Pharoah Sanders, 1940 - 2022

Pharoah and the Underground Pharoah Sanders 01Obwohl er noch „in hohem Alter“ regelmäßig aufgetreten sein soll, bleibt dies zumindest diskografisch eine Leerstelle, jedenfalls im Hinblick auf Aufnahmen in eigener Regie.
2021 meldete er sich, nach 20 Jahren Pause, diesbezüglich zurück, mit einer Produktion, in der der britische Elektroniker Floating Points vor dem großen Vorhang des London Symphony Orchestra ihn allerdings wie einen Gast ausstellt, „Promises“.
Ein Album, so darf man freundlich sagen, das „kontrovers“ diskutiert wurde, von einer Mehrheit enthusiastisch begrüßt, von einer Minderheit, zu der wir uns zählen, kritisch beurteilt.
Nun wird es fleißig aufgerufen, aber als „Vermächtnis“ zählt dann doch eher sein Album „Karma“ (1969), darauf der „wahrscheinlich einzige Megahit des Avantgarde Jazz“ (SZ), nämlich „The Creator has a Masterplan“, gesungen und stellenweise gejodelt von dem beeindruckenden Leon Thomas (1937-1999).
Ob dies ein „Megahit“ oder überhaupt ein Hit war, sei dahingestellt.
Nicht ganz falsch aber ist das Gemeinte, die New York Times nennt es „einen Gipfel des hingebungsvollen Free Jazz“ und zielt damit auf das Einfache im Komplizierten:
ein schlichtes Kernmotiv, verwandt dem von John Coltrane in „A Love Supreme“ (1964) und andererseits sich überbietende Expression, bis zur Auflösung von Tonalität und Metrum.
Es war Coltrane, an dessen Seite er ab 1965 zu der Größe wuchs, die ihn befähigte, nach dessen Tod (1967), zunächst auch mit der Witwe Alice, das Erbe fortzuführen - ohne vom Ton her dessen clone zu sein.
Coltrane hatte ihn in seinem eigenen Quintett entdeckt, dessen Plattendebüt vom September 1964 („Pharaoh Sanders Quintet“) mit einem Vokalverdreher falsch betitelt ist.
Den Namen „Pharoah“ nahm er auf Anraten von Sun Ra an; eine seiner ersten Stationen in New York City, wo er 1962 noch unter seinem Geburtsnamen Ferell Sanders eingetroffen war.
Das, was sich mit spirituellen Titeln („Black Unity“, „Elevation“, „Journey to the One“), erweitert auch um afrikanische und indische Einflüsse ausdehnte, bis hin zu einem Ausflug in den Schmusejazz („Love will find a way“, 1978), gab schon damals und erst recht heute wieder Anlaß zu kosmischen Deutungen seiner Musik, die nicht selten eben auch komisch sind.
Er war ein herausragender Tenorsaxophonist, gelegentlich auch Sopransaxophonist und Flötist, eine jazz-historische Gestalt.
Ob auch ein „Visionär“, wie oft herausgestellt, wäre eine eingehende Untersuchung wert - die sich nicht von Titeln verführen lässt.
Pharoah Sanders, geboren als Ferell Sanders am 13. Oktober 1940 in Little Rock/AR, gestorben am 24. September 2022 in Los Angeles, kurz vor seinem 82. Geburtstag.

Foto: Oliver Abels/Wikipedia
erstellt: 26.09.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Herbie, Chick, Keith oder doch…McCoy?

Ethan Iverson unternimmt auf twitter, woran sich sonst ohne Gesichtsverlust wohl keiner wagen würde:
er stellt ein ranking auf unter den seines Erachtens (und viele werden ihm da folgen) vier besten Jazzpianisten:
„I grew up with the big four: McCoy Tyner, Herbie Hancock, Keith Jarrett, and Chick Corea. There are many other pianists who are just as great but somehow those were the four, at least for my generation“.
Er wägt, differenziert, relativiert - und kommt dann doch zu einem Schluss, nämlich…ach lesen Sie selbst!

erstellt: 21.09.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Marius @ The Proms

Die London Sinfonietta, gegründet 1968 für Aufführungen zeitgenössischer Musik, bringt heute in der Royal Albert Hall im Rahmen der Proms ein neues Orchesterstück von Marius Neset zur Uraufführung, „Geyser“.
Es ist sein Debüt bei dem renommierten BBC-Festival, sein drittes Werk für die Sinfonietta. Vorgangegangen waren „Snowmelt“, 2015, sowie „Viaduct“, 2018.
Geoffrey Paterson Kongsberg Jazzfestival 2018 172335Dirigent in allen Fällen: Geoffrey Paterson, mit 39 eineinhalb Jahre jünger als der norwegische Saxophon-Überflieger, nunmehr erneut in der Rolle als Komponist eines Orchesterwerkes.
Welche Aufgabe das bedeutet, schildert Paterson in einem Artikel für den Guardian.
Er liest sich wie eine tiefe Referenz nicht nur für den Notenautor Neset, sondern auch für dessen Jazzkollegen (darunter Ivo Neame, Jim Hart und nach wie vor Anton Eger, dr, „ein Phänomen“).
Und vielleicht weil Paterson & Neset peers sind, Gleichaltrige, kommt das Lob so ehrlich herüber. Paterson vergleicht - und es ist dies die anerkennende Beschreibung einer großen Differenz.
Die Jazzmusiker könnten Dinge, die ihre „klassischen“ Kollegen nicht vermögen.
2015, Paterson hatte mit der Sinfonietta gerade Stockhausen und Birtwistle aufgeführt, als „Snowmelt“ ihm „die steilste Lernkurve, die ich je erlebt habe“ abgefordert habe.
Vor allem rhythmisch türmten sich Fragen, die er sich nie zuvor stellen musste.
Ohne clicktrack (ein Metronom im Kopfhörer eines jeden Musikers/in) war die Arbeit im Studio nicht zu bewältigen, eine völlig neue Erfahrung für klassische MusikerInnen, die sich bei komplizierten Rhythmen mehr oder weniger durchmogelten.
„Dieser Instinkt ist jedoch ein Problem, wenn die Interpreten bei einem Tempo von 200 Beats pro Minute neben einem Jazzquartett spielen, dem sein absolutes Gefühl für den Puls die verblüffendsten kreuz- und polyrhythmischen Improvisationen erlaubt“.
Dabei beispielsweise nachzuvollziehen, was Anton Eger rhythmisch veranstaltet, erwies sich zugleich als Teil des Problems wie auch als Teil der Lösung: „Ihm zuzuhören und zu versuchen, herauszufinden, was genau er tut, ist zwar sehr unterhaltsam, aber gefährlich, wenn man zugleich versucht, sich ihm anzupassen“.
Patersons Lösung, „unterschwellig den grundlegenden Impuls zu hören, den sein Spiel immer impliziert“, habe schließlich erlaubt, „in die Matrix eintreten zu können“.
Die Errungenschaft, „ganz anders zu hören“, unter Mühen erworben bei „Snowmelt“, habe sich bei „Viaduct“ ausgezahlt und wird, so darf man ergänzen, wohl auch „Geyser“ unfallfrei über die Bühne bringen.
Interessant auch, wen der Dirigent bei Neset als Einflüsse zu hören meint: neben Strawinsky und Messiaen (wie Neset sagt), laut Paterson auch Nancarrow und Ligeti.

PS: BBC-Mitschnitt (bis 9.10.22)

Foto: Tore Sætre (Wikipedia)
erstellt: 03.09.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Joey DeFrancesco, 1971-2022

Es gehört zu den Klischees über Jazz, er sei musikalisch mitreißend.
Diese Beschreibung ist nicht nur nicht falsch, sie ist sehr zutreffend.
Und wer spontan dazu aufruft, unter den lebenden Ausführenden Listen derer zu erstellen, die besonders nachdrücklich diesen Eindruck hervorrufen, wird darauf mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit seinen Namen finden.
Dabei muss man ihn nicht zwingend auch sehen, um den Eindruck zu beglaubigen, es reichen seine zahllosen Aufnahmen. Etliche Bandleader, von Miles Davis und John McLaughlin bis - in jüngster Zeit - Van Morrison wussten, was sie an ihm haben, die Triller, die Bluesphrasen, die vamps, das „noch-eins-obenauf-Setzen“.
Joey defrancesco ffm 003Ein schöne Beschreibung dieses Wirbelwindes an den Tasten, gibt Lovett Hines, ein Musiklehrer aus Kindertagen, der bis zuletzt mit ihm in Kontakt blieb, in einem Nachruf auf NPR:
„Er war ein Schrecken an der Orgel. Man konnte ihn vielleicht auf der Trompete oder dem Tenor übertreffen, aber sobald er sich an die Orgel setzte, war alles vorbei.“
Lovett spielt an auf die Zweitinstrumente, die er später dazunahm. Den Grund dafür glaubt Christian McBride zu kennen, an dessen Album „For Jimmy, Wes and Oliver“ (2020) er beteiligt war:
„Es gab für ihn an der Orgel nichts mehr zu beweisen. Ich glaube, deshalb hat er Trompete und Saxophon genommen. Ich sagte zu ihm, wenn er jemals Bass spielen würde, müssten wir ein Wörtchen miteinander reden!“
Die Orgel. Dem Vernehmen nach hat er sie im Alter von drei Jahren zum ersten Mal bedient. Er hatte es nicht weit, sein Vater war Organist in Philadelphia, er ließ das Kind gewähren, die Hammond B3 wurde „mein Lieblingsspielzeug“.
Mit 17 bringt er sein erstes (von 30) eigenen Alben heraus, „All of Me“; zu diesem Zeitpunkt, noch in der Highschool, ist er mit Miles Davis auf Europa-Tour und im Studio für das Album „Amandla“.
1990/91 begleitet ihn „Papa“ John DeFrancesco auf zwei Alben, auf „Where were you?“ ist mit John Scofield der erste Gitarrist dabei.
Und dann folgen sie: John McLaughlin, Doug Raney, Pat Martino, Lee Ritenour, Larry Coryell, am häufigsten Paul Bollenback.
Im Jahr 2000 („Incredible!“) sitzt Jimmy Smith an seiner Seite, sein Modell, dem er in manchem gleicht, dessen Einfluss - abgesehen dass DeFrancesco stilistisch einen viel weiteren Rahmen gezogen hat - ihn nur teilweise erfasst.
Insbesondere in den letzten Jahren hat er sich - wenngleich rückwärtsgewandt - an dem orientiert, was er „spritual jazz“ nennt, z.B. „In the Key of the Universe“ (2019), ein Album mit Pharoah Sanders und seinem Langzeit-Drummer Billy Hart.
Joey DeFrancesco, geboren am 10. April 1971 in Springfield/PA, ist am 25. August 2022 verstorben, im Alter von 51 Jahren.
Seine Ehefrau (und Managerin) Gloria gab keine Todesursache bekannt.

Foto: dontworry/Wikipedia (2009, Jazz im Palmengarten, Ffm)
erstellt: 23.08.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Rolf Kühn, 1929-2022

Rolf Kuhn Strae 1

Man darf durchaus der Welt recht geben:
er war „Deutschlands coolster Jazzer“.

Ganz sicher war er dessen weltläufigster Repräsentant.
Mehr noch, er hat zuletzt die Geschichte dieser Gattung verkörpert wie kaum jemand sonst, auch nicht in Amerika. 

Denn - bitte festhalten - wer könnte reklamieren, sowohl mit Benny Goodman und Ornette Coleman als auch mit Michael Brecker und Christian Lillinger gespielt zu haben? 

Wer könnte mit einer so grandiosen Anekdote aufwarten, nach dem Verlust des Hausschlüssels bei der Nachbarin geklingelt zu haben - einer Nachbarin namens Billie Holiday - als Rolf Kühn?

Von 1956 bis 1962 hat er in New York City gelebt.
Geboren ist er in Köln. Die meisten seiner Aufnahmen für das legendäre Label MPS hat er in der Domstadt produziert.
Ein kölscher Jung aber ist er nicht, aufgewachsen ist er in Leipzig. Dort hat ihn eine Frau 1947 zum Jazz geführt, die Pianistin Jutta Hipp (1925-2003). 

Hauptpartner war bis zuletzt sein 14 Jahre jüngerer Bruder, der Pianist Joachim Kühn.

Mit seinem Quartett gab er noch im Mai eine umjubelte Tournee

. Im September erwartete man ihn auf dem Multiphonics Festival in Köln und Wuppertal.

Sein Instrument, die Klarinette, übte er zwei Stunden täglich, „mindestens“; lange Jahre im RIAS, in den letzten beiden Jahren, pandemie-bedingt, im Badezimmer seiner Wohnung in Charlottenburg. 

Kostete ihn das Überwindung? „Niemals! Überwiegend ist die Neugierde: was kann man noch alles mit diesem Instrument machen?“

Auf einzigartige Weise hat er sich damit sowohl in der Jazz-Tradition als auch in der -Avantgarde behauptet.
Ausflüge in die „Funktionsmusik“ (er hat für „Tatort“ und „Derrick“ komponiert und das Musical „Hair“ adaptiert) haben seinem Ruf nicht geschadet.

Mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist er per Du. Gleichwohl, im Gegensatz zu Manfred Schoof, Klaus Doldinger, den Brüdern Albert und Emil Mangelsdorff wurde ihm das Bundesverdienstkreuz nicht verliehen; außer dem Kulturpreis einer Berliner Lokalzeitung und dem Echo Jazz (2001) hat er eine wirklich nennenswerte Auszeichnung erstaunlicherweise nicht erhalten. 

Und hier weitet sich die Sache zum Skandal: auch die renommierteste Auszeichnung des deutschen Jazz, der Albert Mangelsdorff-Preis, blieb ihm verwehrt.

Er wurde also doch das, woran wir so recht niemals glauben wollten; er wurde „der Philip Roth des deutschen Jazz“ (der amerikanische Schriftsteller hat seine ewige „Nominierung“ für den Literatur-Nobelpreis nicht überlebt).

Rolf Kühn, geboren am 29. September 1929 in Köln, ist am 18. August 2022 in Berlin an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruches gestorben. Er wurde 92 Jahre alt.

Ein ausführliches Gespräch mit Rolf Kühn hier


Foto: Gregor Fischer, Picture Alliance
erstellt: 22.08.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Barbara Thompson, 1944-2022

Cleo Laine und John Dankworth, Kate und Mike Westbrook, Julie und Keith Tippett, Norma Winstone und John Taylor, Barbara Thompson und Jon Hiseman, unter den Jüngeren Laura Jurd und Elliot Galvin - sogleich wollen einem Ehepaare einfallen, die in der britischen Jazzwelt häufiger als in anderen Szenen anzutreffen sind.
(Unser guter Freund Oliver Weindling, The Vortex, London, wüsste die Liste uferlos zu erweitern...)
Sie alle zeichnet aus, dass sie auch als Künstler gemeinsam auftr(a)eten und nicht (wie Leni und Mike Stern) in dieser Eigenschaft getrennte Wege gehen.
Im Falle Thompson und Hiseman geschah dies früh, aber nicht von Anfang an (an den ersten beiden Colosseum-Alben wirkte sie nur im Studio mit, viele Jahre später auch live).
BT Martyn Goddard CLR439 1400x1400Nach einer Babypause, 1975, nahm dann er Platz bei ihr, bei Barbara Thompsons Paraphernalia und beide zusammen für lange Jahre im United Jazz + Rock Orchestra. Unvergesslich der Stolz der reihum ansagenden Herren, Soli ihrer blonden Saxophonistin absagen zu dürfen.
Thompson stammt aus Oxford, studierte in London am Royal College of Music zunächst Flöte, Piano und klassische Komposition, stieß dann aber - typischer Schritt ihrer Generation - über Duke Ellington und John Coltrane zu Jazz und Saxophon.
Sie war eine ausgesprochene Melodikerin, insbesondere auf dem Sopransaxophon, mit einer Tendenz zur Findung eingängiger Themen. Vielleicht auch deshalb konnte sie mit Andrew Llyod-Webber an mehreren Musicals mitwirken. Nicht zu vergessen ihre klassischen Kompositionen sowie Musiken für TV und Film.
Sie war ein künstlerisches Rollenmodell ganz gewiß - wohl aber auch für die Heilkraft moderner Medizin. 1997 wurde bei ihr Parkinson diagnostiziert, 2001 zog sie sich deshalb von der Bühne zurück, 2005 glückte ihr dank eines neuen Medikamentes die Rückkehr dorthin.
Unvergessen 2012 das Bild aus einer BBC-Dokumentation über ihre Erkrankung: Routineuntersuchung im einem Krankenhaus, an ihrer Seite Jon Hiseman, der offenkundig gesündere.
2018 stirbt er, der ewig agil scheinende, an einem Gehirntumor, 4 Jahre vor ihr.
Barbara Gracey Thompson, geboren am 27. Juli 1944 in Oxford, MBE (Member of the Order of the British Empire), starb am 9. Juli 2022, wenige Wochen vor ihrem 78. Geburtstag.
In einer rührenden Abschiedsnote führt Tochter Ana Gracey, 47, die beiden Eltern zusammen:
„Meine Mutter hatte einen außergewöhnlichen Geist - sie hat nie aufgegeben, aber ihr Körper hat sie schließlich im Stich gelassen, nachdem sie 25 Jahre lang tapfer gegen die Parkinson-Krankheit gekämpft hatte und es gegen Ende Komplikationen mit ihrem Herzen gab. Wir hoffen von Herzen, dass sie und unser Vater wieder zueinander gefunden haben."

Foto:   Martyn Goddard, temple-music.com
erstellt: 11.07.22, ergänzt: 26.07.2022
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Fredy Studer, 1948-2022

fredy studer by ingo hoehn 163Am Freitag, 13. Oktober 2022, wäre der Auftakt in seiner Heimatstadt Luzern gewesen:
Start der "50 Anniversary of OM"-Tour, verbunden mit der Veröffentlichung einer Jubliläums-CD.
Bis zum 6. Dezember wären OM (Urs Leimgruber, sax, Christy Doran, g, Bobby Burri, b, und er) durch die Schweiz, Österreich, Deutschland getourt, mit Abstechern auch nach Paris, Lille und London.
Aus dem Umfeld der Band war schon im Mai zu hören: zwei Mitglieder seien so schwer erkrankt, dass sie unter allen Umständen diese Tour durchstehen wollten.
Einer von ihnen hat es nicht geschafft:
Fredy Studer, einer der renommiertesten Jazz-Schlagzeuger der Schweiz.
Lucas Niggli, der selbst zu den Großen dieser spezifisch eidgenössischen Zunft zählt, stellt ihn in einem persönlichen Pantheon neben Pierre Favre, Daniel Humair und Fritz Hauser.
Studer war ein lauter Drummer, einer, der bei allen Ausflügen den Groove durchscheinen ließ.
"Es mues eifach fahre´, vorgetragen im breitesten Luzerner Dialekt", entnehmen wir dem Nachruf von Peter Bürli im SRF; so formulierte Studer selbst sein Motto.
Sein Spiel, so multi-stilistisch es klingen mochte, war Cymbal-zentriert.
Das war kein Zufall, früh schon war er dem Schweizer Cymbal-Hersteller Paiste verbunden (u.a. als Tester neuer Instrumente). 1975 hat er zusammen mit Jack DeJohnette (mit dem ihn stilistisch nichts verbindet) für Paiste ein sogenanntes "Dark Ride"-Becken entwickelt.
Studer war Autodidakt. Sein „Fixstern“ (NZZ) gleichwohl war … Jimi Hendrix. Über dessen Drummer Mitch Mitchell (1946-2008) kam er, wie etliche seiner Generation, zu Elvin Jones und John Coltrane.
John Bonham, Carl Palmer, Bill Bruford, die Arbeit für Paiste führte ihn mit vielen Kollegen zusammen, in puncto Fachsimpeln wurde er einer der größten vor dem Herrn.
Fredy Studer, geboren am 16. Juni 1948 in Luzern, ist am 22. August 2022 verstorben. Wenige Wochen nach seinem 74. Geburtstag.
Seine Rolle auf der kommenden OM-Tournee wird Gerry Hemingway einnehmen.

Lucas Niggli über Fredy Studer, auf SRF2
erstellt: 23.08.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

 

Matthias Winckelmann, 1941-2022

Eine Zeitlang in den 70ern, aber eben doch nur einen Wimpernschlag in der Geschichte des Jazz, belieferten zwei E-Labels Kopf an Kopf von München aus den Rest unserer kleinen Welt mit Tonträgern aus deutschen Presswerken: ECM, gegründet 1969, Enja, gegründet 1971.
Spätestens Ende November 1975 war das Rennen gelaufen (wenn es denn entgegen dem Anschein je eines gewesen war), als nämlich dem einen in Form des „Köln Concert“ einen Dukatenesel aufzustellen gelungen war.
„My Favourite Songs - The Last Great Concert“ von Chet Baker firmierte zwar Enja-intern scherzhaft als „unser Köln Concert“, konnte aber weder historisch und schon gar nicht kommerziell im Vergleich bestehen. Das war 1988. Da hatten sich die beiden Enja-Gründer, Horst Weber (1934-2012) und Matthias Winckelmann, zwei Jahre zuvor getrennt und die weitere Betreuung der Künstler des inzwischen stattlichen Label-Kataloges per Los untereinander aufgeteilt.
Matthias WinckelmannGestartet hatten sie ihr Unternehmen (neben den damals üblichen 20.000 DM, geborgt von Vater Winckelmann) mit dem szene-typischen Kapital aus Begeisterung und Engagement, als Fans.
Der European New Jazz stand zwar eingangs auf dem Türschild, und es fanden sich auch Namen wie Albert Mangelsdorff, Dusko Goykovich und Alexander von Schlippenbach unter den ersten Veröffentlichungen. Die Premiere des Labels aber fand mit Mal Waldron statt, dem damals in München lebenden US-Pianisten: „Black Glory“ (seltsamerweise über die gesamte A-Seite mit einem Stück namens „Sieg Haile“. Man würde den dezidierten Anti-Faschisten Weber gerne noch einmal darauf befragen.)
Dann kam und blieb für viele Jahre Dollar Brand/Abdullah Ibrahim. Es kamen Elvin Jones, Archie Shepp, Cecil Taylor, Eric Dolphy, Bennie Wallace (was für eine Aufregung 1978), der frühe John Scofield, der frühe Gary Thomas - Enja Records lief rund als schöner Gemischtwarenladen, ohne homogenes Klangbild, ohne optisches Corporate Design wie die lokale „Konkurrenz“.

In den 80ern schaute ein junger Mann namens Stefan Winter vorbei, lernte sein Handwerk bei Enja und zog dann mit besonders aufwändig gestyltem Katalog eigene Bahnen.
Those were the days. Weber zog sich mehr und mehr zurück, seinen Anteil führt seit 2001 Werner Aldinger fort. Später auch den von Winckelmann.
Der bleibt nicht nur als Produzent & Talentscout, sondern auch als Gastgeber in Erinnerung (kolportiert wird, dass letztere Rolle oft die Voraussetzung für erstere schuf).
Gerne auch als gefragter Interview-Partner, als einer, der dem Fragesteller den Eindruck vermittelte, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Unvergessen, wie er unsereins einmal die harte Auslese unter US-Jazzmusikern schilderte (von -Innen konnte noch kaum die Rede sein), gegenüber denen aus der deutschen Mittelschicht, die es ihnen erlaubt, die finale Berufsentscheidung lange hinauszuschieben…
Matthias Winckelmann, geboren am 7. April 1941 in Berlin, aufgewachsen in Frankfurt am Main, starb am 19. Juni 2022 in einer Münchner Klinik an den Folgen einer Operation. Er wurde 81 Jahre alt.

Foto: Ralf Dombrowski/enja
erstellt: 20.06.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Wie geht es Keith Jarrett?

Die Frage ist berechtigt.
Der Pianist hatte 2018 zwei Schlaganfälle erlitten. Die Nachricht darüber, in einem großen Artikel in der New York Times im Oktober 2020, enthielt auch die Konsequenz:
dass er nie mehr live werde spielen können.
Seitdem hat man wenig in der Sache gehört.
Die Frage stellt sich nun erneut aus aktuellem Anlaß, weil die Veröffentlichung eines weiteren Mitschnittes aus seiner Europatournee vom Juli 2016 ansteht, nach „Munich“ und „Budapest“ nunmehr „Bordeaux“.
Wenn einer die Frage stellen kann (und darauf auch eine Antwort bekommt), dann Nate Chinen von NPR (National Public Radio), der auch für die NYT schreibt.
Jetzt also telefoniert Chinen mit Keith Jarrett, der daheim auf der Veranda sitzt, die er sein Büro nennt.
Er spaziert dieser Tage, die Umgebung ist schön, das Wetter auch, aber „meine rechte Hand ist nicht mehr so wie früher, von meiner linken ganz zu schweigen“.
Er, über Jahrzehnte Herr der Standards, spielt sie, nein versucht sie auch heute noch zu spielen, aber wie:
„Die einzige Einschränkung mit meiner rechten Hand ist, dass mein kleiner Finger die Melodie spielen muss. Das wäre nicht der Fall, hätte ich beide Hände. Und der Rest meiner (rechten) Hand ist dazu da, so zu tun, als würde ich den Akkord spielen“.
Jarretts Antwort auf die Frage („Du spielst also den Akkord und die Melodie ausschließlich mit deiner rechten Hand?“) veranschaulicht den Verlust dramatisch:
„Ich würde es nicht Akkordspiel nennen. Ich würde sagen, ich suche ein paar der Noten, die funktionieren könnten“.
Offenkundig möchte er von der genannten Tournee auch „Rome“ und „Vienna“ herausbringen, obwohl das Publikum in Österreichs Hauptstadt musste doch auch ermahnt werden.
Immerhin, das Publikum in Bordeaux war gut - Hotel und Essen hingegen, die alte Leier, schlecht.
Nate Chinen veröffentlicht das gesamte Telefonat in leicht gekürzter Form auf der NPR-Webseite.
Warum er die liebedienerischen Passagen drin lässt (“Das ist ja wohl doch ein nationales Verbrechen in Frankreich - einem Künstler in Bordeaux ein minderwertiges Essen zu servieren“), ist ein Rätsel.
Die Tragödie, die sein Beitrag beschreibt, schließt Ironie aus.

erstellt: 11.08.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Wolfgang Reisinger, 1955-2022

wolfgang reisinger 1Es war in einem Wiener Kaffehaus, heute früh, wo uns die Nachricht durch einen Gast überbracht wird: Wolfgang Reisinger, einer der großen (soviel Pathos ist erlaubt), einer der großen Jazzsöhne der Stadt, ist tot.
Sofort springen intensive, ja elekrisierende Erinnerungen auf: 1984, Moers Festival, noch in der alten Eissporthalle, Airmail mit Wolfgang Puschnig, as, Harry Pepl, g (1945-2205), Mike Richmond, b und Reisinger.
Ein Quartett, die Erinnerung trügt nicht, das kompetenter swingte als die meisten Amerikaner auf dem Festival.
Dann, natürlich, das Vienna Art Orchestra.
Noch impulsiver, eben dort 1987, die Pat Brothers mit Linda Sharrock, voc, Wolfgang Mitterer, keyb, Wolfgang Puschnig und Reisinger, eine der frühen Begegnungen, nein Konfrontationen von Jazz & Elektronik, in manchen Aspekten bis dato unerreicht.
Reisinger kommt von den Wiener Sängerknaben, er hat mit US-Jazzmusikern wie Dave Liebman gespielt.
Man ist geneigt, aus dieser biografische Klammer seine einzigartige Position zu destillieren: amerikanisches Handwerk, amerikanische time, europäisches Formbewußtsein, europäische Vielfalt.
Dave Liebman bringt es auf den Begriff: im Grund sei Reisinger ein Komponist, der zufällig als Schlagzeuger arbeite.
In nuce: er hat die Errungenschaften eines Jack DeJohnette europäisch ausformuliert. Viele Musiker, viele Hörer haben ihn dafür gefeiert.
Wer seine Discografie nimmt, kann an ihrem Zeitstrahl seit den frühen 80ern über mehrere Jahrzehnte Höhepunkte des österreichischen sowie des europäischen Jazz ablesen. Dazu Ausflüge in die ganz moderne Klassik mit Luciano Berio und den Londoner Sinfonikern.
Wolfgang Reisinger, geboren am 16. Juli 1955 in Wien, starb dortselbst am 8. Juni 2022 an den Folgen eines Aneurysma, er wurde 66 Jahre alt.

erstellt: 09.06.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Michael Henderson, 1951-2022

Der Posten des Bassisten in Miles Davis´ frühem Jazzrock, man muss es wohl so sehen, war eine Zeitlang Produkt einer eher provisorischen Wahl.
Ron Carter, Bassist aus dem legendären zweiten Quintett, raspelte zuletzt auf der Baßgitarre auf "Filles de Kilimanjaro".
Dave Holland, von Miles von London nach New York gebeten, hatte seinen Studioeinstieg 1968 bei diesem Studio-Date, konnte sich aber mit diesem gattungs-notwendigen Instrument nicht recht (und auch später nicht überzeugend) anfreunden. Er verließ sich vorwiegend auf seinen Kontrabaß.
Bei „Bitches Brew“ wurde ihm eine Spontanbesetzung aus dem Nachbarstudio, nämlich der Columbia-Hausproduzent Harvey Brooks, zugesellt. Am E-Baß.
Nicht dass Holland seinen Job schlecht gemacht hätte, er wollte lediglich - wie und mit Chick Corea - "freiere" Stukturen anstreben und gründete mit letzterem das Quartett Circle.
Das Bass-Provisorium endete 1970 nach einem Konzertbesuch von Miles Davis bei Stevie Wonder und kulminierte in dem dieser Tage meist-kolportierten Satz:
„I’ll take your fucking bass player!“
Michael HendersonMiles „nahm sich“, wie die New York Times die Abwerbung schamhaft umschreibt, Michael Henderson.
Und stellte mit ihm am 13.09.1970, so kann man es auch sehen, live seine neue Musik auf die Füße.
"Sein Talent, kreiselnde, reptetive Bass-Riffs zu spielen, gab der Musik von Miles sofort einen neuen Schwerpunkt" (Paul Tingen).
Die Band, in der wichtige Posten in schiefer, aber nicht gänzlich unpassender Metaphorik mit einem Studienplatz in der „Universität Miles Davis“ gleichgesetzt werden, hatte endlich auf dem rhythmisch exponiertesten Platz ihren Meister gefunden. Einen Funk-Meister.
Für den unter Strafe stand, das frühere Repertoire der Band sich anzueignen: "If you learn any of that old shit, you´re fired!" (Miles, zitiert nach Tingen*).
Man konnte den neuen touch schon im April 1970 hören: auf „Jack Johnson“, später auf „Live Evil“, „On the Corner“ und weiteren Alben bis 1975 - kürzelhafte Motive, ein bomben-sicheres timing, alle durften ausschweifen, Henderson war punktum da.
Mit furztrockenem Sound (Flageolett, vibrato & slap kamen erst später in Mode) in "granit-artigen bass-vamps, oft eine Viertelstunde lang auf einem einzigen Akkord" (*).
Wir erinnern uns, anno 1971, im Kölner „Sartory“, an den baumlangen Neuling, hohe Stirn, seltsam geteilter Oberlippenpflaum. Neben ihm ein weiterer Neuling, Ndugu Leon Chancler (in der Erinnerung mit einem extra-hohen ride-Becken, rechts), links wuselt Keith Jarrett (an der Orgel!), rechts der Saxophonist Gary Bartz.
Henderson steht wie eine Eins. Und spielt wie eine Eins. Was für ein Groove!
Dabei hatte er zu diesem Zeitpunkt keinerlei Jazzerfahrung. Aber fünf Jahre mit Stevie Wonder. Und Erfahrung als Motown-Studiobassist. Der Autodidakt war - natürlich - geschult am legendären Motown-Bassisten James Jamerson (1936-1983).
"Ich blieb nah an James' Sound, fing aber an, ab und zu meine eigenen Ideen einzubringen. Ich ging den Hals hinauf und fand höhere Noten“, notiert er in den liner notes seiner Compilation „Anthology“ (2018) .
Das war eine späte Rückschau auf die Jahre, von denen die Jazzwelt kaum noch Notiz genommen hat. Sein letztes Album erschien 1986.
Anders als George Duke, der dem Jazz in einem langen Gleitflug entschwebte, verschwand Henderson aus dem Jazz so rasch, wie er gekommen war.
Mitte der 70er, nach 6 Jahren Miles, mutierte er, durchaus nicht ohne Erfolg, als Sänger, Instrumentalist, Produzent. In den sanften Worten der New York Times: „Funk bassist turned Crooner“.
Obwohl, einmal noch gab er sich als Alumnus der Miles Davis-Universität zu erkennen, im Juli 2002, live im "Yoshis", in Oakland/Ca.
Zusammen mit den anderen Ex-Kommilitonen Ndugu Chancler, Barry Finnerty, Sonny Fortune, Badal Roy und Michael Wolff, keyb: „Children on the Corner“.

Eine „Rebirth“, wie der Anspruch des Albums lautet, war das nicht.
Michael Henderson, geboren am 7. Juli in Yazoo City/MS, erlag am 19. Juli 2022 in Atlanta/GA einer Krebserkrankung.
Er wurde 71 Jahre alt.

erstellt: 23.07.22, ergänzt und korrigiert: 25.07.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten
* Zitate aus: Paul Tingen. Miles beyond. The Electric Explorations of Miles Davis, 1967-1991. Billboard Books, New York. 2001

Köln 75 ... und wen spielt Ulrich Tukur?

Ethan Iverson, meinungsfreudiger Ex-Pianist von The Bad Plus, hat die Nachricht wohl nicht richtig gelesen.
Jedenfalls twittert er:
„Jarrett als dramatisches Thema für einen modernen Film? Da fällt mir die Kinnlade runter!“
Ja, Köln 75, soviel ist korrekt, handelt natürlich von den berühmt-berüchtigten Umständen von Keith Jarretts Köln Concert, in der Kölner Oper am 24. Januar 1975.
Mala EmdeTatsächlich aber tritt in diesem Film eine Person von hinter dem Vorhang auf die (Film)Bühne.
Die Meldung bei Variety lautet korrekt:
„Köln 75 erzählt die wahre Geschichte von Vera Brandes, die 1975 im Alter von 17 Jahren das berühmte Köln Concert des Jazzmusikers Keith Jarrett inszenierte, das zum meistverkauften Jazz-Soloalbum aller Zeiten wurde“.
Brandes wird im Film von der deutschen Schauspielerin Mala Emde ("Charité") dargestellt, die Rolle des Keith Jarrett übernimmt der Amerikaner John Magaro.
Die Dreharbeiten beginnen noch in diesem Jahr. Regisseur ist der aus Israel stammende Ido Fluk, produziert wird der 110 Minuten lange Spielfilm von der Berliner Company One Two Films.
Und da einstweilen wenig mehr bekannt ist als die Besetzungsliste, darf man raten, wessen Rolle denn wohl Ulrich Tukur übernehmen wird?
Die des Klavierstimmers?
Die des Produzenten Manfred Eicher?
Wenn letzterer, dann wird man Tukur und Magaro unbedingt in einem Renault R4 sehen müssen.
In diesem Gefährt machten sie sich bekanntlich auf den Weg aus der Schweiz in die Domstadt, um besser an den Reisespesen zu partizipieren.

Foto Martin Kraft, CC BY-SA 4.0
erstellt: 01.06.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten