Howard Johnson, 1941-2021

Vermutlich ist er der letzte, in dessen Nachruf der spirit of the sixties beschworen werden muss, jedenfalls wenn man den Abdruck dieses luftigen Wesens in Form von recording credits zu fassen kriegen will.
Die Vorstellung der Nachgeborenen wird es gar nicht zulassen, sie werden es unfassbar finden, dass ein und derselbe Musiker an der Seite von Charles Minugs und James Taylor, von The Band und Carla Bley, von George Gruntz und Muddy Waters, von Taj Mahal und, vor allem, Gil Evans, von Sam Rivers und John Lennon, von Chet Baker und John Scofield zu hören & zu sehen war.
Meist, aber nicht immer, mit der Tuba.
Howard Johnson 1Dass er der „Muhammad Ali der Tuba“ gewesen sei, dieser ästhetische Ritterschlag seines Kollegen Joseph Daley, klingt verwegener als er ist.
Denn tatsächlich hat niemand die Überlebens- und Anpassungsfähigkeit dieses Instrumentes, das im modernen Jazz ohne Verwendung gestrandet zu sein schien, so vorgeführt wie er.
Die, die es ähnlich hielten, Bob Stewart und Daley beispielweise, hat er sogleich eingemeindet in seine Band „Gravity“, in der bis zu sechs Tubisten und Tubistinnen der natürlichen „Schwerkraft“ des Instrumentes zu entkommen suchten.
Dabei wäre er als „Kreuzzügler“ für das Instrument falsch verstanden:
„ich habe einfach mehr Jobs kriegen wollen“, stapelte er tief gegenüber der JazzTimes 2018.
Die Tuba war auch gar nicht sein erstes Instrument, er packte sie sich als 14jähriger, kurz nachdem er - gleichfalls autodidaktisch - mit dem Baritonsaxophon begonnen hatte. Immerhin, dass er quasi mit einem saxophonistischen Konzept auf dem Instrument andere Vorstellungen realisieren konnte als angestammte Tubisten, soviel räumte er denn doch ein.
Er war zur Stelle, als der Filmkomponist Howard Shore 1975 für NBC die Saturday Night Live Band gründete; fünf Jahre dort sicherten ihm eine Pension der Musikergewerkschaft. Gleichfalls fünf Jahre gehörte er auch zur NDR Big Band, ab Anfang der 90er Jahre.
Die längste Zeit aber war sein Name Synonym für die Rolle als sideman.
2018 erlitt er eine Krebserkrankung, an der er am 11. Januar 2021 verstarb.
Howard Lewis Johnson, geboren am 7. August 1941 in Montgomery/Alabama, wurde 79 Jahre alt.

erstellt: 12.01.21
© Michael Rüsenberg, 2021. Alle Rechte vorbehalten
Photo courtesy of Nancy Olewine

Kamala Harris & Jazz

Harris HutchersonLondon Jazz News markiert den Anfang einer forlaufenden Story
(„…to be continued“).
Und zeigt die designierte Vizepräsidentin der USA in einem Jazzkontext:
2011 an der Seite von Bobby Hutcherson, anlässlich der Verleihung des Preises für das Lebenswerk des Vibraphonisten durch SF Jazz.
 Harris gehörte damals zum Beirat der Organisation in San Francisco.
LJN-Autor Sebastian Scotney verlinkt mit der Rede von Kamala Harris vom 7. November (worin Jazz nicht vorkommt) und knüpft daran die Hoffnung, sie möge in Zukunft „den Wert des Jazz“ sehen.


London Jazz News sekundiert dies mit einem Tweet von einem gewissen Brad Faberman, in dem schon eine erste Fährte erkennbar wird. Demnach beziehen sich die Vornamen der beiden Kinder von Kamala Harris (Cole und Ella) auf John Coltrane und Ella Fitzgerald.
Das klingt bedeutender als es ist. Cole und Ella sind keine leiblichen Kinder der Ex-Justizministerin von Kalifornien. Ihr Ehemann, der Rechtsanwalt Douglas Emhoff, hat sie vor sechs Jahren mit in die Ehe gebracht.
Die NZZ wirft in einem gut informierten Harris-Porträt die für viele vermutlich viel wichtigere Frage auf: welchen Titel darf Emhoff ab dem 20. Januar 2021 für sich in Anspruch nehmen?
Die Gattin, soviel ist klar, wird Madam Vice President heissen.
Aber Emhoff?
Die NZZ ist unsicher, ob er ´Second Gentleman´, in Anlehnung an den traditionellen Titel der ´Second Lady´" genannt werden wird.
Oder doch „First Gentleman“?

erstellt: 11.11.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten


 

Freiwillige Infektionsgemeinschaften

Einmal in der BILD-Zeitung - ist das nicht der Traum eines jeden deutschen Jazzfestivals?
Einmal in BILD, aber selbstverständlich ohne sich auf dem Weg dorthin zu verbiegen, anzubiedern oder sonstwie seine Seele zu verkaufen.
Die Jazztage Dresden, deren Ruf im ganzen Lande gewiß noch steigerungsfähig ist, haben es geschafft: und nicht nur bis BILD online.
Sie haben sich mittwegs eine scharfe Rüge von Karl Lauterbach verdient, der auf dem Festivalgelände „einen völlig unethischen Menschenversuch“ erkannt zu haben meint.
Mehr noch, im Jubiläumsjahr (20) ist dem Festival sogar der Sprung in die ersten Meldungen von Spiegel Online gelungen: „Eintrittskarte fürs Superspreading-Event“.
Selbstredend, nicht irgendeine*r der eingeladenen Musikgäste hat diesen gewaltigen Stein ins Wasser geworfen, nicht mal der des Verschwörungserzählerischen verdächtigte Redner Daniele Ganser, sondern das völlig neuartige und vorerst nur in der Landeshauptstadt Sachsens eingeführte Instrument namens „freiwillige Infektionsgruppe“.
Diese besteht aus jeweils 10 Mitgliedern, sie wird spontan durch den Ticketentscheid für einen Bereich gebildet, in dem - im Gegensatz zu anderen Bereichen des Raumes - Mund-Nasen-Schutz nicht verpflichtend ist.
„Diese Zehnergruppen sind freiwillige Infektionsgruppen. Mit dem Kauf Ihres Tickets neben anderen Personen erklären Sie sich mit der Platzierung innerhalb der Infektionsgruppe einverstanden.“ (O-Ton Jazztage Dresden)
Immerhin, wer sich infiziert, weiß hinterher von wem. Im übrigen hat er, wie der Festivalchef Kilian Forster gegenüber dpa sagt, quasi höherwertig gehandelt:
"Wir haben an die Eigenverantwortung der Besucher appelliert, schließlich ist Kultur auch seelische Nahrung.“
Die Praxis im Ostra-Dome zu Dresden hebt sich damit maximal ab von der in der Philharmonie Köln. Zum gleichen Zeitpunkt (bei Brad Mehldau) fanden sich dort Paare an weit auseinander liegenden Punkten plaziert, ein jeder/eine jede hatte links und rechts jeweils drei freie Sitze, sowie jeweils eine freie Reihe davor und dahinter. Mund-Nasen-Schutz, verpflichtend.
Mit ihren „freiwilligen Infektionsgruppen“ folgten die Jazztage Dresden offenbar einer sehr spezifischen Auslegung der Anweisung "Bildung von Infektionsgemeinschaften aus Hausständen" durch die Stadt Dresden.
Deren Verwaltung reagierte nun und drohte mit Entzug der Genehmigung:
„Die Bildung sogenannter freiwilliger Infektionsgemeinschaften ist ausdrücklich nicht im Sinne der Landeshauptstadt Dresden.“ (bei SpiegelOnline).
Die Frist zur Bewerbung für das Unwort des Jahres läuft am 31. Dezember ab.
Gegenüber 2019 („Klimahysterie“) ist „freiwillige Infektionsgemeinschaften“ eine Rakete.

erstellt: 27.10.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten


Till Brönner rechnet vor

Wer auch immer ihm das Wort geführt hat (vermutlich war er es selbst) -
der Video-Appell von Till Brönner zeigt einen anderen Kommunikator als den, den man aus zahlreichen verrutschten Interviews (erst jüngst wieder in der RP) mit leiser Herablassung abzubuchen sich angewöhnt hat.
Wenn´s ums Ganze geht, wählt Brönner die richtigen Worte. Im Großen & Ganzen jedenfalls, und gewiss gewinnender als Dieter Hallervorden bei der „Alarmstufe Rot“-Demo in Berlin.
Seine Klage über die kommenden Restriktionen ist auch die eines Jazzmusikers, aber sie weist doch weit darüber hinaus, sie sieht diesen als Teil der gesamten Kulturwirtschaft und addressiert deshalb nicht die Kulturstaatsministerin, sondern den Bundeswirtschafts-
minister.
Dass die Branche nicht, wie Brönner behauptet, eine Wertschöpfung von 130 Milliarden Euro hat, sondern „schätzungsweise 100,5 Milliarden“, wie der Monitoringbericht Kultur und Kreativwirtschft 2019 ausweist, fällt ebenso wenig ins Gewicht wie die eine oder andere schwülstige Formulierung.
Viel wichtiger, dass er die „Organisationsfrage“ stellt, wenn auch mit einem gewagten Vergleich:
„Wir in der Veranstaltungs- und Kulturbranche sind noch immer zu leise, weil wir keine ernst zu nehmende Gewerkschaft haben. Und das rächt sich jetzt! Wer ist es, der der Politik stellvertretend im Nacken sitzt, wie der Lokführer-gewerkschafts-Boss Claus Weselsky der Deutschen Bahn - und das mit nur 9000 Mitgliedern."
Gewichtiger wäre der Hinweis gewesen, dass - um mal wieder auf den Konzertbetrieb im Engeren zurückzukommen, und damit auf die Erwerbsquelle Nummer 1 vieler Künstler und ihrer Vermarkter - dieser Bereich eben nicht zu den Hotspots für Infektionen bekannt ist.
Was Brönner nicht wissen konnte: heute kommt dazu eine Meldung in der SZ über die empirische Untersuchung der Universitätsmedizin Halle (Saale) bei einem Konzert des Popmusiker Tim Bendzko mit dem Tenor „Konzerte bleiben möglich - wenn man es richtig anstellt“.

 erstellt: 29.10.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten


 

Keith Jarrett kann nicht mehr...

Das Rumoren dauerte schon eine ganze Weile.
Anlässlich des Todes von Gary Peacock (am 04.09.20) nahm es die Form einer Frage an: wo bleibt, nach dem Trauerzeichen von Jack DeJohnette, das des Bandleaders einer der bedeutendsten Jazzbands, wo bleibt die Kondolenz von Keith Jarrett?
Ein großer Beitrag in der New York Times von heute, 21.10.20, enthält auch diese nicht, dafür aber eine Nachricht, die viele schockieren wird:
Keith Jarrett wird vermutlich nie mehr live auftreten.
Und ebensowenig überhaupt Klavier spielen können, zumindest auf dem Niveau, wie es vielfältig dokumentiert ist.
„Ich fühle mich im Moment nicht wie ein Pianist“, sagt er in einem Gespäch mit der NYT.
Sein letztes Konzert war im Februar 2017 in der Carnegie Hall.
Kurz vor dem nächsten dort, geplant für März 2018, erlitt er einen Schlaganfall, drei Monate später einen weiteren.
Die Zeit von Juli 2018 bis Mai 2020 verbracht er in einem Pflegeheim.
Erste Versuche an einem Piano endeten kläglich: „Ich habe so getan, als wäre ich Bach mit einer Hand“.
Beim Probieren mit vertrauten Bebop-Stücken, jüngst in seinem Heimstudio, musste er feststellen, dass er sie vergessen hat.
Keith Jarrett Rose Anne Colavito
"Wenn ich zweihändige Klaviermusik höre, ist das sehr frustrierend, auf eine körperliche Art und Weise. Schubert hören oder etwas, das leise gespielt wird, halte ich nicht aus. Denn ich weiß, dass ich das gar nicht mehr schaffe.
Und es steht nicht zu erwarten, dass ich das jemals wieder kann. Das Äußerste, was ich von meiner linken Hand erwarte, ist möglicherweise die Fähigkeit, eine Tasse zu halten.

Es geht also nicht darum ´Schiessen Sie auf den Pianisten´. Sondern, ich wurde bereits angeschossen. Ah-ha-ha-ha-ha.“
Die neuerliche Beeinträchtigung ist wesentlich gravierender als sein Leiden am chronischen Erschöpfungssyndrom in der zweiten Hälfte der 90er Jahre. Ein Zeichen der Überwindung der Krankheit war seinerzeit das Album „The Melody at Night with you“.
Sein jüngstes Album, das dieser Tage erscheint, datiert von 2016, „Budapest Concert“.
Keith Jarrett, 75 Jahre alt, gebietet über ein Werk, dem er voraussichtlich nichts mehr hinzufügen, das er nur noch edieren kann.
Gegenüber der NYT läßt er keinen Zweifel, dass er die Wertung der Außenwelt über seine kanonische Bedeutung für die Gattung teilt, ja die Latte sogar noch höher hängt:
"Ich fühle mich wie der John Coltrane der Klavierspieler. Alle, die nach ihm das Horn spielten, zeigten, wieviel sie ihm schuldig waren. Aber es war nicht ihre Musik. Es war einfach eine imitierende Sache."

Foto: Anne Rose Cavalito/ECM
erstellt: 21.10.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten


 

X