
Er war und wird wohl auch bleiben: eine Fußnote in der Geschichte des Jazz.
Eine funkelnde, eine klanglich sprühende Fußnote; dynamisch gesehen in einer Hüllkurve (ADSR) mit steilem (A)ttack-Wert (Anstieg), raschem (D)ecay (Abfall) und langem (S)ustain (Halten) wie auch (R)elease (Freigeben).
Den steilen Anstieg kann man sehr genau datieren: Februar 1972, Different Fur Studios in San Francisco.
Dort nämlich folgte Herbie Hancock einem Wink seines Produzenten David Rubinson: „Hör´mal, in der Rockmusik verwenden sie jetzt dieses neue Instrument, genannt Synthesizer. Vielleicht solltest du das auch mal ausprobieren!“
Was heute verwundern mag: der Meisterpianist (zu dem Zeitpunkt mehr noch am Flügel als am E-Piano) hatte keine Ahnung von dem elektronischen Zeugs, wie er gleichfalls in seiner Autobiografie „Possibilities“ mitteilt.
Sehr zur Überraschung des von Rubinson empfohlenen Patrick Gleeson, Miteigentümer des Studios.
Das Hippie-Welt hatte ihn 1967 zur Aufgabe einer Dozentur für Englische Sprache an der San Francisco State University verführt, hin zu allerlei Aktivitäten, für die er nicht ausgebildet war. Etwa zum Herumtüfteln an einem frühen Synthesizer, dem Buchla (heute noch in Berliner Elekronikkreisen im Einsatz) und dann 1968, unter dem Eindruck von Walter (inzwischen) Wendy Carlos „Switched on Bach“, der Moog.
Damals ein Schrank mit Kabeln und Drehschaltern, der mit viel Handarbeit abenteuerliche Klänge erlaubte. Man konnte sie nicht speichern und auch nur so ungefähr vorbestimmen, was später klanglich herauskommen sollte.
So ist dann im Februar 1972 „Crossings“ entstanden, und im Dezember jenes Jahres, sowohl bei Different Fur als auch bei Wally Heiders, das noch farbigere, noch mehr von Klangsprengseln auf offenen Funkrhythmen fortgetragene „Sextant“. Nunmehr mit dem praktikableren ARP 2600.
Ihr Reiz lag in der deutlichen Erweiterung des Klangraumes, ebenso in einer Kontraststellung dieser Klänge zu den Strukturen mitunter hart fordernden Grooves („Hornets“!). Insofern kommt beiden - „Sextant“ noch mehr als „Crossings“ - jazzhistorischer Status zu.
Hancock allein hat später an seinen Keyboard-Burgen kaum je an diese Dichte anschließen können. Was er heute macht, mutet demgegenüber fast wie ein schlechter Scherz an.
Die realisierten Klangfantasien, so aufregend sie damals waren, sie tragen einen Zeitstempel; solche Effekte möchte man heute nicht mehr einsetzen (obwohl manche sich doch immer wieder damit durchmogeln).
Gleeson hat seinen Farbbaukasten im gleichen Zeitraum anderen Mitgliedern des Hancock Sextetts zur Verfügung gestellt: Eddie Henderson („Realization“, 1973, und „Inside Out“, 1974), und Julian Priester („Love, Love“, 1983), die praktisch Zweitversionen waren.
Für Joe Hendersons „Black Narcissus“ (1975) zog er im Hintergrund sozusagen das große Bühnenbild auf, während vorne an der Rampe Joachim Kühn am Piano perlte.
Zunächst mit Julian Priester („Beyond The Sun: An Electronic Portrait Of Holst's The Planets“, 1976) tauchte er dann „Star Wars“, aber auch „Vivaldi“ tief in seinen Elektronik-Hall-Eimer und ging mehr und mehr in der Rolle als Produzent und Tontechniker auf (u.a. für „Apokalypse now“, 1979).
Ein letztes Aufflackern seiner Jazzleidenschaft dann 2007 mit Jim Lang in einem unter dem seltsamen Titel „Jazz Criminal“ gestrauchelten Versuch, an der Seite von Bennie Maupin, Wallace Roney, Ronnie Burrage u.a. an die Mittsiebziger anzuknüpfen.
Zwischendrin ist er dann zu dem wiedererstarkten Hersteller zurückgekehrt, sodass die Bob Moog Foundation heute seinen umfangreichsten Nachruf verbreitet.
Dr. Patrick Gleeson, geboren am 9. November 1934 in Seattle/WA, verstorben am 19. Juli 2026. Er wurde 91 Jahre alt.
Foto: Bob Moog Foundation
erstellt: 29.07.26
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