ginger baker 001

 

 

 

 

Cyril Davies, Alexis Korner Blues Incorporated, Graham Bond Organization, Cream, Blind Faith, Air Force, Fela Kuti, Baker Gurvitz Army, Jonas Helborg, Gary Moore, Jazz Confusion…
viele dieser Namen rauschen durch in den Nachrufen auf einen der „100 greatest drummers of all time“ (Rolling Stone).
Sie betonen - völlig zurecht - den vierten Namen, den des Trios Cream, wo Baker zwischen 1966-68 den Ruf etabliert hat, von dem er lange Jahre zehren konnte.
Er kam aus dem in Richtung Rhythm & Blues offenen britischen Jazz-Mainstream,
kurzzeitig unterrichtet von Phil Seamen (1926-1972), der ihn mit afrikanischem Trommeln, aber auch mit der Heroin-Nadel bekannt gemacht haben soll.
Der Weg von Bond zu Cream war kurz, sozusagen auf dem Blues-Wege, nun aber erweitert um eine Solistik, wie sie die Rockmusik bis dahin nicht kannte. Bekannteste Exponate: der Willie Dixon-Klassiker „Spoonfull“ und Baker´s eigenes Feature „Toad“, darin die Doppel-bassdrum als vordergründiges, die langen patterns über die toms als sein strukturelles Markenzeichen.
Der eigentliche Motor seines Trommelstiles aber lag woanders, sozusagen auf halber Höhe.
"Wenn wir rhythmisch auseinander fallen sollten - es gilt Ginger´s hi-hat“).
Dieser Rat des afrikanischen Perkussionisten Abas Dodoo ist aktuell; er stammt aus dem April 2019, aus der Probe vor den mutmaßlich letzten Auftritten des legendären Drummers, beim Ruhrjazzfestival in Bochum und in Berlin.
Mit Musikern, die in keinem der Nachrufe auftauchen - obwohl sie bereits 1987 eine Platte mit ihm aufgenommen haben („African Force“), im Stadtgarten Köln und in einem Studio am Rande des Sauerlandes, in Iserlohn: Wolfgang Schmidtke und Jan Kazda (seinerzeit noch Mitglieder der Jazzrock-Combo „Das Pferd“) aus Wuppertal.
2019 kam noch zwei MusikerInnen aus Südtirol dazu (Michael Lösch, p, sowie Helga Plankensteiner, bars).
Kam Ginger Baker 1987 seinen Mitmusikern noch aggressiv daher, erschien er Schmidtke in diesem Jahr als gebrechlich. Er hält dessen Auffassung von Rhythmik für durchgängig „afrikanisch“. Und in der Tat, „Toad“ unter diesem Vorzeichen gehört, macht Sinn.
Ob er handwerklich zu den „100 greatest drummers of all time“ zählt, werden seine Berufskollegen kontrovers beurteilen. Im Zweifel würden sie „Sunshine of your Love“ auch ganz anders begleiten.
Aber, er war ein großer Stilist. Und neben Afrika klangen bei ihm sicher auch Elvin Jones und Art Blakey mit an.
In deren Sektor aber, ausweislich eines Mitschnittes vom Deutschen Jazzfestival Frankfurt 1993 (mit Charlie Haden und Bill Frisell), war er eine eher kleine Leuchte.
Peter Edward „Ginger“ Baker, geboren am 19. August 1939 im Londoner Vorort Lewisham, ist am 6. Oktober 2019 in einem Krankenhaus in Canterbury verstorben. Er wurde 80 Jahre alt.

 erstellt: 06.10.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten


 

Seit vier Jahren ist er als Flötist des WDR Sinfonieorchesters pensoniert, das Bundesverdienstkreuz hat er (2015), was kann jetzt noch kommen?
Ein Doktortitel vielleicht?
Sosehr er ihm auch zustünde, ein honoris causa allemal, die Zeit wird knapp.
Und er nutzt sie, auf ihm vertraute Weise, er spielt z.B. als Aushilfe im Gürzenich Orchester und freut sich wie dolle.
HMM 30 jahre loft 1 foto gerhard richterDas Vergnügen darüber ist ein kleiner Teil der großen Erzählung „Das Loft wird 30“. Denn Hans-Martin Müller (noch 66) ist es bestens gelungen, sein Lebenswerk zukunftsfest zu machen.

Sein Lebenswerk, das Loft, war dem britischen Guardian 2016 als einer der „10 besten Jazzclubs Europas“ zu Ohren gekommen.
So ungenau wie die Angabe „beer €3 half litre“, so unge-
nau ist die Charakterisierung als „Jazzclub“.
Denn wer den dritten Stock einer früheren Parfümfabrik in Köln-Ehrenfeld erklommen hat, trifft dort in der Tat zunächst auf einen Ausschank.
Aber was er zu hören bekommt (und was der neue Slogan „beyond mainstream“ nur lauwarm einfängt), enteilt mehr noch als im nahen Stadtgarten in Richtung Avantgarde (die Schnittmenge mit dem Straight Ahead Jazz im neu eröffneten King Georg dürfte Null sein).
Im Loft spielen, heißt für viele Musiker, inbesondere Kölner, etwas ausprobieren können. Experimentelle Musik, als Begriff kaum noch gebräuchlich, hat hier einen Ort. Zum Beispiel beim Jubiläumskonzert Dietmar Bonnen´s „12 Tones for 9 Musicians“, worin nur dem Schlagzeuger die Zeitachse des Kompositionsrahmens bekannt ist.
Im Loft spielen, heißt für die allermeisten auch: wenig Einkommen erzielen. Denn alle spielen auf Eintritt.
Und dennoch drängen sie, von Absolventen des Jazzseminars an der Kölner Musikhochschule, die hier ihre Bachelor- und Masterkonzerte geben, bis zu Alexander von Schlippenbach, der auf der alljährlichen Dezember-Tournee das Loft nicht auslassen kann.
Nils Wogram, Hayden Chisholm, Pablo Held, Jonas Burgwinkel, Robert Landfermann, jüngst Janning Trumann sowie fast alle 20 Träger des Kölner Jazzpreises - die post-„Jazzhaus“-Generation des Kölner Jazz ist im Loft gestartet (und später auch im Stadtgarten heimisch geworden).
Das Loft veranstaltet an die 220 Konzerte im Jahr; seit es sie gibt, seit 11 Jahren, wird es dafür mit der Spielstättenprämie des Landes NRW ausgezeichnet, 2019 waren das 20.000 Euro.
Mit der ähnlichen Auszeichnung des Bundes, mt „Applaus“, gab es groteske Probleme, das Loft bewirbt sich nicht mehr, es kann sich nicht mehr bewerben. Der Grund ist ein erfreulicher: ein Betriebskostenzuschuß der Stadt Köln (ein Ausschlußkriterium für „Applaus“). Er ist 2019 auf 100.000 Euro gewachsen.
Und nun wird´s familiär, systemisch-familiär.
mueller benni 19sep 30 jahre loft 1 foto gerhard richterDie Unterstützung der Stadt erlaubt, die in 2017 einge-
richtete halbe Stelle für einen künstlerischen Betriebssleiter nunmehr auf eine volle aufzustocken.
Urs-Benedikt Müller (noch 37), der sich dort warm-
gelaufen hat, hat sie jetzt übernommen.
UBM ist promovierter Biologe, nach 15 Jahren verlässt er die Natur-
wissenschaft, um sich vollamtlich um den Konzertbetrieb zu kümmern.
Die Lösung ist einleuchtend und von vielen Beteiligten derart begrüßt, dass HMM, der den Namen seines Sohnes gern mit akademischen Grad ausspricht, auf der Jubiläumsfeier verständigen Beifall erntet, als er einräumt, dieser Doktortitel bedeute ihm fast mehr als seinem Sohn.
Der Generationswechsel aber ist  noch breiter unterfüttert.
Eine Gilde endzwanziger MusikerInnen führt unter der Marke Junges Loft eine Reihe in Eigenregie durch. In Ansätzen schimmert hier ein Kuratorenmodell durch, das im Stadtgarten, im „europäischen Zentrum für Improvisierte Musik“, inzwischen voll entfaltet ist.
Ein „Kölner Jazz-Krieg“ aber, wie ihn ein Autor nicht zu Unrecht für die 80er Jahre ausgemacht hatte (damals stand die damals junge Stadtgarten-Mannschaft gegen eine alte Gruppe um den Impresario Gigi Campi), dürfte vielen heute völlig unvorstellbar, und allenfalls denen Ü60 erinnerlich sein.
Urs-Benedikt Müller, der Benni, ist einer der drei SprecherInnen der Kölner Jazzkonferenz, die eine Vielzahl der Aktiven der Kölner Szene vereint. Und die veranstaltet ihre Jahreshauptversammlung demnächst - nein nicht im Loft, nicht im Stadtgarten, im King Georg.

erstellt: 23.09.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten
Fotos: Gerhard Richter


Zu den Forderungen der neulich in Deutsche Jazz Union umbenannten Union Deutscher Jazzmusiker gehört eine
"gleichmäßige Besetzung mit Frauen und Männern in ent-
scheidungsrelevanten Gremien wie Jurys oder Kommissionen“.
„In einem paritätisch besetzten Gremium“, so die Annahme, „können Entscheidungen am ehesten unabhängig vom Geschlecht getroffen werden.“
Das prominenteste unter den in Frage kommenden Gremien dürfte die Jury sein, die zweijährlich den von GEMA und GVL gestifteten und mit 15.000 Euro dotierten Albert Mangelsdorff Preis vergibt.
Sie kann - weil aus sieben Mitgliedern bestehend - paritätisch nicht besetzt werden.
2019, immerhin, wurde der weibliche Anteil von zwei auf drei gesteigert (Nadin Deventer, Jazzfest Berlin; Ulrike Haage, Musikerin und Preisträgerin 2003; Kornelia Vossebein, Bundesjazzkonferenz).
Intern liest sich das als „paritätisch plus“: drei Frauen, drei Männer plus Nikolaus Heuser (Juryvorsitz und zugleich Vorsitzender der Deutschen Jazz Union).
Paul Lovens 1

 

Die Wahl von Paul Lovens, 70, als Preisträger 2019 dürfte kaum als kontrovers, sondern als berechtigt aufgenommen werden.
Sie steht im Einklang mit früheren als Auszeichnung für ein Lebenswerk.
Ob der Aachener Schlagzeuger wirklich „Genregrenzen neu definiert“, wie die Jurybegründung ein wenig ungeschickt formuliert, sei dahingestellt.
Ganz sicher ist er ein „Virtuose des Ensemblespiels“.
Mit Lovens wird zudem gewissermaßen ein Kapitel geschlossen:
nach Alexander von Schlippenbach (1994), Peter Kowald (1995), Gunter Hampel (2007) und Peter Brötzmann (2011) kommt nun einer der letztmöglichen aus der deutschen Abteilung des europäischen FreeJazz zu Ehren.
(Auch die beiden ostdeutschen Preisträger Ulrich Gumpert, 2005, sowie Ernst-Ludwig Petrowsky, 1997, zählen zu dieser Linie.)

 

Viel spannender aber ist die Frage:
Who´s next, 2021?
Die Webseite der Deutschen Jazz Union kennt immerhin schon das Geschlecht:
„Frauen und Männer werden jeweils im Wechsel ausgezeichnet.“
Waitaminute - wie verträgt sich dieser m/w/m/w/-Automatismus mit der Prämisse
„Entscheidungen am ehesten unabhängig vom Geschlecht (treffen)“?
Wie lange will man 50/50 unter den PreisträgerInnen durchhalten in einer Szene, deren reale m/w-Proportion derzeit mit 80/20 beschrieben wird?
Wer will den Preisträgerkandidatenstau im Jahre 2025 verantworten?
Und der Name: Albert Mangelsdorff Preis!
Ließe sich der nicht in „geschlechtergerechter Sprache“ darstellen?

erstellt: 02.09.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten


Das Wortspiel, eine Alliteration, mochte geeignet sein, um vor einem Jahr den Wechsel von Reiner Michalke von MOers nach MOnheim anzuzeigen.
In Moers war er künstlerischer Leiter (2006-2016), in Monheim ist er geschäftsfühendender Intendant.
Nein, Monheim ist nicht das neue Moers.
Monheim liegt direkt am Rhein, rechtsrheinisch, ist nicht mal halb so groß wie Moers, kann sich aber erlauben, viel mehr Geld in die Hand zu nehmen. Widerstand gegen das Festival, wie er seit 1972 die Sekundärmusik am linken Niederrhein stellt, ward in der Gegend um den Rheinkilometer 714 (noch) nicht gehört.
Ab 2023 wird dort, mit eigener Schiffsanlegestelle, eine Ölbearbeitungsstation in eine „Kulturaffinerie K 714“ umgewandelt sein (nein, soweit sind die Monheimer Linguisten noch nicht, sie belassen es bei der „Kulturraffinerie K 714“).
Und dann wird sie beginnen, die Monheim Triennale.

Einen Vorgeschmack, im kleineren Format, an anderen Orten der Stadt, wird es schon 2020 geben. Die Köpfe dazu wurden jetzt bekannt.
Was sie wo und wann genau zwischen dem 1. und 5. Juli 2020 veranstalten, wird erst am 2. Dezember offenbart. Der Fokus wird auf „Künstlerpersönlichkeiten“ liegen, er wird sich nicht auf „Werke, Gruppen oder Ensembles“ richten.
Das stilistische Spektrum dürfte das von Moers noch ausweiten:
„Wir wollen die Aktuelle Musik zeigen, so wie sie wirklich ist: schubladenfrei und sparten-übergreifend. Von der Neuen komponierten Musik, über die verschiedensten Spielarten der Improvisierten Musik bis hin zu den ambitionierten Beiträgen der Pop-Avantgarde. Und das alles hierarchiefrei, auf Augenhöhe.“ (Michalke)
Monheim Webseite

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Von den 16 Köpfen sind einige aus Moers bekannt, auch aus dem Stadtgarten Köln, wo Michalke seit 1986 das Programm bestimmt. Kris Davis zum Beispiel, oder Shabaka Hutchings, Robert Landfermann, Markus Schmickler, Ava Mendoza, Stian Westerhus oder auch Terre Thaemlitz (hoffentlich redet er nicht soviel…).
Aber nicht Phillip Sollmann, der resident DJ aus dem Berliner Berghain oder auch Sam Amidon, Folkmusiker aus Vermont/USA.
Oder die Sängerin/Schauspielerin Julia Uhlela, gebürtig in Knoxville/Tennessee, dessen "Big Ears"-Festival mit zu den Impulsen zur Gründung der Monheim Triennale zählt.

erstellt: 04.09.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten


Ted Gioia, den wir an dieser Stelle hinreichend gewürdigt haben, kündigt, nein droht ein weiteres Verhängnis, pardon Buch an:
Music: a subversive Story
Er kann´s gar nicht mehr abwarten, die Auslieferung des Bandes ist nur noch „100 Tage entfernt“, der Umschlag schon da, und darauf jubelnde Vor-Urteile von Terry Riley bis Fred Hersch („Gioia begründet die Universalität der Musik in allen Kulturen und Zeiten“).
Gioia begnügt sich diesmal nicht mehr mit Jazz oder „Love Songs: The Hidden History“ (seiner letzten Veröffentlichung).
Diesmal geht´s um Große Ganze, er verspricht eine „subversive Enthüllung von tausenden von Jahren der Musikgeschichte“.
Hauptthese: wir alle sind Opfer eines mehr als nur Great Rock´n´Roll Swindle, sondern eines gigantischen Betruges, der uns „bewußt die wahren Quellen von Kreativität und Innovation verschweigt“.
Wenn man von den auf seine Webseite in hoher Dichte angebotenen Essays zur Probe mal einen aufruft, einen der zum Thema passt, z.B. über Universalität - kann man nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen angesichts des dröhnenden Unverständnisses gegenüber der Forschung.
Gioia ist offenkundig der Unterschied zwischen „Universalität“ (der Musik) und (musikalischen) Universalien nicht bekannt oder er will ihn nicht wahrnehmen.
Ornette Coleman comic

Im Gegegensatz zu Ted Gioia hat Matthew Brown noch keinen Verleger.

Brown arbeitet an einem comic, pardon, einem graphic novel über das klassische Ornette Coleman Quartet.
Offenkundig ist Gioia davon angetan, denn er twittert eine Seite daraus.
Die vier Musiker sprechen oder denken dort ein Jazzmusiker-Latein…hölzener, klischeehafter geht´s nicht.

Vor fünf Jahren war ein Django Gold im New Yorker mit einer bösen Parodie eines Sonny Rollins-Interviews über die Humorlosigkeit der Jazzszene hergefallen. An dieser Eigenschaft bei Brown müsste er verzweifeln.

erstellt: 24.07.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten