MARC COPLAND String Theory ********
01. Greensleeves (trad), 02. Afro Blue (Santamaria), 03. Vesper (Gress), 04. Alone together (Dietz/Schwartz), 05. The Sun at the Zenith (Marc Copland), 06. Nardis (Miles Davis), 07. Like it never was (Gress), 08. Greensleeves Reprise (trad)
Marc Copland - p, Mark Feldman - v, Drew Gress - b (4,5,7), Anthony Pinciotti - dr (4,5,7), Felix Henkelhausen - b, Jonas Burgwinkel - dr
rec. 02./03.05.2022, Osnabrück (4,5,7)
20./21.11.2023, Pernes/F. (1,2,3,6,8)
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Was soll man noch sagen zu einem neuen Album von Marc Copland?
Darf man (noch) mit einem ordinären Zitat beginnen? Selbstverständlich aus einem anderen Zusammenhang (gerissen)?
Es wird geborgen aus dem tief abgelagerten Zitatenschatz der pre-Boomer-Kohorte, ein Zitat von Helmut Salzinger (1935-1993) alias Jonas Überohr; musikalisch nicht immer treffsicher war er ein rechtschaffenes Lästermaul, an das man sich auch 60 Jahre später noch gern erinnert. Eine Edelfeder- oder (um Volker Kriegel abzuwandeln) eine „Einzelfeder“.
Von Überohr/Salzinger also blieb hängen:
„Der Blues ist wie Geschlechtsverkehr: immer das Gleiche - aber immer wieder schön!“
Gerade kommt eine neues Album von Marc Copland ins Haus; es steht nicht mit den Begriffen aus dem ersten Satzteil in Verbindung, that´s for sure. Die Frage der Identität („immer das Gleiche“) verlangt Modifizierung - aber das Urteil trifft zu.
(Fast) immer.
Also, das neue Album von Marc Copland ist eingetroffen. Wie immer auf dem Postwege.
Der Erwartungslevel schnell hoch; man ahnt, dass man es nicht mit einem Urteil von, sagen wir, unter ******* archivieren wird.
Okay, der Verweis auf Salzinger/Überohr war ein schöner Teaser, hat geklappt!
Aber nun geht’s an´s Modifizieren: an die schrittweise Relativierung des bei Copland vorgeblich Immer-Gleichen.
Gleich: die Mitwirkung von Drew Gress; den Bassisten findet man mindestens seit „Second Look“ (1996) an der Seite des Pianisten.
Nicht gleich: es fehlt ein Blues, es fehlt ein Standard von Wayne Shorter.
Die bedeutendste Abweichung: die Präsenz von Mark Feldman. Man mag es zunächst nicht glauben, der Bandleader klärt uns auf mit einem Text, im entfalteten booklet gesetzt wie ein Gedicht:
Demnach gehörten beide zur Band von John Abercrombie (1944-2017) - allerdings niemals gleichzeitig.
Demnach will Feldman ein gemeines Duo vorgeschlagen haben, im Januar 2018, anlässlich des Memorial Concert für Abercrombie. Die beiden proben, diskutieren Stücke - aber Copland findet keinen hinreichenden Zugang:
„The violin is a different animal — in Jazz, anyway“.
(Endlich spukt´s mal jemand aus!).
Ein Jahr später, beim zweiten Memorial, wieder Copland & Feldman (und hier befördert die Form, der Schriftsatz in Lyrikform, den Inhalt ungemein):
„I don´t know what it is/some kind of magic/and our set/simply plays itself“.
Die Anwesenden bilden eine sehr spezifische Trauergemeine, es handelt sich um „some of New York´s Finest“ (musicians). Einige kommen später auf ihn zu und sagen:
„you and Mark were/the highlight“.
Marc Copland spielt in seiner Verblüffung mit zwei Bedeutungen von string theory, bezogen auf das Instrument einerseits und bezogen auf das Universum andererseits.
Und fasst sein Entzücken in Worte:
„I know/a different string theory/I know/piano and violin create/a force that takes you over/a force that surrounds you/a force that transports you“.
„String Theory“ also hat für Marc Copland eine sehr spezielle, persönliche Konnotation, die deutlich von einem allgemeinen Verständnis des Begriffes abweicht.
Im Grund schlägt er eine ironische Volte, er verkehrt den Begriff in seine Gegenteil, in eine Eigenschaft, einen Zustand, den nur er - begriffslos - erfährt („I´ve felt this force“).
Und von dem er nun hofft, nein: erwarten kann, dass er sich auf die Zuhörer überträgt.
Aber sowas von!
Der andere Mark gibt hier eine Glanzvorstellung, er jubiliert mit seinem Instrument. Man entdecke nur das versteckte „Love Supreme“-Zitat in „Vesper“, das pizzicato, das Schnurren in Dress´ weiterem Stück „Like it never was“, über einem super-entspannten vamp.
Oder das geradezu „vokale“ Solo in seinen motivischen Improvisationen in „Nardis“, kurz vor einem kurzen drum-solo gegen riff mit Jonas Burgwinkel.
In „Nardis“, wie auch in „Like it never was“, kommt dieses Quartett zu sich selbst: der Bandleader mit immer neuen Durchgangsakkorden unter dem Thema von Miles Davis, in einer Farbigkeit, in einer Grazie, die er sich allenfalls noch mit Fred Hersch teilt.
Der Schlagzeuger - Sie haben richtig gelesen - Jonas Burgwinkel aus Köln. Es ist eine deutsche Rhythmusgruppe, der Bassist Felix Henkelhausen kommt aus Berlin. Marc Copland arbeitet erstmals mit deutschen Musikern.
Das Quartett mit den beiden spielt die Mehrzahl der Stücke, aufgenommen in Pernes nahe Avignon; das andere, das amerikanische Quartett, wurde kurioserweise aufgenommen in Osnabrück.
Die verschiedenen Besetzungen des Quartetts, sie markieren weil mit neuem Personal (ausgenommen Drew Gress), eine weitere Abweichung vom Copland-„Gleichen“.
Und der besondere Clue - man merkt beim Hörern keinen Unterschied.
Der Elchtest (wenn er denn überhaupt so geplant war) zeigt sich in den, in der Rolle des Schlagzeugs verwandten, aufeinander folgenden „Nardis“ und „Like it never was“.
Man ist überrascht zu LESEN, dass man gerade nicht Burgwinkel, sondern Anthony Pinciotti gehört hat.
„String Theory“ ist ihm, der an Heiligabend 2024 im Alter von 49 Jahren verstorben ist, gewidmet.
Wo auch immer ihn die Kunde davon erreichen mag - er darf sich überglücklich schätzen.
Wie seine Zuhörer auch.
erstellt: 24.03.26
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