#metoo hat unsere schöne kleine Welt, den Jazz, bislang nur gestreift.
Ok, in Boston tauchten zwei, drei Namen auf, und den größten Aufreger haben bislang ein paar Sätze von … na von wem wohl?, ja von Robert Glasper produziert.
„(Frauen) lieben diese langen Soli nicht. Wenn man einen Groove hinkriegt und drauf bleibt, ist das wie eine musikalische Klitoris. (…) Frauen schließen die Augen, wiegen die Hüften und geraten in Trance“.
So what?
Glasper, der pro Jahr an die hundert Interviews gibt, entschuldigt sich brav auf Facebook:
„I´m not much of a writer. I usually let my music speak for me“.
Den Fragesteller (Ethan Iverson, ex The Bad Plus) erwischt es viel schlimmer; er kriegt von seiner Frau, Sarah Deming, einen Essay übergebraten: „Mein Ehemann, der Frauenverächter“.
Wir im Jazz, gerade in Deutschland, haben keine #metoo-, wir haben eine Gender-Debatte - im Grunde leben wir auf einem Ponyhof.
Zu diesem Schluß verleitet uns der verehrte Kollege Michael Laages. Er ist auch im Jazz, überwiegend aber im Theater kritisch unterwegs, er hat als Dramaturg unmittelbar das Wirken von Matthias Hartmann erfahren.
Die 60 MitarbeiterInnen des Wiener Burgtheaters, die ihrem früheren Chef jetzt allerlei Ausfälle vorwerfen (Vergewaltigungen ausgenommen), hält er für „extrem naiv“, eine Theaterinszenierung sei schließlich „kein Ponyhof“.
„Es gibt kaum Inszenierung von wirklicher Qualität, in der irgendwann mal nicht irgendjemand gedeckelt würde, sei es intellektuell wie bei Castorf, sei es körperlich wie bei Kresnik, sei es emotional wie bei Peymann.“
Hat man je in unserer kleinen schönen Welt von derlei Niedertracht gehört?
„Das Theater ist ein feudaler und nichtdemokratischer Ort. Das kann man gerne ändern wollen, aber bislang ist das so.“
Das Äußerste zu diesem Thema im Jazz erfahren wir von Irene Schweizer, 76:
„They all wanted to get me into bed, everybody was in love with me, all the time“.
Alles schon verjährt.
Die Pianistin berichtet über Zürich, 1964, als die Blue Notes aus Südafrika, später bekannter als Chris McGregors Brotherhood of Breath, der Zürcher Damenwelt verfielen. Aber der Chef hatte sie alle gut im Griff.
Nicht zuletzt verfügte sie selbst über sehr effektive Abwehrkräfte als „Authentic Lesbian as I am“.
So jedenfalls titelt Christian Broecking in einem Beitrag anlässlich des 75. Geburtstages von Irene Schweizer, in dem es wenig um die Hauptsache, aber viel um das Drumherum geht:
(„Aspects of Gender, Marginalization and Political Protest in the Life and Work of Irene Schweizer“; Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung Vol, 14, Hofheim, 2016)

 

erstellt: 06.02.18
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