"Eberhard" - "an der Baßgeige"...und im Museum

Es gibt Anlässe, sich mit Eberhard Weber (geb. 1940, wohnhaft in Südfrankreich) zu beschäftigen.
Nein, nicht dass er selbst ein neues Werk herausbrächte.
Am 27. August kommt ein Tribut auf den Markt, das einmal mehr nahelegt, dass die Wertschätzung für den deutschen Bassisten durch amerikanische Kollegen vielleicht doch größer ist als unter denen in seiner Heimat.
Unvergessen, 2015, anlässlich seines 75. Geburtstages die „kompositorische wie technologische Meisterleistung“ durch Pat Metheny, „Hommage à Eberhard Weber“ im Theaterhaus Stuttgart.
Die neuerliche Hommage gibt sich gleichfalls auch vom Titel her als solche zu erkennen; sie kommt von einem Musiker aus dem Metheny-Umfeld, von dessen langjährigem keyboard-Spieler Lyle Mays (1953-2020).


cover mays eberhard„Eberhard“ dauert nur 13 Minuten und ist besetzt mit 16 MusikerInnen,
darunter Bill Frisell, g, sowie zwei Bassisten:
der langjährige Metheny-Mitspieler und-Produzent Steve Rodby am Kontrabaß sowie Jimmy Johnson, der an der Baßgitarre den vibrato-reichen, an Weber angelehnten Basspart übernimmt.
Mays war offenkundig in der Lage, die Produktion bis zur Fertigstellung zu begleiten.
Ohne es zu ahnen, platzt Mecker:Frantz aus der Destination Düsseldorf just in diesen Kontext mit einem skurrilen Fund auf YouTube aus den sechzigern:
Friedrich Gulda erklärt den Blues“.
Der stoische Mann „an der Baßgeige“ (ja, a bisserl woas a falsche Wortwahl muss scho´ sein):
Eberhard Weber!


Plakat Eberhard Weber final 1PS: Nämliches Video ist auch Teil der Ausstellung "Eberhard Weber - Colours of Jazz" im Stadtmuseum Esslingen.
Im Rahmen des Esslinger Jazzfestivals wird Weber am 30.09. sowohl die Bürgermedaille der Stadt als auch das Bundesverdienstkreuz überreicht werden.

erstellt: 25.07.21
©Michael Rüsenberg, 2021. Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Noch mehr Preise...

Cassandra Wilson Photo by Mark Seliger

 

 

 

Billy Hart, 80, Stanley Clarke, 70, Donald Harrison, 61, sowie Cassandra Wilson, 65, sind die NEA Jazz Masters 2022.
Sie alle erhalten die mit je 25.000 Dollar dotierte Auszeichnung des National Endowment of the Arts in den USA.
Wer an der Oldie-Parade Anstoß nimmt, verkennt den Charakter der Auszeichnung:
sie gilt ausdrücklich „Lebenswerken“.
Zu diesem Zweck nominiert das NEA seit 1982 jährlich bis zu sieben KünsterInnen; schöpft die Quote aber nicht immer aus. 2010 war mit acht eine Ausnahme, noch übertroffen von neun Namen 2011, darunter allerdings fünf aus der Marsalis Family.
Die vier von 2022 präsentieren sich am 31. März nächsten Jahres in San Francisco anlässlich des 40. Jahrestages der Jazz Masters Auszeichnung.
Wie rasch man seine Meinung dazu drehen kann, zeigt Cassandra Wilson. 

Laut Radiostation WBGO machte sich die Sängerin in den letzten Jahren mit „einer politischen Fraktion“ gemein, die, neben anderen Regierungsprogrammen, auch die Abschaffung der NEA fordert.
Nun freilich säuselt sie von „der Ehre“, die „meine Stimmung hebt“. Sie bringe "ihr große Freude in dem Wissen, dass die Musik immer weitergehen wird und dass das Beste noch vor uns liegt.“
Was man halt so schreibt, wenn man einer Peinlichkeit entkommen will.

erstellt: 21.07.21
©Michael Rüsenberg, 2021. Alle Rechte vorbehalten

Foto: Mark Seliger/NEA

 

Preise. Preise. Preise

JohnDennisRenken1 cHelmut Berns

 

Der Jazz Pott geht 2021 an einen Hanseaten, an den Trompeter John-Dennis Renken, geboren 1981 in Bremen.
Dem Pott, also dem Ruhrgebiet, ist er seit 2002 verbunden, seit Beginn seines Studiums an der Folkwanghochschule für Musik in Essen, wo er heute sein Instrument auch unterrichtet.
2017 war Renken Improviser In Residence in Moers.
Er tritt solo auf, gehört zum Großensemble The Dorf und wird das Preisträgerkonzert am 19. September im Grillo Theater Essen mit seinem Quintett Tribe bestreiten.
Der Jazz Pott, 1998 begründet von Viktor Seroneit (1946-2011) und Nikolaus Troxler (Willisau/CH), wird zum 24. Male vergeben, er ist mit 2.000 Euro dotiert.
Das Preisgeld wird inzwischen vom Essener Kabarettisten Hagen Rether gespendet.

 

Luise Volkmann
Privater Initiative (und gleichfalls begründet 1998) verdankt sich auch das Horst und Gretl Will Stipendium für Jazz/Improvisierte Musik. Es ist mit 12.000 Euro dotiert und wird von der Stadt Köln organisiert.
Die Auszeichnung geht in diesem Jahr an die Saxophonistin Luise Volkmann, geboren 1992 in Bielefeld. Sie hat in Leipzig und Paris studiert und mit einem Master in Jazz-Komposition und Musikwissenschaft in Köln abgeschlossen.
Sie arbeitet an der „Etablierung einer emanzipiert genuinen Jazzkompositionsweise“.
Zuletzt hat sie dem Hippietum, verkörpert durch die Musikvorlieben ihres Vaters, ein Denkmal gesetzt („When the Birds upraise their Choir“), demnächst widmet sie sich … Sun Ra.
Preisübergabe und Konzert von Luise Volkmann am 31. August im Stadtgarten Köln.

 

Eva Klesse Copyright Peter Tuemmers
Der älteste und mit 15.000 Euro höchst-dotierte deutsche Jazzpreis, der SWR Jazzpreis, wird zum 41. Mal vergeben. Er geht an die Schlagzeugerin Eva Klesse, 35.
Handelt es sich auch hier, wie Insider raunen, um einen „Eva Kruse-Effekt“?
Immerhin hat sich erneut eine Musikerin gegen Petter Eldh (sowie die Sängerin Cymin Samawatie) behauptet.
Gemach. Mit ihrer Schlagzeug-Professur an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, ist der Preisträgerin schon von daher eine gewisse Dignität zu eigen.
Zudem erkennt sie sehr wohl die Klippen ihrer Zunft, wenn sie betont, dass es darin solche gebe, „die ihren Fokus auf rhythmische Vertracktheiten legen“.
Sie hingegen verorte sich mehr in dem „krassen ästhetischen Gegenentwurf“, wo es vielmehr „um die große Melodien und die ganz emotionalen und starken Statements“ gehe.
Das wiederum, um mit einem Titel von Günther Grass zu sprechen, eröffnet „ein weites Feld“. Und delegiert, nein nicht an das Auge des Betrachters, sondern an dessen Ohr nebst angeschlossenen Hirnarrealen, die ausgelobten Qualitäten auch als solche zu erkennen.
Immerhin ist hiermit eine Vorentscheidung für den im November zu erwartenden Albert Mangelsdorff Preis gefallen. In diesem Jahr steht laut Satzung eine PreisträgerIN an, und Eva Klesse zählt informell sicher zu den Kandidatinnen.
Ein Novum wäre, wenn eine Person in einem Jahr in den beiden höchst-dotierten deutschen Jazz-Auszeichnungen reüssierte.
Der nächste PreisträgER ist 2023 dran. Rolf Kühn muss bis dahin warten.
Er dürfte & sollte dann 94 sein.

erstellt: 20.07.21
©Michael Rüsenberg, 2021. Alle Rechte vorbehalten

Fotos
Helmut Berns (Renken), Jürgen Volkmann (Luise), Peter Tümmers (Klesse)

Rick Laird, 1941-2021

033 Rick Laird

Was für eine Karriere!
Sie liegt ausschließlich in der ersten Lebenshälfte des Künstlers. Und ihr Zenit beschränkt sich auf ganze drei Jahre!
Alles drumherum interessiert wenig. Alle konzentrieren sich auf diese drei Jahre, auf 1971 bis 1973.
Da gehörte er - als unauffälliger, solider sideman -  einem Meisterensemble an, das den Kurs der Jazzgeschichte entscheidend gewendet hat, in Richtung Jazzrock (oder auch Fusion Music).
Rick Laird war der Bassist im Mahavishnu Orchestra.
1982, also zur Lebensmitte, hat er den Musikerberuf aufgegeben. Aber wegen der glorreichen drei Jahre findet man auch heute noch Interviews mit ihm im Netz. Einer seiner Standardsätze (auf Standardfragen) lautet, es sei „sehr laut“ gewesen, und vorher habe er noch nie in 19/4 gespielt. „Wie zählt man eigentlich 19/4?“ fragt er dann leutselig zurück.
Ja, wie kam denn er in dieses Quintett? Wo doch die Kollegen um ihn herum schon kleine Stars waren (und durch diese Band noch größere Stars wurden)?
Der Brite John McLaughlin, noch relativ neu in New York City, zog einfach einen alten buddy aus gemeinsamen Londoner Tagen in den Mittsechzigern heran, beispielsweise aus der kurzen gemeinsamen Zeit bei Brian Auger.
Laird aber war weder Brite noch Neuseeländer, wie gern angegeben. Er ist in Dublin geboren, zog nach der Scheidung der Eltern im Alter von 16 Jahren mit dem Vater (andere sagen mit der Mutter) nach Neuseeland und wechselte dort, beeindruckt von einer Aufnahme Ray Brown´s mit Oscar Peterson, von der Gitarre zum Kontrabass.
An diesem blieb er standhaft stehen (auch gegen den Willen von Brian Auger), immerhin hatte er damit zwischen 1962 und 1964 als Hausbassist im Ronnie Scott´s Club in London gewirkt. Einen solchen Posten gibt´s heute nicht mehr, aber damals hieß das: alle durchreisenden Amerikaner begleiten.
Einer erwies sich als besonders widerspenstig: der Schlagzeuger Buddy Rich. Eineinhalb Jahre in seinem Orchestra passierte Laird wie durch eine Drehtür, immer mal wieder raus und wieder rein.
1966 ist er auf Sonny Rollin´s Filmmusik zu „Alfie“ zu hören. 1968 wechselt er zur Baßgitarre, kurz vorher hatte er sich u.a für Kontrabaß an der Berklee School of Music in Boston eingeschrieben.
Dann folgt das Mahavishnu Orchestra, das im Dezember 1973 im Streit auseinandergeht. Auf dem letzten Album „The Lost Trident Sessions“ (1999 nachgereicht) kann er ein Stück unterbringen („Steppings Tones“), das 1974 seine Bandkollegen Jan Hammer & Jerry Goodman in einer bezaubernden Variante auf ihrem Album „Like Children“ interpretieren.
1977 veröffentlicht Laird sein einziges eigenes Album „Soft Focus“, u.a. mit Joe Henderson. Er begleitet Stan Getz auf einer Europa-Tournee, ersetzt - gleichfalls on tour - Stanley Clarke bei Chick Corea, soll auch an der Seite von Jeff Beck gehört worden sein.
Er schreibt zwei Baß-Schulen. 1982 gibt er das Baßspielen auf und widmet sich vollständig einer schon lange gehegten Passion: dem Fotografieren.
Als Richard Laird.
Bildschirmfoto 2021 07 05 um 012917Ende Januar 2021 gibt seine Tochter Sophie Rose ein buchstäblich letztes Lebenszeichen:
ihr Vater ist unheilbar an Lungenkrebs erkrankt, sie bittet darum, ihm seine letzten Tage im Hospiz mit Zeugnissen aus der Vergangenheit aufzuhellen.
Richard Quentin Laird, geboren am 5. Februar 1941 in Dublin, ist am 4. Juli 2021 verstorben.
Er wurde 80 Jahre alt.

PS: Rick Laird im Victor Feldman Trio, 1965 (BBC)

erstellt: 05.07.21
©Michael Rüsenberg, 2021. Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

 

 

 

 

Manfred Miller, 1943-2021

Eine solche Spannweite wird es in der deutschen Jazzpublizistik nicht noch einmal geben.
Dass jemand Schlüsselalben des FreeJazz produziert und später wie kein zweiter in den Blues sich kniet, insbesondere in dessen Texte.
Konkret: 1967 dirigiert er einen Ü-Wagen, Personal und Bandmaterial in eine Schulaula, um „For Adolphe Sax“ von Peter Brötzmann aufzunehmen. Mit der damals streng verbotenen Konsequenz, dass der Künstler die Bänder an sich nimmt und in Form einer Langspielplatte auf den nach dieser Musik nicht gerade gierenden Markt bringt.
Das war 1967. Da hatte er gerade ein Studium der Philosophie und Musikwissenschaft in Köln abgebrochen und verdingte sich als Hilfsredakteur der Deutschen Welle.
Ein Jahr später, nun bei Radio Bremen als ordentlicher Jazz- & Popredakeur, lässt er erneut Mikrofone auf Peter Brötzmann richten, an einem Maien-Nachmittag in der „Lila Eule“, für das noch legendärere Album „Machine Gun“.
Freejazz Tv Miller 1Aus dem Juni 1967 kursieren Schnipsel durchs Internet, von einer sagenhaften Freitagnachmittag-Debatte im Ersten Deutschen Fernsehen (an Werner Höfers Hufeisen-Tisch - aber ohne Schoppen!), wo er den Advokaten des Teufels gibt und eloquent die Ästhetik des damals neuen FreeJazz gegen die störrischen Mienen von Felix Schmidt (Der Spiegel) und Siggi Loch verteidigt.
Unvergessen eine Überleitung des Moderators Siegfried Schmidt-Joos („Bevor wir Herrn Brötzmann zum Abschuss freigeben“) sowie der Moment, wo Klaus Doldinger kurz den Brötzmann gibt (und wild in den Raum quiekt).
Woraufhin er von Miller (im Bild ganz rechts) auf die Plätze verwiesen wird mit der Bemerkung, dass er damit doch nicht ein Konzert in der neuen Stilistik bestreiten könne.
An einem Mikrofon von Radio Bremen war es auch, wo er 1968 mit einer süffisanten Bemerkung über das Paradepferd der Bundeswehr, den Starfighter den Status einer Berühmtheit im Warhol´schen Sinne erlangte. Gerade war der 99. Starfighter abgestürzt, da gab Miller im „Pop Shop“ die Empfehlung aus:
„Freunde, stellt schon mal den Sekt kalt, der 100. kommt bald!“
Die Leitung des Hauses, man ahnt es, zählte sich nicht zu diesem Freundeskreis. Sie hieß ihn hinfort vorab Manuskripte einzureichen.
1972 wirkte er an der 13teiligen TV-Reihe „Sympathy for the Devil“ mit. 1973 - „mit politisch bedingten Unterbrechungen (zwischen 1975 bis 1984) bis 1986" (wie sein Nachfolger bei Radio Bremen, Peter Schulze anmerkt) folgten 52 Einstunden-Sendungen „Roll over Beethoven - Zur Geschichte der Populären Musik“ für Radio Bremen 2, aber auch NDR und WDR. Aus der Sendereihe ging eine Sammlung hervor, die seit 1991 unter Klaus-Kuhnke-Archiv für Populäre Musik in Bremen ansässig ist.
millerMillers Schwerpunkt hatte sich da schon weg vom FreeJazz und mehr zur Populären Musik (in einem sehr umfassenden Sinne) verlagert, Und vor allem: zum Blues!
1976 arbeitete er im SWF-Landesstudio Mainz, zunächst als freier Mitarbeiter, von 1981 bis 1999 als regionaler Kulturredakteur.
Bis in die 80er hinein jedenfalls wirkte er auf SWF 2 an der legendären 19:30-Uhr-Strecke mit, und zwar mit „Oldtime“ (!) und „Bluestime“.
Oh ja, der Blues! Verblüffend, auf discogs zu finden, wieviele Alben er kompiliert, für wieviele er liner notes geschfrieben hat. Mit dem Blues blieb er bis zuletzt über das von ihm mitbegründete und ihn schwer auszeichnende Bluesfestival in Lahnstein verbunden.
Wir dürfen sagen, wir haben vor allem von ihm gelernt, dass der Blues kein Kind von Traurigkeit ist (jedenfalls nicht durchgängig) und dass er nicht ewig über 12 Takte läuft.
Unvergessen, wie er sich in die Lyrik des Blues vertiefte, sie kongenial übersetzte und uns Frischlingen den erotischen Hintersinn so mancher braver Sprachfloskel entschlüsselte, darunter seine eigene Kategorie des (Sexual)Protzer-Blues.
Die Rentnerjahre verbrachte er wechselweise auf Elba und in Mainz.
Zuletzt machte er sich noch an ein publizistisches Großprojekt, dessen erster Teil unter „Um Blues und Groove – Afroamerikanische Musik im 20. Jahrhundert“ 2017 erschien. Man hätte gerne gehört, was er zur heutigen Duckmäuser-Debatte (hier Euro-Zentrismus, dort Afro-Amerikanismus) gesagt hätte.
Es bleibt allemal schade, dass er seine große Begabung nicht über die gesamte Lebenszeit zur Entfaltung hat bringen können. Er hätte in den Olymp der deutschen Jazzpublizistik gepasst, neben Peter Niklas Wilson, Ekkehard Jost, Alfons Dauer, ja auch Michael Naura.
Manfred Miller, geboren am 11. April 1943 in Reichenberg (ehemals Nordböhmen), ist am 4. Juni 2021 in Mainz einer Krebserkrankung erlegen. Er wurde 78 Jahre alt.

erstellt: 05.06.21
©Michael Rüsenberg, 2021. Alle Rechte vorbehalten

 Miller Friedhof 1

 

Trauerhalle
Waldfriedhof
Mainz-Mombach
24.06.21