cologne jazzweek 2026 (V)

Seit dem Tag, da er in Köln eintraf, aus Darmstadt kommend, zum Zweck des Kontrabassstudiums (u.a. bei Dieter Manderscheid, später auch in Paris bei Ricardo del Fra), arbeitet Roger Kintopf, 28, mit Felix Hauptmann, 33, zusammen.
Seit 10 Jahren verbindet sie eine künstlerische Partnerschaft, wie sie nicht selten ist in der Kölner Jazzwelt. Sie leuchtet zugleich als einer ihrer kreativen hotspots, nicht unähnlich der über zwei Jahrzehnte funktionierenden Partnerschaft des Pablo Held Trios, den weit mehr als 12 Jahren von Stefan Karl Schmid, ts, und Leonhard Huhn, as, oder den x Jahren von David Helm, b, und Fabian Arends, dr. 
Fast alle gehören zu den mit dem Horst & Gretl Stipendium Ausgezeichneten, aka Jazzpreis der Stadt Köln
Felix Hauptmann hat die mit 12.000 Euro dotierte Auszeichnung 2022 erhalten, anno 2026 Roger Kintopf.
Beide waren mehrfach auf der cologne jazzweek 2026 präsent. Und obgleich niemand über sieben Tage ihre rund 50 Konzerte erlebt haben kann, legt sich die Jazzpolizei keineswegs aus irgendeinem Fenster, wenn sie sagt, dass Hauptmann & Kintopf diesem Festival seine Spitzen aufgesetzt haben.

Das Quartett für Kintopfs Preisträgerkonzert, Cipher, spielt seit einem Jahr zusammen, hat davor ein Jahr geprobt.
Der Neue Konstruktivismus, den die Jazzpolizei in aller fehlerhaften Vorläufigkeit als Begriff dafür vorschlägt, weil die Performance hochgradig von Partituren gesteuert wird - er fiele ohne solchen Vorlauf in sich zusammen.
Als Kölner Verwandte fiele ihr das Trio Neon Dilemma ein.
Die Musik ist kompliziert (nicht komplex), sie ist poly-metrisch, stellenweise aber auch frei-metrisch, sie groovt auf geheimnisvolle Weise, weit weg von swing, abersowasvon. Die Melodik ist ebenso weit vom Bop entfernt, sie hat dodekaphonische Anteile, wie der Bandleader auf seiner Webseite verrät; mitunter muss man Ligeti & Zappa denken.
Ihre vier Stimmen sind eng verzahnt, lösen sich aber auch solistisch: die estnische Pianistin Kirke Kaja, überwiegend im staccato-Gestus; Felix Hauptmann (mit dem sie ein Duo hat) an zwei Synthies, meist piano-nah, ohne klangliche Ausschweifung (an einer Stelle segelt er Mini Moog-artig über einer solchen zerklüfteten Rhythmik, wie es weiland Chick Corea tat). 


Dann der Bandleader & Komponist Kintopf, intonationssicher und mit voluminösem Ton wie alle aus der Manderscheid-Schule, sowie Philip Dornbusch (Achtung! ein „l“ im Vornamen) am Schlagzeug. Im Publikum sein Lehrer aus Jazzinstitut Berlin-Zeiten, John Hollenbeck, nach dem Konzert mit einem Augenaufschlag nach dem Motto „Hab´ ich´s nicht schon immer gesagt?“.
Kintopfs Start in das Festival, am zweiten Tag im Jaki (Stadtgarten) mit einem neu gründeten Trio, mutete demgegenüber an wie „Die Avantgarde gönnt sich eine Pause“. Am Schlagzeug die in Amsterdam sehr beschäftigte Sun-Mi Hong, daneben der in die New Yorker Szene bestens integrierte Gitarrist Emmanuel Michael.
Große Überraschung nach seinen ersten Tönen, quasi eine anti-essenzialistische Volte, man musste dankbar dafür sein: ein schwarzer Gitarrist bewegt sich in der Klangwelt des (weißen) Gitarren-Überstilisten Bill Frisell). 
Dem Kintopf Trio mangelte das Momentum in diesem überwiegend balladesken, fast schon ECM-artigen Terrain, der durch den Rahmen einer Premiere gehemmte Aktionsradius kaum zu leugnen.

Was Michael alles draufhat, über Frisell hinaus Partikel von Holdsworth, Loueke u.a., dies alles gebunden in eine absolut sichere, stolperfreie Performance, entpuppte sich zwei Tage später in einem der kostenlosen Mittagskonzerte, erneut im mehr visuell als akustisch geeigneten Museum für Ostasiatische Kunst.
Zusammen mit dem Bassisten Reza Askari gab Emmanuel Michael den geradezu vor Einfällen strotzenden Begleiter in dem von Standards geprägten Auftritt der Sängerin Rebekka Salomea
Wie schon in den Vorjahren für die zahlreichen Zuhörer  eine inspirierende Mittagsstunde.

---stay tuned

Fotos: Gerhard Richter (2), Peter Tümmers (1)
erstellt: 12.09.26
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