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Richie Beirach, 1947-2026

Richie Beirach

Ethan Iverson zeigt sich in seinem blog Transitional Technology wenig überrascht, „denn der Pianist hatte seit einiger Zeit mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen.“ Das blieb auch in europäischen Clubs nicht verborgen, mehrfach ging ein Raunen um, das kommende Konzert könne das letzte gewesen sein. 
Iverson sieht Beirach im Verein mit Hal Galper und Jim McNeely, „und nun sind sie alle innerhalb eines Jahres nacheinander verstorben“.
Er erwähnt es nicht expressis verbis, aber seinen kurzen Analysen ist denn noch zu entnehmen, dass Beirach pianistisch unter den dreien die Nase vorn hat - was wohl als common sense gelten dürfte.
Umso erstaunlicher, dass die Todesmeldung (noch) nicht von den in solchen Fällen üblichen Quellen ausgeht, u.a. Wikipedia, sondern von der WDR Big Band kommt (mit der er 2016 ein Album produziert hat) und aus der deutschen Provinz, von der Rheinpfalz in Ludwigshafen.
Beirach verbrachte, was vielen verborgen blieb, seine letzten Jahren im Verbreitungsgebiet, in Heßheim, ein paar km norwestlich von Ludwigshafen.
Dorthin zog es ihn, nachdem er mit Erreichen der Altersgrenze (65 plus zwei Extrajahre) an der Musikhochschule Leipzig pensioniert worden war.
Mit seiner Meisterstudentin Regina Litvinova und dem 2021 verstorbenen Schlagzeuger Christian Scheuber bildete er, so ist zu lesen, eine Art „Jazz-WG“ auf einem Hof in Heßheim.
„Hier mache ich die Tür auf, gehe zwei Schritte und bin in der Natur. Ich kann Sterne sehen. In New York konnte ich das nie“.

 ---wird fortgesetzt

 Richard Alan Beirach, geboren am 23. Mai 1947 in Brooklyn/NY, verstarb am 26. Januar 2026 in Worms. Er wurde 78 Jahre alt.

 erstellt: 27.01.26
©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten

Ralph Towner, 1940-2026

Ralph Towner„Niemals zuvor hat ein einzelner Mensch solch wunderschöne Musik komponiert, einen Triumph menschlicher Kreativität, und sie einem weltweiten Publikum zugänglich gemacht. Er war einer der größten Menschen, nicht nur aufgrund seines künstlerischen Geistes, sondern auch aufgrund seines großzügigen und großmütigen Charakters.“
Die Webseite eines Verstorbenen, die - ohne weitere Autorenangabe - einen solchen Text enthält, setzt sich dem Verdacht des Hochmutes aus. Eben weil man nicht weiß, wer hier spricht (vielleicht ist es die Witwe Mariella Lo Sardo).
Aber, die Trauerrede ist aus einleuchtenden Gründen eine besonders subjektiv geprägte Textsorte. Und seltsamerweise, auch wer den persönlichen Schmerz nicht teilt, weil er auf öffentlichen Foren lediglich die Künstlerseite des Verstorbenen kennengelernt hat, wird ihr in diesem speziellen Falle die Zustimmung nicht versagen.
Ganz gewiß nicht dem musikalischen Gehalt der Aussage; viele werden ihn für wahr halten, weil sie ihn so empfunden haben. Und da wir uns den bedeutenden Künstler gerne auch als guten Menschen vorstellen (trotz nicht seltener Gegenbeispiele), tun wir das ganz besonders in diesem Falle, denn:
Ralph Towner war ein sympathischer Mensch.
In einer Gattung, die oberste Priorität der Artikulation eines eigenen Ausdrucks einräumt, hat er das Optimum erreicht. Noch dazu auf einem Instrument, das Instrumentalkollegen nur nebenher in die Hand nehmen: die akustische Gitarre, ganz zu schweigen von deren 12-saitiger Ausfertigung.
Ein sehr schweres Zeichen setzt er damit im November 1971 in den Columbia Studios zu New York City, bei der Produktion eines Albums mit dem völlig gegenläufigen Titel „I sing the Body Electric“ (von Weather Report). In der Wayne Shorter-Komposition "The Moors" nimmt die Introduktion von Towner mit allerlei Tonbeugungen, Flageoletts und stop times fast die Hälfte des Stücke ein.
Zu diesem Zeitpunkt lebte er schon drei Jahre im big apple, hatte längst den Schwerpunkt seines Interesses von der Saitenbehandlung mittels Tasten auf unmittelbares Händewerk verlegt - ohne ersteres völlig aufzugeben.
Etliche Jahre später, 1982, auf "Blue Sun", einem seiner Solo-Alben, umfasst die Liste der verwendeten Instrument alles, was er gelernt, eingehend studiert und sonstwie sich angeeignet hat: „12-String Guitar, Classical Guitar, Piano, Prophet 5 Synthesizer, French Horn, Cornet, Percussion“.
„Ich habe die Gitarre immer wie ein Tasteninstrument behandelt. Der Trick bei einigen der komplizierten Akkorde ist, dass man nur sechs Saiten hat und das Spielen von sechs Noten nicht unbedingt kompliziert ist. Aber mir half dabei mein Studium der Barockmusik und Bach-Choräle am College und das Erlernen des Einsatzes von geschlossenen und offenen Stimmen, also wie man mit weniger Stimmen etwas Größeres andeuten kann“ (in Joel Harrisons Guitar Talk, 2018).
Da kam er her, von dem Tasteninstrument schlechthin, vom Piano. Er konnte es tagtäglich hören, daheim in einer KLeinstadt südwestlich von Seattle. Die Mutter, Klavierlehrerin, unterrichtete zu Hause, der Vater spielte Trompete.
An der University of Oregon hat er beides studiert. Seine ersten Jobs hatte er als Jazzpianist, beeinflusst von Bill Evans.
Die nicht-verstärkete Gitarre mit ihren je nach Lage wechselnden Farben „wählte ihn“, wie der Tagesspiegel insinuiert, als er einen Kommilitonen darauf mit Bach-Werken hörte. Er studierte das Instrument in seiner klassischen Form in Wien 1963/64 und 1967/68, bei dem renommierten Lehrer Karl Scheit.
1968 zieht er nach New York, zusammen mit dem Bassisten Glen Moore, mit dem ihn kurz darauf eine fast lebenslange Kooperation verbinden sollte, mit der Fusionsgruppe Oregon. In Woodstock, 1969, begleiten die beiden einen weiteren fellow Oregonian, den Folksänger Tim Hardin (1941-1980).
Ab den 70ern wächst sein Werk in einer Breite, die sich in einem kurzen Nachruf kaum kartieren lässt: Paul Winter Consort, Oregon, John Abercrombie, Gary Burton, Jan Garbarek, Eberhard Weber, Dave Holland und und und…
Allein zwei Dutzend Alben unter eigenem Namen veröffentlicht er auf ECM.
Das letzte „First Light“ (2023) konzentriert noch einmal, was ihn als Gitarristen ausmacht.
„Die Gitarre ist ein so gutes Soloinstrument; man hat das Gefühl, eine Art Ensemblemusik zu spielen, aber ganz allein“, 2017 gegenüber der Jazztimes geäußert, hier löst er es, erneut, ein.
Ein enges Wechselspiel aus lines und Akkorden, aus Jazz- und klassischen Techniken, weit weg von den Triolengeschossen eines Pat Martino, in einer Kammermusik eigener Art. Die swingt.
Er war, was nur wenige wussten, in den letzten Jahrzehnten seines Lebens dem wohl größten Magneten seiner Musik nahe, Europa. Seit den frühen 90ern lebte er zunächst in Palermo, dann in Rom; 1994 heiratete er die Schauspielerin und Dramatikerin
Mariella Lo Sardo.
Ralph Towner, geboren am 1. März 1940 in Chehalis/WA, verstarb am 18. Januar 2026 in seiner Wahlheimat Rom. Er wurde 85 Jahre alt.

Foto: Paolo Soriani
erstellt: 19.01.26
©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten

 

 

The Bad Plus is over

The Bad PlusEs ist der Gründungspianist der Band, Ethan Iverson, der in seriöser Form die Nachricht überbringt.
Die beiden anderen Mitglieder der lange als Trio agierenden Band - Reid Anderson, b, und Dave King, dr - stammeln Nämliches in einem selfie vor der eisesstarren Kulisse von Minneapolis:
„2026 is gonna be the last year of The Bad Plus“.
In der Folge 565 seines aufschlussreichen blogs Transitional Technology bedauert Iverson zunächst, dass die beiden vom Reststamm in ihrer „Botschaft“ vergessen hätten, die andere Hälfte der letzten Besetzung der Band als Quartett (Ben Monder, g, und Chris Speed, ts) zu erwähnen.
(Er selbst hätte gerne aber auch an seinen Nachfolger denken können, an Orrin Evans).
Was sich in diesem langen post zunächst wie eine Kollegenschelte ausnimmt, wechselt nach einem Zwischenschritt aber doch die Farbe, hin zu einem versteckten Selbstlob.
Der Zwischenschritt: die Abschiedstournee, nach 26 Jahren The Bad Plus, wird einen Grundgedanken der Band herausstellen: covers.
Zusammen mit Chris Potter, ts, und Craig Taborn, p, werden Anderson & King ab dem 3. März 2026 die Musik von Keith Jarretts Amerikanischem Quartett (mit Charlie Haden, b, Dewey Redman, ts, Paul Motian, dr) neu interpretieren.
(Erste deutsche Station: 29.03. Monheim am Rhein.)
Hatten wir das nicht jüngst, jedenfalls so ähnlich?
Richtig, Branford Marsalis spielt „Belonging“, mithin das Europäische Quartett.
„I´m a Keith Jarrett fan“, bekennt Iverson - hält aber dessen Kompositionen bestenfalls als gut geeignet für dessen „herausragende Bands“:
„Jarrett ist sicher kein Ornette Coleman oder Thelonious Monk, wenn es darum geht, sofort einprägsame Melodien zu komponieren.“
Und nun folgt der Farbwechsel in seinem Beitrag, der darin gipfelt, den BP-Bassisten zu promovieren:
„Certainly Reid Anderson is a better tune-writer than Keith Jarrett!“
Erst dann folgt der Hauptteil. Darin wendet Iverson sich dem Titel seines Beitrages zu „Structural Features of Early Bad Plus“.
Im Mittelpunkt das, was die Band populär gemacht hat, nämlich Rockmusik-covers.
Das liest sich gut auf Papier oder Monitor. Wer´s nachhört, mag dem nicht so recht folgen.

erstellt: 18.01.26
©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten

Monheim Triennale - Aus

Wie die Rheinische Post heute - nach einem Gespräch mit der neuen Bürgermeisterin Sonja Wienecke - meldet, "(ist) mit dem Aus der Monheim Triennale (...) eines der sichtbarsten Kultur-Markenzeichen der Stadt vorerst Geschichte."
Überraschend kommt das nicht.
Zimmermann Michalke 2025   1Das Menetekel, am 5. Juli 2025 ward es nicht projiziert auf die riesige Wand im Kinopalast „Emotion“ zu Monheim - darüber liefen Bilder & Töne des wohl größten opus von der kurzlebigen Monheim Triennale: „Every Note you play“, die Film-Dokumentation von Mika Kaurismäki über die Edition 2024, nun am eigentlichen Ort, zur richtigen Zeit, am vorletzten Tag dessen, was sich als finale Ausgabe herausstellen sollte.
Das Mentekel, es machte sich immateriell bemerkbar; es schwebte als traurige Gewissheit über der Vorführung, bevor man die Plätze eingenommen hatte, es ließ hernach die matt-zukunftsfreudigen Äußerungen der beiden Protagonisten - Bürgermeister Daniel Zimmermann und Triennale-Chef Reiner Michalke, noch dazu vor einer Nachbildung der Blues Brothers - als spezifische Variante von Galgenhumor erscheinen.
Der Sound dieser Gewissheit, es war das Vorecho der NRW-Kommunalwahl im September 2025. Von Zimmermann war bekannt, dass er sich nicht mehr zur Wahl stellt, und von der prospektiven Nachfolgerin, der von mehreren Parteien getragenen Sonja Wienecke, war gewiss, dass sie dem Festival in der inzwischen hochverschuldeten Stadt kritisch gegenüber steht.
Die Monheim Triennale, das war in zwei Zyklen, überschrieben The Prequel, The Festival und einmal The Sound (u.a. mit dem kostspieligen Robert Wilson), über fünf Jahre das Produkt der kulturellen Geistesfreundschaft von Michalke & Zimmermann. Ein ambitioniertes Metropolenprojekt in einer kreisangehörigen Stadt von 45.000 Einwohnern, das - was in einer Metropole gar nicht möglich wäre - zugleich über die ständige Anwesenheit eines künstlerischen Repräsentanten (Achim Tang) in das Wurzelwerk lokaler Musikkulturen zu gelangen suchte. Wie nicht nur Kaurismäkis Film zeigt, mit Erfolg.
Monheim Halle Michalke 1Von Großzügigkeit geprägt schon der „Spatenstich“ in Monheim, an Rhein-km 714.
Im März 2020 führt Michalke (nach den Jahren 2006-2016 beim Moers Festival und bizarrem KleinKLein mit der Stadtverwaltung) als erster Triennale-Intendant durch die Ruine der einst modernsten Schmierölraffinerie Europas.
Sie sollte umgebaut werden zu einem hoch-variablen Veranstaltszentrum, zur Kulturraffinerie K714, worin auch die Monheim Triennale Unterschlupf finden soll, mit ihrer von ihm sehr spezifisch ausgelegten „Aktuellen Musik“.
Die Bühne auf der MS Rheinfantasie, jeweils temporär verankert in Höhe der berühmt-berüchtigten Ikone der Stadt, des künstlichen Geysirs, sollte lediglich als Refugium der Wartezeit dienen. Das Schiff bleibt, neben Kleinodien am Ufer, nun als Hauptspielort in Erinnerung.
Kaum denkbar, dass irgendetwas Triennale-artiges im K714 nach der Eröffnung im September 2026 erklingen wird. Nachdem die Bürgermeisterin als Vorsitzende des Aufsichtsrates der Triennale GmbH im Blick auf eine Entscheidung des Gremiums von Mitte Dezember heute so zitiert wird:
„Zur Kündigung des Intendanten verweist Wienecke darauf, dass diese Personalentscheidung im nicht-öffentlichen Teil des zuständigen politischen Gremiums getroffen und dort begründet worden sei“ (RP).
Also, nichts Genaues weiß man nicht.
Hintergrund ist die in Monheim besonderes angespannte Haushaltslage, hier speziell die drastisch sinkenden Gewerbesteuereinanhmen. „Auch welche weiteren Kulturangebote oder Kunst im öffentlichen Raum auf dem Prüfstand stehen, bleibt vorerst offen“ (RP).
Offen auch, was die Kündigung bedeutet; immerhin hat Michalke einen Vertrag als Triennale Intendant bis 2029.
Es wäre vielleicht ein analoger Vorgang zu der „Rückabwicklung des Ankaufs eines Kunstwerks für den öffentlichen Raum der Künstlerin Alicja Kwade“.

erstellt: 06.01.26
©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

 

Billy Hart goes political

thecookers eventimageDass er das noch erleben muss…
Wenige Wochen nach seinem 85. Geburtstag, und nachdem er seit mehr als einem Dutzend Jahren mit dem Veteranen-Ensemble The Cookers (darin Eddie Henderson, Donald Harrison, George Cables u.a.) unterwegs ist, hat er einen vermutlich gut bezahlten Gig abgesagt.
Am Silvestertag war das Sextett für das Kennedy Center, pardon The Donald Trump and John F. Kennedy Memorial Center for the Performing Arts in Washington/DC gebucht.
Wie andere auch - beispielsweise die New Yorker Tanzkompanie Doug Varone oder die Folksängerin Kristy Lee - sind die Jazzmusiker mit der Namensänderung der renommierten Institution nicht einverstanden und begründen ihre Absage damit.
Wenngleich ihre Stellungnahme keine dezidierte Kritik am Center enthält.
„Jazz entstand aus dem Kampf und dem unermüdlichen Streben nach Freiheit: Freiheit des Denkens, der Meinungsäußerung und der uneingeschränkten menschlichen Stimme«, heisst es darin.
Auf Nachfrage der New York Times erklärt Billy Hart jedoch, die Absage hinge „evidently“/offensichtlich damit zusammen.
Ihre Aktion wurde postwendend quittiert vom jetzigen Leiter des Centers, dem aus seinen Tagen als US-Botschafter unter Trump I in Berlin berühmt-berüchtigten Richard Grenell, als „politischer Stunt“.

erstellt: 30.12.25
©Michael Rüsenberg, 2025. Alle Rechte vorbehalten

PS (13.01.26) down beat meldet, die Band habe durch einen Spendenaufruf zum Ausgleich ihres ausgefallenen Kennedy-C-Honorars 24.747 $ erzielt. Sie ist also nicht ins "Bergfreie" gefallen (wie man im Ruhrgebiet zu sagen pflegte).

Applaus "Applaus"

Es dürfte für Wolfram Weimer (Jürgen Kaube tauft ihn WWW, Wolfram „Windbeutel Weimer“, in der FAZ vom 24.11.25) eine Reise in eine terra incognita gewesen ein. In die Muffathalle, München, zur Verleihung des Applaus Award 2025.
Zu einem Publikum, sehr bunt, sehr divers, sehr intersektional, wie man von Augenzeugen hört, vom Dresscode her quasi das andere Ende der Fahnenstange zu jenem, das Weimer aus Vor-Ministertagen vom Ludwig Erhard Gipfel am Tegernsee wohlvertraut ist.
Gipfelartiges aber auch hier: „herausragende Arbeit“, „kreative Programmgestaltung“ und „gesellschaftliches Engagement“, erkennt der Staatsminister für Kultur.

Applaus Weimer   1
Hier muss er nichts einwerben für besondere Sprechstunden in Berlin, hier darf er ausschütten: „einen der höchstdotierten Bundeskulturpreise“:
1.7 Mio Euro, 100.000 mehr als im Vorjahr - verteilt auf 88 Köpfe, pardon Musikspielstätten.
(Er hat sich gleichwohl, anders als seine Vorgängerin, dem Foto-Marathon mit jedem/r der 88 entzogen).
Selbst den 19 Bestdotierten fällt damit je nur die Hälfte dessen zu, was beim Tegernsee Summit allein der Tarif Mont Blanc erfordert.
In der Muffat träumen sie nicht im entferntesen davon, "Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger“ zu erschleichen (manchen aber ist sicher der Gedanke nicht fern, ein Teil ihrer Gäste, Musiker und Musikerinnen auf der Bühne, erledigten das schon immateriell mit ihrem Instrumentarium).
Und selbst die Undotierten unter den Ausgezeichneten, fünf an der Zahl, nahmen gern die digitale Applaus-Plakette entgegen, als Zeichen bundesweiter Beachtung in der Auseinandersetzung mit der lokalen Kulturpolitik.

(Welches Gewicht sie hat, wird sich in Städten mit Sperrhaushalt, wie Köln, anno 2026 erweisen.)
Wessen Gesamtbudget zu 40 Prozent und mehr von lokaler oder regionaler Förderung bestimmt wird, konnte bis 2024 nicht in den Genuß des „Applaus“ kommen. 2025 erzielen Loft (Köln), Black Box im Cuba (Münster), franz k. (Reutlingen), der Jazzclub Karlsruhe sowie der Schlachthof (Bremen) diese undotierte Auszeichnung.
Machen aber domicil (Dortmund) und loch (Wuppertal), beide in der Kategorie „Beste Livemusikprogramme“ (40.000 Euro Preisgeld), so viel „bessere“ Programme als Loft und Black Box?
Die Frage dürfte (auch unter Einrechnung eines bias „Köln“) eine rhetorische sein.
Der Applaus Award hat, auf den ersten Blick kaum erkennbar, eine starke Schlagseite in Richtung Wirtschaftsförderung. Nichts gegen das domicil (wir sind gerne dort, wir mögen die Leute), Gratulation!
Aber der Club dreht ökonomisch ein ganz anderes Rad als etwa das Loft, durch Vermietungen etc.
„Der eigenwirtschaftlich erwirtschaftete Umsatzanteil liegt bei durchschnittlich 70%“, lautet die Selbstauskunft auf der domicil Webseite.
Der Rest, die 30 Prozent Förderung aus dem Kulturbüro Dortmund, liegt also deutlich unter der Zulassungsgrenze aus Berlin - so gut das Programm in der Dortmunder Hansastraße auch sein mag.


vollständige Liste der Preisträger hier

Foto: Bernhard Schinn/Applaus
erstellt: 25.11.25
©Michael Rüsenberg, 2025. Alle Rechte vorbehalten

Michal Urbaniak, 1943-2025


Urbanator Days 2021 Urbaniak
Unter älteren Semestern (wer zählt in unserer kleinen Welt nicht dazu 😉😜?) ruft der Name pfeilschnell Assoziationen an die 70er hervor.
Das ist richtig.
Z.B. „New Violin Summit“, als Joachim Ernst Berendt bei den Berliner Jazztagen 1971 vier Violinisten eine Rhythmusgruppe in der ihm typischen, verwegenen Auswahl zur Seite stellte (Neville Whitehead, bg, Terje Rypdal, g, Robert Wyatt, dr).
Drei der vier Spitzenfiddler - heute undenkbar - waren dem Publikum immerhin aus den Tourneen jener Jahre vertraut (Michal Urbaniak, Don „Sugarcane“ Harris, Jean-Luc Ponty).
Zusammen mit seiner damaligen Frau, der temperamentvollen Sängerin Urszula Dudziak, repräsentierte er damals auch die liberale Kulturpolitik eines Ostblocklandes, nämlich Polen (wohingegen wir immer die restriktive DDR als Gegenbeispiel mitdachten).
Er blieb der Pole auf eurpäischen Bühnen auch, nachdem er 1973 in die USA übergesiedelt war.
Die 70er Jahre Assoziation, sie ist aber auch unvollständig, erheblich unvollständig. Es gab ein Leben in den USA für den Geiger, der frühzeitig auch schon Altsaxophon gelernt und bis ins hohe Alter Tenorsaxophon gespielt hat.
Dazu auch Lyricon, einen frühen Synthie-Controller für Bläser.
Sein Feld in Amerika wurde noch mehr „Fusion“, wie schon 1974 der Titel eines seiner Alben lautete. 1986 gastiert er für ein Stück auf Miles´ „Tutu“, 1987 bei „Musik from Siesta“ (Marcus Miller/Miles Davis). Vorher bei Billy Cobham („Stratus“, 1981), später bei Paul Bley („Rejoicing“, 1984).
Dazwischen viel Funk, daneben eine Reihe von Mainstream-Alben für das Steeple Chase Label.
Von vielem, so hat es jetzt den Anschein, haben wir in Europa wenig Kenntnis erlangt.
Michal Urbaniak, geboren am 22. Januar 1943 in Warschau, verstarb am 20. Dezember in den USA. Er wurde 82 Jahre alt.

erstellt: 22.12.25
©Michael Rüsenberg, 2025. Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

 

Dr. hc. Michael Gibbs

mike gibbs doctorate 001 byjohnwatsonDer Kompositionstitel „Doctor Honoris Causa“ ist im Jazz schon vergeben, von Joe Zawinul an Herbie Hancock (gleichnamiger track auf dem Album „Zawinul“, 1971).
Er böte sich an als Hommage vieler seiner Schüler für Michael Gibbs als ihren Lehrer in Sachen Jazz-Komposition, z.B. von denen, die jetzt einige seiner Stücke in Birmingham aufführten.
Anlass war Mitte November die Ehrendoktorwürde der Birmingham City University für ihn, überreicht am Royal Birmingham Conservatoire. Er ist diesem Institut als Gastdozent und Artist in Residence verbunden.
Den Doktorhut durfte er sich nicht zum ersten Male aufsetzen; vorher z.B. 2017 am Berklee College of Music, wo er von 1959-62 studiert und von 1974-83 gelehrt hatte.
Gibbs, geboren 1937 im heutigen Simbabwe, dürfte einer der wenigen Jazzmusiker sein, die sowohl in Filmdatenbanken als auch in Jazzlexika gewürdigt werden.
In letzteren als wohl einer der bedeutendsten Komponisten des Genres, mit einem track record von Gary Burton (erstmalig 1963) bis Eberhard Weber (er hat die Stutgarter Multimedia-Feier anlässlich des 75. Geburtstages des Bassisten arrangiert und dirigiert) und Bill Frisell („Orchestras“, 2021).

Nicht zu vergessen (um auch nur ein paar Namen fallen zu lassen…) seine eigenen Alben und Arbeiten für Stanley Clarke, Jaco Pastorius, fast alle Big Bands des Planeten, Joni Mitchell, John Mclaughlin, Whitney Houston und und und…
Die Aufzählung wird hier auch mit Lust vorgetragen, weil eine KI (Claude), befragt nach der Verbindung Gibb´s zu Birmingham, diesen schon im Himmel oder unter der Erde sieht: 

„Michael Gibbs (1937-2022) - ein britischer Jazzmusiker, Komponist, Arrangeur und Bandleader, der für seine innovative Arbeit mit vielen großen Jazzmusikern bekannt war“.
Unter den Talaren Muff von tausend Jahren?, wie es zu seligen APO-Zeiten hieß?
Wohl eher ganz woanders, im Trainingsstoff der digitalen Müllberge.

Foto John Watson/jazzcamera.co.uk
erstellt: 20.11.25
©Michael Rüsenberg, 2025. Alle Rechte vorbehalten

Marilyn Mazur, 1955-2025

Marilyn MazurFirst things first: unter allen, die je eine Jazzbühne betraten, auf sie schlurften oder sich ihr Stolz-geschwellt bemächtigten - sie war der freundlichsten eine.
Und wenn Klavs Hovman, ihr Bassist und Witwer, seinen Nachruf auf ihrer Webseite schliesst mit den Worten:
„She has been a great inspiration to countless people — not least to female musicians“,
dann hat er sicher kaum übertrieben.
Vier Jahre lang, von 1985 mit Unterbrechungen bis 1989, war es ihr gelungen, auf einer vorher und nachher uneinnehmbaren Zitadelle zu spielen, im Machismo-Lager des Jazzkönigs Miles Davis.
Möglicherweise waren für das, was Hovman meint und was wir mit „weibliches Rollenmodell“ auslegen wollen, dann doch 16 Alben auf ECM, darunter mehrere mit Jan Garbarek, anschaulicher.
Aus gegebenem Anlass, wenn man ein paar Schritte zurücktreten und die eigenen Erfahrungen mit Hilfe derer von anderen ergänzen muss, werden die Umrisse einer frappierenden Karriere sichtbar. Garbarek und Davis, das sind schon Pole, aber das Feld weitet sich noch mehr, wird geradezu bizarr, wenn man - neben etlichen Skandinaviern wie Pierre Dørge oder Jon Balke - Eberhard Weber hinzufügt,
Wayne Shorter, Gil Evans, Charlie Mariano, Andreas Vollenweider sowie … Peter Kowald („Duos Europa“, 1991) und die Feminist Improvising Group.
Das große Arsenal an Perkussionsinstrumenten hat sie sich weitgehend autodidaktisch erarbeitet. Es war ein Abschied peu a peu von den Rollen als Pianistin und Tänzerin, in Kopenhagen.
Dorthin war sie im Alter von 6 Jahren mit der Familie gezogen, aus Gründen der Rassendiskriminierung hatte die Tochter einer polnisch-stämmigen Mutter und eines afro-amerikanischen Vaters (Stefan Hentz hat´s in seiner kommenden Miles Davis-Bio genau anders herum) mit ihren Eltern und ihrer Schwester das heimische New York verlassen.
Aus Tournee-Gründen ist sie in den 80ern vorübergehend dahin zurückgekehrt. Die Entdeckung durch Miles Davis geschah in Kopenhagen, es war eigentlich eine Empfehlung durch Palle Mikkelborg, der um seinen berühmten Kollegen für das Album „Aura“ ein dänisches Team (plus US-Gäste) geschart hatte.
Sie wurde mit etlichen Preisen ausgezeichnet, darunter die renommierten Ben Webster Prize (1983) und Jazzpar (2001).
Ihre letzte Band war, ähnlich wie in den Jahrzehnten zuvor die Feminist Improvising Group, eine reines Frauenensemble, darin u.a. Josefine Cronholm und die aufstrebende Hildegunn Øiseth.
Marilyn Marie Douglas Mazur, geboren am, 18. Januar 1955 in New York City, verstarb „nach langer Krankheit“, wie es heisst, am 12. Dezember 2025 in Kopenhagen. Sie wurde 70 Jahre alt.

erstellt: 16.12.25
©Michael Rüsenberg, 2025. Alle Rechte vorbehalten

 

Grammy Nominees 2026

Category 30 – Best Jazz Performance

Noble Rise – Lakecia Benjamin Featuring Immanuel Wilkins & Mark Whitfield

Windows – Live – Chick Corea, Christian McBride & Brian Blade

Peace Of Mind / Dreams Come True – Samara Joy

Four – Michael Mayo

All Stars Lead To You – Live – Nicole Zuraitis, Dan Pugach, Tom Scott, Idan Morim, Keyon Harrold & Rachel Eckroth

Category 31 – Best Jazz Vocal Album

Elemental – Dee Dee Bridgewater & Bill Charlap

We Insist 2025! – Terri Lyne Carrington & Christie Dashiell

Portrait – Samara Joy

Fly – Michael Mayo

Live at Vic’s Las Vegas – Nicole Zuraitis, Dan Pugach, Tom Scott, Idan Morim, Keyon Harrold & Rachel Eckroth

Category 32 – Best Jazz Instrumental Album

Trilogy 3 — Live – Chick Corea, Christian McBride & Brian Blade

Southern Nights – Sullivan Fortner Featuring Peter Washington & Marcus Gilmore

Belonging – Branford Marsalis Quartet

Spirit Fall – John Patitucci Featuring Chris Potter & Brian Blade

Fasten Up – Yellowjackets

Category 33 – Best Large Jazz Ensemble Album

Orchestrator Emulator – The 8-Bit Big Band

Without Further Ado, Vol 1 – Christian McBride Big Band

Lumen – Danilo Pérez & Bohuslän Big Band

Basie Rocks – Deborah Silver & The Count Basie Orchestra

Lights on a Satellite – Sun Ra Arkestra

Some Days Are Better: The Lost Scores – Kenny Wheeler Legacy Featuring The Royal Academy of Music Jazz Orchestra & Frost Jazz Orchestra

Category 34 – Best Latin Jazz Album

La Fleur de Cayenne – Paquito D’Rivera & Madrid-New York Connection Band

The Original Influencers: Dizzy, Chano & Chico Arturo O’Farrill & The Afro Latin Jazz Orchestra – Featuring Pedrito Martinez, Daymé Arocena, Jon Faddis, Donald Harrison & Melvis Santa

Mundoagua – Celebrating Carla Bley – Arturo O’Farrill & The Afro Latin Jazz Orchestra

A Tribute to Benny Moré and Nat King Cole – Gonzalo Rubalcaba, Yainer Horta & Joey Calveiro

Vanguardia Subterránea: Live at The Village Vanguard – Miguel Zenón Quartet

Category 35 – Best Alternative Jazz Album

honey from a winter stone – Ambrose Akinmusire

Keys To The City Volume One – Robert Glasper

Ride into the Sun – Brad Mehldau

LIVE-ACTION – Nate Smith

Blues Blood – Immanuel Wilkins

erstellt: 15.11.2025

Phil Upchurch, 1941-2025

phil upchurch

 Die Todesnachricht entnehmen wir der New York Times.
„Phil Upchurch, Jazz Guitarist and Sideman to Stars, dies at 84“.
Die Überschrift ist treffend, (fast) alles im Text auch.
Aber was hören wir als Erstes?
Wir hören das, was die NYT auslässt: „Whatever happened to the Blues“, das 1992 entstandene, mutmaßlich beste Album eines Musikers, der (Michael Naura würde in der ihm eigenen Diktion der NYT zustimmen), der „sehr gut im Mittelfeld“ lag.
„Whatever happened to the Blues“ war die optimale Schnittmenge aus dem Zusammentreffen des Gitarristen mit Ricky Peterson, keyb, und dem weißen Kenner der afro-amerikanischen Musik, Ben Sidran, auf dessen GoJazz-Label.
Unter diversen Vorzeichen (schon der Nachfolger „Love is Strange“, 1995, wirkt dagegen verflacht) wird da ein Panorama des Rhythm & Blues entfaltet, das beinahe mit jedem track in „amtlicher“, gleichwohl frischer Inszenierung glänzt.
Ein Klassiker von James Brown ist darunter, „I don´t want nobody to give me nothing“ mit Original Brown-Personal, nämlich Clyde Stubblefield, dr, sowie den Hörnern Maceo Parker, Pee Wee Ellis und Fred Ellis.
Und es groovt, groovt, groovt ohne Ende: vom Gospel „The Tide keeps lifting me“ mit den Staple Singers, über einen um einen Beat bereinigten, auf 5/4 gestutzten „All Blues“ (Miles Davis).
Bis hinauf auf den Gipfel „Face to Black Tie“, wo Ricky Peterson, sein Bruder Paul (g, bg) sowie der Prince-Drummer Michael Bland dem guten Upchurch mit seinen Blues-licks einen Millimeter-Papier-Funk unterjubeln, der ihm sonst vermutlich nicht eingefallen wäre.
Er fällt aus dem Rahmen einer Karriere, der verlässlich von Blues-Farben koloriert war.
„Without some blues, ain’t nothin’ happening,” soll er der Los Angeles Times 1996 gesagt haben. “If you don’t dig the blues, you got a hole in your soul.”
Man möchte dieses Motto nicht einem jeden empfehlen, aber ihn hat es mit seinem klassisch-trockenen Blues-Ton gut durch die Zeiten getragen. Von Muddy Waters, Howlin´ Wolf und Etta James bis zu Michael Jackson.
Unter den wohl 1.000 Studiosessions waren auch welche mit Bob Dylan, Dizzie Gillespie und Cannonball Adderley. Sogar einen Ausflug zu Cassius Clay aka Muhammed Ali  auf dessen Comedy-Album „I am the greatest!“ (1963) hat er gut überstanden.
Seine stilistische Bilanz ergibt sich aus einem weiteren Zeitungszitat:
„Ich habe mich selbst nie als ‚Jazzmusiker‘ im Sinne des Swing-Jazz gesehen. Ich wollte immer eher funkigen Jazz spielen als geradlinigen Bebop.“

Philip Rodney Upchurch, geboren am 19. Juli 1941 in Chicago, verstarb, wie erst jetzt bekannt wurde, am 23. November 2025 in Los Angeles. Er wurde 84 Jahre alt.

 erstellt: 13.12.25
©Michael Rüsenberg, 2025. Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

 

 

 

 

Jack DeJohnette, 1942-2025

„DeJohnette hat als einer der bedeutendsten Jazz-Schlagzeuger seiner Generation Musikgeschichte geschrieben.“
Diesen Satz von dpa beten viele nach.
Eingeräumt, als erste Reaktion, als erste Einordnung von Medien, denen „Jazz“ nicht auf die Stirn geschrieben steht, ist das akzeptabel.
(fasten seatbelts: selbst Gala ist präziser: „Er gehörte zu den wohl bedeutendsten Jazz-Drummern der letzten Jahrzehnte.“)
Der Satz ist nicht ganz falsch. Aber sicher auch nicht ganz richtig.
„Seine“ Generation, oder sagen wir lieber „seine Kohorte“ hat Billy Hart (er wird demnächst 85) in seiner Autobiografie „Oceans of Time“ als „Klasse“ (Achtung! nicht mit Klassismus velwechsern!) so personifiziert:
…in the class alongside people like Tootie Heath (1935), Billy Higgins (1936), Louis Hayes (1937), Jack DeJohnette (1942), Joe Chambers (1942), Al Foster (1943), Billy Cobham (1944) and Tony Williams (1945). That’s one decade, 1935–1945, and one hell of a lot of great drumming.“
Dem letzten Satz können wir mit großem Kopfnicken zustimmen. Aber aus dieser Klasse oder Generation ragen doch mindestens zwei heraus, die den Anspruch erheben dürften, unter den bedeutendsten Schlagzeugern der gesamten Jazzhistorie anerkannt zu werden: Tony Williams (1945-1997, er würde demnächst 80) und DeJohnette.

1080px Deutsches Jazzfestival 2015 DeJonette Mitchell Garrison Jack DeJohnette 03

Aufgewachsen ist er an der berüchtigten South Side of Chicago, erzogen von seiner Mutter und adoptiert von seiner Großmutter. Mit vier beginnt er mit dem Klavierspiel (auf einem Spinett, das die Großmutter gekauft hat), unterrichtet von der Leiterin eines Frauen-Sinfonieorchesters. Mit vierzehn hat er einen ersten professionellen Auftritt.
Den Odem des Jazz haucht ihm ein Onkel ein, Roy Wood Sr., ein Jazz-DJ. Er nimmt ihn mit in die Clubs der Stadt, nach eigenem Bekunden ist er dort mit der Kazoo bei T-Bone Walker eingestiegen.
Der Onkel dürfte es auch gewesen sein, der ihn, als er dreizehn war, mit „Live at the Pershing“ von Ahmad Jamal (1958) bekannt machte; an einem drum-set, den ein Freund des Hauses im Keller geparkt hatte, begann der junge Jack zu Platten von Art Blakey und Max Roach zu trommeln. Nicht gänzlich als Autodidakt, sondern unter Anleitung eines Drummers aus der Nachbarschaft.
Die entscheidende Weichenstellung, das neue Zweit- zum Erstinstrument zu machen, dürfte Anfang der 60er nach einem Wochenengagement in Philadelphia gefallen sein. DeJohnette war dort in seiner neuen Rolle in der Band des Saxophonisten Eddie Harris (1934-1996) gebucht. Offenkundig hatte er ein gutes Gehör:
„Du spielst ganz nett Piano, Mann. Aber dein Schlagzeugspiel hat was - du bist ein Naturtalent am Schlagzeug. Und du musst dich entscheiden, welches dein Hauptinstrument sein soll.“
Die Entscheidung fiel (andernfalls beklagten wir sonst nicht den Tod eines der einflussreichsten Schlagzeuger der Jazzgeschichte), aber sie fiel nicht in binärer Ordnung, im Sinne eines entweder/oder, sondern im Sinne eines sowohl/als auch.
Lange vor „The Jack DeJohnette Piano Album“, 1985, schon auf seinen ersten eigenen Alben bediente er keyboard instruments: die Melodica (auf „The Jack DeJohnette Complex“, 1968) bzw. e-piano (auf „Have you heard?, 1970“).
Da war er längst schon in New York angekommen, nach kurzen Engagements in Chicago und ebensolchen in New York City (u.a. John Coltrane, sehr kurz, Sun Ra, hier wie dort).
Bei Charles Lloyd (1966-68) lernt er den Pianisten kennen, nämlich Keith Jarrett, mit dem er wenig später bei Miles Davis ein sehr aufregendes (Stichworte „Bitches Brew“ sowie die „Live at Fillmore“-Alben) und in dessen Trio er ab 1983 fast 30 Jahre lang ein wiederum anderes Kapitel Jazzgeschichte schreiben wird.
Kleiner Seitenblick: bei Miles wird er Nachfolger eines jazz-historischen Drummers, dessen Jazzrock-Hammer von 1969 („Emergency“) er 2004 im Verein mit John Scofield & Larry Goldings reinszenieren wird - ohne handwerklich & ästhetisch mit ihm verwandt zu sein: Tony Williams.
Seine eigene, enorm folgenreiche Handschrift des broken swing hat er aus einer anderen Traditionslinie destilliert. Sie geht zurück auf Elvin Jones, aber die entscheidende Relaisstation ist die nächste in dieser Linie. Billy Hart benennt sie in seiner Autobiographie (demnächst in diesem Theater) im Drummers-slang:

„Er (Jack DeJohnette) spielt wie Roy Haynes, aber er klingt wie er selbst. Wenn man jemanden nachahmt, den man liebt, verwandelt der eigene Körper es in etwas Eigenes.“
Und noch ein kleiner Balkon: es ist Roy Haynes, der 1968 auf dem Debut von Jack DeJohnette gastiert.
Sowie ein größerer: prominent unter den JDJ-Beeinflussten dürften Wolfgang Reisinger (1955-2022), Bill Stewart & Keith Carlock sein.*
Das völlig unstrittige Vorhandensein eines beeindruckenden Personalstiles (der sich zudem durch einen hohen Grad an Interaktion auszeichnet) animiert gar manchen Nachrufer zur Unterstellung einer Art Omnipotenz. Dass JDJ fiercely funky, extrem funky, spiele, wie Hank Shteamer in der New York Times meint, wäre wirklich nur unter der Aufgabe der Semantik des Begriffes gültig. Mit vergleichenden Worten: der funk eines Steve Jordan war seine Sache nicht.
Angesichts eines gewaltigen Euvres dürfte das nicht mal eine Petitesse sein…
Jack Archive 3

Jack DeJohnette, die Discographie.
Wo anfangen? Was nicht vergessen?
(Der Gitarrist/Blogger Jerry Harrison gibt seinen output mit "mindestens 1.150 Alben" an. 20 pro Jahr.)
Selbige New York Times hat eine kleine Handreichung mit 7 Essential Recordings veröffentlicht. Sieben aus einer zunächst unüberschaubaren Zahl an studio dates, darunter allein historische  in einer Vielzahl wie vermutlich nur von ganz wenigen Repräsentanten der Jazzgeschichte, jedenfalls der modernen Jazzgeschichte.
Das unmaßgebliche JC-Archiv kommt auf 82 Einträge, darunter - wir müssen´s einfach obenauf legen, die NYT tut´s auch - „Timeless“ von 1974 mit John Abercrombie, g, Jan Hammer, org, p, synth… und ihm.
Jack DeJohnette, geboren am 9. August 1942 in Chicago, verstarb an Herzinsuffizienz am 26. Oktober 2025 im HealthAlliance Hospital Kingston/NY. Er wurde 83 Jahre alt.

 * with a little help from beat scientist (bewahre, nicht Makaya McCraven), Frank Samba aus der destination D´dorf.
Foto: Oliver Abels, 2015 (CC BY-SA 4.0)
erstellt: 27.10.25
©Michael Rüsenberg, 2025. Alle Rechte vorbehalten
 

Ethan Iversion: For many, Elvin-Tony-Jack was and is the holy trinity.
Jerry Harrison: A quick Dispatch on Drummer Jack DeJohnette
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