzt also, d.h. 2018, anlässlich Alberts 90. Geburtstages, eine Fassung von „Trilogue“ für Big Band. Es war nicht die erste.
1998, anlässlich seines Siebzigsten, hatte die NDR Big Band mit ihm als Solisten in der Alten Oper Ffm. bereits Ausschnitte daraus gespielt (u.a. das Titelstück).
Das „Dreiergespräch“ in eine ganz andere Architektur einzulassen, mit mehr Planung, mit weniger Spontaneität, hatte also zumindest schon einmal den Elchtest bestand.
Wie seinerzeit Joachim Ernst Berendt in den liner notes zu „Trilogue“ (Mangelsdorff selbst weist darauf hin) ihren Aufwand übertrieben, ja aus dem lockeren Einüben der Drei überhaupt erst einen Aufwand konstruiert habe, treten die neuen liner notes (gewissermaßen in der Frankfurt Edition von Wolfgang Sandner) nun erst recht über alle Ufer.
Eigenartigerweise fehlt darin ein Hinweis auf die frühere Besteigung der Eiger-Nordwand (1998 durch Dieter Glawischnig mit der NDR Big Band in der Alten Oper).
Denn die historische Trio-Aufnahme „in einem neuen Setting zu würdigen“, so heisst es hier allen Ernstes - fasten seatbelts ... „ist mit einem Aufstieg zur Eiger-Nordwand ohne Seil vergleichbar“.
Und dazu rhetorische Fragen en masse: „wie übersetzt man ihn (den Monolith, Anm. JC) in ein neues Jahrzehnt, Jahrhundert, Jahrtausend, ohne ihn seiner ursprünglichen Relevanz zu berauben?
Ja, tun wir das einfach mal, nur aus Jux. Stellen wir uns also vor, mit welchem Klangbild es Jim McNeely 1949-2025), immerhin 11 Jahre Chefdirigent der hr Big Band aka Frankfurt Radio Big Band, gelungen wäre, obige Frage zu beantworten, mithin also die historische Albert Mangelsdorff Aufnahme von 1976 ihrer „ursprünglichen Relevanz zu berauben“…
(...) Ganz recht, es liegt jenseits jeder Vorstellung, diesem absurden Gedankengang zu folgen.
Jim McNeely hr Ben KnabeJim McNeely, die 15 Mitglieder der Big Band, plus Nils Wogram, Hans Glawischnig und Jean Paul Höchstädter, die heutigen Stellvertreter der historischen Besetzung, aber tun das Erwartbare, sie tun das Richtige: sie stellen nicht nach, was sich nicht nachstellen lässt, sie kehren den Komponisten Albert Mangelsdorff hervor.
Glawischnig bedient die Bassgitarre nicht wie Pastorius (er verzichtet z.B. auf dessen typische flageolett-Klänge), Höchstädter trommelt nicht wie Mouzon.
Lediglich Nils Wogram übernimmt manchmal in den Intros die Linienführung von Mangelsdorffs multiphonics, die „Mehrstimmigkeit“ (erzielt durch gleichzeitiges Spielens eines Tones und Singens eines anderen in gewählten Abständen darüber).
Früher schon, anlässlich des 10. Todestages von AM, 2015 im Frankfurter Stadtmuseum, hatte Wogram zusammen mit einem langjährigen Mangelsdorff-Mann (Christof Lauer, ts), schon einmal die Unumstößlichkeit von Mangelsdorff-Werken demonstriert; zwei Bläser, ohne jede Rhythmusgruppe. Verblüffend, was in Mangelsdorff-Themen steckt.
Diese Hommages waren und sind insofern erstaunlich, als Nils Wogram in seinen frühen Jahren durchaus Wert auf einen gewissen Abstand zu „uns Albert“ gelegt hatte. Das ist lange her, hat sich über die Jahre in eine Annäherung gewandelt, sodass er heute sagen kann: „Ich glaube, ich kann es mir inzwischen erlauben, Albert so richtig zu zitieren.“
Wohlgemerkt, in diesem Sinne, im Sinne von Zitaten, verfährt er hier, im Oktober 2018, mehrfach mit Mangelsdorffs mehrstimmigen Intros. Ansonsten hat er eine eigene multiphonics-Technik, die gegenüber dem historischen Vorgänger sogar reichhaltiger erscheint.
Eine Blaupause für McNeelys Zugriff auf die Originale demonstriert der opener, das Titeltstück „Trilogue“. Thema & Form lässt er zunächst weitgehend intakt, aber mit großer Raffinesse widmet er sich den Details. Hier Ausschnitte, vertikale Harmonisierungen aus dem Riff-artigen 9-Töne-Thema des A-Teiles, das er über diverse Grooves bis hin zu polyphoner Ausschmückung ausfächert.
Den midtempo-swing von „Zores Mores“ übernimmt auch er; an die  Stelle der dunklen-akkordischen Interventionen von Pastorius in „Foreign Fun“ setzt er ein ein Breitwand-Drama.
Das wohl interaktivste Stück „Accidental Meeting“ beginnt er wie im Original mit dem Kerntrio (Wogram, Glawischnig, Hochstädter) und setzt kurz vor der 2:00-Minuten-Marke, als es wie nach Schluß klingt … ein Intermezzo aus drei Flöten ein! Die 15 Musiker aus dem Titel balgen sich in wechselnden Aufteilungen um das jagd-artige Thema aus „Accidental Meeting“, kommen wieder zusammen in einer Kollektiv-Improvisation - was für ein Drama!
Nun hat McNeely neben dem Solisten Wogram auch einen vierköpfigen Posaunensatz zur Hand. In dem angeshuffle-ten Rocker "Ant Steps on an Elephant´s Toe" multipliziert er den Mangelsdorff-Part von einst erst auf zwei, dann auf drei Hörner. Auch hier wieder lernt man: was hatte das Original alles an riffs, die man nun schön polyphon ausleuchten kann.
Nils Wogram sw  c Nils WogramDer Abschluß von „Trilogue + 15“ stand am 6. November 1976 gar nicht auf dem Programm, er ist vier Jahre älter: „Yellow Hammer“, aus Mangelsdorffs erstem Soloalbum „Trombirds“; ein Paradestück für das mehrstimmige Spiel auf der Posaune. Wo Urheber und Interpret nach der Vorstellung des Themas im staccato-Improvisationsteil eintaktig in call & response mit sich selbst treten.
Das ist eine tiefe Verbeugung vor dem einstigen „Posaunenweltmeister“ durch einen seiner heutigen Nachfolger.
Dessen Status, dessen Abstand zum Heros und seiner Marke auch nur irjenswie zu skalieren, sich schon deshalb verbietet, weil das Etikett (wir meinen, in Volker Kriegel den Urheber zu erkennen) damals schon von anerkennender, liebevoller Ironie geprägt war.
Albert Mangelsdorff ist seit 21 Jahren tot. Seine Musik lebt, sie wird weitergereicht - eine ungemein beruhigende Erkenntnis.
erstellt: 12.06.26
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