DIVR Live at Cully Jazz ********

01. Standing (divr), 02. In the Valley, 03. Made of Dreams, 04. Waiting For, 05. Echo's Answer (Broadcast)

Philipp Eden - p, Raphael Walser - b, Jonas Ruther - dr

rec. 22.04.2023

We Jazz Records

(first things first: es ist nichts als der reine Zufall, dass an dieser Stelle nacheinander zwei Alben rezensiert werden, die auf einem Festival am Genfer See entstanden sind, das hierzulande kaum jemand kennt - zumal die Alben auf sehr unterschiedlichen Labels erscheinen, diesmal in Finnland.)
Eines vorweg: dieses Album ist eine Prüfung.
Wer sich (s)einen Reim darauf machen, geschweige denn: es genießen will, braucht Ausdauer. Wir veranschlagen an die neun Minuten. Soviel will heute niemand mehr erübrigen, bis er wissen kann, woran er/sie ist.
Das Label dieses digital release hilft (zumindest im Pressetext) mit ein paar Referenzen: The Necks (joa, da kann man Verwandtschaft erkennen), Mal Waldron (vielleicht) sowie das Lowell Davidson Trio (1965 - noch weniger).
Obendrein zieht das Label einen Kritiker aus dem US-Magazin down beat heran, der sich gar nicht mehr einkriegt über das Studioalbum „Is this Water“ (gleichfalls 2023 entstanden):
It's absurd how good Swiss trio divr is at playing this music.“
Er meint eine Musik, die Spannung aus der Reibung zwischen loops und den Abweichungen davon bezieht. Das mag auf „Is this Water“ zutreffen. Aber hier kommt keinerlei Elektronik zum Einsatz, hier sind die Repetitionen von Hand gemacht, ebenso die Abweichungen davon (man könnte auch sagen die offbeats).
Hier, das ist der Weinkeller „Sweet Basil“ in Cully, einem Dorf am Nordufer des Genfer Sees, näher an Lausanne gelegen (im Westen) als an Montreux. Und jazzmäßig, in puncto Innovationen, (man weiß gar nicht, wie man das skalieren soll) sowieso sehr viel weiter vorauf als der berühmte Bruder im Osten.
Das „Sweet Basil“ existiert nicht mehr. Aber der zweite von drei sets dieses Trios an jenem 22. April 2023 ist hier glücklicherweise festgehalten, vor einem „neugierigen, kleinen und tief versunken hörenden Publikum“ - „(it) felt truly magical“, wie die Musiker berichten.
Das dürfte der nun sicher größeren Zuhörerschaft im akusmatischen Modus (d.h. ohne die Klangquelle zu sehen) vermutlich nicht dermaßen zugänglich sein, aber mittels Neugier & Ausdauer sollte sich zumindest ein Erstaunen einstellen.
cover divr cully jazz   1Es geht los mit einem einsam mäandernden Kontrabaß. Er startet auf dem tiefen C. Man weiß nicht recht, was er uns sagen will, welche Ordnung er anstrebt. Sie ist tonal, sie hat Pausen.
Nach einer Minute steigt das Piano ein, verfährt ähnlich, das Schlagzeug scheppert verhalten im Hintergrund. So geht das an die sieben Minuten.
Später, als man das Album noch einmal hört (und man tut es gerne, wieder & wieder), hört man diese Strecke anders, nämlich als - ja, vielleicht - trance-artiges Einstimmen in einen wohl einzigartigen Prozess der Repetitionen.
„Standing“ bricht ab nach 6:43 (das ist die Crux der digitalen tracks), obwohl es real übergeht in „In the Valley“.
Wiederum in der „Rückschau“ erkennt man, dass die track-Wechsel mit dem Wandel musikalischer Strukturen einhergehen.
Das Trio hätte die Abschnitte auch „A,B,C,D,E“ beschriften können. Aber da „E“ bereits seit 2020 einen Titel hat - es handelt sich um „Echo's Answer“, ein Stück der englischen Truppe Broadway - hat es den eigentlich offenen Parcours dorthin poetisch überschrieben mit „Standing/In the Valley/Made of Dreams/Waiting For/Echo's Answer“.
(im übrigen eine Praxis, die Wayne Krantz schon 1993 vorgeführt hat).
„In the Valley“ also etabliert das primäre Prinzip dieser Musik: die Repetition, die Wiederholung einzelner Töne oder Tongruppen. Von loops zu sprechen wie beim Studio-Debüt verbietet sich hier, denn die Repetitionen hier unterliegen keinerlei Mechanik. Und das macht ihren Reiz, ihre Spannung aus: ihre Unpräzision.
Philipp Eden spielt in der linken zwar ein ostinato, aber springt mit der rechten völlig unvermittelt einher, in diesem track zu einem „A“ in der höchsten Lage. (Die Sonntagsrede des Jazz, wonach es auf jeden einzelnen Ton ankäme, hier trifft sie zu.)
Ab 2:20 schlurft seine linke Spieland geradezu in einen ternären Groove, und der Schlagzeuger Jonas Ruther tut einiges, um das zu verschleiern.
„Made of Dreams“ zeigt an, dass wir es bei dieser Performance dynamisch mit einem lang gestreckten crescendo zu tun haben. Das Tempo ist immer noch mäßig, und der Schlagzeuger baut zum Ende hin eine Art „Natur-Echo“ auf, durch Repetitionen auf snare und bassdrum.
„Waiting for“ verdeutlicht, was in dieser letzten Passage schon angelegt ist: ein Pop-Groove.
Philipp Eden schaltet dazu um auf ein fünf-schlägiges Motiv, das er tremolierend verdichtet & verdichtet, schließlich die Dynamik herausnimmt.
Und nach einer guten Minute in „Echo´s Answer“ das Thema dieses Popsongs aufscheinen lässt.
Wiederum in einer Haltung, als bräche jeden Augenblick das rhythmische Konstrukt vor lauter Lässsigkeit in sich zusammen.
Ein großer Kunstgriff!
Das fragil durchgehaltene Motiv fängt noch eine jede metrische Abweichung auf und adelt sie zu etwas Höherem.
Man wäre wirklich gerne dabeigewesen in diesem Weinkeller, im „Sweet Basil“ zu Cully/CH!

erstellt: 29.12.25
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