RAINER WIECZOREK

Im Gegenlicht: Heinz Sauer
Ein literarisches Portrait
134 Seiten, 13.90 Euro
Verlag Dittrich, Weilerswist, 2021
ISBN: 978-3-947373-59-8

Ach, wie ist das schön!
Bringt der Untertitel nicht erneut einen tief verborgenen Wunsch in unserer kleinen Welt zum Klingen, dass ihre Betrachtung endlich mal wieder die Aufmerksamkei eines Literaten wert wäre? Es muss ja nicht gleich Jürg Laederach sein, Jean Amery („Im Banne des Jazz“, 1961) oder F.C. Delius, von Boris Vian ganz zu schweigen.
Es reichte doch schon, wenn jemand mal kurz den Platz von Michael Naura (1934-2017) einnähme, der letzte, der die Brücke vom Jazzjournalismus zum Schriftstellertum stilsicher zu begehen wusste.
Auftritt Rainer Wieczorek, geboren 1956 in Darmstadt, laut Klappentext hat er der Künstlernovelle „im letzten Jahrzehnt neue Impulse“ gegeben.
Wieczorek setzt sogleich einen Kunstgriff, der uns Jazzschreiberlingen nie und nimmer eingefallen wäre. Er besucht ein Konzert von Heinz Sauer und Michael Wollny in der Stadtkirche Darmstadt, neben sich Danski, „den ich seit unserem denkwürdigen Abschied in Pirmasens nicht mehr gesehen hatte“.
Danski ist eine Fiktion, eine Kunstfigur; man muss nur wenig blättern, um herauszufinden, dass Wieczorek sie aus seiner Novelle „Pirmasens“ (2020) herüberholt.
Nicht ganz schlecht, der Specht.
Danski agiert als eine Art alter ego des Autors, der ihm schon auf der dritten Seite unter der scheinheiligen Frage „Ist das überhaupt noch Jazz?“ dessen Staunen sachlich grundiert. Danski spricht, als läse er aus dem Kulturteil einer Regionalzeitung. 
Nach dem Konzert, Sauers Tenor liegt noch immer in der Auslage, pardon auf dem Altar der Darmstädter Kirche, identifiziert Danski sogleich den Typ.
„Ein frühes Selmer Mark VI“, auch Coltrane und Shepp hätten dieses Modell gespielt, „das in den späten Fünfzigern, den Sechzigern in Frankreich hergestellt wurde“.
Aha, der Autor nähert sich dem zu Porträtierenden als begeisterter Zuhörer, das alter ego zieht die Sachebene ein. Die Rollen bleiben nicht immer so klar voneinander geschieden. Danski kann bisweilen den Verdacht nicht ausräumen, er sei aus der Didaktik des Schulfunks übrig geblieben.
Seinen Quellen- und Zeitbezügen haftet etwas Bemühtes an. Kann man sich im Jahre 2020 vorstellen, dass der Autor mit seinem sidekick beim Frühstück sitzt und jener die print-Ausgabe einer Zeitung aufschlägt, nämlich den Tagesspiegel vom 2. August 2015, um aus einem Interview mit Siggi Loch zu zitieren, anstatt eine pdf Datei in einem Pad oder Laptop anzuklicken?

„´Mich interessierte mal, was dieser Siggi Loch für ein Typ ist, deswegen habe ich mir diese Ausgabe mal kommen lassen´, sagte Danski“.
Diese Szene beschließt Kapitel I aus den insgesamt vier des Buches, es ist ungewöhnlich für eine deutsche Jazzpublikation. Wieczorek beschreibt darin die Hüllkurve des letzten langen Höhepunktes in der Karriere des Heinz Sauer, die Jahre mit Michael Wollny. 
Sie beginnen am 1. Dezember 2003 im Darmstädter Literaturhaus, bei einem Ror-Wolf-Abend, für den Sauer seinen langjährigen Pianisten Bob Degen nicht mitbringen kann und stattdessen erstmalig mit Michael Wollny im Duo spielt.
Sauer musste den Namen dem Veranstalter buchstabieren: „mit zwei ´l´und ´y´am Ende“. Sehr schön.
Die Wollny-Jahre sind größtenteils auch ACT-Jahre. ACT ist das Label von „diesem Siggi Loch“. Im Oktober 2004 nehmen beide ihr Debüt dafür auf, „Melancholia“. Die ACT-Jahre enden nach der Veröffentlichung des dritten Albums „Don´t explain“, aufgenommen 2012 wiederum in der Darmstädter Stadtkirche - mit einer Auswahl, „die im Hause ACT vorgenommen wurde“.

Das war´s. Schon nach der Aufnahme sagt sich der Labelchef von dem älteren der beiden Künstler los (den jüngeren wird er wie einen Popstar aufbauen).
„Er hat dann praktisch unterbunden, dass wir beide zusammenspielen, und ich musste bei Michael fast immer bitten, dass wir Konzertangebote annehmen konnten, das war peinigend“.

Hier spricht Sauer und nicht Danski. Was Wieczorek und sein Fiktionär mitsamt des zu porträtierenden Künstlers hier ausbreiten, ist, was sonst nur als Flurfunk in der Szene getuschelt wird. Die Loch-Kritik, so berechtigt sie sein mag, sie bleibt ohne Gegenstimme. Sie steigert sich zur Obsession, als Wieczorek später, als es um die Jugendjahre Sauers in Merseburg geht, seinem Danski die  Spekulation über den gleichfalls in Merseburg aufgewachsenen Loch in den Mund legt: „Vielleicht saßen sie sogar im selben Bunker!“
cover wieczorekIn Merseburg, Sachsen-Anhalt, ist Sauer geboren, 1932.
In einen nationalsozialistischen Haushalt; der Vater war Direktor der Buna- und Leunawerke, mit ihrem synthetisch aus Braunkohle gewonnenen Benzin ein Treibstofflieferant der Wehrmacht. Mit 12 türmt der junge Heinz aus einer NS-Eliteschule (…“Sauer meint, er sei ein Individualist. Er und große Gruppen: Das funktioniert einfach nicht“.)
Es ist der erste Hinweis auf den spezifisch Sauer´schen Nonkonformismus, der sich später - nach dem Umzug nach Hessen - in Frankfurt in seinen nicht nur musikalischen Rollen zeigt: als einziger mit Abitur in der Band von Albert Mangelsdorff, als „Snob“, wie ihn manche (nicht in diesem Buch) beschreiben, als schwieriger Kollege („Er ist ein wirklich guter Musiker - doch was er mich für Kraft gekostet hat“, sagt der von Sauer sehr geschätzte Pianist Bob Degen. Über den wiederum Sauer klagt, „du kommst an ihn nicht heran“).
Und, natürlich, Mangelsdorff! 15 Jahre haben sie zusammengespielt, aber sich nie gegenseitig besucht:
„Albert und ich sind immer in meinem Auto gefahren (…) Da haben wir uns schon gefetzt. Albert ist im Auto nie laut geworden - ich aber! Albert war ausgleichend. Wir waren fundamental andere Typen, aber das war in der Musik damals gar nicht so unspannend“ (eine der kurzen O-Ton-Injektionen Sauers in den Text).
Ähnliches gilt auch heute: „Wenn der Michael Wollny ein so Lieber wäre, könnte er so nicht spielen“. 

Auch anderen vorgeblich nicht so „lieben“ Kollegen gilt seine Wertschätzung: Peter Kowald (1944-2002) und Peter Brötzmann. Gleichwohl und nicht überraschend setzt er sich von ihnen ab, in der „literarischen“ Schwachstelle dieses Bandes.
Völlig unvermittelt gönnen sich Danski und der Autor auf Seite 105 „aus reinem Vergnügen eine Fahrt mit der Wuppertaler Schwebebahn“. Eine solche Fiktion wäre „literarisch“ vielleicht geglückt, würden sie sich mit Kowald und Brötzmann treffen oder sonstwie nach deren Widerhall im Tal forschen. Einziger Zweck der Übung aber ist die metaphorische Krücke, an die sich Wieczorek hängt, um den Abstand von Sauer zum Wuppertaler Free Jazz zu vermessen:
„´Sauer suchte eher das Schwebende´, sagte ich zu Danski und schaute auf die Wupper hinunter“.
Brrrh, Michael Naura würde wiehern.
„Im Gegenlicht: Heinz Sauer“; wohl wahr, über die Lichtverhältnisse in der Karriere dieses großen Musikers erfährt man manches. Zu wenig über seine Musik (auch durch den Porträtierten selbst), zu wenig über den Gegenwind, den er erzeugt. Immerhin aber, dass das Bühnenbild kein Abbild der Beziehung der Beteiligten ist. Die Bühne ist ein Arbeitsraum, oft mit großer Hitze, aus dem man nichts ableiten sollte.
„Im Gegenlicht: Heinz Sauer“ ist keine Biographie, es ist die Liebeserklärung eines Fan, „literarisch“ aufgeplustert.

erstellt: 21.04.21
©Michael Rüsenberg, 2021. Alle Rechte vorbehalten


Drucken   E-Mail