WYNTON MARSALIS
Jazz, mein Leben
Von der Kraft der Improvisation
Aus dem Englischen von Sabine Schmidt

208 Seiten, mit Abbildungen, 
Siedler Verlag, € 19,95

ISBN: 978-3-88680-934-9

He did it again. Im Laufe der Jahre durfte man den Eindruck gewinnen, Wynton Marsalis habe die Pegelausschläge seiner Äußerungen zur Jazz-Ästhetik & -Historie zurückgefahren, vulgo: mehr headroom gewonnen. Insbesondere durch die mißliche Erfahrung, dass das Lincoln Jazz Center durch seine rigide Auswahl sich einfach nicht füllen lässt und so abscheuliche Künstler wie John Zorn und Cecil Taylor zur Platzausnutzung herangezogen werden müssen.
Wie gesagt, man konnte den Eindruck haben, der Mann sei gereift, er habe die Engstirnigkeit, ja Dummheit seiner Auffassung von Jazz eingesehen und sei auf dem besten Wege, erwachsen zu werden. Vielleicht waren wir aber auch nur allzugern bereit zu vergessen. Denn:
He did it again. Dieser Band zeigt: His Wyntoness ist um keinen Milimeter von seinem Jazz-Absolutismus abgewichen, er untermautert ihn vielmehr und erneut in einer Form, die Ausflüchte im Sinne von „alles nur Mißverständnisse“ nicht zulässt.
wynton-coverDer deutsche Titel vernebelt diese Absicht eher, er legt den Eindruck einer Autobiographie nahe („Jazz, mein Leben“). Aber das amerikanische Original (2008) stellt unmißverständlich klar, wohin die Reise geht: „Moving to Higher Ground. How Jazz Can Change Your Life“.
Formal handelt es sich mehr oder weniger um eine Geschichte des Jazz sowie um eine Darstellung der Jazz-Ästhetik. Der Verfasser zählt zu den prominenten Vertretern seiner Gattung - beste Voraussetzungen also gegenüber den zahllosen Konkurrenten auf diesem Feld.
Dieser Band aber ist konkurrenzlos. Es dürfe Mühe machen, ein vergleichbares Objekt zu finden - das so konfus geschrieben ist, derart naiv eine längst überholt geglaubte Jazz-Ideologie vorbetet, mit derartigen Scheuklappen die Jazzwelt durchwandert und - most of all - sogar falsche Sach-Informationen streut.
Bernard Purdie wird sich kugeln vor Lachen, wenn er erfährt dass seine Kunst - der Shuffle - dadurch entsteht, dass „wir jeden Beat durch drei teilen und jeweils den dritten Teil betonen.“
Nicht selten meint man, es sei für Kinder geschrieben, man würde gerne alternative Übersetzungen heranziehen, weil man nicht glauben mag, dass hier ein cleverle die Feder führt, häufig möchte man die Lektüre einfach abbrechen.
Ist - wählen wir diesen Vergleich - ein Opern-Buch eines der führenden Opern-Regisseure denkbar, wo sich dieser über das Personal seiner Gattung so äußert, wie Marsalis über das seine? „Bassisten sind im Allgemeinen füllig und umgänglich, Schlagzeuger meistens klein und aufbrausend, und Pianisten sind Besserwisser...“
Stunden könnte man füllen mit dem Aufrufen von Zitaten über die wenigen Jazzmusiker, die hier überhaupt auftauchen und den damit hervorgerufenen, nur langsam verebbenden Lachsalven. Wynton Marsalis über Tony Williams: „Der Schlagzeuger Tony Williams entdeckte mehrere Techniken, mit denen er seinen zu wenig ausgeprägten ´swing´ kompensierte.“
Am meisten muß - selbstverständlich - Miles Davis einstecken. Zwar habe er mit seiner Gruppe „einige der besten Jazzplatten der Sechziger“ eingespielt - zugleich habe er aber offenkundig manche Teile just dieses Repertoires gar nicht verstanden: „Kompositionen von Wayne Shorter wie ´Orbits´ oder ´Pinocchio´ konnte er nicht wirklich folgen: Die Fortschreitungen waren zu schwierig und mit den Harmonien konnte er nichts anfangen.“
Wie ist das möglich? Gibt es bei Random House in New York City oder bei dessen Ableger Siedler in München keinen Lektor, dem dieser Widerspruch auffiele? Dass sich im Anschluß an das Miles-Kapitel unter „Hörempfehlungen“ lediglich eine aus den sechzigern befindet, dürfte ihnen doch nicht entgangen sein.
Das Miles-Kapitel reicht, um diesen Autor nicht nur weiterhin als „Jazz-Reaktionär“ zu charakterisieren, sondern als Anti-Modernisten: „(Miles) Er kleidete sich anders und spielte eine Form von psychedelischem Rock, die er unmöglich verstehen konnte.“
Dieser Anti-Modernismus zeigt sich auch in den „politischen“ Anflügen, von denen der Band nicht frei ist: „Zurzeit fehlt uns der Respekt vor dem ´swing´, und das lässt sich mit dem gegenwärtigen Zustand unserer Demokratie vergleichen.“
Dergleichen verbreitet ein Verlag, zu dessen Autoren ein Nobelpreisträger wie Joseph Stiglitz gehört oder Helmut Schmidt oder Tom Segev.
Dass eine andere Nobelpreisträgerin, Toni Morrison, diesen Band von Wynton Marsalis als „das reinste Lesevergnügen“ ausgibt, als „ein sehr persönliches und tiefgründiges Buch über Musik“ wirft noch größere Rätsel auf als der Band selbst....

erstellt: 12.11.10
© Michael Rüsenberg, 2010. Alle Rechte vorbehalten

Drucken   E-Mail