RALF VAN APPEN, ANDRÉ DOEHRING (Hg)

Pop Weiter Denken
Neue Anstöße aus Jazz Studies, Philosophie,
Musiktheorie und Geschichte

Bielefeld: Transcript Verlag, 2018
268 Seiten, 22,99 € print, 20,99 € PDF
ISBN: 978-3-8376-4664-1
————————————————————————————————————

Was sucht ein Buch dieses Titels in einem Jazzblog?
Zunächst sucht es einen Rezensenten. Und es hat ihn auch gefunden, über einen der Autoren sowie auch über den Untertitel.
Der Titel selbst lädt jazzheads ja nicht unbedingt ein. „Pop Weiter Denken“ - tut das nicht ein jeder Gedanke, der aus diesem Lager aufsteigt? Dem müssen wir an dieser Stelle nicht nachgehen.
Der Untertitel aber macht neugierig, „Neue Anstöße aus Jazz Studies, Philosophie, Musiktheorie und Geschichte“, der Untertitel bringt den wolkigen Haupttitel ins Lot.
Mit den Feldern aus dem Untertitel sind zu einem großen Teil auch die vier Kapitel des Bandes beschrieben. „Improvisation“, „Analyse“ und „Übertragungen“ sind Verschriftlichungen von Vorträgen einer Tagung im November 2017 an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Graz/A.
Die beiden Herausgeber Ralf von Appen (Uni Gießen) und André Doehring (Kunstuni Graz) sind ein eingespieltes Team, wobei letzterer auch in der Jazzforschung renommiert ist.
Das Feld „Philosophie“ war seinerzeit in Granz nicht vertreten, es ist ein Bonus dieses Bandes - und für sich schon hinreichende Kauflegitimation.
Wer „Philosophie des Jazz“ von Daniel Martin Feige nicht gelesen hat (manche scheuen sich davor), wird hier auf den Seiten 195-209 mit einer Kurzfassung bestens bedient.
Hier vertritt Feige auch seine Zentralthese
„Das, was im Jazz explizit ist, ist in der Tradition europäischer Kunstmusik implizit“, will heissen:
dass das „Werk“ (europäische Kunstmusik) durch seine Komposition nicht abschließend festgelegt ist, sondern sein Sinn durch jede neue Interpretation neu bestimmt bzw. verändert wird.
Im Jazz tritt dieser Sachverhalt viel offener zu Tage, wunderbar erklärt am Beispiel von leadsheet (Jazz) vs Partitur (Klassik).
„…ein Leadsheet ermöglicht anders als eine Partitur keine Entscheidung darüber, ob ein bestimmtes Spielen eines Standards fehlerhaft ist oder nicht.“
Mit anderen Worten: ich kann „Round Midnight“ ganz gegen die Anmutung des Titels und gegen die vorherrschende Spielpraxis in einem Affentempo spielen (wie es Miles Davis getan hat), ich kann die Melodie fragmentieren - und keine Jazzpolizei nirgends hat eine Handhabe dagegen.
„Der Standard (kann) in allen Tonarten, in allen Tempi, in allen Taktarten und in allen Stilen gespielt werden, ohne dass damit schon ein Fehler begangen worden wäre“ (DMF). Nicht zufällig zitiert er in diesem Zusammenhang den amerikanischen Musikphilosophen Andrew Kania mt seinem Satz „All Play and no Work: An Ontology of Jazz“ (2011).

wird fortgesetzt-----

erstellt: 12.03.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten