Wer gibt den Erich? (im Jazz)

Eric Clapton will nicht auftreten, wenn der Besuch des Konzerts nur mit einem Impfnachweis möglich ist“ (FAZ online, 22.07.21)
Die Absicht ließ Mr. Slowhand demnach - stilgerecht - über den Telegram-Kanal des italienischen Architekten, Filmproduzenten und Impfgegners Robin Monotti Graziadei verbreiten.

Boris Johnson´s „Freedom Day“ zum Trotz soll nämlich ab Ende September nur noch zweifach Geimpften Zutritt zu Clubs und Konzerten gewährt werden.
Clapton schäumt dagegen am angegebenen Ort: „Ich möchte bekannt geben, dass ich auf keiner Bühne auftreten werde, vor der Publikum anwesend ist, das diskriminiert wird. Wenn nicht vorgesehen ist, dass jeder kommen kann, behalte ich mir das Recht vor, die Show abzusagen.“
Wer, so fragt nun die Jazzpolizei, würde denn in unserer kleinen Welt, im Jazz, den Erich geben?
Wer wäre am ehesten bereit, oder - anders gefragt - wer könnte es sich überhaupt leisten, aus der Deckung zu kommen und gegen diese sehr spezifische Form von „Diskriminierung“ anzugehen?
Ungläubiges Schweigen, Achselzucken, wohin man auch blickt.
Clapton, ja, oder auch Van Morrison!
Im Jazz aber sei so ein Armutszeugnis doch undenkbar!
Die Jazzpolizei hingegen wüsste einen Kandidaten: den britischen Sopransaxophonisten Evan Parker, einen unbestrittenen Helden des FreeJazz, für viele das Musterland des hierarchiefreien Handelns. (Unbedarfte „Tagesthemen“-Zuschauer verwechseln Parker gerne mit Thomas Mertens, dem Vorsitzenden der Stiko).
evan parker daserste
Die kruden Ansichten des Brexit-Befürworters Parker nämlich sind hinlänglich dokumentiert, online beim britischen Magazin The Wire.
Demnach kam Evan Parker Ende Mai bei einer Diskussion im Londoner Cafe Oto, angesprochen auf die „mystische Ausstrahlung“ seiner Musik, auf Lynn Margulis zu sprechen. Die 2011 verstorbene Evolutions-
biologin verdiente seines Erachtens den Nobelpreis. Mag sein; Margulis galt anderseits aber auch als AIDS-Leugnerin, sie hielt überdies 9/11 für einen Plot der US-Regierung.
Im Februar hatte Parker schon mal was mit...nun aber mit einem tatsächlichen Nobelpreisträger, nämlich Kary Mullis (1944-2019). Der Biochemiker hat einerseits „eine der wichtigsten Methoden der modernen Molekularbiologie“ entwickelt (Wikipedia), leugnet anderseits den Zusammenhang zwischen HIV und AIDS (obwohl er nie dazu geforscht hat) und berichtet in seiner Autobiografie über Begegnungen mit Außerirdischen.
Interview-Aussagen von Mullis verwendet Evan Parker in einem neuen Stück für das französische Sons d’hiver Festival: „Alle Aussagen in diesem Stück bezogen sich auf die AIDS-Epidemie, aber sie passen genau auf den aktuellen Covid-Unsinn.".
Im April expliziert Parker diese Vorstellungen in einem Interview mit dem britischen Magazin Jazzwise.
Was The Wire nun daraus zitiert, ist kaum zu glauben: demnach sei die Pandemie ein „Schwindel, kompletter und völliger Schwachsinn“, der Impfstoff - fasten seatbelts - „ein Stück Software, das sie in dich injizieren“.
„Er behauptete auch, die gesamte Pandemie war das Werk einer Gruppe milliardenschwerer Eugeniker ´auf der Suche nach massiver Entvölkerung, auf Biegen und Brechen´“ (The Wire). Parker´s Buchempfehlung in diesem Kontext ist kaum zitierfähig.
In der Juni-Ausgabe von Jazzwise beschwert er sich, falsch dargestellt („misrepresented“), aber nicht falsch zitiert worden zu sein: "Wie man in der Gemeinschaft der Skeptiker immer sagt: 'Machen Sie Ihre eigene Forschung'. Nachdem mir geraten wurde, 'der Wissenschaft zu folgen', habe ich genau das getan.“
Die Jazzpolizei meint, den Erich im Jazz müssen wir nicht mehr suchen, er ist schon da, er heißt nur anders.
Und gemessen daran ist Eric ein Waisenknabe.
Jeder der beiden aber - wir sollten es keinesfalls negieren - ist auf seine Art ein großer Künstler.

erstellt: 22.07.21
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