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Patrick Gleeson, 1934-2026

Er war und wird wohl auch bleiben: eine Fußnote in der Geschichte des Jazz.
Eine funkelnde, eine klanglich sprühende Fußnote; dynamisch gesehen in einer Hüllkurve (ADSR) mit steilem (A)ttack-Wert (Anstieg), raschem (D)ecay (Abfall) und langem (S)ustain (Halten) wie auch (R)elease (Freigeben).
Den steilen Anstieg kann man sehr genau datieren: Februar 1972, Different Fur Studios in San Francisco. 
Dort nämlich folgte Herbie Hancock einem Wink seines Produzenten David Rubinson: „Hör´mal, in der Rockmusik verwenden sie jetzt dieses neue Instrument, genannt Synthesizer. Vielleicht solltest du das auch mal ausprobieren!“
Was heute verwundern mag: der Meisterpianist (zu dem Zeitpunkt mehr noch am Flügel als am E-Piano) hatte keine Ahnung von dem elektronischen Zeugs, wie er gleichfalls in seiner Autobiografie „Possibilities“ mitteilt. 
Sehr zur Überraschung des von Rubinson empfohlenen Patrick Gleeson, Miteigentümer des Studios. 
Das Hippie-Welt hatte ihn 1967 zur Aufgabe einer Dozentur für Englische Sprache an der San Francisco State University verführt, hin zu allerlei Aktivitäten, für die er nicht ausgebildet war. Etwa zum Herumtüfteln an einem frühen Synthesizer, dem Buchla (heute noch in Berliner Elekronikkreisen im Einsatz) und dann 1968, unter dem Eindruck von Walter (inzwischen) Wendy Carlos „Switched on Bach“, der Moog.
Damals ein Schrank mit Kabeln und Drehschaltern, der mit viel Handarbeit abenteuerliche Klänge erlaubte. Man konnte sie nicht speichern und auch nur so ungefähr vorbestimmen, was später klanglich herauskommen sollte.
So ist dann im Februar 1972 „Crossings“ entstanden, und im Dezember jenes Jahres, sowohl bei Different Fur als auch bei Wally Heiders, das noch farbigere, noch mehr von Klangsprengseln auf offenen Funkrhythmen fortgetragene „Sextant“. Nunmehr mit dem praktikableren ARP 2600.
Ihr Reiz lag in der deutlichen Erweiterung des Klangraumes, ebenso in einer Kontraststellung dieser Klänge zu den Strukturen mitunter hart fordernden Grooves („Hornets“!). Insofern kommt beiden - „Sextant“ noch mehr als „Crossings“ - jazzhistorischer Status zu.
Hancock allein hat später an seinen Keyboard-Burgen kaum je an diese Dichte anschließen können. Was er heute macht, mutet demgegenüber fast wie ein schlechter Scherz an.
Die realisierten Klangfantasien, so aufregend sie damals waren, sie tragen einen Zeitstempel; solche Effekte möchte man heute nicht mehr einsetzen (obwohl manche sich doch immer wieder damit durchmogeln).
Gleeson hat seinen Farbbaukasten im gleichen Zeitraum anderen Mitgliedern des Hancock Sextetts zur Verfügung gestellt: Eddie Henderson („Realization“, 1973, und „Inside Out“, 1974), und Julian Priester („Love, Love“, 1983), die praktisch Zweitversionen waren.
Für Joe Hendersons „Black Narcissus“ (1975) zog er im Hintergrund sozusagen das große Bühnenbild auf, während vorne an der Rampe Joachim Kühn am Piano perlte.
Zunächst mit Julian Priester („Beyond The Sun: An Electronic Portrait Of Holst's The Planets“, 1976) tauchte er dann „Star Wars“, aber auch „Vivaldi“ tief in seinen Elektronik-Hall-Eimer und ging mehr und mehr in der Rolle als Produzent und Tontechniker auf (u.a. für „Apokalypse now“, 1979).
Ein letztes Aufflackern seiner Jazzleidenschaft dann 2007 mit Jim Lang in einem unter dem seltsamen Titel „Jazz Criminal“ gestrauchelten Versuch, an der Seite von Bennie Maupin, Wallace Roney, Ronnie Burrage u.a. an die Mittsiebziger anzuknüpfen.
Zwischendrin ist er dann zu dem wiedererstarkten Hersteller zurückgekehrt, sodass die Bob Moog Foundation heute seinen umfangreichsten Nachruf verbreitet.

Dr. Patrick Gleeson, geboren am 9. November 1934 in Seattle/WA, verstorben am 19. Juli 2026. Er wurde 91 Jahre alt.

Foto: Bob Moog Foundation
erstellt: 29.07.26

©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten

Benoît goes to Bern

Wird das eine Berner Jazztradition?

Jedenfalls geschah die inoffizielle Übergabe des Staffelstabes sehr informell mit einem Bad in der Aare: 
Django Bates (Jazzpiano- und Kompositions-Dozent), der am Fluß lebt, übergibt an Benoît Delbecq, auf Wasserhöhe begleitet von Stefan Schultze (Leiter der Kompositionsabteilung).
De facto startete so das erste „epische Meeting“ zwischen Django und Benoît  in der Hauptstadt der Schweiz.
Letzterer ist gerade 60 geworden (was man ihm nicht ansieht).
Ersterer hat im Oktober letzten Jahres die Pensionsgrenze überschritten; er ist inzwischen Eidgenosse, arbeitet nur noch mit halber Stundenzahl und nimmt keine neuen StudentInnen an der Jazzabteilung der Hochschule der Künste Bern mehr an.
Delbecq übernimmt die andere Hälfte und wird ab September 2027 den vollen Job (15 Stunden wöchentlich) antreten, voraussichtlich für fünf bis sechs Jahre.
Der Empfang durch Django und das Team an der Hochschule sei „emotional überwältigend“ gewesen.
Auch Außenstehende dürften applaudieren, dass eine Jazzlehrstätte einen solchen Posten in Folge mit zwei der führenden Pianisten der Gattung in Europa besetzen kann.
Die selbstverständlich - das ist Standard in diesem Berufsfeld - nicht die eigene Ästhetik zum Gegenstand machen, sondern ihre Studierenden beim Suchen & Finden eigener Wege unterstützen. Ein Pianist wie z.B. Florian Favre lässt wirklich gar nichts von seinem einstigen Ausbilder Bates erkennen.

erstellt: 31.07.26
©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten

 

Rodney Holmes, 1966-2026

JC beginnt diesen Nachruf aus gutem Grund mit demselben Video wie im Nachruf auf Wayne Shorter.
Es zeigt dessen unfassbar gut eingespieltes Quintett beim Montreux Festival 1996 (mit David Gilmore, g, Jim Beard, keyb, Alphonso Johnson, bg, Rodney Holmes, dr).
Von besonderem Interesse hier - neben der dichten, interaktiven Verknüpfung mit dem Ensemble durch Letzteren -  auch sein Solo (4:18-5:52).
Im zweiten Video beantwortet er vor großem Publikum die Frage nach dem "riff with the cowbell", eine seiner Techniken, die auch bei Wayne Shorters "Over Shadow Hill Way" zum Einsatz kommen.
                                                                                       ----------
Es muss in den frühen 90ern gewesen sein, im Stadtgarten Köln. Wir erinnern uns nicht mehr so genau: mutmaßlich Gary Thomas, seit einiger Zeit „verstummter“ Tenorsaxophonist, war mit einem Quartett, darin Dennis Chambers, angekündigt. Stattdessen nahm ein gewisser Rodney Holmes am drumset Platz.
Die Enttäuschung verwandelte sich alsbald in Verwunderung: warum hatten wir noch nie von diesem jungen Mann gehört, für den der Status „Ersatzmann“ einer frivolen Untertreibung gleichkam?

An diesem Abend brannte sich eine Erfahrung ein, die im nachfolgenden Jahrzehnt als stabile Vorfreude immer wieder vorkam: als wir ihn dann sahen mit Jean-Paul Bourelly, mit Joe Zawinul, auf der „Return of the Brecker Brothers“-Tour.
Als der überlebende der beiden, Randy Brecker, am 19.09.25 spielend seinen Achtzigsten feierte, da wirkte er im Hintergrund mit.
Der Kollege Dave Weckl - bei vergleichbarer Technik weitaus berühmter - spendierte ihm ein sehr frühes testimonial:
„He came to me somewhere in the mid 80s for a drum lesson. He sat down and played for about five minutes. I literally told him there was nothing for me to show him, and to go home."(Dave Weckl auf Facebook).
Holmes hat keine der anerkannten Jazz-Ausbildungsstätten absolviert, er ist weitgehend Autodidakt. Als Teenager hatte er zwei Jahre in Georgia verbracht und an der Schule in Ermangelung einer Jazzband sich mit den Techniken des Marching Band Drummings vertraut gemacht. 

Sein erster Lehrer war ein Perkussionist, Frankie Malabe; Horacee Arnold als ausgesprochener drum teacher kam später.
Erster relevanter Jazzjob mit Clyde Criner, einem frühen schwarzen Fusion-Keyboardspieler, und dann: Jean-Paul Bourelly.
„That gig was really a major influence on the way I play today“, sagt er 1993.
Nämlich auch deshalb, weil Bourelly keine ride cymbals und hihat-patterns mochte.
In Anpassung an dessen Wünsche verhalfen ihm die bei Malabe gelernten Lektionen (Umsetzung von Percussion-Techniken auf drumset) zur Entwicklung eines eigenen Stiles. 
Gute Voraussetzung, so scheint es, für den ihn solchen Fragen offeneren Joe Zawinul:
„He wants his band to be like a basketball team where he would be able to pass the ball to anyone at any moment and feel comfortable and confident“ (in Modern Drummer, 1993).
Klingt das nicht wie eine andere Lesart des bekannten Zawinul-Mottos „we never solo - we always solo“?
Große Teile der 2000er Jahre verbringt er in den Bands von Carlos Santana, inkl. mehrerer Grammy-Nominierungen und -Auszeichnungen. Er soll außerdem bei Maceo Parker, Al Jarreau und den Rolling Stones mitgewirkt haben.
Rodney Holmes, geboren am 24. August 1966 in der Bronx, starb am 11. Juli 2026 an einem Krebsleiden, wenige Wochen vor seinem sechzigsten Geburtstag. 
Die Anteilnahme ist groß in Schlagzeugerkreisen, ansonsten gering. Außer einem deutschen hat er keinen weiteren Wikipedia-Eintrag.

Foto: Meinl
erstellt: 20.07.26

©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten

 

 

Peter Giger, 1939-2026

Erste Assoziation: ein wirklich volltönendes Schlagzeug, weit über den Umfang eines normalen jazz drum set hinaus. Geradezu orchestral. 
Zweite Assoziation: das Album „Family of Percussion“, ein Solo-Album, 1975. Der Begriff „Familie“ bezog sich dort zunächst auf Perkussionsinstrumente aus allen Erdteilen, bedient nur von ihm, von einem perkussiven Weltenumrunderer.
Später, bis weit in die 90er Jahre, erfasste der Begriff dann auch etliche andere trommelnde sowie nicht-trommelnde Mitstreiter, darunter Trilok Gurtu, Archie Shepp, Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner - es wurde ein Band/ein Projektname.
Noch eine Assoziation: die große Schweizer Drummer-Tradition Charly Antolini, Pierre Favre, Daniel Humair, Peter Giger mit heutigen Abzweigungen zu Lucas Niggli (der allerdings bei Fave studiert hat) und zu Christoph Haberer (aus dem benachbarten Alemannischen).
Mit der geografischen Nachbarschaft war das so eine Sache: in seiner Heimat hat Giger manches bewirkt (z.B. die Gründung der Swiss Jazz School, 1969), das meiste aber im benachbarten Ausland. 
Da gibt es die Pariser Jahre, ab 1960. Giger stammt aus Zürich, ist aufgewachsen in Bern und traf in der französischen Hauptstadt, nachdem er mit der Dixieland-Band Tremble Kids durch halb Europa gezogen war, auf den Pianisten Claude Bolling.
Die hörenswerte SRF jazz collection präsentiert ihn 2015 mit Teddy Wilson in einem traditionellen Swing aus jener Zeit, in astreiner Besentechnik, gefolgt von einem two Beat-Stück mit Brigitte Bardot - als Sängerin.
Obwohl er in den 60ern in Paris auf Duke Ellington trifft und Billy Strayhorn, auf Stéphane Grapepelli und Memphis Slim, es war ihm zuviel des Ähnlichen. Ein Auftritt von Pharoah Sanders Ende der 60er Jahre in Antibes mit einem afrikanischen Percussionisten verkehrt sein Welt, er übt wie verrückt, handwerklich und theoretisch und kehrt zurück nach Bern (s.o.)
1972 ein entscheidender Schritt, er geht nach Frankfurt, wird Mitglied der Ensembles um Albert Mangelsdorff - und wir lernen für den Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnten einen melodischen Schlagzeuger kennen, einen ausgesprochenen Stilisten.
Unvergessen der Auftritt von Dzyan, einem Powertrio mit Giger, Eddy Marron,g, Reinhard Karwatky, bg, beim Gründungskongress der UDJ (heute Deutsche Jazz Union), 1973 in Marburg, das einzige, groovende Ensemble.
Insbesondere durch die „Family of Percussion“ weitet sich sein perkussives Spielfeld, auch durch Besuche vor Ort, gen Afrika, 1993 auch theoretisch unterfüttert durch sein Buch „Die Kunst des Rhythmus“.  Er lehrt 12 Jahre an der Musikhochschule Köln, 1994 zieht er nach Meißen, um ein „Europäisches Museum für Perkussionsinstrumente“ einzurichten, ohne Erfolg. In Meißen erweitert er sein Arsenal um elektronische Klangerzeuger, von dem - das muss man sagen - die Szene wenig mitbekommt.
Überhaupt gerät der einst so Zentrale im neuen Jahrtausend out of focus. 2002 zieht er in den Tessin, kurz darauf  hört er wohl überhaupt auf zu trommeln und überlässt sich ganz seinem „zweiten Jugendwunsch“, nämlich nur noch zu malen (was ihn näher an Daniel Humair rückt).
Auf seiner Webseite stösst man unter „my paintings“ freilich auf einen toten link. Dort breitet er sich selbstbewußt (wie er immer war) aus als „a musicians drummer and a teachers teacher“  - und springt gnadenlos um mit den Schweizer Medien und der Kulturpolitik seines Herkunftslandes.
Außer einem Nachruf im SRF Radio nehmen die Qualitätsmedien in der Schweiz seinen Tod erstaunlicherweise nicht zur Kenntnis.
Dafür präsentiert er auf seiner Seite einen wohl geliebten & gehassten Freund, den großen Humanisten, Soziologen und Sozialdemokraten Jean Ziegler (1934-2026).
Wenige Tage vor ihm ist er selbst von uns gegangen.

Hans Peter Giger, geboren am 12. April 1939 in Zürich, verstarb am 27. Mai 2026. Er wurde 87 Jahre alt.

erstellt: 17.06.26
©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten

James "Blood" Ulmer, 1940-2026

 

James Blood Ulmer 05N0026Von den Titeln, die von ihm im Umlauf sind, springt einer sofort ins Auge, vielleicht weniger ins Ohr: „Are you glad to be in America?“ (aus dem gleichnamigen Album 1980).
Eine Zeile, die sogleich und in den Jahrzehnten danach als rhetorische Frage verstanden wurde; mühelos den jeweiligen Zeitläuften adaptierbar (und darin vielleicht  Graham Greene´s wunderbarem Romantitel „The Quiet American“ entfernt verwandt).
Man muss sich hüten, gerade mit europäischem Pass, das Klischee nicht mit einem „heute erst recht!“ zu bedienen.
An europäische Ohren drang er über eine der damals hipsten Stationen, das Label Rough Trade in London, ein Zentralorgan der unter den Schirm „New Wave“ sich drängenden Ströme.
Das Album enthielt jenseits des Titelstückes mit „Jazz is the Teacher, Funk is the Preacher“ auch eine stilistisch treffend betitelte Hörhilfe.
„Are you glad to be in America?“ präsentierte ihn in einer bereits leicht glattgezogenen Variante, produziert durch den Weissen Mayo Thompson. Mit Top Jazzpersonal, u.a. Ronald Shannon Jackson, dr, Oliver Lake, as, und David Murray, ts.
Die New Yorker kannten den Sänger und Gitarristen schon länger und rauher, z.B. an der Seite von Ornette Coleman; aber auch - man glaubt es kaum - an der Seite von Art Blakey, Paul Bley oder Joe Henderson.
Joel Harrison, selbst renommierter Gitarrist und mit seinem blog „Guitar Talk“ einer der besten Erklärer des Instrumentes, bezieht sich in seinem - lehrreichen - Nachruf offenbar auf jene Vor-Zeit:
„Er wirkte fast so, als sei er aus dem Nichts entstanden, als hätte John Lee Hooker den Körper eines Jazzmusikers von außerhalb wiederbelebt. Er kümmerte sich nicht um die Taktstriche, bewegte sich frei durch die Harmonien und ließ jede konventionelle Jazzsprache hinter sich. Er war unglaublich funky“.
1980, als Student, hatte er Ulmer zu einem Konzert ans berühmte Bard College geholt: „Es war ein echtes Durcheinander“ (seines der College-Tontechnik), „ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich es gut fand – aber ich wusste, dass es fantastisch war“.
Vor ein paar Jahren konnte er ihn noch einmal live erleben:
„Er spielte auf fünf Saiten, war 82 Jahre alt und spielte irgendwie so, als hätte er noch nie in seinem Leben eine Gitarre in die Hand genommen. Es hätte vor 100 Jahren sein können, wir alle stehen in irgendeiner Spelunke, während er in einer Sprache brüllt, die niemand verstehen kann. Seine eigene Sprache, etwas, das man eher spürt als versteht“.
Ulmer stammt aus einer seinerzeit stark segregierten Kleinstadt in South Carolina, als ältestes von acht Kindern sang er zunächst im Gospel-Quartett seines Vaters, eines Baptisten Predigers. Nach dem Stimmbruch wechselte er zur Gitarre, mit Chuck Berry und dem Blues als neuen Verbündeten, für eine Eltern „Teufelsmusik“.
Mit 18 zog er nach Pittsburgh, heiratete dort, spielte in doo-wop-Gruppen, auch in Europa. Die nächste Stationen Columbus und Detroit. Fünf Jahre verbrachte er mit Doug Hammond in einem Literatur/Musik-Projekt namens Focus Novii.
Und dann New York City, 1971, ein Wendepunkt!
„I always played structured blues, rhythm playing, dance music, or something like that. And I abandoned it! When I came to New York, it was like … I just went totally another way.”
Heute kaum nachvollziehbar seine ersten Stationen dort: Art Blakey, Joe Henderson, Rashied Ali, und schließlich Ornette Coleman.
Er wurde zum ersten Gitarristen in dessen Band, Coleman produzierte auch sein Debüt „Tales of Captain Black“ (1979).
Es waren die Tage des sogenannten FreeFunk (in diesen Tagen gerne verwechselt mit PunkJazz und No Wave).
Der Jazzanteil seiner Musik verringerte sich mehr und mehr in Richtung Blues, seiner Art von Blues. Er veröffentlichte und tourte bis weit in die 2000er Jahre, sein letztes Konzert gab er 2024 beim Detroit Jazzfestival.

James "Blood" Ulmer, geboren am 8. Februar 1940 in St. Matthews/South Carolina, gestorben am 3. Juni 2026. Er wurde 86 Jahre alt.

Fotos: Michael Höfner (Wikipedia)
erstellt: 10.06.26
©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten

Michael Müller, 1967-2026

Michael MullerEr wird in keinem Jazzlexikon stehen.
Jazz war nicht sein Beruf, von daher gehört er eigentlich nicht hierher.
Aber, er hat Jazzmusikern seine Stimme gegeben - sein Overvoice, wie man die deutsch-sprachige Stimme nennt, die „über“ das fremdsprachige Original gemischt wird.
Und seine Stimme mischte sich gut über jedweden O-Ton.
Er sprach mit Präzision, Artikulation und Passion, wie ich sie in fünf Jahrzehnten in Radiostudios kein zweites Mal erlebt habe.
Dieter Schiffer, Leiter des WDR-Stimmwerks, trifft dieses sehr spezifische Exzellenzcluster in einem eindrücklichen Nachruf:
„Sind die Texte oder Inhalte auch noch so komplex: Michael hat sie durchdrungen, bevor er ans Mikro geht. Dieses hörbare Sprechdenken schätzen die Redaktionen ebenso an ihm wie sein gewissenhaftes Gegenlesen.“
„Hörbares Sprechdenken“, was für ein Wortbild!
Die Erinnerung kommt hoch an einen Moment, wo beides, Sprechen & Denken, simultan liefen. Im letzen Moment mussten noch ein paar Zeilen gesprochen werden, ein Buchzitat, ein kurzer Text mit Relativsätzen, kein Sprecher gebucht. Anruf beim Stimmwerk: Michael Müller hat Zeit!
Er kommt ins Studio, ergreift das Blatt - und liest den Text prima vista!
Wahnsinn! Kein zweiter take notwendig. Im Regieraum schnellen mehrere Daumenpaare hoch.
Paul Rieger, seinerzeit Tontechniker, dem ich ewig dankbar bin für die Übermittlung der Todesnachricht, ich darf ihn zitieren aus einer eMail:
„Wie Michael sich in die Musiker hineinfühlte, damit seine Overvoices den richtigen Dreh bekamen. Und natürlich euer gegenseitiges Verständnis für die Materie Jazz und Musiker mit ihrem Selbstbewusstsein, ihrer Hybris und auch ihren Zweifeln.
Oder war das nur, weil ihr den gleichen Vornamen habt? ;-)“
Michael Müller ist am 25. April 2026 verstorben. Er wurde nur 58 Jahre alt.

erstellt: 08.05.26
©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten

Sonny Rollins, 1930-2026

1280px Sonny RollinsDie Koinzidenz seines Todestages 24 Stunden vor dem 100. Geburtstag von Miles Davis springt ins Auge. Und der Vergleich - ob man will oder nicht - gleich hinterher.
Dicht gefolgt von der Frage, ob mit seinem Tod zugleich auch der letzte der historischen Giganten des Jazz gegangen sei.
Die Washington Post hält diese Frage schon für beantwortet.
„Sonny Rollins, the ´saxophone colossus´ who was widely considered America’s greatest living jazz musician and whose musical eloquence and inventiveness kept him at the creative forefront of jazz for six decades“.
Zu jedem anderen Zeitpunkt wäre diese Übertreibung weniger aufgefallen, aber gerade in diesem spezifischen Zeitfenster, wo die Musik genannt Jazz endlich mal wieder unter Flutlicht aller Medien steht, fällt sie besonders auf.
Wo doch der Titel international gerade heute wieder bestätigt wird und allenfalls ein Louis Armstrong noch in einem Atemzug mit dem Jubilar genannt wird.
Man muss der Washington Post zugute halten, dass sie in der Überschrift zu just diesem Nachruf eine gerechtere Beurteilung abgibt, demnach sei der Verstorbene „one of America’s most renowned jazz musicians“ gewesen.
Aber auch unter strikter Befolgung der interkulturell gültigen Empfehlung „De mortuis nil nisi bene“ darf doch der völlig unbestrittene historische Rang von Sonny Rollins ein wenig unterhalb der Marge „sechs Jahrzehnte an der kreativen Spitze“ angesetzt werden.
Es handelt sich nicht zuletzt um eine Überlegung, die sich dereinst auch im Falle Herbie Hancock, 86, stellen wird. Dessen neues Album lässt schon über eine Dekade auf sich warten, wobei der noch nicht formulierte Ehrentitel „keyboard colossus“ der Resonanz des „saxophone colossus“ mindestens ebenbürtig sein dürfte.
Miles & Sonny,
die beiden trafen erstmals in einem Studio im Juni 1954 zusammen, im legendären von Rudy van Gelder. „Newk“ (Spitzname für Rollins) brachte drei seiner Stücke mit, die zu großen Standards der Jazzgeschichte wurden: die beiden fast swinger „Oleo“ (ein rhythm changes-Stück) und „Airegin“ (Nigeria rückwärts gelesen) sowie das bluesige „Doxy“.
Mitglied im ersten Miles Davis Quintet wurde freilich nicht er, sondern John Coltrane, stilistisch & solistisch anders, und möglicherweise langfristig der noch größere „Saxophone Colossus“, um eines der epochemachenden Rollins-Alben zu zitieren, darauf ein anderer seiner Klassiker, „St. Thomas“, einer von mehreren Calypsos aus seiner Feder (seine Eltern stammten von den karibischen Jungferninseln).
Sonny Rollins war ein überragender Improvisator. Unter den vielen Hörempfehlungen in den Nachrufen findet sich ein zurecht mit Emphase vorgetragenes Plädoyer für ein 1965 enstandenes Video vom Kopenhagen Jazzfestival von „Oleo“ (mit Alan Dawson-dr, Nils Henning Ørsted-Petersen).
Seine Saxophon-Chorusse im Blues „Blue 7“ (aus „Saxophone Colossus“) gingen auf in der ersten musikwissenschaftlichen Analyse der Jazzgeschichte, 1958 vorgenommen durch Gunter Schuller (Komponist/Arrangeur und 1950 an „Birth of the Cool“ als Hornist beteiligt). Er spricht von „thematischen Improvisationen“ in Rollins´ Soli.
Dank digitaler Hilfsmittel sind die Analysten heute sehr viel weiter. Die Weimar Jazz Database hat ein Dutzend Rollins-Improvisationen durchleuchtet.
Sehr eindrucksvoll Klaus Frieler aus dem damaligen Forscherteam mit praktischen Hinweisen auf die Improvisationstypen in „Blue 7“.
Rollins wuchs auf im Sugarhill District in Harlem, sein Bruder wurde Arzt, er fühlte sich zur Musik hingezogen; ein Modell, vor allem in puncto Kleidung, war der Altsaxophonist Louis Jordan, musikalisch aber Coleman Hawkins. Rollins übte wie ein Besessener, wurde schon als Teenager Profi, stieß auf den Kreis um Charlie Parker und Miles - und geriet in Drogenabhängigkeit wie jene.
Für einen bewaffneten Banküberfall 1951, wohl in Folge von Beschaffungskriminalität, saß er 10 Monate im Gefängnis.
Zwischen 1956 und 1958 brachte er nicht weniger als 12 Alben auf den Markt, darunter „Tenor Madness“ (1956), im Titelstück ein Duo mit seinem Freund & Rivalen John Coltrane.
Auf dem Höhepunkt dieser Welle wurde es ihm zuviel, er zog sich zurück, es folgten die berühmten zwei Jahre allein mit seinem Tenor auf der Williamsburg Bridge. Das Resultat: „The Bridge“ (1962), mit einer Combo, darin Jim Hall.
1967 bis 1971 ein weiter Hiatus, in Japan und Indien, um sich in Buddhismus und Yoga zu versenken.
Vorher noch unternahm er eine Exkursion in ein populäres Fach, als Komponist und Bandleader für ein Jazzensemble in dem Film „Alfie“, 1966 (mit Michael Caine).
1981 dann, zunächst gegen seinen Willen, dann aber auf dringenden Rat seiner Frau, drei Soli auf dem Album „Tatto you“ der Rolling Stones.
960px Sonny Rollins 2009Lucille starb 2004. Im Zuge von 9/11, drei Jahre zuvor, gab das Paar seine New Yorker Wohnung auf (nur sechs Blocks nördlich vom World Trade Center) und zog nach Norden, aufs Land in Upstate New York.
In dem Durcheinander nach dem Anschlag, am zweiten Tag danach, beim Warten auf die Evakuierung aus dem Haus, griff er sich sein Tenor, spielte gegen die Verzweiflung an - und sog, so erzählte er später, „toxische Luft“ ein, möglicherweise die Ursache für eine Lungenfibrose, die im Sommer 2016 bei ihm diagnostiziert wurde.
Sein letztes Konzert gab er 2012, das Saxophon-Üben stellte er 2014 ein.
In die Weltabgeschiedenheit, in die er sich zuletzt auf seiner Farm in Germantown begeben hatte, sie wird in englischsprachigen Nachrufen als Rollins´Metaphysics ausgegeben:
„Diese Welt wird sich nicht ändern. Was sich ändern wird, bin ich. Du. Jeder Einzelne. Das ist es, was sich ändert. Darum geht es. Darum, selbst Weisheit zu erlangen. Deshalb sage ich, dass es besser ist, nicht auf alles zu hören. Das ist keine Askese. Es geht nicht darum, sich von allem zurückzuziehen. Es geht darum, sich auf alles einzulassen.“
Was von ihm bleibt, sind eine Handvoll Standards, etliche Alben - darauf dieser Ton, dieser runde, kräftige Ton, deutlich zu unterscheiden von dem vielleicht noch einflussreicheren von John Coltrane.
 Dieser Ton lebt weiter, er wird fortgesponnen von Joshua Redman, Melissa Aldana u.a.
Walter Theodore "Sonny" Rollins, geboren am 7. September 1930 in New York City,verstarb am 25. Mai 2026 in Woodstock/NY. Er wurde 95 Jahre alt.
Fotos: Yves Moch, Bengt Nyman (Wikipedia)
erstellt: 26.05.26
©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten

Anerkennung - in harter Münze

Die Anerkennung für ihre Musik mag zwar in Europa deutlich größer sein als in ihrer Heimat, wie amerikanische JazzmusikerInnen häufig betonen.
Wenn’s aber um das Äquivalent in harten Penunzen geht, sprich in Form von Künstlerpreisen, wirkt selbst der dänische Jazzpar (1990-2004), heutiger Wert gut 26.000 Euro, wie Portokasse.
Im Rahmen der Doris Duke Awards entspräche der Betrag bestenfalls jenen 25.000 US-Dollar, die darin als Zuschuss zur Altersvorsorge ausgewiesen sind.
In der Hauptsache ausgeschüttet werden seit 2012 inzwischen 575.000 US-Dollar, an zuletzt jeweils sechs KünstlerInnen aus Jazz, Theater und zeitgenössischem Tanz.
Neben der Preissumme gewährt die Stiftung den Preisträgern auch „Unterstützung bei der beruflichen Weiterentwicklung, Dienstleistungen im Bereich Finanzplanung und -management sowie verbesserte Möglichkeiten zum Networking und für Auftritte“.
Die Auszeichneten des Jahres 2026 sind:
Val Jeanty, D-jane, sie stammt aus Haiti, unterrichtet in Berklee, und soll „Afro-Electronica“ vorangetrieben haben.
Makaya McCraven, Schlagzeuger aus Chicago, laut Stiftung „eine führende Stimme des Jazz“, dessen Bearbeitungen von Live-Improvisationen die Grenzen des Genres verschoben haben sollen (was die Jazzpolizei beim besten Willen nicht hören kann).
Schließlich Tomeka Reid, die sicher überzeugendste Wahl, sie hat in der Tat „die Rolle des Cellos im Jazz neu definiert“.
Reid ist überdies Darling der Juroren: 2022 kam sie in den Genuß der mit 800.000 US-Dollar noch mal wesentlich höher dotierten Mac Arthur Fellowship.
Damit steht sie nicht allein; der Violinistin Regina Carter gelang gleichfalls ein Double (Mac Arthur 2006, Doris Duke 2018).
Übertroffen nur noch von Steve Coleman (Doris Duke 2014, 2015, Mac Arthur 2014, damals noch 625.000 Dollar).
Ja, man darf ins Grübeln kommen, hüben wie drüben, der Deutsche Jazzpreis verursacht keineswegs exklusiv Stirnrunzeln.
Die von der Jazzgeschichte (Achtung, Achtung) wohl am ehesten legitimierte Selektion dürften die Doris Duke Awards des Startjahrganges 2012 gewesen sein: Don Byron, Bill Frisell, Fred Hersch, Vijay Iyer (auch Mac Arthur 2013, Nicole Mitchell.
Einen Donald Byrd, den das Jahr 2019, quasi post mortem, ausweist, erweist sich als Fehlaufreger: es handelt sich um einen Choreografen gleichen Namens wie der des vor der Jazzgeschichte gerechtfertigten Trompeters.

Doris Duke Awards 2026

 Doris Duke Awards 2026: Val Jeanty (3.vl.), Tomeika Reid (2.v.r.)

erstellt: 08.05.26
©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten

Gunter Hampel, 1937-2026

GunterHampel TDS6895 st01 webEr war neben Rolf Kühn (1929-2022) und Karl Berger (1935-2023) ein grosser Transatlantiker des deutschen Jazz.
Jahrzehnte hat er in New York gelebt und hatte noch sehr lange, parallel zu Göttingen, eine „Butze“ dort.
Unfassbar das Spektrum derer, die er getroffen, mit denen er dort, aber auch in Europa gespielt hat:
Thelonious Monk, Benny Goodman, Lionel Hampton, Jimi Hendrix, Anthony Braxton, Archie Shepp, John McLaughlin, Hans Werner Henze, Daniel Barenboim...
Er dürfte der adaptionsfähigste deutsche Jazzmusiker gewesen sein. Auch in hohem Alter trat er dort auf, wo Kollegen abgesagt hätten. Dünkel waren ihm fremd. Attribute wie "Freigeist" (FAZ) oder "ewiger Hipster" (SZ) treffen zu. Nur schaute das outfit dieses Hipsters, der in den frühen 60ern auf Modenschauen des Herrenausstatters Selbach in Düsseldorf spielte (und derart gekleidet Monk zum Kauf piekfeiner Anzüge verleitete) anders aus als desjenigen, der Jahrzehnte später mit der Jazzkantine der Bühne stand.
Mehr noch als Peter Kowald (1944-2002) war er in die afro-amerikanische Community integriert; aus der Ehe mit der afro-amerikanischen Sängerin Jeanne Lee (1939-2000) gingen zwei Kinder hervor, Ruomi und Cavana. Er ist mit ihnen bis kurz vor seinem Tod aufgetreten.
Begonnen hat er mit dem Akkordeon, dem Instrument von Vater und Großvater (aus Schlesien). "Mir ist der Jazz direkt vor die Haustür gebracht worden" - durch einen GI, der seine Gitarre vom Transporter holte, als der Junge mit dem Akkordeon vor ihm stand.
Lionel Hampton ließ ihn, wie es so seine Art war bei Konzerten, an sein Vibraphon; der Teenager kannte dessen Stücke so gut, dass die Big Band mit ihm weiterspielen konnte.
Es wurde sein Hauptinstrument,  neben der Baßklarinette, er spielte aber auch Flöte, dazu alle Saxophon-Arten. Er war ein Improvisator par excellence, aber auch Wegbereiter des europäischen FreeJazz, z.B. mit seinem Album "Heart Plants" (1964) - ohne an der „Kaputtspielphase“ Ende der 60er Jahre beteiligt gewesen zu sein.
Das amerikanische Magazin down beat will schon damals in ihm einen „Romantiker“ erkannt haben - was er nicht zurückweist.
Für bedeutsamer hielt er das erste von zahllosen Alben auf seinem eigenen Birth Records Label: "8th of July 1969", mit Braxton, Breuker und Jeanne Lee.
Der Improvisator Hampel: ja, aber der Komponist von - nach eigenen Angaben - 3.000 Stücken überzeugte die Musikwissenschaft (Dietrich J. Noll, Ekkehard Jost) weniger: "ein direkter Zusammenhang zwischen Thema und Improvisation läßt sich selten konkret angeben."
Nicht zuletzt war er ein großer Geschichtenerzähler (Speak like a Child), ein Freund origineller Vergleiche:
"Borussia Dortmund ist die perfekte Inkarnation einer wirklichen Jazzband."
Gunter Hampel, geboren am 31. August 1937 in Göttingen ist am 18. Mai 2026 in Berlin verstorben. Er wurde 88 Jahre alt.

RIP von Hans Martin Müller (Loft Köln)

erstellt: 21.05.26
©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten

Deutscher Jazzpreis 2026

KÜNSTLER:INNEN
*
Vokal: Christina Wheeler

Holzblasinstrumente: Peter Ehwald

Blechblasinstrumente: Lina Allemano

Piano/Tasteninstrumente: Olga Reznichenko

Saiteninstrumente: Robert Lucaciu

Schlagzeug/Perkussion: Lukas Akintaya (Adeolu)

Künstler:in des Jahres: Rebekka Salomea

Großes Ensemble des Jahres: Luise Volkmann & Été Large

Künstler:in des Jahres international: Sullivan Fortner

Großes Ensemble des Jahres international: Webber/Morris Big Band


AUFNAHME/PRODUKTION

Album des Jahres: Bring a Friend – Phil Donkin

Debüt-Album des Jahres: MYT – Moses Yoofee Trio

Rundfunkproduktion des Jahres: The Stories We Tell – Luise Volkmann & Été Large

Album des Jahres international: My Life Matters – Johnathan Blake

Debüt-Album des Jahres international: Invisible Worker – yonglee & the DOLTANG


LIVE

Festival des Jahres: 62. jazzwerkstatt Peitz

Live Act des Jahres: Fuasi Abdul-Khaliq
Live Act des Jahres international: Kris Davis Trio


KOMPOSITION/ARRANGEMENT

Komposition/Arrangement des Jahres: Das Summen meiner Teile – Max Andrzejewski


SONDERPREISE

Journalistische Leistung: „Being Hipp – First Lady of European Jazz” – Anna Schmidt

Lebenswerk: Aki Takase

Musikvermittlung und Teilhabe: Groove Inclusion

>>>Kommentar

*in der Schreibweise der Veranstalter
Quelle: Initiative Musik


Keith Jarrett bei der (ungeliebten) Arbeit...

Oslo, 9. November 1971
Miles Davis - tp,  Keith Jarrett - ep,org, Gary Bartz - ss, as, Michael Henderson - bg,
Leon "Ndugu" Chancler - dr, Charles Don Alias​, James "Mtume" Forman - perc

Mike Westbrook, 1936-2026

Geboren ist er in Buckinghamshire, nach 1962 hat er Jahrzehntelang in London gelebt, im Grunde aber war er ein West Country Man (Jazzwise).
Er liebte die Landschaft, die Moore von Devon, in Torquay (wo die Palmen wachsen) hat er seine Kindheit verbracht. Seinen letzten Atemzug tat er im Royal Devon und Exeter Hospital.
Westbrook dr hc plymouthDie meisten Nachrufer sind sich hinsichtlich seine Englishness einig, lediglich der "Penguin Guide to Jazz on CD" (6. Auflage, 2002) meinte darin einen Standortnachteil zu erkennen:
„Man ist fast geneigt zu behaupten, dass Mike Westbrooks Karriere, wäre er Amerikaner oder Deutscher statt Engländer, mit Lob gekrönt worden wäre, das er so offensichtlich verdient. Die Vernachlässigung eines seiner bedeutendsten Komponisten durch Großbritannien kommt einer nationalen Schande gleich.“
Das war schon damals schwer nachvollziehbar, wurde Westbrook doch schon 1988 (ungeachtet seiner Resonanz in der Jazzwelt) zum OBE (Officer of the Order of the British Empire) ernannt; 2004 folgte der Ehrendoktor der Musik der Universität Plymouth.
Dort kam er her. Am Plymouth Arts College hatte er als Kunststudent 1958 seine erste Band, darin ein 15jähriger Saxofonist namens John Surman.
In London studierte er zunächst weiter Kunst, schlug sich als Kunstlehrer durch, bis er dann in der Hauptsache, als Jazzpianist und vor allem -komponist, eine einzigartige Karriere entwickeln konnte.
Die vielen Konzepte, häufig mit Bezügen zu Theater und Literatur, in breiter Stilistik, aber immer diesseits des FreeJazz, sie sind in einem kurzen Nachruf kaum zu erfassen.
Richard Williams spricht in einen Nachruf im Guardian zutreffend von „seiner Gabe, Elemente des Jazz aus verschiedenen Epochen und Stilrichtungen miteinander zu verbinden, sie durch seine eigene Sensibilität zu filtern und so etwas zutiefst Bewegendes, entschieden Zeitgenössisches und höchst Originelles zu schaffen.“
Viele Größen des britischen Jazz gingen durch die Bands und Orchester des freundlichen, höflichen, niemals exaltierten Leaders.
Am dauerhaftesten blieb die Malerin, Librettistin und Blechbläserin Kate Westbrook, 86, seit 1976 war er mit ihr verheiratet.
Er hat die Beatles, Rossini und viele andere interpretiert, am nachdrücklichsten aber Duke Ellington, „sein erster und ewiger Held“ (Richard Williams).

Anlässlich seines 90. Geburtstages kam eine bis dato unveröffentlichte Solo-Aufnahme von 2006 heraus „The Piano In The Room And The Blues“.

mike.gil650

 

Mike (Michael John David) Westbrook, geboren am 21. März 1936 in High Wycombe, verstarb am 11. April 2026 in Exeter. Er wurde 90 Jahre alt.

 

Gil Evans, Mike Westbrook,
29.04.83 Central Park NYC

Foto: Kate Westbrook

 

 

 

erstellt: 13.04.26
©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

 

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