VIJAY IYER SEXTET Far from Over ********

01. Poles (Iyer), 02. Far from over, 03. Nope, 04. End of the Tunnel, 05. Down to the Wire, 06. For Amiri Baraka,  07. Into Action,  08. Wake,  09. Good on the Ground,  10. Threnody



Vijay Iyer - p, ep, Stephan Crumb - b, Tyshawn Sorey - dr, Graham Haynes - cornet, flh, electronics, Steve Lehman - as, Mark Shim - ts

rec. 04.2017

ECM 2581

Soviel Hancock, soviel Rock waren nie bei Vijay Iyer.
Iyer ist ein vornehmlich rhythmischer Pianist; dass patterns a la Hancock ihm vertraut sind, konnte man gelegentlich bestimmten Koordinationen von rechter und linker Spielhand entnehmen. Das hat kaum je den Level eines Zitates erreicht.
Nun aber rückt er dem Hancock der frühen 70er Jahre nahe, seine Combo ist fast identisch der des legendären Herbie Hancock Sextetts besetzt (dort gab es eine Posaune statt hier eines Altsaxophons), dies kommt insbesondere in Klangbild und einigen strukturellen Parametern zum Ausdruck. Das Fender Rhodes Electric Piano, das Vijay Iyer hier seit längerem wieder bedient, tut ein Übriges.
cover iyer far from
„End of the Tunnel“ und „Wake“, beide Features für das mit Echo versetzte Cornet von Graham Haynes (ein Äquivalent für Eddie Henderson´s Trompete), drücken die Verwandtschaft am deutlichsten aus, untermalt von einer sparsam binären, rock-nahen Rhythmik, wie sie für manche Stücke aus Hancock´s Alben „Mwandishi“, „Crossings“ und „Sextant“ kennzeichnend sind.
„Nope“, nach einem geradezu lieblichen Vorspiel, sitzt auf einem dunklen Piano-vamp a la Hancock, getrieben von einem ternären Rock-Beat, den man auch als eine Variante des berühmten Purdie-Shuffle hören kann.
Ja, ja, ja, es groovt, und Tyshawn Sorey, der neue Alleskönner für die deutsche Jazzkritik, ist gut dabei.

Aber, die Trommler damals, allen voran Bernard „Pretty“ Purdie, konnten´s besser. Spielten noch mehr tight. (Andererseits, „Far from Over“ wäre als Nostalgie-Projekt ziemlich missverstanden…)
Sorey´s Metier ist eher der große Grenzbereich zwischen dem jeweiligen Beat und seinen Abweichungen bzw. Unterteilungen. In „Down to the Wire“ hat er seinen großen Moment, abgerundet mit einem Schlagzeugsolo. Nachdem vorher die drei Bläser unfassbar präzise und eng zusammengespielt haben, stilistisch in einer Melange a la „MBase meets Free“.
Unter ihnen beeindrucken die beiden Saxophonisten weitaus mehr als Graham Haynes mit seinem Cornet. Mark Shim, den man endlich mal wieder hört, kommt seit seinen Tagen bei Elvin Jones wunderbar klar mit einer forcierten Rhythmik wie hier (die selten nur Elvin-esk ausfällt).
Die größten Momente aber hat Steve Lehman. Schon im mitreißenden opener wird sein staccato-haftes Alt herausgestellt; wie und wann er in seinem Solo Ketten spielt, Einzeltöne oder … pausiert - eine Meister-Performance. Man kann dieses dynamische, aber auch das elegische im langen crescendo des Schlussstückes „Threnody“ hören als Hommage an den in diesem Jahr verstorbenen Arthur Blythe (1940-2017). Lange nicht mehr hat man ein so leuchtendes vibrato auf dem Altsaxophon gehört.

erstellt: 14.12.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten