Ted Gioia, den wir an dieser Stelle hinreichend gewürdigt haben, kündigt, nein droht ein weiteres Verhängnis, pardon Buch an:
Music: a subversive Story
Er kann´s gar nicht mehr abwarten, die Auslieferung des Bandes ist nur noch „100 Tage entfernt“, der Umschlag schon da, und darauf jubelnde Vor-Urteile von Terry Riley bis Fred Hersch („Gioia begründet die Universalität der Musik in allen Kulturen und Zeiten“).
Gioia begnügt sich diesmal nicht mehr mit Jazz oder „Love Songs: The Hidden History“ (seiner letzten Veröffentlichung).
Diesmal geht´s um Große Ganze, er verspricht eine „subversive Enthüllung von tausenden von Jahren der Musikgeschichte“.
Hauptthese: wir alle sind Opfer eines mehr als nur Great Rock´n´Roll Swindle, sondern eines gigantischen Betruges, der uns „bewußt die wahren Quellen von Kreativität und Innovation verschweigt“.
Wenn man von den auf seine Webseite in hoher Dichte angebotenen Essays zur Probe mal einen aufruft, einen der zum Thema passt, z.B. über Universalität - kann man nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen angesichts des dröhnenden Unverständnisses gegenüber der Forschung.
Gioia ist offenkundig der Unterschied zwischen „Universalität“ (der Musik) und (musikalischen) Universalien nicht bekannt oder er will ihn nicht wahrnehmen.
Ornette Coleman comic

Im Gegegensatz zu Ted Gioia hat Matthew Brown noch keinen Verleger.

Brown arbeitet an einem comic, pardon, einem graphic novel über das klassische Ornette Coleman Quartet.
Offenkundig ist Gioia davon angetan, denn er twittert eine Seite daraus.
Die vier Musiker sprechen oder denken dort ein Jazzmusiker-Latein…hölzener, klischeehafter geht´s nicht.

Vor fünf Jahren war ein Django Gold im New Yorker mit einer bösen Parodie eines Sonny Rollins-Interviews über die Humorlosigkeit der Jazzszene hergefallen. An dieser Eigenschaft bei Brown müsste er verzweifeln.

erstellt: 24.07.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten


Kamasi Washington spielt in der Arena Wien.
Das Konzert ist für 20 Uhr angesetzt. Der Künstler und sein Gefolge erscheinen auf der Bühne um 21 Uhr. Statt Tönen gibt Washington eine Erklärung ab.
Sein Vater sei von einem der Security Men „angegriffen“ worden („assaulted“). Er habe die betreffende Person daraufhin mit dem Vorfall konfrontiert und sei von dieser kaltlächelnd abserviert worden: der Vater habe sich „wie ein Arschloch benommen“.
Wie Wiener Zeitungen zu entnehmen, konnte Rickey Washington (er spielt in der Band seines Sohnes Flöte) beim Betreten des Geländes offenkundig keine der am Vormittag ausgegebenen Zugangsberechtigungen vorweisen.
Kann passieren. Das nun folgende Wortgefecht ist nachvollziehbar, es kam zu einer Rempelei, niemand ging zu Boden. Der Sicherheitsmann wurde, wie gefordert, vom Dienst suspendiert.
Empörung, Verärgerung über den Vorfall (wenn er sich denn wirklich so zugetragen hat) - allzu verständlich.
Aber nicht, dass das Publikum dafür gewissermaßen „büßen“ muss.

Kamasi Washington umgarnt die Zuhörer mit einer von allerlei Vokabeln der Zuneigung und des Friedens durchsetzten Rede, gut dokumentiert, auch mit Untertiteln, auf der Webseite des Wiener Standard - und zieht die Konsequenz: er spielt nur ein Stück, „Truth“.
Der Veranstalter beteuert auf Twitter, wer wolle, könne sein Ticket an den jeweiligen Vorverkaufsstellen „refundieren“, vulgo: Geld zurück. Und wünscht einen guten Heimweg.
Nächste Meldung: „Rapper sagt Auftritt im Zillertal ab.“

erstellt: 16.07.19
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Tommy LiPuma (1936-2017) wird es nicht mehr erleben:
am 6. September kommt die legendäre „Rubberband“-Session von Miles Davis als 11-track-Album auf den Markt.
LiPuma hätte eh nicht viel Spaß daran gehabt: das Material aus diesen Studiositzungen von Herbst/Winter 1985/86 lehnte er im Februar 1986 ab, er hielt die Musik für ungeeignet - und nahm ab dem 6. Februar 1986 „Tutu“ auf, mit Hilfe von Marcus Miller und George Duke (1946-2013).
cover md rubberband 1Gänzlich „verschollen“ - wie jetzt insinuiert wird - waren die „Rubberband“-Aufnahmen nie: zwei Soli von Miles fanden im Sommer 1991 Verwendung auf „doo-bop“, Miles´ HipHop-Album („High Speed Case“ und „Fantasy“).
Außerdem ist bereits seit gut einem Jahr eine EP ausgekoppelt, „Rubberband of Life“ - und die lässt wenig Gutes erwarten. Es geht erneut in Richtung HipHop,
mit sehr tight und dunkel gepunchtem Beat. Aber der „prince of darkness“ wirkt erneut wie Gast seiner selbst in einer Soul-Ballade.
Da ist wenig von der auftrumpfenden Geste von „Fantasy“ und „Chocolade Chip“ oder der Energie von „High Speed Chase“.

PS: der bei der Gelegenheit noch einmal „Tutu“ gehört - und außer dem Titelstück so manche Fragwürdigkeit gehört. z.B. das entsetzliche Saxophon-Sample in „Backyard Ritual“.
Es wurde immer dem schlechten Geschmack von George Duke zugeordnet.
Falsch, wie man bei George Cole nachlesen kann („The last Miles“, 2005):
„Ich hätte ja einen echten Schlagzeuger und einen echten Saxophonisten vorgezogen, aber Miles hatte halt seinen eigenen Kopf“.

erstellt: 15.06.19
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Das timing war nicht gerade jazzlike, ein wenig, ein wenig viel hinter dem Beat.
An dem Tag, an dem die Telekom bekanntgibt, die ersten Städte für 5G freizuschalten und Meldungen auf das andere Ende der Fahnenstange verweisen, wonach 3G-Kunden bald wohl unverbunden sein dürften.

An diesem Tag geht der Trompeter Markus Stockhausen mit seiner Petition an die Öffentlichkeit: kein 5G in NRW!
Der regionale Zuschnitt verwundert zunächst. Richtet sich die online-Petition doch
„an den Ministerpräsidenten Armin Laschet, Umwelt- und Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser, Natur- und Verbraucherschutz, u.a.“
Wenn man auf der Seite scrollt, sieht man, dass Stockhausen auch an „alle Mitglieder der Landesregierung NRW - alle Bürgermeister in NRW“ sich wendet und schließlich auch nicht die vier beteiligten Telefonkonzerne vergessen hat.
Sein Ton ist alarmistisch. Die Gesundheitsgefährdung sei bewiesen, „tausende Male, von namhaften Wissenschaftlern“.
Wäre die potenzielle Gefährdungslage nicht wirklich neu und auch von neutralen Quellen unbestritten, dass es noch keine Langzeitstudien gibt (wie auch?), dürfte man sich an den Aufstand der Lungenärzte (wie hieß noch deren Häuptling?) erinnert fühlen.
Nur dass der Trompeter eben in die andere Richtung rennt, geradewegs ins Armageddon:
„Und hinzu kommt noch, dass mit 5G ein perfekter Überwachungsapparat ausgebaut werden soll. In China ist es schon soweit. 5G könnte man auch als (tödliche) Waffe einsetzen, man braucht nur die entsprechenden Feldstärken und Frequenzen zu senden. Nein danke.“
Zum Zeitpunkt dieses Artikels haben sich 247 Personen bei openpetition gemeldet,
Stockhausen´s Frau Tana Bourman ist darunter, aus dem Jazzlager Cornelius Claudio Kreusch, Heiner Wiberny, Joachim Zoepf, ja sogar Evan Parker (DER Evan P.?).
Etliche allerdings trauen sich nicht so recht, sie kommentieren viel, tun dies aber „nicht öffentlich“.

erstellt: 04.07.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten


Die Crux seines Vornamens: dass er in beiden Varianten geführt wird.
Als Dave liegt sein letzter Eintrag in der JC-CD-Datenbank 1994 bei Pat Metheny „We live here“, 1994, laut liner notes mit einem Cymbal-Einsatz.
Als David hingegen wird er bei Metheny bis 2003 geführt, bis „The Way Up“.
Ähnlich bei Frank Zappa; je nach Vornamen taucht er dort bereits 1969 auf („You can´t do it on stage anymore, Vol. 4“ sowie „Läther“, 1976), aber auch auf dem legendären „Zappa in New York“, 1976.
Später noch „ARC“ von Jimmy Haslip, 1993.
Am längsten, 1978 bis 2008, wenn auch nicht durchgängig mit Begeisterung, blieb er bei den Jazzrock-Softies von Spyro Gyra.
David Samuels death lailasnews 600x400Und mittendrin das, was ihn bei uns bekannt gemacht hat, das Duo mit seinem alter ego David Friedman, Double Image „Open Hand“, 1993.
Das war das Nach-Echo eines Quartetts, in dem die beiden Außenseiter-Instrumente - vib und mar - zwischen 1977 und 1980 mal die Hauptrolle spielen durften.
Das Stabinstrument hat er in Boston, an der Berklee School of Music, bei Gary Burton gelernt, bevor er selbst dort zu den Lehrenden stieß.
Er hat zwei Lehr-Videos und ein -Buch über das Vibraphon veröffentlicht.
Sein professionelles Musikerleben begann 1974 mit Gerry Mulligan, beispielsweise dem berühmten Carnegie Hall Conceert, es schloß mit dem Caribbean Jazz Project, ua. mit Paquito
d´Rivera.
Er hat wohl an die 10 Alben unter eigenem Namen veröffentlicht, auf zahllosen Studiosessions gewirkt, in den letzten Jahren war er von einer Krankenheit gezeichnet.
Routine hat ihm nichts ausgemacht, auch beim dreihundertsten Male könne einem zu einem Stück noch etwas Neues einfallen.
„Oder man kann wenigstens jemand anderen inspirieren, anders zu spielen. Auch so kann man sich lebendigt halten.“
David „Dave“ Samuels, geboren am 9. Oktober 1948 in Waukegan/Ill, starb am 22. April 2019 in New York. Er wurde 70 Jahre alt.

erstellt: 24.04.19
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