Richie Beirach, 1947-2026

Richie Beirach

Ethan Iverson zeigt sich in seinem blog Transitional Technology wenig überrascht, „denn der Pianist hatte seit einiger Zeit mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen.“ Das blieb auch in europäischen Clubs nicht verborgen, mehrfach ging ein Raunen um, das kommende Konzert könne das letzte gewesen sein. 
Iverson sieht Beirach im Verein mit Hal Galper und Jim McNeely, „und nun sind sie alle innerhalb eines Jahres nacheinander verstorben“.
Er erwähnt es nicht expressis verbis, aber seinen kurzen Analysen ist denn noch zu entnehmen, dass Beirach pianistisch unter den dreien die Nase vorn hat - was wohl als common sense gelten dürfte.
Umso erstaunlicher, dass die Todesmeldung nicht von den in solchen Fällen üblichen Quellen ausging, u.a. Wikipedia, down beat oder New York Times, sondern von der WDR Big Band kam (mit der er 2016 ein Album produziert hat) sowie aus der deutschen Provinz, von der Rheinpfalz in Ludwigshafen.
Beirach verbrachte, was vielen verborgen blieb, seine letzten Jahren im Verbreitungsgebiet, in Heßheim, ein paar km norwestlich von Ludwigshafen.
Dorthin zog es ihn, nachdem er mit Erreichen der Altersgrenze (65 plus zwei Extrajahre) an der Musikhochschule Leipzig pensioniert worden war.
Mit seiner Meisterstudentin Regina Litvinova und dem 2021 verstorbenen Schlagzeuger Christian Scheuber bildete er, so ist zu lesen, eine Art „Jazz-WG“ auf einem Hof in Heßheim.
„Hier mache ich die Tür auf, gehe zwei Schritte und bin in der Natur. Ich kann Sterne sehen. In New York konnte ich das nie“.
Dort kommt er her, aus Brooklyn, einem der fünf Stadtbezirke von New York City.
Mit fünf beginnt er mit klassischem Piano, mit 13 entdeckt er Red Garland - und schwenkt zum Jazz. Während seiner High School-Jahre soll er sogar von Lennie Tristano unterrichtet worden sein. Mit dieser biografischen Fußnote im Kopf verflüssigt die Jazztimes die genre-typische Einflußsuche bis in Beirachs Trio-Album „Eon“ (1975, mit Frank Tusa, b, Jeff Williams, dr):
„Beirach sprengte die scharfkantige Kargheit seines frühen Mentors zugunsten eines emotionaleren, leidenschaftlicheren, ja sogar theatralischen Klangs“.
Zu weitaus größerer Bedeutung gelangt zwei Jahre später ein anderes Trio auf „Elm“ (mit George Mraz, b, Jack DeJohnette, dr).
Es dürfte das einflussreichste seiner Karriere sein; Ethan Iverson greift zu den Sternen und zieht Chick Coreas „Now he sings, now he sobs“ (1968) zum Vergleich heran.
In frühen Jahren fiel Beirach mit harmonischen Umdeutungen auf, sein Umgang mit slash chords (Akkorde, in denen nicht der tiefste Ton den Grundton bildet) führt zu dem anerkennenden Spitznamen The Code.
Beirach galt als lern- und wissbegierig; den Job, in einer Band mal den Horace Silver zu geben (eine Todsünde im Jazz, gleichwohl oft praktiziert) lehnte er mit Hinweis auf seinen eigenen Stil ab.
Dazu brachte er beste Voraussetzung mit: ein Jahr am Berklee College of Music, dann aber 1972 ein Master an der Manhattan School of Music in Musiktheorie und Komposition.
Die professionelle Jazzwelt betrat er auf die harte Tour: bei Stan Getz.
Ein lebenslanger Partner in jenen Jahren, Anfang der 70er, wurde Dave Liebeman. Mit dem Saxophonisten begründete er langlebige Ensembles, darunter Lookout Farm und vor allem Quest (darin Billy Hart).
Und, nicht zu vergessen John Abercrombie.
Er hat vier Lehrbücher zum Jazzpiano verfasst, ab 2000 lehrte er 14 Jahre an der Musikhochschule „Felix Mendelssohn-Bartholdy“ in Leipzig, 2015 zog er nach Heßheim.
Gesundheitlich ging es ihm nicht gut in den 2020er Jahren, eine Spendenaktion erbrachte rund 35.000 Euro in diesem Zusammenhang.
Sein letztveröffentlichtes Album war „The World within“ 2023 in einem Quartett mit dem Düsseldorfer Saxophonisten Reiner Witzel, einem häufigen Partner der letzten Jahre.

 Richard Alan Beirach, geboren am 23. Mai 1947 in Brooklyn/NY, verstarb am 26. Januar 2026 in Worms. Er wurde 78 Jahre alt.

 erstellt: 27.01.26
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