Das Wortspiel, eine Alliteration, mochte geeignet sein, um vor einem Jahr den Wechsel von Reiner Michalke von MOers nach MOnheim anzuzeigen.
In Moers war er künstlerischer Leiter (2006-2016), in Monheim ist er geschäftsfühendender Intendant.
Nein, Monheim ist nicht das neue Moers.
Monheim liegt direkt am Rhein, rechtsrheinisch, ist nicht mal halb so groß wie Moers, kann sich aber erlauben, viel mehr Geld in die Hand zu nehmen. Widerstand gegen das Festival, wie er seit 1972 die Sekundärmusik am linken Niederrhein stellt, ward in der Gegend um den Rheinkilometer 714 (noch) nicht gehört.
Ab 2023 wird dort, mit eigener Schiffsanlegestelle, eine Ölbearbeitungsstation in eine „Kulturaffinerie K 714“ umgewandelt sein (nein, soweit sind die Monheimer Linguisten noch nicht, sie belassen es bei der „Kulturraffinerie K 714“).
Und dann wird sie beginnen, die Monheim Triennale.

Einen Vorgeschmack, im kleineren Format, an anderen Orten der Stadt, wird es schon 2020 geben. Die Köpfe dazu wurden jetzt bekannt.
Was sie wo und wann genau zwischen dem 1. und 5. Juli 2020 veranstalten, wird erst am 2. Dezember offenbart. Der Fokus wird auf „Künstlerpersönlichkeiten“ liegen, er wird sich nicht auf „Werke, Gruppen oder Ensembles“ richten.
Das stilistische Spektrum dürfte das von Moers noch ausweiten:
„Wir wollen die Aktuelle Musik zeigen, so wie sie wirklich ist: schubladenfrei und sparten-übergreifend. Von der Neuen komponierten Musik, über die verschiedensten Spielarten der Improvisierten Musik bis hin zu den ambitionierten Beiträgen der Pop-Avantgarde. Und das alles hierarchiefrei, auf Augenhöhe.“ (Michalke)
Monheim Webseite

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Von den 16 Köpfen sind einige aus Moers bekannt, auch aus dem Stadtgarten Köln, wo Michalke seit 1986 das Programm bestimmt. Kris Davis zum Beispiel, oder Shabaka Hutchings, Robert Landfermann, Markus Schmickler, Ava Mendoza, Stian Westerhus oder auch Terre Thaemlitz (hoffentlich redet er nicht soviel…).
Aber nicht Phillip Sollmann, der resident DJ aus dem Berliner Berghain oder auch Sam Amidon, Folkmusiker aus Vermont/USA.
Oder die Sängerin/Schauspielerin Julia Uhlela, gebürtig in Knoxville/Tennessee, dessen "Big Ears"-Festival mit zu den Impulsen zur Gründung der Monheim Triennale zählt.

erstellt: 04.09.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten


Zu den Forderungen der neulich in Deutsche Jazz Union umbenannten Union Deutscher Jazzmusiker gehört eine
"gleichmäßige Besetzung mit Frauen und Männern in ent-
scheidungsrelevanten Gremien wie Jurys oder Kommissionen“.
„In einem paritätisch besetzten Gremium“, so die Annahme, „können Entscheidungen am ehesten unabhängig vom Geschlecht getroffen werden.“
Das prominenteste unter den in Frage kommenden Gremien dürfte die Jury sein, die zweijährlich den von GEMA und GVL gestifteten und mit 15.000 Euro dotierten Albert Mangelsdorff Preis vergibt.
Sie kann - weil aus sieben Mitgliedern bestehend - paritätisch nicht besetzt werden.
2019, immerhin, wurde der weibliche Anteil von zwei auf drei gesteigert (Nadin Deventer, Jazzfest Berlin; Ulrike Haage, Musikerin und Preisträgerin 2003; Kornelia Vossebein, Bundesjazzkonferenz).
Intern liest sich das als „paritätisch plus“: drei Frauen, drei Männer plus Nikolaus Heuser (Juryvorsitz und zugleich Vorsitzender der Deutschen Jazz Union).
Paul Lovens 1

 

Die Wahl von Paul Lovens, 70, als Preisträger 2019 dürfte kaum als kontrovers, sondern als berechtigt aufgenommen werden.
Sie steht im Einklang mit früheren als Auszeichnung für ein Lebenswerk.
Ob der Aachener Schlagzeuger wirklich „Genregrenzen neu definiert“, wie die Jurybegründung ein wenig ungeschickt formuliert, sei dahingestellt.
Ganz sicher ist er ein „Virtuose des Ensemblespiels“.
Mit Lovens wird zudem gewissermaßen ein Kapitel geschlossen:
nach Alexander von Schlippenbach (1994), Peter Kowald (1995), Gunter Hampel (2007) und Peter Brötzmann (2011) kommt nun einer der letztmöglichen aus der deutschen Abteilung des europäischen FreeJazz zu Ehren.
(Auch die beiden ostdeutschen Preisträger Ulrich Gumpert, 2005, sowie Ernst-Ludwig Petrowsky, 1997, zählen zu dieser Linie.)

 

Viel spannender aber ist die Frage:
Who´s next, 2021?
Die Webseite der Deutschen Jazz Union kennt immerhin schon das Geschlecht:
„Frauen und Männer werden jeweils im Wechsel ausgezeichnet.“
Waitaminute - wie verträgt sich dieser m/w/m/w/-Automatismus mit der Prämisse
„Entscheidungen am ehesten unabhängig vom Geschlecht (treffen)“?
Wie lange will man 50/50 unter den PreisträgerInnen durchhalten in einer Szene, deren reale m/w-Proportion derzeit mit 80/20 beschrieben wird?
Wer will den Preisträgerkandidatenstau im Jahre 2025 verantworten?
Und der Name: Albert Mangelsdorff Preis!
Ließe sich der nicht in „geschlechtergerechter Sprache“ darstellen?

erstellt: 02.09.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten


Kamasi Washington spielt in der Arena Wien.
Das Konzert ist für 20 Uhr angesetzt. Der Künstler und sein Gefolge erscheinen auf der Bühne um 21 Uhr. Statt Tönen gibt Washington eine Erklärung ab.
Sein Vater sei von einem der Security Men „angegriffen“ worden („assaulted“). Er habe die betreffende Person daraufhin mit dem Vorfall konfrontiert und sei von dieser kaltlächelnd abserviert worden: der Vater habe sich „wie ein Arschloch benommen“.
Wie Wiener Zeitungen zu entnehmen, konnte Rickey Washington (er spielt in der Band seines Sohnes Flöte) beim Betreten des Geländes offenkundig keine der am Vormittag ausgegebenen Zugangsberechtigungen vorweisen.
Kann passieren. Das nun folgende Wortgefecht ist nachvollziehbar, es kam zu einer Rempelei, niemand ging zu Boden. Der Sicherheitsmann wurde, wie gefordert, vom Dienst suspendiert.
Empörung, Verärgerung über den Vorfall (wenn er sich denn wirklich so zugetragen hat) - allzu verständlich.
Aber nicht, dass das Publikum dafür gewissermaßen „büßen“ muss.

Kamasi Washington umgarnt die Zuhörer mit einer von allerlei Vokabeln der Zuneigung und des Friedens durchsetzten Rede, gut dokumentiert, auch mit Untertiteln, auf der Webseite des Wiener Standard - und zieht die Konsequenz: er spielt nur ein Stück, „Truth“.
Der Veranstalter beteuert auf Twitter, wer wolle, könne sein Ticket an den jeweiligen Vorverkaufsstellen „refundieren“, vulgo: Geld zurück. Und wünscht einen guten Heimweg.
Nächste Meldung: „Rapper sagt Auftritt im Zillertal ab.“

erstellt: 16.07.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten


 

Ted Gioia, den wir an dieser Stelle hinreichend gewürdigt haben, kündigt, nein droht ein weiteres Verhängnis, pardon Buch an:
Music: a subversive Story
Er kann´s gar nicht mehr abwarten, die Auslieferung des Bandes ist nur noch „100 Tage entfernt“, der Umschlag schon da, und darauf jubelnde Vor-Urteile von Terry Riley bis Fred Hersch („Gioia begründet die Universalität der Musik in allen Kulturen und Zeiten“).
Gioia begnügt sich diesmal nicht mehr mit Jazz oder „Love Songs: The Hidden History“ (seiner letzten Veröffentlichung).
Diesmal geht´s um Große Ganze, er verspricht eine „subversive Enthüllung von tausenden von Jahren der Musikgeschichte“.
Hauptthese: wir alle sind Opfer eines mehr als nur Great Rock´n´Roll Swindle, sondern eines gigantischen Betruges, der uns „bewußt die wahren Quellen von Kreativität und Innovation verschweigt“.
Wenn man von den auf seine Webseite in hoher Dichte angebotenen Essays zur Probe mal einen aufruft, einen der zum Thema passt, z.B. über Universalität - kann man nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen angesichts des dröhnenden Unverständnisses gegenüber der Forschung.
Gioia ist offenkundig der Unterschied zwischen „Universalität“ (der Musik) und (musikalischen) Universalien nicht bekannt oder er will ihn nicht wahrnehmen.
Ornette Coleman comic

Im Gegegensatz zu Ted Gioia hat Matthew Brown noch keinen Verleger.

Brown arbeitet an einem comic, pardon, einem graphic novel über das klassische Ornette Coleman Quartet.
Offenkundig ist Gioia davon angetan, denn er twittert eine Seite daraus.
Die vier Musiker sprechen oder denken dort ein Jazzmusiker-Latein…hölzener, klischeehafter geht´s nicht.

Vor fünf Jahren war ein Django Gold im New Yorker mit einer bösen Parodie eines Sonny Rollins-Interviews über die Humorlosigkeit der Jazzszene hergefallen. An dieser Eigenschaft bei Brown müsste er verzweifeln.

erstellt: 24.07.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten


Das timing war nicht gerade jazzlike, ein wenig, ein wenig viel hinter dem Beat.
An dem Tag, an dem die Telekom bekanntgibt, die ersten Städte für 5G freizuschalten und Meldungen auf das andere Ende der Fahnenstange verweisen, wonach 3G-Kunden bald wohl unverbunden sein dürften.

An diesem Tag geht der Trompeter Markus Stockhausen mit seiner Petition an die Öffentlichkeit: kein 5G in NRW!
Der regionale Zuschnitt verwundert zunächst. Richtet sich die online-Petition doch
„an den Ministerpräsidenten Armin Laschet, Umwelt- und Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser, Natur- und Verbraucherschutz, u.a.“
Wenn man auf der Seite scrollt, sieht man, dass Stockhausen auch an „alle Mitglieder der Landesregierung NRW - alle Bürgermeister in NRW“ sich wendet und schließlich auch nicht die vier beteiligten Telefonkonzerne vergessen hat.
Sein Ton ist alarmistisch. Die Gesundheitsgefährdung sei bewiesen, „tausende Male, von namhaften Wissenschaftlern“.
Wäre die potenzielle Gefährdungslage nicht wirklich neu und auch von neutralen Quellen unbestritten, dass es noch keine Langzeitstudien gibt (wie auch?), dürfte man sich an den Aufstand der Lungenärzte (wie hieß noch deren Häuptling?) erinnert fühlen.
Nur dass der Trompeter eben in die andere Richtung rennt, geradewegs ins Armageddon:
„Und hinzu kommt noch, dass mit 5G ein perfekter Überwachungsapparat ausgebaut werden soll. In China ist es schon soweit. 5G könnte man auch als (tödliche) Waffe einsetzen, man braucht nur die entsprechenden Feldstärken und Frequenzen zu senden. Nein danke.“
Zum Zeitpunkt dieses Artikels haben sich 247 Personen bei openpetition gemeldet,
Stockhausen´s Frau Tana Bourman ist darunter, aus dem Jazzlager Cornelius Claudio Kreusch, Heiner Wiberny, Joachim Zoepf, ja sogar Evan Parker (DER Evan P.?).
Etliche allerdings trauen sich nicht so recht, sie kommentieren viel, tun dies aber „nicht öffentlich“.

erstellt: 04.07.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten