Nein, nein, der FreeJazz ist nicht tot, er hat sich nur umgezogen.
Er trägt jetzt eine Hipster-Tolle wie die von Christian Lillinger, dr, einen Hipster-Bart wie den von Robert Landfermann, b, ein Hipster-Tattoo wie das von Robert Lucaciu, b.
Altphilologisch nennen sie sich Basso Ex Machina. Aber so geschickt auch die Bassisten zwischen arco und piccicato wechseln, so sehr auch Lillinger dem mit einem flight case überdeckten ride cymbal überraschend hallige Klänge entlockt - der Bezug zur griechischen Tragödie (deus ex machina) will nicht einleuchten.
Aus der Präsenz von drei Musikern, neun Saiten, Fellen und Blechen ergibt sich jedenfalls keine „durch plötzliche, unmotiviert eintretende Ereignisse, Personen oder außenstehende Mächte bewirkte Lösung eines Konflikts“.
Es lag nicht einmal ein Konflikt vor, sondern prächtigst formulierter pattern-Tausch.
Nach fünf Minuten durfte einem vielmehr Dieter Kühn (1935-2015) einfallen, nämlich sein herrlicher Titel von 1974 „Netzer kam aus der Tiefe des Raumes“.
So nämlich machte sich Philip Zoubek (mit Hipster-Hemdkragen) heran und nahm Platz am Fender Rhodes Electric Piano.
Ein Fender Rhodes Electric Piano im FreeJazz!
Mit jeder Klangtraube, die er darauf antippte, schien es zu fragen:
warum hat man mich im FreeJazz übergangen?
Ja, warum nur gehört dieses Instrument zu den verpönten der Gattung?
Zoubek wartet die Antwort nicht ab, sie interessiert ihn gar nicht, denn schon begeht er - sehr versteckt, mit spitzbübischem Lächeln - den nächsten Tabubruch: er deutet voicings a la Chick Corea und Herbie Hancock an. Und was ist jetzt für ein Leben in der Bud´!
Ein kollektiver Klangball springt hin und her.
Basso Ex Machina 3 1
Und als sich dann ein Nicht-Hipster, nämlich Frank Gratkowski, mit Flöte und Altsax in die Bewegung einklinkt, möchte ein jeder im Publikum ein Loblied auf die Freie Improvisation anstimmen.
Sie tun es in Form von Beifall, an einem Abend in Köln, im Loft, innerhalb der Reihe Plush VIII, kuratiert von Hayden Chisholm.

erstellt: 21.04.18
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