Miles Davis. Three Days in Malibu

Miles Davis. Three Days in Malibu

Fotografien von Ralph Quinke
Herausgegeben von Arne Reimer
Texte von Marco Meier und Arne Reimer

11 farbige, 78 s/w-Abbildungen, 152 Seiten, 68 €

Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich, 2026
ISBN 978-3-03942-306-4

Am 24. Mai 1989 stehen zwei weisse Europäer vor einer „typischen Westcoast-Villa am Pacific Coast Highway, direkt am Meer“, in Malibu/Ca.
„Nach einem ordentlichen bisschen Fliegen und Autofahren“ (das heute allgegenwärtige Diminutiv war also auch damals schon waghalsig in Gebrauch) sind sie dort angelangt:
Marco Meier, damals 36, aus Zürich, Redaktor der renommierten Kulturzeitschrift „Du“. Ralph Quinke, damals 35, Fotograf aus Hamburg.
Die beiden klingeln bei Miles Davis.
Quinke war die location bereits vertraut, er hatte zweieinhalb Jahre zuvor schon einmal dort gestanden, mit einem NDR-Team, „weil ich 1987 einen Film über ihn gedreht habe. Dafür hatte der NDR eine hohe Summe an Davis’ Manager gezahlt, aber Miles war einfach nicht da, jedenfalls hat er die Tür nicht aufgemacht.“
Solche Praktiken waren auch von anderen Interviewanfragen bei MD bekannt, insofern haben die beiden allen Anlass skeptisch zu sein.
Sie klingeln ein zweites und ein drittes Mal.
„Punkt 14 Uhr. Die Holztür öffnet sich. Nicht Miles, sondern sein Neffe Vincent Wilburn empfängt.“
Was sie zunächst wahrnehmen, „Malerei, wohin das Auge reicht.“ Miles erhebt sich von einem Korbsessel, „kommt langsam auf uns zu. Die Session kann beginnen.“
Es sind noch zwei Tage bis zum 63. Geburtstag des Trompeters (er wird sie später dazu einladen), die beiden behandeln den „Meister“ wie ein rohes Ei, immer auf der Hut, ob seine gute Laune nicht doch plötzlich umschlagen wird.
Marco Meier beherrscht einen kultivierten Reportage-Stil, sein Text ist genau das und will nichts anderes sein, eine Reportage, keine Biografie, keine Musikanalyse.
Sein Beitrag wird wenig später in der August-1989-Ausgabe von „Du“ einer in einer ganzen Prominenten-Galerie von Amiri Baraka, Ian Carr, Jürg Laederach, Klaus Theweleit, Boris Vian u.a. bis Monika Maron gedruckt.
Dazu eine Auswahl der Malibu-Fotos von Ralph Quinke.
„Du“ pflegt monothematische Hefte. Die Ausgabe 8/89 („In a silent Way. Miles Davis“) ist vergriffen, beim Antiquar fallen Preise von 90 Euro und mehr dafür an.
Cover Quinke Miles klein„Three Days in Malibu“, anlässlich des 100. Geburtstages von MD, fokussiert nun daraus auf die Anteile von Meier & Quinke. Der Band, nunmehr ein repräsentativer Fotoband, fokussiert - und bretzelt auf.
Er umfasst jetzt 78 schwarz-weiße sowie 11 farbige Abbildungen. Nicht alle aus Malibu, einige auch von früheren Anlässen.
Sie sind wirklich sehr großzügig verteilt auf 152 Seiten, mitunter mögen sie einem als zu ähnlich erscheinen, vor allem die des „privaten“ MD. Und man muss schmunzeln, wenn die beiden heute in Interviews ehrfürchtig gefragt werden, ob denn der Mythos sich auch entsprechend zu Hause gezeigt habe.
(Natürlich) nicht. Wer mag, kann ja gerne aus Motiven wie Miles im Korbsessel, am Telefon, in der Küche, im Protzerauto, am Sandsack entsprechend transzendieren; die überall verstreuten, zerknitterten Papier-taschentücher dürften den Gedankenflug nicht gerade brandbeschleunigen.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ralph Quinke ist ein guter Fotograf, gerade seine Porträtfotos im engeren Sinne sind sicher ikonografisch geworden.
Zum Beispiel das Titel gebende Porträt mit seiner Betonung der faltigen Haut im Gesicht und an den Händen. Dazu musste MD posieren, aber es ist nicht eine Pose wie die des breitbeinigen Kerls, der auf der Motorhaube seines PS-Flitzers hockt,  die Hände in der Nähe seines Genitals.
Am Steuer des Ferrari hat Quinke ihn mit einem Weitwinkelobjektiv fotografiert. Das würde er heute nie mehr einsetzen. Aber genau das verbindet ihn durchaus mit einigen seiner „Helden“ von damals, beispielsweise Wilfried Bauer oder Dirk Reinartz, weniger Barbara Klemm.
Als Fotograf ist Quinke Autodidakt. „Mit dem Tod von Miles Davis habe ich mit dem Thema Jazz aufgehört und vermehrt Dokumentarfilme gedreht“, wie er im Interview mit dem Herausgeber Arne Reimer sagt. Es ist anzunehmen, dass er damit keine Ursache benennt.
Es gereicht „Three Days in Malibu“ zum Vorteil, dass der Band zum Schluß das ewig Ähnliche aufgibt und die letzten 31 Seiten noch einmal für Miles Davis bei der Arbeit reserviert, auf Bühnen. Angefangen in Berlin 1971 bis Köln 1987, darunter Hamburg 1982 und New York 1983; selbst in der deutschen Provinz hat er vorbeigeschaut (Bad Segeberg 1984, Eutin 1987).
Und vor allem Jazzfest Berlin 1985: hier gelingen Quinke mindestens drei der besten Konzertmotive seiner Arbeit als Fotograf überhaupt.

erstellt: 14.05.26
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