SIEGFRIED SCHMIDT-JOOS

Es muss nicht immer Free Jazz sein

Zeitlose Texte zu Musik und Politik

271 S., zahlreiche Abb., 19.80 Euro

Kamprad Verlag, Altenburg

ISBN 978-3-95755-666-0

Über wen oder was will der Titel uns etwas sagen?
Wo doch selbst der, „der den avanciertesten ästhetisch überzeugenden Free Jazz spielt, den man heute in Deutschland hören kann“ diesem großzügigen Verzicht nachkommt, Peter Brötzmann. Leser seiner zahlreichen Interviews wissen, dass er sehr gerne die Vorväter hört, zum Beispiel Fats Waller oder Lester Young.
Viel entscheidender aber, und so wird Brötzmann in diesem Band zitiert: „(er gibt zu), es sei ihm unmöglich, Bandaufnahmen seiner eigenen Musik länger als eine halbe Stunde konzentriert zuzuhören“.
(Beide Zitate aus dem Auftakt-Beitrag „Ein Votum für populären Jazz“, 1965; wir kommen darauf zurück).
Ältere Semester und solche, die mit dem Büchermarkt der alten BRD vertraut sind, werden rasch die Herleitung des Titels erkennen, aus „Es muss nicht immer Kaviar sein“ (1960) von Johannes Mario Simmel (1924-2009), einen Band, den man wechselweise als Agentenroman oder Kochbuch lesen kann.
Nimmt man noch die Verfilmungen hinzu - 1961 mit O.W. Fischer, 1977 als ZDF-Serie (mit Siegfried Rauch, Hildegard Krekel, Friedrich W. Bauschulte) - darf man sagen: mehr BE-ERR-DE geht nicht.
In gewisser Weise gilt das auch für Siegfried Schmidt-Joos, am 17. April ist er 85 geworden.
Er kommt aus Gotha in Thüringen. An der Universität Halle-Wittenberg studiert er Germanistik und Musikwissenschaft, 1957 gefolgt von einem Studium der Kulturwissenschaften in Frankfurt/M. Richtig, der Name Theodor W. Adorno darf in diesem Rahmen nicht fehlen; er kann ihn aber nicht nachhaltig imprägniert haben. Denn 1959 bereits sendet Schmidt-Joos als Jazzredakteur bei Radio Bremen (bis 1968).

Es folgen zehn Jahre beim Spiegel (darin 1969 eine ebenso emphatische wie treffende Beschreibung von Tony Williams´ „Emergency“, wofür der Autor dieser Zeilen sich bei SSJ bedankt hat). Acht Jahre Abteilungsleiter „Leichte Musik“ (ein Begriff aus dem deutschen Radiomuseum) beim RIAS und schließlich mehr als zwölf Jahre in ähnlicher Position beim SFB.
Schmidt-Joos (den Zusatz hat er von seiner geschiedenen ersten Frau Ursula Joos übernommen) hat etliche Bücher geschrieben: über Schlager, über Jazz, über den Konzertveranstalter Fritz Rau, darunter ein Longseller das „Rock Lexikon“, zuletzt über seine Zeit als „Jazzfan im Kalten Krieg“ („die Stasi swingt nicht“, 2016).
2004 legt er eine erste Sammlung bereits publizierter Texte vor („My Back Pages“), worin „so gut wie gar nichts über Jazz“ vorkommt. Jetzt dominiert diese Farbe, wir lesen aber auch über Musicals, André Heller, Beatmusik oder auch Bob Dylan.
Der Mann war also, Jahrzehnte bevor der Begriff überhaupt aufkam, „breit aufgestellt“. Und möglicherweise sprießten auf diesem Humus deshalb Ideen, die nicht nur heute, sondern auch damals schon bizarr kli(a)ngen.
Schmidt-Joos´ Hochzeit im Jazz waren jene Jahre, in denen regionale Großfürsten um die Definitionsmacht dessen rangen, was Jazz bedeutet und vor allem bedeuten sollte.
Der größte Definator, jawoll, saß in Baden-Baden: Joachim Ernst Berendt (1922-2000), mit weltweiter Ausstrahlung. Von Hamburg aus schickte Michael Naura (1934-2017) seine anderslautenden Einschätzungen, im Sendegebiet des WDR war der oft vergessene „Dr. Jazz“, Dietrich Schulz-Köhn (1912-1999), nicht ohne Einfluss. 

Am lautesten mit JEB aber legte sich SSJ an, nachdem er zuvor eng mit ihm kooperiert hatte (wer eine gute Portion Desillusionierungstheater vertragen kann, dem sei sein diesbezügliches Biopic „Jazzpapst Revisited“ in den 13. Darmstädter Beiträgen zur Jazzforschung, Hofheim, 2014, empfohlen).
cover Es muss nicht immer Free Jazz seinEine der Bruchstellen kann man jetzt wieder besichtigen: „Der Jammer auf der deutschen Jazzszene“, 1962 - mit Berendt´s Billigung - im twen erschienen; im August 1965 im „Spiegel“ in „etwas verschärfter Form“ (SSJ) übergekocht: „Zwischen Berendt und mir schloss sich eine umfangreiche Korrespondenz an, doch der Bruch war nicht mehr zu kitten“.

Der Ursprung, wie gesagt: hier nachzulesen, mutet harmlos an.
Viel schriller klingt der erste von „Drei Leitartikeln“, mit denen Schmidt-Joos den Band eröffnet: „Ein Votum für populären Jazz“, aus dem Jazzpodium 12/1965.
 Einem Handwerker wie SSJ kann man den Griff in die Formenlehre des Journalismus zutrauen. Der Begriff Leitartikel trifft zu; der Beitrag schließt mit: „Was wir für eine gesunde Jazzsituation in Deutschland brauchen, ist mehr mitreißende, das Publikum ansprechende Musik“.

Das ist eine Fanfare, hier wird der Ton gesetzt für weite Teile des Buches.
Und es schließt mit einem satten Schlussakkord aus der Abteilung „Drei Unkenrufe“, aber wiederum klar im Format „Leitartikel“.
Da zieht - wie gelegentlich, wenn´s brenzlig wird - Schmidt-Joos eine fremde Stimme heran, in diesem Falle die des „so klugen und besonnenen“ Kritikers Henry Pleasants (nomen es omen!)*:
„Wenn ein Musiker nur sich selbst gefallen will, so sei ihm das unbenommen, aber er sollte sich einen anderen Job suchen. Denn er hat dann nicht das Recht, um Aufmerksamkeit zu bitten und nicht um eine müde Mark“.
Zugegeben, den Gedanken hat im Konzertraum auch unsereins gelegentlich unterdrückt, aber kann man als Jazzkritiker eine solche Maxime öffentlich ausposaunen?

* (er wird hier währungsmäßig korrekt zitiert: Pleasants war von 1956-64 Chef der CIA-Filiale in ... Bonn!)

----wird fortgesetzt

erstellt: 04.05.21
©Michael Rüsenberg, 2021. Alle Rechte vorbehalten


Drucken   E-Mail