Moerser Märchen anno 26

Der Tag, an dem der Berlinale-Skandal seinen vorläufigen Höhepunkt nimmt (und die, von denen noch nicht alle alles kommentiert haben, unentschieden sind: will Wolfram Weimer Tricia Tuttle nun loswerden oder nicht?), ist zugleich der Tag, an dem tief im Westen, in der Grafenstadt Moers am Niederrhein, Tim Isfort das Programm des kommenden Festivals vorstellt.
Es wird das 55. Moers Festival sein.
Beide Ereignisse verbindet nüscht, wirklich nichts.
Andererseits ist doch interessant, die Fallhöhe zu vermessen zwischen einer veritablen, wenn auch unsinnigen Politisierung eines kulturellen Events in der hohen Luft der Filmwelt und dem dafür am ehesten anfälligen Ereignis in unserer kleinen Welt.
Seit 2017, seit Isfort es verantwortet, hat das Moers Festival keiner Versuchung widerstanden, z.B. seine Programmpressekonferenz im krampfhaften Bemühen um Originalität aufzubrezeln, ach was hochzujazzen.
Albern die PK, als alle Beteiligten, auch die Stadtspitze, an Tischen im Becken eines Hallenbades saßen, bis zur Tischkante im Wasser. Politisch schamlos der Vorlauf zum 51. Festival, wie man sich, wiederum unter Beteiligung der Stadtspitze, vier Wochen nach Beginn des Ukraine-Überfalls in „Moersland“ der Nachrichtenlage bedient: „…hier würden Bomben und Raketen dahin zurückfliegen, wo sie herkamen!“
Die Konsequenzen: keine.
Man stelle sich vor, irgendjemand in Berlin hätte sich seinerzeit dermaßen verhoben…
Mit anderen Worten: unsere kleine Welt liegt unterhalb des Radars des bundesweiten Feuilletons, aber sowas von.
Moersland, inzwischen „Unimoersum“, wird demgegenüber anno 26 schwer abrüsten:
55. moers festival 2026 Poster„Das 55. moers festival will seinem Publikum und allen beteiligten Künstler*innen fünf Tage klangliche Âventiure und Wirklichkeitsflucht ermöglichen — eine Wirklichkeitsflucht, die imstande ist, uns zu verzaubern und die Realität zu entzaubern“, verspricht Isfort.
Nicht ohne auch abzuheben auf „so manche Märchenonkel und -tanten ihre ‚Wahrheiten‘ in Politik, sozialen Medien und zunehmend autokratischen Systemen. Der ‚böse Wolf‘ lauert also auch heute noch überall.“
Unter dem Motto „…wie im Märchen“ kehrt das Festival zudem nach 51 Jahren nahe an seinen Ursprungsort zurück, jedenfalls die Hauptbühne. Sie wird auf dem Kastellplatz errichtet, open air, ein paar Schritte nur vom Schlosshof entfernt, wo es 1972-75 seinen Anfang nahm. Bespielt wird tatsächlich wieder auch dieser, nebst umgebender Lokalitäten wie zwei Kirchen, das Schloss, das Alte Landratsamt usw.
Das Festival kehrt mithin zurück in die Stadt - unter Aufgabe der Enni-Halle, einer 2014 umgebauten Tennishalle, lange angestrebt von Reiner Michalke (2006-2016).
Warum aber gibt man eine akustische gut geeignete Konzerthalle auf für eine Freiluftbühne?
Die Halle, so hört man am Rande, sei gerade im letzten Jahr teilweise überfüllt gewesen, u.a. durch die neue, erfolgreiche Form des Ticketing. Auch in diesem Jahr wird es demnach keinen Festivalpass (zum ersten Mal für fünf Tage!) zu einem einheitlichen Preis geben, sondern nach dem Motto „Pay what you can“ gleichwertig zu 45, 87, 129 und 172 Euro. Und die ganz Begüterten (oder die sich so zeigen wollen) dürfen als “stille Held*innen” für 300 Euro auch den Backstage-Bereich aufsuchen und sich das Festival-Shirt überziehen.
Das Programm eröffnen am Donnerstag, 21. Mai, wird die WDR Big Band unter Leitung von Vince Mendoza, mit dem südafrikanischen Pianisten Nduduzo Makhathini. Dieser Programmpunkt dürfte jazz-seitig zu dem einen Schwerpunkt „?Africa“ (kein Tippfehler) zählen und mit KünstlerInnen aus Togo, Benin und Ghana stilistisch sicher darüber hinausgehen.
Den Abschluss am Pfingstmontag macht die US-Saxophonistin Lakecia Benjamin (Schwerpunkt „USA“).
Es gibt eine Kooperation mit dem Huddersfield Contemporary Music Festival.
Das Festival wird, wie gewohnt, in das Feld Neue Musik ausgreifen und anlässlich ihres jeweils 100. Geburtstages Werke von Morton Feldman und György Kurtág aufführen lassen. Kurtág im Peschkenhaus kann man sich vorstellen, wie aber Feldman open air sich behauptet…man wird´s abwarten müssen.
Moers zum fünfundfünfzigsten Male, erneut ein Multi-Genre-Event, das vollständige Programm hier.
Evi Filippou credits Leon Maria Plecity 1Das Festival dient jeweils auch als der prominenteste Auftrittsort für einen Künstler, der dank eines Stipendiums das ganze Jahr über in Moers wirken kann: der/die in Geschlechterparität ausgewählte Improviser In Residence.
Die nunmehr neunzehnte in der inzwischen langen Reihe ist die griechische, in Berlin lebende Perkussionistin/Vibraphronistin Evi Filippou. Sie wird mit ihrem Oktett InEvitable extended (darin zwei Gitarristen, zwei Schlagzeuger) den Festivalsamstag auf der Hauptbühne beschließen.
Zu ihren Aktivitäten vor dem Festival gehört u.a. ein Osterferien-Workshop für Kinder und Jugendliche, eine Hörreihe in ihrer „Residenz“ sowie ein Abend (23.03.) in der Mutter aller Moers-Locations, der „Röhre“, wo sie als Schlagzeugerin mit Marius Wankel (ebenfalls dr) auf einen energetischen Gast treffen wird, den Saxophonisten Fabian Dudek.

Foto Filippou: Leon Maria Plecity
erstellt: 02.03.26

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