Der Tag, an dem der Berlinale-Skandal seinen vorläufigen Höhepunkt nimmt (und die, von denen noch nicht alle alles kommentiert haben, unentschieden sind: will Wolfram Weimer Tricia Tuttle nun loswerden oder nicht?), ist zugleich der Tag, an dem tief im Westen, in der Grafenstadt Moers am Niederrhein, Tim Isfort das Programm des kommenden Festivals vorstellt.
Es wird das 55. Moers Festival sein.
Beide Ereignisse verbindet nüscht, wirklich nichts.
Andererseits ist doch interessant, die Fallhöhe zu vermessen zwischen einer veritablen, wenn auch unsinnigen Politisierung eines kulturellen Events in der hohen Luft der Filmwelt und dem dafür am ehesten anfälligen Ereignis in unserer kleinen Welt.
Seit 2017, seit Isfort es verantwortet, hat das Moers Festival keiner Versuchung widerstanden, z.B. seine Programmpressekonferenz im krampfhaften Bemühen um Originalität aufzubrezeln, ach was hochzujazzen.
Albern die PK, als alle Beteiligten, auch die Stadtspitze, an Tischen im Becken eines Hallenbades saßen, bis zur Tischkante im Wasser. Politisch schamlos der Vorlauf zum 51. Festival, wie man sich, wiederum unter Beteiligung der Stadtspitze, vier Wochen nach Beginn des Ukraine-Überfalls in „Moersland“ der Nachrichtenlage bedient: „…hier würden Bomben und Raketen dahin zurückfliegen, wo sie herkamen!“
Die Konsequenzen: keine.
Man stelle sich vor, irgendjemand in Berlin hätte sich seinerzeit dermaßen verhoben…
Mit anderen Worten: unsere kleine Welt liegt unterhalb des Radars des bundesweiten Feuilletons, aber sowas von.
Moersland, inzwischen „Unimoersum“, wird demgegenüber anno 26 schwer abrüsten:
„Das 55. moers festival will seinem Publikum und allen beteiligten Künstler*innen fünf Tage klangliche Âventiure und Wirklichkeitsflucht ermöglichen — eine Wirklichkeitsflucht, die imstande ist, uns zu verzaubern und die Realität zu entzaubern“, verspricht Isfort.
Nicht ohne auch abzuheben auf „so manche Märchenonkel und -tanten ihre ‚Wahrheiten‘ in Politik, sozialen Medien und zunehmend autokratischen Systemen. Der ‚böse Wolf‘ lauert also auch heute noch überall.“
Unter dem Motto „…wie im Märchen“ kehrt das Festival zudem nach 51 Jahren nahe an seinen Ursprungsort zurück, jedenfalls die Hauptbühne. Sie wird auf dem Kastellplatz errichtet, open air, ein paar Schritte nur vom Schlosshof entfernt, wo es 1972-75 seinen Anfang nahm. Bespielt wird tatsächlich wieder auch dieser, nebst umgebender Lokalitäten wie zwei Kirchen, das Schloss, das Alte Landratsamt usw.
Das Festival kehrt mithin zurück in die Stadt - unter Aufgabe der Enni-Halle, einer 2014 umgebauten Tennishalle, lange angestrebt von Reiner Michalke (2006-2016).
Warum aber gibt man eine akustische gut geeignete Konzerthalle auf für eine Freiluftbühne?
Die Halle, so hört man am Rande, sei gerade im letzten Jahr teilweise überfüllt gewesen, u.a. durch die neue, erfolgreiche Form des Ticketing. Auch in diesem Jahr wird es demnach keinen Festivalpass (zum ersten Mal für fünf Tage!) zu einem einheitlichen Preis geben, sondern nach dem Motto „Pay what you can“ gleichwertig zu 45, 87, 129 und 172 Euro. Und die ganz Begüterten (oder die sich so zeigen wollen) dürfen als “stille Held*innen” für 300 Euro auch den Backstage-Bereich aufsuchen und sich das Festival-Shirt überziehen.
Das Programm eröffnen am Donnerstag, 21. Mai, wird die WDR Big Band unter Leitung von Vince Mendoza, mit dem südafrikanischen Pianisten Nduduzo Makhathini. Dieser Programmpunkt dürfte jazz-seitig zu dem einen Schwerpunkt „?Africa“ (kein Tippfehler) zählen und mit KünstlerInnen aus Togo, Benin und Ghana stilistisch sicher darüber hinausgehen.
Den Abschluss am Pfingstmontag macht die US-Saxophonistin Lakecia Benjamin (Schwerpunkt „USA“).
Es gibt eine Kooperation mit dem Huddersfield Contemporary Music Festival.
Das Festival wird, wie gewohnt, in das Feld Neue Musik ausgreifen und anlässlich ihres jeweils 100. Geburtstages Werke von Morton Feldman und György Kurtág aufführen lassen. Kurtág im Peschkenhaus kann man sich vorstellen, wie aber Feldman open air sich behauptet…man wird´s abwarten müssen.
Moers zum fünfundfünfzigsten Male, erneut ein Multi-Genre-Event, das vollständige Programm hier.
Das Festival dient jeweils auch als der prominenteste Auftrittsort für einen Künstler, der dank eines Stipendiums das ganze Jahr über in Moers wirken kann: der/die in Geschlechterparität ausgewählte Improviser In Residence.
Die nunmehr neunzehnte in der inzwischen langen Reihe ist die griechische, in Berlin lebende Perkussionistin/Vibraphronistin Evi Filippou. Sie wird mit ihrem Oktett InEvitable extended (darin zwei Gitarristen, zwei Schlagzeuger) den Festivalsamstag auf der Hauptbühne beschließen.
Zu ihren Aktivitäten vor dem Festival gehört u.a. ein Osterferien-Workshop für Kinder und Jugendliche, eine Hörreihe in ihrer „Residenz“ sowie ein Abend (23.03.) in der Mutter aller Moers-Locations, der „Röhre“, wo sie als Schlagzeugerin mit Marius Wankel (ebenfalls dr) auf einen energetischen Gast treffen wird, den Saxophonisten Fabian Dudek.
Foto Filippou: Leon Maria Plecity
erstellt: 02.03.26
©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten
Miles Davis dürfe der berühmteste unter den vielen sein, die der größeren Anerkennung (und Gagen) wegen Europa ihrer Heimat vorziehen, das Ursprungsland des riesigen Feldes, das mit der begrifflichen Klammer „Jazz“ immer notdürftiger zusammengehalten wird.
Das ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass das Niveau der materiellen Auszeichnungen in den USA das derjenigen in Europa bei weitem überragt.
Topping the Bill die MacArthur Fellowship, inzwischen 800.000 $ je Ausgezeichnetem/r, ausgezahlt über einen Zeitraum von fünf Jahren, darunter sporadisch VertretInnen des Jazz, zuletzt der Pianist Craig Taborn (2025), davor Ikue Mori und Tomeka Reid (2022).
Auch die staatlichen NEA Jazz Masters, seit 1982 mit bis zu sieben KünstlerInnen jährlich ausgewählt (in 2026: Carmen Lundy, Airto Moreira, Patrice Rushen, Rhonda Hamilton (Jazzmoderatorin bei KKJZ-FM in Los Angeles)), sind mit 25.000 § höher ausgestattet als jedes deutsche Pendant.
Recht neu, weil erst zum zweiten Male ernannt, sind die Jazz Legacies Fellows, auserkoren durch eine 10köpfige Jury (u.a. James Carter, Kris Davis, Stefon Harris, Willie Jones III, Rudresh Mahanthappa).
Die Organisation liegt in den Händen der Jazz Foundation Of America, die Finanzierung erfolgt durch die Mellon Foundation.
Sie verwaltet das Vermögen von Andrew W. Mellon (1855-1937), Banker, Multimillionär, Philanthrop, Politiker, unter drei US-Präsidenten auch Finanzminister.
Mellon war Anhänger Anhänger der Trickledown-Theorie (die Reichen so reich wie möglich werden lassen, dann sickert ihr Vermögen schon nach unten), eines ur-konservativen US-Theorems.
Ob und was Mellon mit Jazz am Hut hatte, ist nicht bekannt. Es ist auch unbedeutend.
Die Stiftung ging 1969 aus zwei anderen hervor, die seine beiden Kinder begründet hatten.
Die Mellon Foundation unterstützt beispielsweise die digitale Bibliothek JSTOR, die wiederum wissenschaftlichen Jazz-Publikationen hilft.
Voraussetzung für eine Auszeichnung als Jazz Legacies Fellow ist ein Mindestalter von 62 Jahren, mit anderen Worten: es handelt sich quasi um eine Auszeichnung für Lebensleistungen.
The 2026 Jazz Legacies Fellows sind:
● Dee Alexander, 70, Vocals (Chicago, IL)
Community cornerstone and defining voice of Chicago jazz, from classic to the avantgarde
● Kenny Barron, 82, Piano (Brooklyn, NY)
Paragon of keyboard elegance who framed solos of past legends and nurtured voices of future stars
● Gary Bartz, 85, Saxophone (Oakland, CA)
Era-spanning saxophone guru and innovator of socially conscious musical concepts
● William Cepeda, 65, Trombone (Loiza, PR)
World-renowned pioneer of “Afro-Rican jazz” fusing folkloric roots and global influences
● Marilyn Crispell, 78, Piano (Woodstock, NY)
Avant-garde powerhouse who combines elemental force with tender lyricism
● Donald Harrison, 65, Saxophone (New Orleans, LA)
Big Chief and culture bearer of New Orleans jazz, and architect of "Nouveau Swing”
● Oliver Lake, 83, Alto Saxophone and Flute (Montclair, NJ)
Black Artists Group and World Saxophone Quartet co-founder, and interdisciplinary trailblazer
● Bennie Maupin, 84, Multi-Reeds (Los Angeles, CA)
Multi-reed marvel who catalyzed cutting-edge jazz hybrids in iconic bands of his day
● Charles McPherson, 85, Saxophone (San Diego, CA)
Bebop torchbearer with a direct connection to the bedrock of modern jazz
● Archie Shepp, 88, Saxophone (Amherst, MA)
“Fire Music” forebear and academic pioneer who fearlessly chronicled the Black
experience
● Mary Stallings, 86, Vocals (San Francisco, CA)
Preeminent jazz storyteller who recaptured her early glory and then surpassed it
● Buster Williams, 83, Bass (Camden, NJ)
Universally lauded giant of his instrument and lifelong spiritual seeker
„Jeder Stipendiat erhält eine uneingeschränkte Förderung in Höhe von 100.000 US-Dollar sowie Zugang zu maßgeschneiderten beruflichen und persönlichen Ressourcen, darunter Auftrittsmöglichkeiten und Meisterkurse, Produktionsunterstützung sowie bei Bedarf rechtliche und finanzielle Beratung.“
erstellt: 24.02.26
©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten
Hätte der Vatikan je einen Abgesandten für die Jazzbühne bestimmt - die Wahl hätte auf ihn fallen müssen. Jedenfalls vom Habitus her.
Etwas Strenges, Unnahbares schien ihm zu eigen zu sein; ein Mann wie vom Ratzinger abgeordnet. Einer, der zum Lachen in den Keller geht.
Alles Quatsch, alles subjektivistische Verknüpfungen, um die ersten Assoziationen zu einem großen Künstler zu ordnen.
Im booklet von „Minneapolis“, dem Album, das wir als allererstes zur Hand nehmen, guckt er tatsächlich so streng. Er hält ein Mingus-Songbook umklammert.
Auf dem Foto eine Seite zuvor lacht er lauthals - zwischen Sonny Thompson und Michael Bland, der Rhytmusgruppe von Prince.
2000 in Minneapolis.
Da war der Mann aus dem Baskenland, der von sich sagt - „Ich komme nicht aus der Schule der Jazz-Standards. Wir haben hier eigentlich nie wirklich Jazz gelernt. Der kam zu uns herüber, von jenseits des Atlantik. Ich konnte mir bestenfalls vorstellen, was Bebop ist“ - auch geographisch am weitesten in jene terra incognita vorgedrungen. In diesem Falle in das Dickicht der abgedrehten Funk-Grooves.
„Portal, der Absolute“, soll ihn Le Monde einst getauft haben. Damit kann keine auch noch so kleine Abart des Dogmatismus gemeint gewesen sein.
Wie auch bei einem Musiker, der Berio, Boulez und Stockhausen aufgeführt hat, auf Kagels „Exotika“ das Bandoneon spielt, Edith Piaf begleitet, zahlreiche Filmmusiken komponiert und überhaupt die Emanzipation des europäischen Jazz, auch im Verein mit Albert Mangelsdorff, John Surman und vor allem Joachim Kühn betrieben hat.
Portal war mitunter Gast in dessen legendärem Trio mit Daniel Humair und J.F. Jenny-Clark.
Und 2017 gastieren beide erneut beiEmile Parisien, der das Portal´sche Sopransaxophon noch eine gute Umdrehung weitergetrieben hat.
In erster Linie aber war er Klarinettist. Er hat das Instrument am Pariser Konservatorium erlernt; seine Discographie schlägt einen eindrucksvollen Bogen von „Klassik“-Einspielungen (darunter Mozart, Brahms, Schumann, Poulenc, Berg) bis zur Neuen Musik (s.o.).
Dass er auch im Jazz reüssiert, auf Sopran- und Altsaxophon, später auch Bandoneon, vor allem aber: Baßklarinette, zeigt seine eminente Sonderstellung. Auf diesem Instrument dürfte sein Einfluß am nachhaltigsten sein, was sich in Frankreich in jüngeren Kollegen wie Louis Sclavis und Thomas Savy manifestiert.
Sein letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Album ist im Juni 2020 in Amiens entstanden, „MP85“, anlässlich seines 85. Geburtstages.
Nils Wogram nimmt daran teil und hat ihm mit „Split the Difference“ ein rasendes Thema a la Root 70 geschrieben. Im gleichen Jahr schickt er mit „Michel´s Secret“ auf seinem Kammermusik-Album „Muse“ eine Widmung hinterher.
Michel Portal, geboren am 27. November 1935 in Bayonne, verstarb am 12. Februar 2026 in Paris. Er wurde 90 Jahre alt.
Foto: HPSchäfer/Wikipedia
erstellt: 15.02.26
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Die Engführung der Felder „Forschung“ und „Jazz“, eine asymmetrische Affäre und musikerseits in einer Art Kategorienvelwechsrung betrieben, sie bekommt einen kräftigen administrativen Beistand.
Der Freistaat Bayern betreibt seit 2021 ein Spitzenprofessurenprogramm zwecks „Forschungsförderung auf höchstem Niveau“. Dazu wurde beispielsweise ein Experte für biologische Bildgebungsverfahren berufen oder eine Fachfrau für den Bereich Luft- und Raumfahrttechnik.
Eine solche Berufung ist „bei einer Laufzeit von fünf Jahren neben der Personalstelle mit einem Betrag von bis zu fünf Millionen Euro dotiert“.
Auch die Künste fehlen dabei nicht. So wurde zum Beispiel - um nur in unserer kleinen Welt zu verweilen - auch Rabih Lahoud ausgezeichnet; am 1. Oktober 2025 eingeführt als artist in residence bei der Monheim Triennale.
Er lehrt nun als Professor community music an der Hochschule für Musik in Würzburg (und man fragt, ob das in irgendeiner Weise Eindruck auf die kommunalen EntscheiderInnen an Rhein-Kilometer 714 machen wird).
Die aus Sicht der Jazzszene prominenteste Berufung ist vergangene Woche erfolgt: Terri Lyne Carrington, bis dato Leiterin des von ihr gegründeten Berklee Institute of Jazz and Gender Justice in Boston, kommt ans Jazzinstitut der Hochschule für Musik in München. Bis Ende 2028.
Das kann man als Relativierung lesen, ist doch an „Kunsthochschulen (…) das SPP als Gastprofessurenprogramm ausgestaltet“.
Gleichwohl, die Berufung einer derart prominenten US-Musikerin wird das Gefüge unter den 18 Ausbildungsorten für Jazz in Deutschland in Bewegung bringen, und die HMTM München gegenüber Köln und Berlin promovieren.
Foto: Michael Goldman
erstellt: 03.02.26
©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten
Wie die Rheinische Post heute - nach einem Gespräch mit der neuen Bürgermeisterin Sonja Wienecke - meldet, "(ist) mit dem Aus der Monheim Triennale (...) eines der sichtbarsten Kultur-Markenzeichen der Stadt vorerst Geschichte."
Überraschend kommt das nicht.
Das Menetekel, am 5. Juli 2025 ward es nicht projiziert auf die riesige Wand im Kinopalast „Emotion“ zu Monheim - darüber liefen Bilder & Töne des wohl größten opus von der kurzlebigen Monheim Triennale: „Every Note you play“, die Film-Dokumentation von Mika Kaurismäki über die Edition 2024, nun am eigentlichen Ort, zur richtigen Zeit, am vorletzten Tag dessen, was sich als finale Ausgabe herausstellen sollte.
Das Mentekel, es machte sich immateriell bemerkbar; es schwebte als traurige Gewissheit über der Vorführung, bevor man die Plätze eingenommen hatte, es ließ hernach die matt-zukunftsfreudigen Äußerungen der beiden Protagonisten - Bürgermeister Daniel Zimmermann und Triennale-Chef Reiner Michalke, noch dazu vor einer Nachbildung der Blues Brothers - als spezifische Variante von Galgenhumor erscheinen.
Der Sound dieser Gewissheit, es war das Vorecho der NRW-Kommunalwahl im September 2025. Von Zimmermann war bekannt, dass er sich nicht mehr zur Wahl stellt, und von der prospektiven Nachfolgerin, der von mehreren Parteien getragenen Sonja Wienecke, war gewiss, dass sie dem Festival in der inzwischen hochverschuldeten Stadt kritisch gegenüber steht.
Die Monheim Triennale, das war in zwei Zyklen, überschrieben The Prequel, The Festival und einmal The Sound (u.a. mit dem kostspieligen Robert Wilson), über fünf Jahre das Produkt der kulturellen Geistesfreundschaft von Michalke & Zimmermann. Ein ambitioniertes Metropolenprojekt in einer kreisangehörigen Stadt von 45.000 Einwohnern, das - was in einer Metropole gar nicht möglich wäre - zugleich über die ständige Anwesenheit eines künstlerischen Repräsentanten (Achim Tang) in das Wurzelwerk lokaler Musikkulturen zu gelangen suchte. Wie nicht nur Kaurismäkis Film zeigt, mit Erfolg.
Von Großzügigkeit geprägt schon der „Spatenstich“ in Monheim, an Rhein-km 714.
Im März 2020 führt Michalke (nach den Jahren 2006-2016 beim Moers Festival und bizarrem KleinKLein mit der Stadtverwaltung) als erster Triennale-Intendant durch die Ruine der einst modernsten Schmierölraffinerie Europas.
Sie sollte umgebaut werden zu einem hoch-variablen Veranstaltszentrum, zur Kulturraffinerie K714, worin auch die Monheim Triennale Unterschlupf finden soll, mit ihrer von ihm sehr spezifisch ausgelegten „Aktuellen Musik“.
Die Bühne auf der MS Rheinfantasie, jeweils temporär verankert in Höhe der berühmt-berüchtigten Ikone der Stadt, des künstlichen Geysirs, sollte lediglich als Refugium der Wartezeit dienen. Das Schiff bleibt, neben Kleinodien am Ufer, nun als Hauptspielort in Erinnerung.
Kaum denkbar, dass irgendetwas Triennale-artiges im K714 nach der Eröffnung im September 2026 erklingen wird. Nachdem die Bürgermeisterin als Vorsitzende des Aufsichtsrates der Triennale GmbH im Blick auf eine Entscheidung des Gremiums von Mitte Dezember heute so zitiert wird:
„Zur Kündigung des Intendanten verweist Wienecke darauf, dass diese Personalentscheidung im nicht-öffentlichen Teil des zuständigen politischen Gremiums getroffen und dort begründet worden sei“ (RP).
Also, nichts Genaues weiß man nicht.
Hintergrund ist die in Monheim besonderes angespannte Haushaltslage, hier speziell die drastisch sinkenden Gewerbesteuereinanhmen. „Auch welche weiteren Kulturangebote oder Kunst im öffentlichen Raum auf dem Prüfstand stehen, bleibt vorerst offen“ (RP).
Offen auch, was die Kündigung bedeutet; immerhin hat Michalke einen Vertrag als Triennale Intendant bis 2029.
Es wäre vielleicht ein analoger Vorgang zu der „Rückabwicklung des Ankaufs eines Kunstwerks für den öffentlichen Raum der Künstlerin Alicja Kwade“.
erstellt: 06.01.26
©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten
PS (19.02.26): Die Monheim Triennale meldet…nichts über die Kündigung des Festivalchefs Reiner Michalke, wohl aber dass die Bürgermeisterin der Stadt Monheim diesen gebeten habe, „ein Konzept für eine verschlankte Monheim Triennale vorzulegen.“
Es liegt inzwischen vor, unter dem Titel „Monheim Academy“, und wurde dem sie unterstützenden Parteienbündnis zur Entscheidung weitergeleitet.
Begleitet von den üblichen warmen Worten der Anerkennung des kulturellen Wertes der Triennale etc.
Und, „angesichts der aktuellen Haushaltslage werden ergebnisoffen Alternativmöglichkeiten diskutiert.“
Welche das sind, darüber dringt kein Wort nach außen.
Es ist der Gründungspianist der Band, Ethan Iverson, der in seriöser Form die Nachricht überbringt.
Die beiden anderen Mitglieder der lange als Trio agierenden Band - Reid Anderson, b, und Dave King, dr - stammeln Nämliches in einem selfie vor der eisesstarren Kulisse von Minneapolis:
„2026 is gonna be the last year of The Bad Plus“.
In der Folge 565 seines aufschlussreichen blogs Transitional Technology bedauert Iverson zunächst, dass die beiden vom Reststamm in ihrer „Botschaft“ vergessen hätten, die andere Hälfte der letzten Besetzung der Band als Quartett (Ben Monder, g, und Chris Speed, ts) zu erwähnen.
(Er selbst hätte gerne aber auch an seinen Nachfolger denken können, an Orrin Evans).
Was sich in diesem langen post zunächst wie eine Kollegenschelte ausnimmt, wechselt nach einem Zwischenschritt aber doch die Farbe, hin zu einem versteckten Selbstlob.
Der Zwischenschritt: die Abschiedstournee, nach 26 Jahren The Bad Plus, wird einen Grundgedanken der Band herausstellen: covers.
Zusammen mit Chris Potter, ts, und Craig Taborn, p, werden Anderson & King ab dem 3. März 2026 die Musik von Keith Jarretts Amerikanischem Quartett (mit Charlie Haden, b, Dewey Redman, ts, Paul Motian, dr) neu interpretieren.
(Erste deutsche Station: 29.03. Monheim am Rhein.)
Hatten wir das nicht jüngst, jedenfalls so ähnlich?
Richtig, Branford Marsalis spielt „Belonging“, mithin das Europäische Quartett.
„I´m a Keith Jarrett fan“, bekennt Iverson - hält aber dessen Kompositionen bestenfalls als gut geeignet für dessen „herausragende Bands“:
„Jarrett ist sicher kein Ornette Coleman oder Thelonious Monk, wenn es darum geht, sofort einprägsame Melodien zu komponieren.“
Und nun folgt der Farbwechsel in seinem Beitrag, der darin gipfelt, den BP-Bassisten zu promovieren:
„Certainly Reid Anderson is a better tune-writer than Keith Jarrett!“
Erst dann folgt der Hauptteil. Darin wendet Iverson sich dem Titel seines Beitrages zu „Structural Features of Early Bad Plus“.
Im Mittelpunkt das, was die Band populär gemacht hat, nämlich Rockmusik-covers.
Das liest sich gut auf Papier oder Monitor. Wer´s nachhört, mag dem nicht so recht folgen.
erstellt: 18.01.26
©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten
Best Jazz Performance
● "Noble Rise" by Lakecia Benjamin Featuring Immanuel Wilkins & Mark Whitfield
✩ "Windows - Live" by Chick Corea, Christian McBride & Brian Blade
● "Peace Of Mind/Dreams Come True" bySamara Joy
● "Four" by Michael Mayo
● "All Stars Lead To You - Live" by Nicole Zuraitis, Dan Pugach, Tom Scott, Idan Morim, Keyon Harrold & Rachel Eckroth
Best Jazz Vocal Album
● Elemental by Dee Dee Bridgewater & Bill Charlap
● We Insist 2025! by Terri Lyne Carrington & Christie Dashiell
✩ Portrait by Samara Joy
● Fly by Michael Mayo
● Live at Vic's Las Vegas by Nicole Zuraitis, Dan Pugach, Tom Scott, Idan Morim, Keyon Harrold & Rachel Eckroth
Best Jazz Instrumental Album
● Trilogy 3 (Live) by Chick Corea, Christian McBride & Brian Blade
✩ Southern Nights by Sullivan Fortner Featuring Peter Washington & Marcus Gilmore
● Belonging by Branford Marsalis Quartet
● Spirit Fall by John Patitucci Featuring Chris Potter & Brian Blade
● Fasten Up by Yellowjackets
Best Large Jazz Ensemble Album
● Orchestrator Emulator by The 8-Bit Big Band
✩ Without Further Ado, Vol 1 by Christian McBride Big Band
● Lumen by Danilo Pérez & Bohuslän Big Band
● Basie Rocks! by Deborah Silver & The Count Basie Orchestra
● Lights on a Satellite by Sun Ra Arkestra
● Some Days Are Better: The Lost Scores by Kenny Wheeler Legacy Featuring The Royal Academy of Music Jazz Orchestra & Frost Jazz Orchestra
Best Latin Jazz Album
● La Fleur de Cayenne by Paquito D'Rivera & Madrid-New York Connection Band
● The Original Influencers: Dizzy, Chano & Chico by Arturo O'Farrill & The Afro Latin Jazz Orchestra feat. Pedrito Martinez, Daymé Arocena, Jon Faddis, Donald Harrison & Melvis Santa
● Mundoagua - Celebrating Carla Bley by Arturo O'Farrill & The Afro Latin Jazz Orchestra
✩ A Tribute to Benny Moré and Nat King Cole by Gonzalo Rubalcaba, Yainer Horta & Joey Calveiro
● Vanguardia Subterránea: Live at The Village Vanguard by Miguel Zenón Quartet
Best Alternative Jazz Album
● honey from a winter stone by Ambrose Akinmusire
● Keys To The City Volume One by Robert Glasper
● Ride into the Sun by Brad Mehldau
✩ LIVE-ACTION by Nate Smith
● Blues Blood by Immanuel Wilkins
erstellt: 02.02.26
Dass er das noch erleben muss…
Wenige Wochen nach seinem 85. Geburtstag, und nachdem er seit mehr als einem Dutzend Jahren mit dem Veteranen-Ensemble The Cookers (darin Eddie Henderson, Donald Harrison, George Cables u.a.) unterwegs ist, hat er einen vermutlich gut bezahlten Gig abgesagt.
Am Silvestertag war das Sextett für das Kennedy Center, pardon The Donald Trump and John F. Kennedy Memorial Center for the Performing Arts in Washington/DC gebucht.
Wie andere auch - beispielsweise die New Yorker Tanzkompanie Doug Varone oder die Folksängerin Kristy Lee - sind die Jazzmusiker mit der Namensänderung der renommierten Institution nicht einverstanden und begründen ihre Absage damit.
Wenngleich ihre Stellungnahme keine dezidierte Kritik am Center enthält.
„Jazz entstand aus dem Kampf und dem unermüdlichen Streben nach Freiheit: Freiheit des Denkens, der Meinungsäußerung und der uneingeschränkten menschlichen Stimme«, heisst es darin.
Auf Nachfrage der New York Times erklärt Billy Hart jedoch, die Absage hinge „evidently“/offensichtlich damit zusammen.
Ihre Aktion wurde postwendend quittiert vom jetzigen Leiter des Centers, dem aus seinen Tagen als US-Botschafter unter Trump I in Berlin berühmt-berüchtigten Richard Grenell, als „politischer Stunt“.
erstellt: 30.12.25
©Michael Rüsenberg, 2025. Alle Rechte vorbehalten
PS (13.01.26) down beat meldet, die Band habe durch einen Spendenaufruf zum Ausgleich ihres ausgefallenen Kennedy-C-Honorars 24.747 $ erzielt. Sie ist also nicht ins "Bergfreie" gefallen (wie man im Ruhrgebiet zu sagen pflegte).

Ethan Iverson zeigt sich in seinem blog Transitional Technology wenig überrascht, „denn der Pianist hatte seit einiger Zeit mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen.“ Das blieb auch in europäischen Clubs nicht verborgen, mehrfach ging ein Raunen um, das kommende Konzert könne das letzte gewesen sein.
Iverson sieht Beirach im Verein mit Hal Galper und Jim McNeely, „und nun sind sie alle innerhalb eines Jahres nacheinander verstorben“.
Er erwähnt es nicht expressis verbis, aber seinen kurzen Analysen ist denn noch zu entnehmen, dass Beirach pianistisch unter den dreien die Nase vorn hat - was wohl als common sense gelten dürfte.
Umso erstaunlicher, dass die Todesmeldung nicht von den in solchen Fällen üblichen Quellen ausging, u.a. Wikipedia, down beat oder New York Times, sondern von der WDR Big Band kam (mit der er 2016 ein Album produziert hat) sowie aus der deutschen Provinz, von der Rheinpfalz in Ludwigshafen.
Beirach verbrachte, was vielen verborgen blieb, seine letzten Jahren im Verbreitungsgebiet, in Heßheim, ein paar km norwestlich von Ludwigshafen.
Dorthin zog es ihn, nachdem er mit Erreichen der Altersgrenze (65 plus zwei Extrajahre) an der Musikhochschule Leipzig pensioniert worden war.
Mit seiner Meisterstudentin Regina Litvinova und dem 2021 verstorbenen Schlagzeuger Christian Scheuber bildete er, so ist zu lesen, eine Art „Jazz-WG“ auf einem Hof in Heßheim.
„Hier mache ich die Tür auf, gehe zwei Schritte und bin in der Natur. Ich kann Sterne sehen. In New York konnte ich das nie“.
Dort kommt er her, aus Brooklyn, einem der fünf Stadtbezirke von New York City.
Mit fünf beginnt er mit klassischem Piano, mit 13 entdeckt er Red Garland - und schwenkt zum Jazz. Während seiner High School-Jahre soll er sogar von Lennie Tristano unterrichtet worden sein. Mit dieser biografischen Fußnote im Kopf verflüssigt die Jazztimes die genre-typische Einflußsuche bis in Beirachs Trio-Album „Eon“ (1975, mit Frank Tusa, b, Jeff Williams, dr):
„Beirach sprengte die scharfkantige Kargheit seines frühen Mentors zugunsten eines emotionaleren, leidenschaftlicheren, ja sogar theatralischen Klangs“.
Zu weitaus größerer Bedeutung gelangt zwei Jahre später ein anderes Trio auf „Elm“ (mit George Mraz, b, Jack DeJohnette, dr).
Es dürfte das einflussreichste seiner Karriere sein; Ethan Iverson greift zu den Sternen und zieht Chick Coreas „Now he sings, now he sobs“ (1968) zum Vergleich heran.
In frühen Jahren fiel Beirach mit harmonischen Umdeutungen auf, sein Umgang mit slash chords (Akkorde, in denen nicht der tiefste Ton den Grundton bildet) führt zu dem anerkennenden Spitznamen The Code.
Beirach galt als lern- und wissbegierig; den Job, in einer Band mal den Horace Silver zu geben (eine Todsünde im Jazz, gleichwohl oft praktiziert) lehnte er mit Hinweis auf seinen eigenen Stil ab.
Dazu brachte er beste Voraussetzung mit: ein Jahr am Berklee College of Music, dann aber 1972 ein Master an der Manhattan School of Music in Musiktheorie und Komposition.
Die professionelle Jazzwelt betrat er auf die harte Tour: bei Stan Getz.
Ein lebenslanger Partner in jenen Jahren, Anfang der 70er, wurde Dave Liebeman. Mit dem Saxophonisten begründete er langlebige Ensembles, darunter Lookout Farm und vor allem Quest (darin Billy Hart).
Und, nicht zu vergessen John Abercrombie.
Er hat vier Lehrbücher zum Jazzpiano verfasst, ab 2000 lehrte er 14 Jahre an der Musikhochschule „Felix Mendelssohn-Bartholdy“ in Leipzig, 2015 zog er nach Heßheim.
Gesundheitlich ging es ihm nicht gut in den 2020er Jahren, eine Spendenaktion erbrachte rund 35.000 Euro in diesem Zusammenhang.
Sein letztveröffentlichtes Album war „The World within“ 2023 in einem Quartett mit dem Düsseldorfer Saxophonisten Reiner Witzel, einem häufigen Partner der letzten Jahre.
Richard Alan Beirach, geboren am 23. Mai 1947 in Brooklyn/NY, verstarb am 26. Januar 2026 in Worms. Er wurde 78 Jahre alt.
erstellt: 27.01.26
©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten

Unter älteren Semestern (wer zählt in unserer kleinen Welt nicht dazu 😉😜?) ruft der Name pfeilschnell Assoziationen an die 70er hervor.
Das ist richtig.
Z.B. „New Violin Summit“, als Joachim Ernst Berendt bei den Berliner Jazztagen 1971 vier Violinisten eine Rhythmusgruppe in der ihm typischen, verwegenen Auswahl zur Seite stellte (Neville Whitehead, bg, Terje Rypdal, g, Robert Wyatt, dr).
Drei der vier Spitzenfiddler - heute undenkbar - waren dem Publikum immerhin aus den Tourneen jener Jahre vertraut (Michal Urbaniak, Don „Sugarcane“ Harris, Jean-Luc Ponty).
Zusammen mit seiner damaligen Frau, der temperamentvollen Sängerin Urszula Dudziak, repräsentierte er damals auch die liberale Kulturpolitik eines Ostblocklandes, nämlich Polen (wohingegen wir immer die restriktive DDR als Gegenbeispiel mitdachten).
Er blieb der Pole auf eurpäischen Bühnen auch, nachdem er 1973 in die USA übergesiedelt war.
Die 70er Jahre Assoziation, sie ist aber auch unvollständig, erheblich unvollständig. Es gab ein Leben in den USA für den Geiger, der frühzeitig auch schon Altsaxophon gelernt und bis ins hohe Alter Tenorsaxophon gespielt hat.
Dazu auch Lyricon, einen frühen Synthie-Controller für Bläser.
Sein Feld in Amerika wurde noch mehr „Fusion“, wie schon 1974 der Titel eines seiner Alben lautete. 1986 gastiert er für ein Stück auf Miles´ „Tutu“, 1987 bei „Musik from Siesta“ (Marcus Miller/Miles Davis). Vorher bei Billy Cobham („Stratus“, 1981), später bei Paul Bley („Rejoicing“, 1984).
Dazwischen viel Funk, daneben eine Reihe von Mainstream-Alben für das Steeple Chase Label.
Von vielem, so hat es jetzt den Anschein, haben wir in Europa wenig Kenntnis erlangt.
Michal Urbaniak, geboren am 22. Januar 1943 in Warschau, verstarb am 20. Dezember in den USA. Er wurde 82 Jahre alt.
erstellt: 22.12.25
©Michael Rüsenberg, 2025. Alle Rechte vorbehalten
„Niemals zuvor hat ein einzelner Mensch solch wunderschöne Musik komponiert, einen Triumph menschlicher Kreativität, und sie einem weltweiten Publikum zugänglich gemacht. Er war einer der größten Menschen, nicht nur aufgrund seines künstlerischen Geistes, sondern auch aufgrund seines großzügigen und großmütigen Charakters.“
Die Webseite eines Verstorbenen, die - ohne weitere Autorenangabe - einen solchen Text enthält, setzt sich dem Verdacht des Hochmutes aus. Eben weil man nicht weiß, wer hier spricht (vielleicht ist es die Witwe Mariella Lo Sardo).
Aber, die Trauerrede ist aus einleuchtenden Gründen eine besonders subjektiv geprägte Textsorte. Und seltsamerweise, auch wer den persönlichen Schmerz nicht teilt, weil er auf öffentlichen Foren lediglich die Künstlerseite des Verstorbenen kennengelernt hat, wird ihr in diesem speziellen Falle die Zustimmung nicht versagen.
Ganz gewiß nicht dem musikalischen Gehalt der Aussage; viele werden ihn für wahr halten, weil sie ihn so empfunden haben. Und da wir uns den bedeutenden Künstler gerne auch als guten Menschen vorstellen (trotz nicht seltener Gegenbeispiele), tun wir das ganz besonders in diesem Falle, denn:
Ralph Towner war ein sympathischer Mensch.
In einer Gattung, die oberste Priorität der Artikulation eines eigenen Ausdrucks einräumt, hat er das Optimum erreicht. Noch dazu auf einem Instrument, das Instrumentalkollegen nur nebenher in die Hand nehmen: die akustische Gitarre, ganz zu schweigen von deren 12-saitiger Ausfertigung.
Ein sehr schweres Zeichen setzt er damit im November 1971 in den Columbia Studios zu New York City, bei der Produktion eines Albums mit dem völlig gegenläufigen Titel „I sing the Body Electric“ (von Weather Report). In der Wayne Shorter-Komposition "The Moors" nimmt die Introduktion von Towner mit allerlei Tonbeugungen, Flageoletts und stop times fast die Hälfte des Stücke ein.
Zu diesem Zeitpunkt lebte er schon drei Jahre im big apple, hatte längst den Schwerpunkt seines Interesses von der Saitenbehandlung mittels Tasten auf unmittelbares Händewerk verlegt - ohne ersteres völlig aufzugeben.
Etliche Jahre später, 1982, auf "Blue Sun", einem seiner Solo-Alben, umfasst die Liste der verwendeten Instrument alles, was er gelernt, eingehend studiert und sonstwie sich angeeignet hat: „12-String Guitar, Classical Guitar, Piano, Prophet 5 Synthesizer, French Horn, Cornet, Percussion“.
„Ich habe die Gitarre immer wie ein Tasteninstrument behandelt. Der Trick bei einigen der komplizierten Akkorde ist, dass man nur sechs Saiten hat und das Spielen von sechs Noten nicht unbedingt kompliziert ist. Aber mir half dabei mein Studium der Barockmusik und Bach-Choräle am College und das Erlernen des Einsatzes von geschlossenen und offenen Stimmen, also wie man mit weniger Stimmen etwas Größeres andeuten kann“ (in Joel Harrisons Guitar Talk, 2018).
Da kam er her, von dem Tasteninstrument schlechthin, vom Piano. Er konnte es tagtäglich hören, daheim in einer KLeinstadt südwestlich von Seattle. Die Mutter, Klavierlehrerin, unterrichtete zu Hause, der Vater spielte Trompete.
An der University of Oregon hat er beides studiert. Seine ersten Jobs hatte er als Jazzpianist, beeinflusst von Bill Evans.
Die nicht-verstärkete Gitarre mit ihren je nach Lage wechselnden Farben „wählte ihn“, wie der Tagesspiegel insinuiert, als er einen Kommilitonen darauf mit Bach-Werken hörte. Er studierte das Instrument in seiner klassischen Form in Wien 1963/64 und 1967/68, bei dem renommierten Lehrer Karl Scheit.
1968 zieht er nach New York, zusammen mit dem Bassisten Glen Moore, mit dem ihn kurz darauf eine fast lebenslange Kooperation verbinden sollte, mit der Fusionsgruppe Oregon. In Woodstock, 1969, begleiten die beiden einen weiteren fellow Oregonian, den Folksänger Tim Hardin (1941-1980).
Ab den 70ern wächst sein Werk in einer Breite, die sich in einem kurzen Nachruf kaum kartieren lässt: Paul Winter Consort, Oregon, John Abercrombie, Gary Burton, Jan Garbarek, Eberhard Weber, Dave Holland und und und…
Allein zwei Dutzend Alben unter eigenem Namen veröffentlicht er auf ECM.
Das letzte „First Light“ (2023) konzentriert noch einmal, was ihn als Gitarristen ausmacht.
„Die Gitarre ist ein so gutes Soloinstrument; man hat das Gefühl, eine Art Ensemblemusik zu spielen, aber ganz allein“, 2017 gegenüber der Jazztimes geäußert, hier löst er es, erneut, ein.
Ein enges Wechselspiel aus lines und Akkorden, aus Jazz- und klassischen Techniken, weit weg von den Triolengeschossen eines Pat Martino, in einer Kammermusik eigener Art. Die swingt.
Er war, was nur wenige wussten, in den letzten Jahrzehnten seines Lebens dem wohl größten Magneten seiner Musik nahe, Europa. Seit den frühen 90ern lebte er zunächst in Palermo, dann in Rom; 1994 heiratete er die Schauspielerin und Dramatikerin
Mariella Lo Sardo.
Ralph Towner, geboren am 1. März 1940 in Chehalis/WA, verstarb am 18. Januar 2026 in seiner Wahlheimat Rom. Er wurde 85 Jahre alt.
Foto: Paolo Soriani
erstellt: 19.01.26
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First things first: unter allen, die je eine Jazzbühne betraten, auf sie schlurften oder sich ihr Stolz-geschwellt bemächtigten - sie war der freundlichsten eine.
Und wenn Klavs Hovman, ihr Bassist und Witwer, seinen Nachruf auf ihrer Webseite schliesst mit den Worten:
„She has been a great inspiration to countless people — not least to female musicians“,
dann hat er sicher kaum übertrieben.
Vier Jahre lang, von 1985 mit Unterbrechungen bis 1989, war es ihr gelungen, auf einer vorher und nachher uneinnehmbaren Zitadelle zu spielen, im Machismo-Lager des Jazzkönigs Miles Davis.
Möglicherweise waren für das, was Hovman meint und was wir mit „weibliches Rollenmodell“ auslegen wollen, dann doch 16 Alben auf ECM, darunter mehrere mit Jan Garbarek, anschaulicher.
Aus gegebenem Anlass, wenn man ein paar Schritte zurücktreten und die eigenen Erfahrungen mit Hilfe derer von anderen ergänzen muss, werden die Umrisse einer frappierenden Karriere sichtbar. Garbarek und Davis, das sind schon Pole, aber das Feld weitet sich noch mehr, wird geradezu bizarr, wenn man - neben etlichen Skandinaviern wie Pierre Dørge oder Jon Balke - Eberhard Weber hinzufügt,
Wayne Shorter, Gil Evans, Charlie Mariano, Andreas Vollenweider sowie … Peter Kowald („Duos Europa“, 1991) und die Feminist Improvising Group.
Das große Arsenal an Perkussionsinstrumenten hat sie sich weitgehend autodidaktisch erarbeitet. Es war ein Abschied peu a peu von den Rollen als Pianistin und Tänzerin, in Kopenhagen.
Dorthin war sie im Alter von 6 Jahren mit der Familie gezogen, aus Gründen der Rassendiskriminierung hatte die Tochter einer polnisch-stämmigen Mutter und eines afro-amerikanischen Vaters (Stefan Hentz hat´s in seiner kommenden Miles Davis-Bio genau anders herum) mit ihren Eltern und ihrer Schwester das heimische New York verlassen.
Aus Tournee-Gründen ist sie in den 80ern vorübergehend dahin zurückgekehrt. Die Entdeckung durch Miles Davis geschah in Kopenhagen, es war eigentlich eine Empfehlung durch Palle Mikkelborg, der um seinen berühmten Kollegen für das Album „Aura“ ein dänisches Team (plus US-Gäste) geschart hatte.
Sie wurde mit etlichen Preisen ausgezeichnet, darunter die renommierten Ben Webster Prize (1983) und Jazzpar (2001).
Ihre letzte Band war, ähnlich wie in den Jahrzehnten zuvor die Feminist Improvising Group, eine reines Frauenensemble, darin u.a. Josefine Cronholm und die aufstrebende Hildegunn Øiseth.
Marilyn Marie Douglas Mazur, geboren am, 18. Januar 1955 in New York City, verstarb „nach langer Krankheit“, wie es heisst, am 12. Dezember 2025 in Kopenhagen. Sie wurde 70 Jahre alt.
erstellt: 16.12.25
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