Wie geht es Keith Jarrett?

Die Frage ist berechtigt.
Der Pianist hatte 2018 zwei Schlaganfälle erlitten. Die Nachricht darüber, in einem großen Artikel in der New York Times im Oktober 2020, enthielt auch die Konsequenz:
dass er nie mehr live werde spielen können.
Seitdem hat man wenig in der Sache gehört.
Die Frage stellt sich nun erneut aus aktuellem Anlaß, weil die Veröffentlichung eines weiteren Mitschnittes aus seiner Europatournee vom Juli 2016 ansteht, nach „Munich“ und „Budapest“ nunmehr „Bordeaux“.
Wenn einer die Frage stellen kann (und darauf auch eine Antwort bekommt), dann Nate Chinen von NPR (National Public Radio), der auch für die NYT schreibt.
Jetzt also telefoniert Chinen mit Keith Jarrett, der daheim auf der Veranda sitzt, die er sein Büro nennt.
Er spaziert dieser Tage, die Umgebung ist schön, das Wetter auch, aber „meine rechte Hand ist nicht mehr so wie früher, von meiner linken ganz zu schweigen“.
Er, über Jahrzehnte Herr der Standards, spielt sie, nein versucht sie auch heute noch zu spielen, aber wie:
„Die einzige Einschränkung mit meiner rechten Hand ist, dass mein kleiner Finger die Melodie spielen muss. Das wäre nicht der Fall, hätte ich beide Hände. Und der Rest meiner (rechten) Hand ist dazu da, so zu tun, als würde ich den Akkord spielen“.
Jarretts Antwort auf die Frage („Du spielst also den Akkord und die Melodie ausschließlich mit deiner rechten Hand?“) veranschaulicht den Verlust dramatisch:
„Ich würde es nicht Akkordspiel nennen. Ich würde sagen, ich suche ein paar der Noten, die funktionieren könnten“.
Offenkundig möchte er von der genannten Tournee auch „Rome“ und „Vienna“ herausbringen, obwohl das Publikum in Österreichs Hauptstadt musste doch auch ermahnt werden.
Immerhin, das Publikum in Bordeaux war gut - Hotel und Essen hingegen, die alte Leier, schlecht.
Nate Chinen veröffentlicht das gesamte Telefonat in leicht gekürzter Form auf der NPR-Webseite.
Warum er die liebedienerischen Passagen drin lässt (“Das ist ja wohl doch ein nationales Verbrechen in Frankreich - einem Künstler in Bordeaux ein minderwertiges Essen zu servieren“), ist ein Rätsel.
Die Tragödie, die sein Beitrag beschreibt, schließt Ironie aus.

erstellt: 11.08.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Michael Henderson, 1951-2022

Der Posten des Bassisten in Miles Davis´ frühem Jazzrock, man muss es wohl so sehen, war eine Zeitlang Produkt einer eher provisorischen Wahl.
Ron Carter, Bassist aus dem legendären zweiten Quintett, raspelte zuletzt auf der Baßgitarre auf "Filles de Kilimanjaro".
Dave Holland, von Miles von London nach New York gebeten, hatte seinen Studioeinstieg 1968 bei diesem Studio-Date, konnte sich aber mit diesem gattungs-notwendigen Instrument nicht recht (und auch später nicht überzeugend) anfreunden. Er verließ sich vorwiegend auf seinen Kontrabaß.
Bei „Bitches Brew“ wurde ihm eine Spontanbesetzung aus dem Nachbarstudio, nämlich der Columbia-Hausproduzent Harvey Brooks, zugesellt. Am E-Baß.
Nicht dass Holland seinen Job schlecht gemacht hätte, er wollte lediglich - wie und mit Chick Corea - "freiere" Stukturen anstreben und gründete mit letzterem das Quartett Circle.
Das Bass-Provisorium endete 1970 nach einem Konzertbesuch von Miles Davis bei Stevie Wonder und kulminierte in dem dieser Tage meist-kolportierten Satz:
„I’ll take your fucking bass player!“
Michael HendersonMiles „nahm sich“, wie die New York Times die Abwerbung schamhaft umschreibt, Michael Henderson.
Und stellte mit ihm am 13.09.1970, so kann man es auch sehen, live seine neue Musik auf die Füße.
"Sein Talent, kreiselnde, reptetive Bass-Riffs zu spielen, gab der Musik von Miles sofort einen neuen Schwerpunkt" (Paul Tingen).
Die Band, in der wichtige Posten in schiefer, aber nicht gänzlich unpassender Metaphorik mit einem Studienplatz in der „Universität Miles Davis“ gleichgesetzt werden, hatte endlich auf dem rhythmisch exponiertesten Platz ihren Meister gefunden. Einen Funk-Meister.
Für den unter Strafe stand, das frühere Repertoire der Band sich anzueignen: "If you learn any of that old shit, you´re fired!" (Miles, zitiert nach Tingen*).
Man konnte den neuen touch schon im April 1970 hören: auf „Jack Johnson“, später auf „Live Evil“, „On the Corner“ und weiteren Alben bis 1975 - kürzelhafte Motive, ein bomben-sicheres timing, alle durften ausschweifen, Henderson war punktum da.
Mit furztrockenem Sound (Flageolett, vibrato & slap kamen erst später in Mode) in "granit-artigen bass-vamps, oft eine Viertelstunde lang auf einem einzigen Akkord" (*).
Wir erinnern uns, anno 1971, im Kölner „Sartory“, an den baumlangen Neuling, hohe Stirn, seltsam geteilter Oberlippenpflaum. Neben ihm ein weiterer Neuling, Ndugu Leon Chancler (in der Erinnerung mit einem extra-hohen ride-Becken, rechts), links wuselt Keith Jarrett (an der Orgel!), rechts der Saxophonist Gary Bartz.
Henderson steht wie eine Eins. Und spielt wie eine Eins. Was für ein Groove!
Dabei hatte er zu diesem Zeitpunkt keinerlei Jazzerfahrung. Aber fünf Jahre mit Stevie Wonder. Und Erfahrung als Motown-Studiobassist. Der Autodidakt war - natürlich - geschult am legendären Motown-Bassisten James Jamerson (1936-1983).
"Ich blieb nah an James' Sound, fing aber an, ab und zu meine eigenen Ideen einzubringen. Ich ging den Hals hinauf und fand höhere Noten“, notiert er in den liner notes seiner Compilation „Anthology“ (2018) .
Das war eine späte Rückschau auf die Jahre, von denen die Jazzwelt kaum noch Notiz genommen hat. Sein letztes Album erschien 1986.
Anders als George Duke, der dem Jazz in einem langen Gleitflug entschwebte, verschwand Henderson aus dem Jazz so rasch, wie er gekommen war.
Mitte der 70er, nach 6 Jahren Miles, mutierte er, durchaus nicht ohne Erfolg, als Sänger, Instrumentalist, Produzent. In den sanften Worten der New York Times: „Funk bassist turned Crooner“.
Obwohl, einmal noch gab er sich als Alumnus der Miles Davis-Universität zu erkennen, im Juli 2002, live im "Yoshis", in Oakland/Ca.
Zusammen mit den anderen Ex-Kommilitonen Ndugu Chancler, Barry Finnerty, Sonny Fortune, Badal Roy und Michael Wolff, keyb: „Children on the Corner“.

Eine „Rebirth“, wie der Anspruch des Albums lautet, war das nicht.
Michael Henderson, geboren am 7. Juli in Yazoo City/MS, erlag am 19. Juli 2022 in Atlanta/GA einer Krebserkrankung.
Er wurde 71 Jahre alt.

erstellt: 23.07.22, ergänzt und korrigiert: 25.07.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten
* Zitate aus: Paul Tingen. Miles beyond. The Electric Explorations of Miles Davis, 1967-1991. Billboard Books, New York. 2001

Barbara Thompson, 1944-2022

Cleo Laine und John Dankworth, Kate und Mike Westbrook, Julie und Keith Tippett, Norma Winstone und John Taylor, Barbara Thompson und Jon Hiseman, unter den Jüngeren Laura Jurd und Elliot Galvin - sogleich wollen einem Ehepaare einfallen, die in der britischen Jazzwelt häufiger als in anderen Szenen anzutreffen sind.
(Unser guter Freund Oliver Weindling, The Vortex, London, wüsste die Liste uferlos zu erweitern...)
Sie alle zeichnet aus, dass sie auch als Künstler gemeinsam auftr(a)eten und nicht (wie Leni und Mike Stern) in dieser Eigenschaft getrennte Wege gehen.
Im Falle Thompson und Hiseman geschah dies früh, aber nicht von Anfang an (an den ersten beiden Colosseum-Alben wirkte sie nur im Studio mit, viele Jahre später auch live).
BT Martyn Goddard CLR439 1400x1400Nach einer Babypause, 1975, nahm dann er Platz bei ihr, bei Barbara Thompsons Paraphernalia und beide zusammen für lange Jahre im United Jazz + Rock Orchestra. Unvergesslich der Stolz der reihum ansagenden Herren, Soli ihrer blonden Saxophonistin absagen zu dürfen.
Thompson stammt aus Oxford, studierte in London am Royal College of Music zunächst Flöte, Piano und klassische Komposition, stieß dann aber - typischer Schritt ihrer Generation - über Duke Ellington und John Coltrane zu Jazz und Saxophon.
Sie war eine ausgesprochene Melodikerin, insbesondere auf dem Sopransaxophon, mit einer Tendenz zur Findung eingängiger Themen. Vielleicht auch deshalb konnte sie mit Andrew Llyod-Webber an mehreren Musicals mitwirken. Nicht zu vergessen ihre klassischen Kompositionen sowie Musiken für TV und Film.
Sie war ein künstlerisches Rollenmodell ganz gewiß - wohl aber auch für die Heilkraft moderner Medizin. 1997 wurde bei ihr Parkinson diagnostiziert, 2001 zog sie sich deshalb von der Bühne zurück, 2005 glückte ihr dank eines neuen Medikamentes die Rückkehr dorthin.
Unvergessen 2012 das Bild aus einer BBC-Dokumentation über ihre Erkrankung: Routineuntersuchung im einem Krankenhaus, an ihrer Seite Jon Hiseman, der offenkundig gesündere.
2018 stirbt er, der ewig agil scheinende, an einem Gehirntumor, 4 Jahre vor ihr.
Barbara Gracey Thompson, geboren am 27. Juli 1944 in Oxford, MBE (Member of the Order of the British Empire), starb am 9. Juli 2022, wenige Wochen vor ihrem 78. Geburtstag.
In einer rührenden Abschiedsnote führt Tochter Ana Gracey, 47, die beiden Eltern zusammen:
„Meine Mutter hatte einen außergewöhnlichen Geist - sie hat nie aufgegeben, aber ihr Körper hat sie schließlich im Stich gelassen, nachdem sie 25 Jahre lang tapfer gegen die Parkinson-Krankheit gekämpft hatte und es gegen Ende Komplikationen mit ihrem Herzen gab. Wir hoffen von Herzen, dass sie und unser Vater wieder zueinander gefunden haben."

Foto:   Martyn Goddard, temple-music.com
erstellt: 11.07.22, ergänzt: 26.07.2022
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Matthias Winckelmann, 1941-2022

Eine Zeitlang in den 70ern, aber eben doch nur einen Wimpernschlag in der Geschichte des Jazz, belieferten zwei E-Labels Kopf an Kopf von München aus den Rest unserer kleinen Welt mit Tonträgern aus deutschen Presswerken: ECM, gegründet 1969, Enja, gegründet 1971.
Spätestens Ende November 1975 war das Rennen gelaufen (wenn es denn entgegen dem Anschein je eines gewesen war), als nämlich dem einen in Form des „Köln Concert“ einen Dukatenesel aufzustellen gelungen war.
„My Favourite Songs - The Last Great Concert“ von Chet Baker firmierte zwar Enja-intern scherzhaft als „unser Köln Concert“, konnte aber weder historisch und schon gar nicht kommerziell im Vergleich bestehen. Das war 1988. Da hatten sich die beiden Enja-Gründer, Horst Weber (1934-2012) und Matthias Winckelmann, zwei Jahre zuvor getrennt und die weitere Betreuung der Künstler des inzwischen stattlichen Label-Kataloges per Los untereinander aufgeteilt.
Matthias WinckelmannGestartet hatten sie ihr Unternehmen (neben den damals üblichen 20.000 DM, geborgt von Vater Winckelmann) mit dem szene-typischen Kapital aus Begeisterung und Engagement, als Fans.
Der European New Jazz stand zwar eingangs auf dem Türschild, und es fanden sich auch Namen wie Albert Mangelsdorff, Dusko Goykovich und Alexander von Schlippenbach unter den ersten Veröffentlichungen. Die Premiere des Labels aber fand mit Mal Waldron statt, dem damals in München lebenden US-Pianisten: „Black Glory“ (seltsamerweise über die gesamte A-Seite mit einem Stück namens „Sieg Haile“. Man würde den dezidierten Anti-Faschisten Weber gerne noch einmal darauf befragen.)
Dann kam und blieb für viele Jahre Dollar Brand/Abdullah Ibrahim. Es kamen Elvin Jones, Archie Shepp, Cecil Taylor, Eric Dolphy, Bennie Wallace (was für eine Aufregung 1978), der frühe John Scofield, der frühe Gary Thomas - Enja Records lief rund als schöner Gemischtwarenladen, ohne homogenes Klangbild, ohne optisches Corporate Design wie die lokale „Konkurrenz“.

In den 80ern schaute ein junger Mann namens Stefan Winter vorbei, lernte sein Handwerk bei Enja und zog dann mit besonders aufwändig gestyltem Katalog eigene Bahnen.
Those were the days. Weber zog sich mehr und mehr zurück, seinen Anteil führt seit 2001 Werner Aldinger fort. Später auch den von Winckelmann.
Der bleibt nicht nur als Produzent & Talentscout, sondern auch als Gastgeber in Erinnerung (kolportiert wird, dass letztere Rolle oft die Voraussetzung für erstere schuf).
Gerne auch als gefragter Interview-Partner, als einer, der dem Fragesteller den Eindruck vermittelte, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Unvergessen, wie er unsereins einmal die harte Auslese unter US-Jazzmusikern schilderte (von -Innen konnte noch kaum die Rede sein), gegenüber denen aus der deutschen Mittelschicht, die es ihnen erlaubt, die finale Berufsentscheidung lange hinauszuschieben…
Matthias Winckelmann, geboren am 7. April 1941 in Berlin, aufgewachsen in Frankfurt am Main, starb am 19. Juni 2022 in einer Münchner Klinik an den Folgen einer Operation. Er wurde 81 Jahre alt.

Foto: Ralf Dombrowski/enja
erstellt: 20.06.22
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Wolfgang Reisinger, 1955-2022

wolfgang reisinger 1Es war in einem Wiener Kaffehaus, heute früh, wo uns die Nachricht durch einen Gast überbracht wird: Wolfgang Reisinger, einer der großen (soviel Pathos ist erlaubt), einer der großen Jazzsöhne der Stadt, ist tot.
Sofort springen intensive, ja elekrisierende Erinnerungen auf: 1984, Moers Festival, noch in der alten Eissporthalle, Airmail mit Wolfgang Puschnig, as, Harry Pepl, g (1945-2205), Mike Richmond, b und Reisinger.
Ein Quartett, die Erinnerung trügt nicht, das kompetenter swingte als die meisten Amerikaner auf dem Festival.
Dann, natürlich, das Vienna Art Orchestra.
Noch impulsiver, eben dort 1987, die Pat Brothers mit Linda Sharrock, voc, Wolfgang Mitterer, keyb, Wolfgang Puschnig und Reisinger, eine der frühen Begegnungen, nein Konfrontationen von Jazz & Elektronik, in manchen Aspekten bis dato unerreicht.
Reisinger kommt von den Wiener Sängerknaben, er hat mit US-Jazzmusikern wie Dave Liebman gespielt.
Man ist geneigt, aus dieser biografische Klammer seine einzigartige Position zu destillieren: amerikanisches Handwerk, amerikanische time, europäisches Formbewußtsein, europäische Vielfalt.
Dave Liebman bringt es auf den Begriff: im Grund sei Reisinger ein Komponist, der zufällig als Schlagzeuger arbeite.
In nuce: er hat die Errungenschaften eines Jack DeJohnette europäisch ausformuliert. Viele Musiker, viele Hörer haben ihn dafür gefeiert.
Wer seine Discografie nimmt, kann an ihrem Zeitstrahl seit den frühen 80ern über mehrere Jahrzehnte Höhepunkte des österreichischen sowie des europäischen Jazz ablesen. Dazu Ausflüge in die ganz moderne Klassik mit Luciano Berio und den Londoner Sinfonikern.
Wolfgang Reisinger, geboren am 16. Juli 1955 in Wien, starb dortselbst am 8. Juni 2022 an den Folgen eines Aneurysma, er wurde 66 Jahre alt.

erstellt: 09.06.22
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Deutscher Jazzpreis 2022

Vokal: Fola Dada
Holzblasinstrumente: Gebhard Ullmann
Blechblasinstrumente: Shannon Barnett
Piano / Keyboards: Pablo Held
Gitarre: Ferenc Snétberger
Bass: Robert Landfermann
Schlagzeug / Perkussion: Oliver Steidle
Besondere Instrumente: Aly KeïtaDeutscherJazzpreis logo 480x305Künstler des Jahres: Charlotte Greve
Band des Jahres: Punkt.Vrt.Plastik
Großes Ensemble des Jahres: Trickster Orchestra
Blasinstrumente international: Emile Parisien
Piano / Keyboards international: Sylvie Courvoisier
Saiteninstrumente international: Linda May Han Oh
Schlagzeug / Perkussion international: Marilyn Mazur
Künstler des Jahres international: Michael Mayo
Band des Jahres international: Sons of Kemet
Album Instrumental des Jahres: Nils Wogram – Muse
Album Vokal des Jahres: Efrat Alony – Hollywood Isn´t Calling
Debüt-Album des Jahres: Magro – Trippin
Rundfunkproduktion des Jahres: WDR 3 / States of Play: Sonifikation
Album Instrumental des Jahres international: Charles Lloyd & the Marvels – Tone Poem
Album Vokal des Jahres international: Gretchen Parlato – Flor
Debüt-Album des Jahres international: Tijn Wybenga & AM.OK – Brainteaser
Spielstätte des Jahres: Stadtgarten Köln
Festival des Jahres: XJAZZ! Festival
Komposition des Jahres: Rebecca Trescher – Paris Zyklus | The Spirit of the Streets
Arrangement des Jahres: Tilo Weber – Se la mia morte brami
Journalistische Leistung: Andrian Kreye
Lebenswerk: Ernst-Ludwig Petrowsky
Sonderpreis der Jury: Sebastian Gramss‘ HARD BOILED WONDERLAND – Music Resistance

Wer die Preisverleihung zum Deutschen Jazzpreis 2022 schaut, tut das immer noch mit Genugtuung, dass dadurch die Zeiten des Echo Jazz überwunden sind.
Die Aufgeregtheiten der Premiere im vergangenen Jahr sind reduziert, die Dauer sogar um die Hälfte, ohne dass man sagen könnte, die Feier habe schon eine Form gefunden.
Ein Schwenk in die nicht voll besetzten Metropol-Theater-Ränge in Bremen widerspricht der Beobachtung der Co-Moderatorin Hadnet Tesfai („die deutsche Szene hat sich ´rausgeputzt): Nominierte, Preisträger und Entourage flezen sich im üblichen Räuberzivil, pardon casual look.
Die meisten Ausgezeichneten werden zügig im Videoschnitt durchgeblättert, nur wenige müssen sich dem Risiko stellen, auf der Bühne gaanz plötzlich Dankeschön zu müssen.
Emile Parisien, der wohl eloquenteste Sopransaxophonist des Jazz der Gegenwart, schlittert auf diesem Gebiet einher. In seinem Wortstrudel klingt noch das Drei-Buchstaben-Label an, das ihn vertritt und welches früher auf Auszeichnungen abonniert war.
Der Deutsche Jazzpreis hat mit dieser Echo-Unsitte gebrochen, manchen Entscheidungen von Vor- und Hauptjury ist sogar eine Portion Mut nicht abzusprechen:
Robert Landfermann als Bassis des Jahres, (im Vorjahr war er noch Eva Kruse unterlegen), Punkt.Vrt.Plastik als „Band des Jahres“ - chapeau!
Der Deutsche Jazzpreis betont und belohnt Zeitgenossenschaft (nicht immer überzeugend und nicht immer ohne hippe Momentstimmung, wie könnte es bei Juryentscheidungen anders sein?).
Struktur-konservative Jazzkreise (in die wir hineinhorchen, aus denen wir aber nicht zitieren dürfen) sehen sich dadurch ausgegrenzt. Sie reagieren zum Beispiel verbittert auf die späte Ehrung von „Luten“ Petrowsky, 88 - und übersehen, das ihm der Albert Mangelsdorff Preis bereits 1997 überreicht wurde.
Der Frauen-Anteil (wie man früher zu sagen pflegte) rückt auch hier der dort schon praktizierten „Gleichstellung“ nahe, jedenfalls ist er viel höher als ihr Anteil an den Ausübenden (wie man sich heute ´rausreden kann), nämlich 20 Prozent.
Das kann man als Fortschritt sehen. Der aber auch eine unangemessene Seite hat: Marilyn Mazur in „Schlagzeug/Perkussion international“ vor Nasheet Waits und einem Neuerer wie Chris Dave, das klingt nach einer Neuauflage der Eva Kruse-Groteske vom letzten Jahr.
Lukasheva 2022 1

 Der Kölner Bassist Sebastian Gramss war dreimal nominiert, ausgezeichnet immerhin zweimal: für ein in der Tat avanciertes musikalisches Projekt in der Kategorie „Rundfunkproduktion des Jahres“.
Zudem und vor allem und unter großer Geste auf der Bühne, für eine Ansammlung sozialkritischer Splitter, die fraglos seit dem 24. Februar 2022 in einem anderen Licht erscheint (eindrücklich personifiziert durch die aus Odessa stammende Sängerin Tamara Lukasheva).
Der nunmehr auch spenden-aktivierende Teil des Projektes steht außer Frage, seine Überschrift aber - Music Resistance - signalisiert einmal mehr die Bereitstellung eines ruhigen Gewissens, ohne die eine Veranstaltung so vieler Gutmeinender nun einmal nicht auskommen kann.

erstellt: 28.04.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Köln 75 ... und wen spielt Ulrich Tukur?

Ethan Iverson, meinungsfreudiger Ex-Pianist von The Bad Plus, hat die Nachricht wohl nicht richtig gelesen.
Jedenfalls twittert er:
„Jarrett als dramatisches Thema für einen modernen Film? Da fällt mir die Kinnlade runter!“
Ja, Köln 75, soviel ist korrekt, handelt natürlich von den berühmt-berüchtigten Umständen von Keith Jarretts Köln Concert, in der Kölner Oper am 24. Januar 1975.
Mala EmdeTatsächlich aber tritt in diesem Film eine Person von hinter dem Vorhang auf die (Film)Bühne.
Die Meldung bei Variety lautet korrekt:
„Köln 75 erzählt die wahre Geschichte von Vera Brandes, die 1975 im Alter von 17 Jahren das berühmte Köln Concert des Jazzmusikers Keith Jarrett inszenierte, das zum meistverkauften Jazz-Soloalbum aller Zeiten wurde“.
Brandes wird im Film von der deutschen Schauspielerin Mala Emde ("Charité") dargestellt, die Rolle des Keith Jarrett übernimmt der Amerikaner John Magaro.
Die Dreharbeiten beginnen noch in diesem Jahr. Regisseur ist der aus Israel stammende Ido Fluk, produziert wird der 110 Minuten lange Spielfilm von der Berliner Company One Two Films.
Und da einstweilen wenig mehr bekannt ist als die Besetzungsliste, darf man raten, wessen Rolle denn wohl Ulrich Tukur übernehmen wird?
Die des Klavierstimmers?
Die des Produzenten Manfred Eicher?
Wenn letzterer, dann wird man Tukur und Magaro unbedingt in einem Renault R4 sehen müssen.
In diesem Gefährt machten sie sich bekanntlich auf den Weg aus der Schweiz in die Domstadt, um besser an den Reisespesen zu partizipieren.

Foto Martin Kraft, CC BY-SA 4.0
erstellt: 01.06.22
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Charnett Moffett, 1967-2022

Heiri Kaenzig, Schweizer Basslegende, hat jüngst seine Fraktion als „Diplomaten“ bezeichnet. Wie jene wirkten die Bassisten im Hintergrund und vermittelten zwischen Rhythmus- und Melodiegruppe eines Ensembles.
Dieses Bonmot fällt einem bezüglich Charnett Moffett sogleich ein, er war in diesem Sinne - amerikanisch gesprochen - Diplomat „on a grand scale“, von Kenny Garrett bis Tony Williams, von Ornette Coleman bis Branford und Wynton Marsalis, nicht zu vergessen 16 Alben unter eigenem Namen, zuletzt „Round the World“ (2020).
Moffett, Sohn des Schlagzeuger Charles Moffett (1929-1997), war ein Mann für viele Gelegenheiten, seine Diskographie umfasst mehr als 150 Produktionen. Zuletzt sah man ihn vermehrt an der Baßgitarre.
In den letzten Jahren litt an einer Nervenerkrankung.
Charnett Moffett, geboren am 10. Juni 1967 in New York City, erlag am 11. April 2022 in Standford/CA einem Herzinfarkt. Er wurde nur 54 Jahre alt.

erstellt: 14.04.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Deutsche Jazz Union stellt sich neu auf

Chapeau!
Die Deutsche Jazz Union hat sich eine neue Führung gegeben.
Und obwohl sie in puncto Geschlecht, regionaler Abstammung, politischer Gewichtung, kurzum: in allen brisanten Diskursparametern ausgeglichen ist wie sonst was - gibt es daran zunächst nüscht zu bekritteln!
Anette von Eichel

 

 

 

 

 

 

 



Das beginnt schon an der Spitze. Auf Nikolaus Neuser (der im Vorstand verbleibt) folgt Anette von Eichel.
Das ist nicht nur von der Genderei her korrekt, sondern manifestiert auch die akademische Dimension der deutschen Jazzausbildung.
Seit 2010 hat Frau von Eichel eine Professur für Jazzgesang an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln, seit 2021 ist sie obendrein Dekanin der Fachabteilung Jazz und Pop, bis dato die Kaderschmiede der deutschen Jazzausbildung.
In kulturpolitischen Gremien dürfte das schon von der Anmutung her „nicht ganz schlecht“ (um mal wieder Marcel Reif zu bemühen) ankommen.
Wie gesagt, Nikolaus Neuser verbleibt im Vorstand, Felix Falk ebenso.
Und wenn wir das nicht ganz falsch sehen, sind POP, People of Color, mit den Sängerinnen Gabriele Maurer (Mannheim) und Johanna Schneider (Essen) repräsentiert. Erstere tippt in ihrem mission statement noch dazu das Signalwort „Diversität“ an.
Ganz spannend ist die Ost-West-Achse besetzt, mit Robert Lucaciu aus Leipzig und Janning Trumann aus Köln.
Lucaciu („Jazz ist links“) will „unbedingt die divergierenden Anforderungen zwischen ländlichem und urbanem Raum“ berücksichtigen. Er trifft hier auf das CDU-Mitglied Trumann - dessen Parteizugehörigkeit in der immer schon links-grünen Szene der Domstadt noch nie aufgefallen ist.
Wohl aber, mit welchem Geschick und Erfolg Trumann (der aus der niedersächsischen Provinz stammt) in der urbanen Kulturpolitik agiert. Er sitzt im Kulturausschuß der Stadt Köln, spielt Posaune in etlichen Bands, betreibt ein Label und verantwortet demnächst erneut die Cologne Jazz Week.
Ein solches Maß an praktischer Erfahrung, gewonnen in Parteigremien wie auch in der Initiative Kölner Jazzhaus e.V. (auch dort sitzt er im Vorstand), dürfte den mitunter mit divers-luftigem Aktionismus gefüllten Ballon der DJU näher am Boden des kulturpolitisch Einsichtigen halten.

erstellt: 09.05.22
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Ron Miles, 1963-2022

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Er gehörte nicht zu den Instrumentalkollegen mit der „Feuerwehr-Spritze“, die, wie Eberhard Weber das kennzeichnen würde, die das Blaue vom Himmel spielen.
Sein Ton, oft auf dem Kornett, trocken, verhalten, brüchig. Weit weg von dem, mit dem man ihn der Namensgleichheit wegen verwechseln könnte.
Miles gehörte zu den Melodikern.
"Wenn man einen Ron Miles-Song richtig spielt, muss man im besten Fall weinen", sagt Pianist Jason Moran nun gegenüber National Public Radio (NPR).
"Denn die Songs waren voll. Ich vergleiche es mit der Art, wie John Coltrane 'Lonnie's Lament' gemacht hat. Er wusste, wie man die Freude in einer Melodie findet, und er wusste, wo das Herz in ihr steckt. Selbst in dem Moment, in dem man sie spielt, überkommt es einen einfach. Eine Menge Musik, die wir spielen, hat das nicht, sie hat es einfach nicht“.
Jason Moran gehört zum Personal von Miles´ letztem Album „Rainbow Sign“ (2020), seinem zwölften.
Darauf auch zwei seiner Langzeitpartner, Brian Blade, dr, und Bill Frisell, g.
Letzterem schickte er eine Bewerbungscassette, sein erstes Album mit ihm war „Quartet“, 1997.
Beide haben - wenn auch in zeitlichem Abstand - die gleiche High School in Denver besucht. Miles kam aus Indianapolis im Alter von 11 Jahren dorthin, die Eltern hielten die Luft in Colorado für besser angesichts seiner Asthma-Erkrankung.
Miles versuchte sich zunächst in Elektrotechnik, wechselte dann zur Musik in Boulder/CO, seinen Master machte er an der Manhattan School of Music, kehrte dann aber wieder nach Denver zurück.
Für jemanden aus der (Jazz)Provinz hat er eine erstaunliche Karriere gemacht.
Ronald Glen „Ron“ Miles, geboren am 9. Mai 1963 in Indianapolis ist am 8. März 2022 in Denver verstorben. Die Ursache ist eine seltene Bluterkrankung. Er wurde  58 Jahre alt.

Foto: Elliot Ross
erstellt: 08.03.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Adelhard Roidinger, 1941-2022

RoidingerWer ihm begegnet ist, hält seine markanten Gesichtszüge in Erinnerung,
wer ihn gehört hat, seinen muskulösen Bass-Sound.
In den 70er und 80er Jahren fand man ihn an der Speerspitze vieler europäischer Jazzprojekte,
mit Wolfgang Dauner, mit Hans Koller, aber auch mit Außereuropäern in Europa,
mit Anthony Braxton oder Yosuke Yamashita.
Er war, wie es dort heißt, „outspoken“, also um Worte nicht verlegen, ein dankbarer Interviewpartner.
Auch war ihm Angst vor neuen Technologien fremd (wie später ebensowenig Angst vor Mikrotonalität).
1984 entwarf er ein „Computer & Jazz Project I“. Auf dem Cover, ganz im Stile der Zeit,
ward der gesamte Fuhrpark aufgeführt, darunter auch ein Apple IIe.
Das Resultat klang so gänzlich anders nicht, darunter Zappel-ostinati  und keyboard-Flächen,
die Bässe führte er in einer Mischung aus Eberhard Weber und Jaco Pastorius.
Zuletzt bediente er einen siebensaitigen Tenorbass.

In Erinnerung bleibt er nicht nur als als Baß-, sondern auch und Jazz-Pädagoge; die von ihm gegründete Jazzabteilung an der Anton Bruckner-Universität in Linz/A leitete er bis 1994. Weniger bekannt, dass das Studium von Jazz-Bass (1962-65) und Jazz-Komposition (1968-73) in den ersten sieben Jahren begleitet wurde vom einem Studium der Architektur, gleichfalls in Graz. Und so lief denn auch der Hochschultätigkeit in Linz eine solche an der TU Graz voran.
Seine räumlichen Vorstellungen machten dabei auch nicht vor dem Jenseitigen halt. Seine Webseite fächert seine Orientierungen in neun Bereichen auf, darunter solche mit zweifelsfrei esoterischer Perspektive.
Adelhard Roidinger, geboren am 28. November 1941 in Windischgarsten (Oberösterreich) starb, wie erst jetzt bekannt wurde, überraschend am 22. April 2022 in seiner Wohnung in Wien. Er wurde 80 Jahre alt.

erstellt: 02.05.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Badal Roy, 1939-2022

Lange nichts mehr gehört von Badal Roy.
Sein letzter Eintrag in der JC-CD-Datenbank (die nicht vollständig ist) datiert von 2006: Mitwirkung auf dem Album „Borrowed Time“ von Steve Khan.
Aber jetzt, wo sein Name aus traurigem Anlass wieder auftaucht, erklingt zugleich auch eine ganze Ära. Sofort ist Miles Davis „On the Corner“ (1972)
wieder da.
Oder „My Goal´s beyond“ (1971) von John McLaughlin, sein Einstieg in die professionelle Jazzwelt; ein Hobbymusiker, plötzlich inmitten von Jazzstars.
Seine Jazzinteresse ward 1963 durch ein Konzert von Duke Ellington in Pakistan geweckt. 1968 zog er von Ost-Pakistan nach New York City, nicht der Musik wegen, sondern um Statistik zu studieren.
Seinen Lebensunterhalt finanzierte er sich als Kellner im „Pak India Curry House“ in Greenwich Village, an Wochenenden trat er mit einem Kollegen an der Sitar als Tablaspieler auf, im „Taste of India“.
Ein Stammgast gesellte sich irgendwann dazu. Nach sechs Monaten des gelegentlichen Jammens lud jener ihn im März 1971 ins Studio ein: zu den Aufnahmen von „My Goal´s beyond“.
Im selben Jahr gastiert Miles Davis im „Village Vanguard“. McLaughlin rät den beiden Studenten, sie sollten sich rasch ein Blocks weiter in die Bleecker Street begeben und Miles vorspielen.
Ja, the rest is history, fast eine Tellerwäschergeschichte des Jazz.
Badal RoyAm 1. Juni 1972 sitzt Badal Roy im Columbia Studio B:
"Es gab keine Probe, und als Miles hereinspazierte, wusste keiner von uns, was er tun sollte. Plötzlich sagt Miles zu mir: 'Du fängst an' - keine Musik, kein Nichts, einfach so. Mir wird klar, dass ich den Groove vorgeben muss, und ich beginne einfach einen TaKaNaTaNaKaTin-Rhythmus zu spielen. Herbie (Hancock) nickt mit dem Kopf im Takt und mit einem 'Yeah!' fängt er an zu spielen. Eine Zeit lang sind wir beide allein, dann kommen John (McLaughlin) und Jack (deJohnette) hinzu.
Dann fangen die anderen an, und es ist das reinste Chaos, zumindest für mich. Ich werde in dem Lärm völlig übertönt. Ich spiele weiter, aber in der nächsten halben Stunde höre ich keinen einzigen Beat, den ich spiele“ (Interview im Telegraph, India).
Roy verlässt das Studio noch irritierter als vor ihm Josef Zawinul (der nach den Sessions zu „Bitches Brew“ rätselte, wie daraus Musik werden könne). Und obwohl er 1972 ein Exemplar von „On the Corner“ erhielt - so geht diese schöne Schnurre weiter vom Tellerwäscher, der Koch wurde  - will er es sich erst 1995 (!) angehört haben.
Mit Begeisterung.
Nachdem sein Sohn daheim die frohe Botschaft aus der Uni verkündet habe: „Alle HipHop-Typen bei uns sampeln es“.
Der Frust über „On the Corner“ hielt ihn freilich nicht ab, dem Lärm bei Miles sich noch für „Big Fun“ und „Get up with it“ auszusetzen.
Und dann ging es erst richtig los für den Tablaspieler, der ein Hobby zum Beruf machte, ohne die strengen Ausbildungs-
routinen der klassischen indischen Tradition bestanden zu haben.
Sein Spiel auf den Tablas klingt einfach gut, im Mix wurde es oft prominent herausgestellt. Und Auftraggeber von Dave Liebman bis Ornette Coleman, von Herbie Mann bis Pharoah Sanders, von Yoko Ono bis Andreas Vollenweider dürften gewusst haben, was sie an ihm hatten.
Nach einem indischen Percussion-Abitur haben sie bestimmt nicht gefragt. Und auf die Frage nach seiner „Authentizität“ dürften sich kontinental abweichende Antworten ergeben (wie es der indische Telegraph nahelegt):
„Den Westen hat er zwar für sich gewonnen, aber bei den Indern ist Badal Roy noch wenig bekannt. Für diejenigen, die Tabla mit klassischer Musik gleichsetzen und deren Ohren auf die scharfen Tukras der Hindustani-Klassik eingestellt sind, würde seine Spielweise - ein grooviger, bassiger Sound - fremd klingen“.
Badal Roy, geboren als Amerendra Roy Choudhury, am 16. Oktober 1939 in Kumilla (Britisch Indien, heute Bangladesch), ist am 18. Januar 2022 in Wilmington/Delaware verstorben. Er wurde 82 Jahre alt. Als Todesursache wird Covid-19 genannt.

Foto: discogs.com
erstellt: 29.01.22

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