Er klingt erfahrener, älter als er an Lebensjahren zählt (35).
Sein Ton führt so weit weg vom „normalen“ Klang seines Instrumentes, des Tenorsaxophons, er schillert in so vielen Facetten, dass er sie kaum in nur 21 Jahren sich erarbeitet haben kann.
Sebastian Gille

Sebastian Gille
stammt aus einem Dorf bei Quedlinburg in Sachsen-Anhalt, beginnt mit 14 auf dem Tenor, angeregt von den Soli von Michael Brecker auf Donald Fagen´s „The Nightfly“.
Er hat in Hamburg studiert und alle Preise erhalten, die der Norden zu vergeben hat.
Seit einem Jahr lebt er dort, wo er hingehört, in Köln, im Umkreis des Klaeng Kollektivs, ist z.B. Mitglied des herausragenden Robert Landermann Quintetts.

Zuletzt sah man ihn alongside von David Binney und dem brasilianischen Gitarristen Pedro Martins beim SWR New Jazz Meeting 2017.
Jetzt  zeichnet ihn der Sender aus mit einem der höchstdotierten deutschen Jazzpreise, den er zusammen mit dem Land Rheinland-Pfalz vergibt, mit dem SWR Jazzpreis 2018 (15.000 Euro).
Das Preisträgerkonzert findet im Rahmen des Festivals „Enjoy Jazz“ am 15. Oktober 2018 in Ludwigshafen statt.

erstellt: 17.04.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten


Ob die Gattungsbezeichnung „FreeJazz“, wenngleich musikalisch geboten, in seinem Falle auch dem jazz-ideologischen Überschuss dienen mag (im Sinne des utopischen Gehaltes, den manche unvermeidlich mit der Gattung verbinden), ist fraglich.
Der Mann eignete sich kaum als Begleiter. Oftmals, insbesondere nach dem Tod seines idealen Partners Jimmy Lyons, as, 1986, trat er solo auf.
Er hat das Jazzpiano aus seinen Verankerungen gerissen, hat es dorthin geführt wo die europäische Kunstmusik längst war, in die von clustern übersähten Felder der tonalen und rhythmischen Mehrdeutigkeiten.
Cecil Taylor Andy newUnd er kannte die Kunstmusik; bei Henry Cowell in Boston hatte er studiert, Stockhausen und Boulez waren ihm vertraut. Nie und nimmer aber hätten jene das Instrument so bezeichnet wie er, als Ansammlung von „88 gestimmten Trommeln“.
Das beschrieb seinen Weg dorthin, als Tänzer, nicht als Konstrukteur von sauber berechneten Reihen. Dafür hätte er gar nicht Kraft & Ausdauer gebraucht, die auch seine Zuhörer bis an den Rand der Erschöpfung brachten.
„Ich versuche, auf dem Piano die Sprünge zu imitieren, die ein Tänzer im Raum macht“, sagte er 1966.
Ihn zu hören, war das eine, ihn zu sehen, etwas ganz anderes. Etliche Videos, die nun vermehrt verlinkt werden, zeugen davon.
Er war kompromisslos. Und hat er die Kosten dafür getragen, u.a. mit Hilfsarbeiten im New York der 1960er Jahre. Die Vorderseite der Medaille, die späteren Auszeichnungen als Künstler (1991 McArthur Fellowship, 2013 Kyoto-Preis) haben ihm rund eine Million Dollar eingebracht.
Die knapp 500.000 Dollar Kyoto-Preisgeld landeten erst verspätet auf seinem Konto, nachdem jemand, der sich als "Freund" ausgab, den Betrag auf sein eigenes Konto umgeleitet hatte.
In Europa wurde er mehr verehrt als in Amerika. Dass eines seiner besten Alben „Looking (Berlin Version)“
sieben Tage vor dem Fall der Mauer entstanden ist, wird jetzt wieder in Verbindung damit gebracht. Rein metaphorisch, versteht sich.
Es ist quasi der Zuschlag zu einer 13-CD-Box, vom selben Ort (aus beiden Teilen des noch unvereinigten Berlin) aus dem Jahr zuvor, das Feel-Trio mit William Parker, b, und Tony Oxley, dr.
„Looking“ wie auch die Box zeigen den Künstler auf Höhepunkten dessen, was man FreeJazz nennt, interaktiv zwar, aber mit deutlichem Primat des Pianisten.
Er hat, für sein Instrument, den FreeJazz konturiert wie kein zweiter, und das betrifft keineswegs die hoch-expressiven Momente, die Raserei, allein.
Viele Jahre später, im Juni 2015, bei der Beerdigung von Ornette Coleman, spielte er, der auch zerbrechlich erscheinen konnte, als habe er - wie jemand sagte - Debussy paraphrasiert.
Der Pianist Cecil Taylor, geboren am 25. März 1929, verstarb am 5. April 2018 in Brooklyn/New York. Er wurde 89 Jahre alt, eine Todesursache ist nicht bekannt.

erstellt: 06.04.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten
Foto: Andy New


 

NduguMit 19 besuchte er die oft zitierte „berühmteste Universität des Jazz“.
Seine Aufenthalt dort währte allerdings nur wenige Wochen, nicht länger als einen Monat, Oktober 1971.
Dann feuerte ihn der Rektor. Er hatte dessen Anweisung nicht befolgt, erst am letzten Tag - zu spät. Einer seiner Assistenten gab die Begündung:
„Wenn Miles etwas von dir will, dann fackelt man nicht lange - man macht es!“
Er hatte seinen drumset einfach nicht so gestimmt, wie der Meister es wollte.
Ndugu war bei ihm nur eine Europa-Tournee vergönnt, dann war Schluss für den Nachfolger von Jack deJohnette und Vorgänger von Ramon „Tiki“ Fulwood und Al Foster auf dem Posten des Schlagzeugers in der Miles Davis Group.
Wie so viele hat er die Zeit später schön geredet, er habe ja soviel gelernt und „witzigerweise wurden Miles und ich dann doch gute Freunde“.
Außerdem folgten renommierte Jobs sonderzahl: eine Gastrolle bei Herbie Hancocks „Mwandishi“, bei Weather Report, acht Jahre bei George Duke, und auf einem der meistverkauften Alben aller Zeiten, Michael Jacksons „Thriller“ (1982), ganz zu schweigen von Santana, Eddie Harris, Freddie Hubbard, Patrice Rushen, Stanley Clarke…
Wo Funk, so schien es lange Jahre, da war Leon „Ndugu“ Chancler.
Häufig auch im Kontrollraum, als Produzent, u.a. bei Tina Turners „Private Dancer“ (1984), bei Frank Sinatra, Lionel Richie, Kenny Rogers u.a.
Zuletzt lehrte Leon Chancler, geboren am 1. Juli 1952, in Shreveport/Louisiana, an der University of Southern California.

Am 3. Februar 2018 erlag er einem Krebsleiden. Er wurde 65 Jahre alt.

erstellt: 04.02.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten

 


 

Rutschky Bonn 2

Von den nicht-jazz-orientierten Essayisten war er uns der liebste.
Spätestens seit er irgendwann in den 90ern, auf WDR 5 "Jazztalk", in einem brillanten Stück dargelegt hatte, warum er am Jazz "auf profunde Weise" nicht teilnehme -
aber gerne Jazzmusiker geworden wäre.
Ganz zu Anfang taucht er auch in Jazzcity auf. Im Zusammenhang mit Adorno.
Später hatten wir dann die Ehre, ihn unter Videobegleitung auf seine Tätigkeit hin zu befragen:

"Was macht der Essayist eigentlich beruflich?"
Immer mal wieder wollten wir uns bei noch mal nach der Adresse des Italieners in Kreuzberg erkundigen, wo wir obiges Gespräch (sehr grob) vorbereitet hatten.
Das geht nun nicht mehr.
Michael Rutschky, Essayist extraordinaire, ist in der Nacht vom 17. auf den 18. März 2018 gestorben.
Er wurde 74 Jahre alt.
JC publiziert einen seiner wunderbaren Nicht-Jazz-Jazz-Essays aus dem Jahre 1994 unter "2 Minuten Mundgeruch".

erstellt: 19.03.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten


Josephine Bode by Helmut Berns Wo wird nicht überallel um eine Frauenquote gerungen?
Im Schatten des Moers Festivals - nicht auf diesem selbst - ist das seit 10 Jahren kein Thema. Da wird solange schon kein Aufhebens darüber gemacht, dass nach einem Improviser In Residence, maskulin, ein Improviser In Residence, feminin, folgt, bzw. umgekehrt. Es wird als Regelung nicht mal in alle Welt posaunt.
Gerade wird der 11. Wechsel vollzogen: auf John Dennis Renken, tp, folgt Josephine Bode, 35, geboren in Oldenburg, aufgewachsen in Münster, seit dem Studium in Amsterdam lebend.
Sie wird ein Jahr in Moers wohnen und wirken, unterstützt von der Kulturstiftung NRW.
Frau Bodes Hauptinstrument ist die Blockföte.
Und wer jetzt an Waldorfschule denkt, dem sei ihr Ruf entgegengehalten, der jetzt auch in Moers wieder herhalten muss, ihr Ruf als "Lady Gagy der Blockflöte".
Das klingt ziemlich bescheuert, aber seriöser ist folgender Teil der Meldung:
"Sie nutzt neue Technologien wie real time 3D Grafiken oder Laser-Technologie und arbeitet hierzu eng mit Software-Entwicklern und Licht-Designern zusammen.
Zu ihren aktuellen Projekten gehört die Art-Rock-Band Jerboah, das Trio aXolot (Blockflöten-Konsort, Alte und Zeitgenössische Musik) und das Rutger Muller Ensemble (Avantgarde Ambient Techno mit Real Time Visuals)".
Well done, Madame Recorder.
Durch eine Augenerkrankung verfügt sie nur über eingeschränkte Sehkraft und will auch das zum Thema ihres Aufenthaltes in Moers machen.
Dazu zählt als Höhepunkt immer auch ein Auftritt beim nächsten Moers Festival.
Am Samstag, 27.01, übernimmt sie das Amt von Renken (Kammermusiksaal der Musikschule, Filder Str.126, Moers, 20 Uhr).

Foto: Helmut Berns

erstellt: 17.01.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten