11.11. Flucht aus Köln, Fahrt nach Wuppertal.
Noch in Elberfeld steigen etliche Pappnasen aus dem RE7.
Für den Karnevalsexilanten gibt es an diesem Tag keinen besseren Ort als … den „ort“, Luisenstr. 116, 42103 Wuppertal.
Peter Kowald (1944-2002) hat dort gelebt, gearbeitet & gespielt (u.a. „365 Tage am Ort“).
Eine nach ihm benannte Gesellschaft pflegt dort sein musikalisches Erbe und geht immer wieder darüber hinaus - an diesem 11.11. besonders weit.
swallow muthspiel

Kein Klang verlässt den tonalen Rahmen (vielleicht waren es doch fünf oder sechs): Christian Muthspiel, tb, ep, p, und Steve Swallow, bg, reicht das vollauf.
Den free-gestylten Ohren & Hirnen der Wuppertaler auch. Sie jauchzen und schreien vor Vergnügen.
Und als man den Künstlern nach 90 Minuten gratuliert: „Die perfekte Musik an diesem Ort!“, da nicken sie so rasch, dass Zweifel an dieser Floskel sowieso zu spät kämen.
Weiß gekalkte Wände, grober Holzfußboden, ein Mobiliar, wo kein Stuhl dem anderen gleicht, ab 70 Zuhörern gibt es, offiziell, keinen Einlass mehr, kaum Nachhall - dieser „ort“ promoviert vieles.
Und verleiht den Künstlern Flügel, dem Trio von William Parker ebenso wie Muthspiel & Swallow. Seit vielen Jahren arbeiten sie zusammen, im Quartett oder wie noch häufiger im Duo.
Der Eindruck bleibt prägend, obwohl ein dritter Spieler zunehmend an Raum gewinnt. Zum ersten Male hört man ihn, als Christian Muthspiel den Schlußton des Eröffnungsstückes lange aushält und seine Gesichtsmusikeln nicht zu erkennen geben, dass er Zirkularatmung praktiziert.
Er tritt zurück vom Mikrofon - und der Ton ist immer noch da!
Muthspiel hat sich virtuos die Verwendung des digital delay zu Nutze gemacht, nicht im Sinne von elektro-akustischer Musik, niemals „verfremdend“, immer in  struktureller Funktion.
Mal addiert er eine zweite oder dritte Posaunenstimme, mal schnalzt und zischt er, zeichnet auf - und das Gerät gibt auf Fußtritt ein percussion-loop frei, auf das er ein dreckiges E-Piano setzt: „Fall Blues“ (mit den Harmonien von Miles Davis´ „All Blues“).
Die beiden kokettieren damit, das Komplexe als simpel auszugeben (schließlich heisst eines ihrer Alben „Simple Songs“). Nun gut, so kann man´s auch sagen, dass ein Stück auf einem einfachen Kern beruht, „eine kleine Terz nach unten, eine kleine Terz nach oben“.
Aber wie sie´s dann verarbeiten, im besten Sinne „hochjazzen“, dass z.B. blue notes in Franz Schubert-artige Läufe einsickern, das hat einen inhärenten musikalischen Humor.
Wie er vorzugsweise in Österreich gedeiht.
Die beiden haben ihr Programm gestrafft, lassen häufig zwei Stücke unvermerklich ineinander fließen. Christian Muthspiel bereitet die Zuhörer jeweils darauf vor, den Übergang müssen sie selbst wahrnehmen.
Er hat auch für eine Vermögensfrage eine Lösung gefunden, die den meisten Nicht-Amerikanern auf der Bühne zuverlässig Momente großer Pein bereitet, der Hinweis auf die Möglichkeit, nach den Konzerten CDs zu kaufen.
Christian Muthspiel weist unumwunden darauf hin, ergänzt um den frappierenden Hinweis, jeder CD-Kauf käme einem guten Zweck zugute:
„Wir spenden seit Jahren die Einnahmen aus unseren CD-Verkäufen einem von mir gegründeten Verein der Freunde zur Förderung eines ausgeglichenen Bankkontos“.
Muthspiel & Swallow signierten fleißig.

erstellt: 12.11.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten
Foto: Karl-Heinz- Krauskopf