Schade, dass keiner der Altvorderen im Publikum saß, einer von denen, die seinerzeit vollauf damit beschäftigt waren, ihr Instrument, ihre Kunst in Abgrenzung von amerikanischen Modellen zu entwickeln.
Jazz hätten sie an keiner deutschen Hochschule studieren können (inzwischen sind es 18); wenn überhaupt, hätten sie sich dort unter dem Vorwand „Klassik“ einschleichen müssen.
Bei den Tangible Music Label Nights im Stadtgarten Köln (einen Tag später im Domicil Dortmund) hätten jene alten Helden erleben können, dass Instrumentenbeherrschung heute keine ausreichende Qualifikation mehr darstellt.
Dass man ein eigenes Label haben muss, darauf auch Kollegen veröffentlicht, was wiederum einen Impresario wenigstens im Kleinen erfordert, der das Unternehmen als Gewerbe anmeldet und der Öffentlichkeit in Konzerten präsentiert.
Und, das Instrument unterm Arm, nicht mal die verbindenden Worte einem Moderator überlässt, sondern selbst das Mikrofon ergreift und dabei unverholen zum Kauf auffordert.
Es reicht nicht, dass das Publikum die Musik nur hört, es soll sie buchstäblich „ergreifen“ und nach Hause tragen (womit es schon eine Kurskorrektur bewirkt hat: „Tangible Music“ funktioniert nicht in Form von download-codes, sondern sehr physisch mit Extraumschlag für die CD).
Das ist die Stellenbeschreibung für Janning Trumann, 28, einen „ausgezeichneten“ Posaunisten (J.J. Johnson Award sowie Förderpreis des Landes NRW, 2016), des wohl agilsten unter denen, die an der Musikhochschule Köln Jazz studiert haben.
Schlaksig vor Aufregung verbindet er am Mikrofon das Landei („ich komme aus der Lüneburger Heide“) mit dem Kosmopoliten („ich habe auch in New York studiert“), wo er die Mitglieder seines Quartetts Trillmann eingesammelt hat.
Die Altvorderen hätten an dieser Stelle Halt für ihre Flasche Bier gesucht.
Es kam noch doller; ein Jugendfreund aus der Lüneburger Heide ist Trumann eben nicht in Buchholz über den Weg gelaufen, sondern in New York und in Köln, an den aktuellen Studienstätten des Jazz.
Deshalb bringt Dierk Peters, vib, jetzt selbstverständlich ein Album bei Tangible Music heraus und eröffnet die beiden Label Nights mit seinem Sextett. Darin ein assett der Abende, die Rhythmusgruppe David Helm, b, und Fabian Arends, dr, die später die Reihe krönen wird.
Ambrosia litt ein wenig darunter (und ein kundiger Moderator hätte die Nachricht unterdrückt), dass der etatmäßige Klarinettist einen Gig in Frankfurt mit der HR Big Band und Brian Blade vorgezogen hatte und nun Fabian Willmann den schwierigen Part zu übernehmen bereit war (Vorteil einer Label-Familie).
Ambrosia lässt semi-folkloristische Motive schweben, zentriert um eine wirklich aparte Kombination von Vibraphon und Akkordeon (Laurent Derache aus Paris!), aber es mangelte dem Ensemble doch an Dringlichkeit der Mitteilung.
Die fand sich in Trumann´s Trillmann geradezu im Übermaß. Die Themen werden scharf post-boppig geschnitten ähnlich wie bei Amok Amor, mit dem Unterschied freilich, dass in diesem Quartett ein Vorne & Hinten deutlich zu bemerken ist.
Vorne, neben dem Bandleader & Impresario Trumann, tritt vor allem Fabian Willmann hervor; als Klarinettist zuvor zögerlich, als Tenorsaxophonist ein Ausbund an Spielwitz, Energie und - Ökonomie.

Letztere ist hinten, bei Eva Klesse, gleichfalls aus New Yorker Studientagen, nun die erste deutsche Jazzprofessorin für Schlagzeug, völlig anders verteilt.
Klesse weiß drum-dramaturgisch sehr genau, was zu tun ist. Aber sie tut es in einer Performance der übergroßen Gesten, von der man hofft, dass sich ihre Studenten daran kein Vorbild nehmen.
Nun gut, es mag zur Vollständigkeit des Labels gehören, dass David Helm anschließend in einem Trio unter sparsamer Gitarrenbegleitung den kunstlosen Popsänger gibt („Marek Johnson“).
fosterchild web 2 foto gerhard richterTatsächlich steigerte es lediglich die Erwartung an das, was bereits jetzt zu den bemerkenswerten Momenten des deutschen Jazz 2019 zählt: eine Umsetzung des Konzeptes der CD „Foster Child“ auf live Septett-Format.
Das ewige Ringen von Komposition & Improvisation zerfließt hier in staunenswerter Leichtigkeit, klangliche Nuancen werden geradezu gefeiert, dynamische Schattierungen reichen herab bis an den Rand der Hörbarkeit.
Selten zuvor hat eine Rhythmusgruppe des Jazz dermaßen die Erwartungen an ihre Tätigkeit unterlaufen und ist in einem Klanggemälde aufgegangen wie hier David Helm, b, und Fabian Arends, dr.
Es war eine große Stunde des deutschen, ach was des europäischen Post Free Jazz, und man weiß gar nicht, wen man unter den Beteiligten gesondert hervorheben soll:
Jakob Anderskov, p, und Kaspar Tranberg, tp, aus Kopenhagen, wieder einmal Sebastian Gille, ts, sowie Elisabeth Coudoux, cello.
zoubek 19mai fosterchild web 1 foto gerhard richterLetztere manchmal in nahezu gehauchter Kooperation mit Philip Zoubek.
Fachleute in Köln feiern ihn lange schon wie die Gefeierten am Piano, aber was er nun an einem monophonen, analogen Synthie macht, ist nichts weniger als eine Lehrstunde für Brad Mehldau oder Craig Taborn:
Männer, die auf Tasten starren und wenig davon wissen, was dahinter steckt.
Zoubek muss, was klingen soll, verkabeln; wann hat man zuletzt einen Basisklang wie z.B. den einer Sägezahnschwingung gehört, so fein moduliert, so dezent eingesetzt?
Vielleicht bei Wolfgang Dauner oder Patrick Gleeson, in den 70ern.
In der Beschränkung liegt die Kunst. Hier macht retro Sinn für morgen.

erstellt: 18.05.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten
Fotos © Gerhard Richter