Bei aller Kritik des scheinpolitischen Geraunes in unserer kleinen Welt - der Jazzpolizei entgeht dabei keineswegs Selbiges in der „Großen“.
Nehmen wir z.B. Daniel Barenboim, den berühmten Dirigenten und Pianisten, Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper.
Laut Zeit „engagiert (er) sich für politische Versöhnung durch Musik.“
Nicht selten zeigt er dabei eine bemerkenswerte Unschärfe in der Beschreibung derer, die die Welt der Musik in Frage zu stellen scheinen.
Barenboim zählt zu den neun Autoren, die die Zeit gebeten hat, in Zeiten der Pandemie Gedanken zu äußern, „wie wir den gegenwärtigen Herausforderungen besser begegnen könnten“.
Die Jazzpolizei teilt seine Klage über die behördlich verordnete Inaktivität vieler Kultureinrichtungen, aber sie hält Barenboims Beschreibung des Großen Ganzen für ganz unzutreffend.
„Was mir am meisten Sorgen macht, ist, wie wenig Bedeutung Musik und Kultur heute im gesellschaftlichen Diskurs haben. Selbstverständlich kommt die Gesundheit zuerst, dann die Wirtschaft. Aber auch Kultur trägt zur Wirtschaft bei, und wir dürfen nicht vergessen, dass der Mensch auch einen Geist hat. Man spricht so oft von ´Zeitgeist´ – unsere Zeit ist aber denkbar geistlos, wenn Musik und Kultur kaum noch eine Rolle spielen.“
Arbeitet der Mann wirklich in Berlin? Geht´s ein wenig präziser?
„Der Geist leidet natürlich schon längere Zeit, es gibt ein großes Diminuendo in der Bildung. Man spricht darüber nicht.“
(Kleine Handreichung für all jene, die geistlos sind: diminuendo bedeutet abnehmende Lautstärke.)
Barenboim setzt den Bedeutungsverlust der von ihm gemeinten, der "Klassischen Musik", mit Musik generell gleich:
„Man kann ein kulturell gut informierter Mensch sein, ohne jemals einen Ton Musik zu hören. Musik scheint für eine besondere Gemeinde gemeint, aber dem ist nicht so. Musik ist für alle. Weil so viele Politiker so wenig davon verstehen, keine Bildung haben, sagen sie, Musik sei elitär, aber das stimmt nicht.“
Barenboims Schlussakkord ist eine Dystopie.
Kein Biologe, kein Ethnologe wird ihn teilen:
„Wenn wir nicht aufpassen, werden wir in fünfzig Jahren kein Musikleben mehr haben – und das ist nicht allein die Schuld von Corona.“
Wenn Maestro von bildungslosen Politikern nicht gehört werden, haben Maestro selber Schuld!

erstellt: 05.11.20
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