KNEEBODY Reach *****

01. Repeat After Me (Wendel), 02. Reach, 03. Natural Bridge (Endsley), 04. Glimmer (Benjamin), 05. Another One (Wendel), 06. Top Hat (Endsley), 07. Lo Hi, 08. Long Walk (Benjamin), 09. Say so (Wendel)

Ben Wendel - ts, effects, Shane Endsley - tp, synth-b, effects, Adam Benjamin - keyb, Nate Wood - dr, bg (1,7,9)

rec. 09/2023
GroundUP Music

BEN WENDEL BaRcoDe ******

01. Clouds (Wendel), 02. Mimo, 03. Olha Maria (Jobim), 04. Repeat after me. 05. Birds Ascend, 06. Lonely One

Ben Wendel - ts, EFX, Joel Ross - vib, mar, Simon Moullier - vib, chromatic balafon, EFX, Patricia Brennan - vib, EFX, Juan Diego Villalobos - vib, mallet station, perc, EFX

Rec. 16./17.01.2025

Edition Records EDN 1294

Es ist das Eine, diesem Quartett bei der Arbeit zuzuschauen. Der schier endlosen Kette von Knaller-Themen, den vamps, den mitunter ungeraden Takten, den hoch-erhitzten Soli.
Vor allem dem zirzensischen Akt, in dem Nate Wood in Personalunion die Rhythmusgruppe stellt: mit der linken Spielhand drückt er die Saiten der Baßgitarre nieder (tapping), mit den anderen Extremitäten kommt er seiner Hauptrolle als Schlagzeuger nach.
cover Kneebody reachEs ist aber etwas Anderes, diesem audio-visuellen Spektakel nur in einem Sinneskanal zu folgen (akusmatisch = ohne die klanglichen Quellen zu sehen), vulgo vom Tonträger.
Sicher, die Präzision der Ausführung ist beeindruckend, der Sound springt einen an.
Noch dazu in - wenn man so will - „kompakter“ Form; kaum einer der neun Titel überwindet die 5-Minuten-Marke (der mit 2:45 kürzeste heißt auch noch „Long Walk“).
Das heisst aber auch, es bleibt wenig Raum für solistische Exkurse.
Mit anderen Worten, wer nicht gerade als Novize auf Kneebody stößt, wer große Teile ihres spezifischen Jazzrock-Formates über 25 Jahre „vor Ohren“ hat, der mag nicht lange den Eindruck unterdrücken: dieses Format ist langsam auserzählt.
Es gibt nichts, was sich gegenüber früheren Alben hervorzuheben lohnte. Also keine vamp-Hämmer wie etwa „Trite“ ( aus „The Line“, 2013), „The Trip“ oder „The Line“ (aus „Chapters“, 2018).
Ben Wendel hingegen folgt keiner derart eingespurten Kontinuität, seine Alben sind separate, stilistisch unterscheidbare Projekte. Großartig z.B. das Schlagzeug-lose „All One“, gefolgt von einem Jazz-Quartett in „Live at the Village Vanguard“ (2023).
Ben Wendel Barcode Packshot 1500„BaRcoDe“ ist bereits sein elftes Album in eigener Regie.
Auch dies macht konzeptionell wieder einen Unterschied, er greift einen aktuellen Trend auf, nämlich das neuerliche, große Interesse an den mallet instruments, also an Vibraphon und Marimbaphon.
Mit David Friedman und Dave Samuels leiteten Ende der 70er  zwei Malletspieler ein Quartett (Double Image), bei Wendel sind es nun vier, darunter zwei ausgesprochene Stars der Bewegung: Patricia Brennan und Joel Ross.
Es gäbe Gründe, auch die beiden anderen nicht unter diesem Level anzusiedeln:
Juan Diego Villalobos ist Gewinner eines Latin Jazz-Grammys, er stammt aus Venezuela und ist in puncto Jazz ein Schüler von Stefon Harris und Joe Locke.
Simon Moullier, 31, aus Nantes in Frankreich, ist - wie Villalobos - man muss schon sagen: bestens ausgebildet und darf die Monstranz tragen, von Quincy Jones als der beste Vibesspieler bezeichnet worden zu sein, den er je gehört habe.
Ein solches Quintett braucht, wieder mal, keinen Drummer, die perkussiven Repetitionen ergeben sich quasi „natürlich“.
Und so beginnt denn auch das Album mit rasenden minimal patterns. Ben Wendel sitzt obenauf im Ton und mit Phrasen, die - wie selten zuvor bei ihm - an Michael Brecker erinnern.
Läse man nicht, dass hier kein Perkussionist mitwirkt, würde man gleichwohl einen solchen hören. Des Rätsels Lösung dürfte hinter EFX (= effects) verborgen sein, die allein drei von vier Malletisten beisteuern, möglicherweise auch hinter der mallet station von Villalobos, einem MIDI Controller, der letztlich Sounds abrufen kann vergleichbar einem keyboard. Und, liest man richtig, kommt der Venezolaner ja auch als Perkussionist zum Einsatz.
„Mimo“ wechselt vom 3/4 in einen gemächlichen 4/4-Takt, über den sich, angefangen mit einem Septimen-Intervall ein Mallett-Geflecht aufbaut. Ähnlich wie später in „Birds Ascend“ zeigt sich hier, bei ganz anderem Tempo, eine weitere Brecker-Referenz, nämlich in einem Steps Ahead-verwandten Thema.
Formal besticht „Mimo“ durch einen quasi versteckten Kunstgriff, der sich erst in Wendels und den weiteren Soli entfaltet, eine Blues-Form.
Es folgt die einzige Fremdkomposition des Albums, „Olha Maria“, von Antonio Carlos Jobim, aus dessen Album „Terra Brasilis“, 1980, hier eine tänzerische Ballade im 6/4-Takt, die Wendels Tenor in einem weiten Hallraum schickt.
Mit „Repeat After Me“ greift er, was er selten tut, ein stück aus seinem Kneebody-Fundus heran, aus dem aktuellen Album „Repeat“. Erstaunlich, wie die gewechselte Instrumentierung (insbesondere ohne drums und tiefes Fender Rhodes Electric Piano) den dort knalligen vamp hier in den Mallet-Ketten verschwinden lassen, sodass man die Identität der Komposition nicht sogleich bemerkt.
Das Album klingt aus mit „Lonely One“, einem ausgesprochenen Tenorsaxophon-Feature, in dem thematisch ein weiteres „Instrument“ mitwirkt, das in den Metadaten des Albums gar nicht gelistet ist: whistling, eine flötende, menschliche Stimme. Die Mallets sind in dieser melancholischen Ballade auf ihre metallischen Varianten reduziert.
„Lonely One“ dürfte als einziges Stück dieses Albums assoziativ der rund-fließenden Motivik des Albumcovers zumindest nahekommen.

erstellt: 22.01.26
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