Die European Jazz Conference tagte zum zwölften Male, nach Bari (2025) begab sie sich erstmalig nach Deutschland, nach Köln. In Loft und Stadtgarten sowie der Volksbühne (ex-Millowitsch) öffnete sie sich der Öffentlichkeit mit Showcases, also Kurzkonzerten (über die hier nicht berichtet wird).
Und über 400 Fachbesuchern in Panels sowie in einer Keynote im Sartory, Domstädtern seit Generationen vertraut als bewegter Standort in der fünften Jahreszeit, aber auch nicht frei von einem Hauch von Jazz (z.B. Miles Davis, 1971, oder Maria Schneider, 2021)
Die European Jazz Conference darf nicht velwechsert werden mit Rhythm Changes, das zwischen Amsterdam, Birmingham und Graz pendelt.
Erstere richtet sich an Kuratoren, Promotoren, Funktionäre, mithin Dienstleister für MusikerInnen, letztere dient der Erforschung all jener Aktivitäten und Produkte. Sie versucht sich, wie man früher zu sagen pflegte, an der Konstruktion des Überbaus.
Wobei - wie jüngste Erfahrungen nicht nur der Jazzpolizei zeigen -, die Kenntnis der Praktiker, sagen wir aus der ersten Blase, von den Erkenntnissen aus der zweiten Blase gegen Null tendiert.
Egal, das Motto der EJC „Who we are, what we stand for“ hätte durchaus beiden gut gestanden, ist doch das Objekt ihrer (Erkenntnis)Begierde identisch: der Jazz.

Verantwortlich für EJC ist das Europe Jazz Network, bestehend aus über 200 Organisationen aus 38 Ländern, diesmal in lokaler Produktion durch Stadtgarten, cologne jazzweek, Jazzstadt Köln (vor allem in persona des neuen starken Mannes bei Jazz am Rhein, Janning Trumann; nebenbei ein höchst effektiver Gruppenbild-Organisator) sowie die Monheim Triennale.
Das mag manchen verwundern, ist doch bekanntlich dieses Festival seit seiner letzten Ausgabe 2025 verklungen. Es befindet sich in rechtlicher Abwicklung. Und sein größter Förderer, der frühere Bürgermeister Daniel Zimmermann, wird später in einem Panel sagen, „die Kosten für die Nicht-Triennale sind genau so hoch wie die der Triennale“.
Er sehe „keine Chance für die nächsten fünf Jahre“ (gemeint: der früheste Zeitpunkt nach der Kommunalwahl 2030 für eine andere Mehrheit im Rat der Stadt Monheim).
Mit anderer Perspektive, nämlich Ermunterung, die gleichfalls praktischen Einsichten von Isabel Pfeiffer-Poensgen, 2017-2022 Kultusministerin in NRW und bis kürzlich im Vorstand der Carl Friedrich von Siemens Stiftung.
Ihr mehrmaliges Diktum „be self-confident“, nun aus Politikerinnenmund und damit sozusagen von der anderen Seite des Verhandlungstisches, hatte einen anderen Klang als die gleichlautende, notwendige Selbstbeschwörung aus der Szene.
Nicht jeder Musiker, so Poensgen, müsse politisch interessiert, „aber er muss organisiert sein“. Wichtig andererseits, dass die Politik dadurch begreife, dass & wo es einen Ort gibt für Musik/Kunst.

Für die keynote speech* trafen die Veranstalter in Alexander Hawkins, das muss man wirklich sagen, eine sehr gute Wahl.
Sicher, es hätten auch andere KünstlerInnen sich geeignet, die den wohl kleineren Teil der notwendigen Bedingung für diese Rolle erfüllen: als künstlerisch eigenständige, ja als konzeptionell profilierte Stimme.
Der 45jährige Pianist/Komponist aus Oxford aber ist damit geradezu gesegnet.
Was ihn von jenen abhebt, ist seine spezifische Eignung für das Rednerpult - als studierter Jurist und promovierter Kriminologe.
Hawkins Thema ist das Motto der Tagung „Who we are, what we stand for“, und wie zur Eigenlegitimation zieht er zwischendrin mal eben den US-Rechtstheoretiker Felix Cohen (1907-1953) heran, nämlich dessen Abhandlung „Trancendental Nonsense and the Functional Approach“, ein wichtiges Werk des sogenannten Rechterealismus.
Mit Cohens Idee wenig hilfreicher „Paradiese rechtlicher Konzepte“ (zu denen Hawkins offenbar auch Jazznetzwerke zählt) krönt er seine Hinterfragung des kollektiven Personalpronomens „Wir“. Das bei jedem Einzelnen, so zeigt er am eigenen Beispiel, in vielfältige Rollen sich aufteile.
„Es ist vollkommen okay, wenn sich unsere Aktivitäten selbstbewußt und ohne Scham ganz der Kunst widmen, solange wir nicht die Verantwortung in dem Bereich des Lebens aufgeben, in dem wir das Gefühl haben, am wirksamsten gegen das System kämpfen zu können“.
Als da sind Klassenzimmer, Gewerkschaften, ziviler Ungehorsam, Produktboykotte und schließlich die Wahlkabine, „wenn wir zu den Glücklichen zählen, die Zugang dazu haben“.
Sich gegen den „top of the tree“ zu wenden (Regierungen, aber auch gegen die Elon Musks und Peter Thiels) sei völlig sinnlos, „es mag uns vielleicht kurzfristig ein besseres Gefühl geben, wird aber nichts anderes sein als das Umstellen der Liegestühle auf der Titanic“.
„For a start, what we can do is to model a certain way of being“ (zunächst einmal könnten wir eine bestimmte Art des Seins vorleben). Das vorher fast schon dekonstruierte Wir solle „Chancengleichheit vorleben, Mut, Innovation, vorbildliches Umweltverhalten, unabhängiges, kritisches Denken, persönliche Verantwortung“ usw usw - mithin das ganze Programm der Tugenden aus dem ewigen Wunschkatalog der Jazzgeschichte.
Ja, auch inklusive Rekurs auf Duke Ellington, der vor 100 Jahren schon gezeigt habe, „dass radikaler Individualismus in vollkommener Harmonie innerhalb einer radikalen Gemeinschaft existieren kann“.
Dies alles, smarter vorgetragen als sonst, aber doch auch ohne durch einen Hauch aus der erwähnten anderen Blase (nennen wir sie korrekt „New Jazz Studies“) berührt zu sein.
Wo beispielsweise ein Autor wie Benjamin Givan die Frage „How democratic is Jazz?“ 2021 eindeutig beantwortet hat:
„Die Musik mit ihrer außergewöhnlichen ästhetischen und gesellschaftlichen Vielfalt war im Laufe der Geschichte stets von großer Ungleichheit und Intoleranz geprägt, obwohl sie gleichzeitig Freiheit und Gerechtigkeit verkörperte und förderte.“
Ein wenig von dieser speziellen Dialektik klingt auch in der Schlusspassage bei Alexander Hawkins an. Er spricht von der Inspiration durch den Literatur-Nobelpreisträger Derek Walcott (1930-2017), insbesondere dessen Eingeständnis „no nation now but the imagination“ (Ich habe keine Nation mehr außer der Vorstellungskraft).
Bei Hawkins wird daraus eine Ableitung des Prinzip Hoffnung:
„Wir sollten die relative Unsichtbarkeit und unseren Außenseiterstatus nicht unterschätzen, wenn es darum geht, unsere Fähigkeit zu stärken, Entlastung zu bieten. Denn wenn wir nach dem musikalischen Erlebnis in die reale Welt zurückkehren, werden wir hoffentlich neue Kraft geschöpft haben und besser in der Lage sein, uns den politischen Herausforderungen zu stellen, die uns so sehr beschäftigen“.
keynote speech original
erstellt: 27.09.26
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