Ob die Gattungsbezeichnung „FreeJazz“, wenngleich musikalisch geboten, in seinem Falle auch dem jazz-ideologischen Überschuss dienen mag (im Sinne des utopischen Gehaltes, den manche unvermeidlich mit der Gattung verbinden), ist fraglich.
Der Mann eignete sich kaum als Begleiter. Oftmals, insbesondere nach dem Tod seines idealen Partners Jimmy Lyons, as, 1986, trat er solo auf.
Er hat das Jazzpiano aus seinen Verankerungen gerissen, hat es dorthin geführt wo die europäische Kunstmusik längst war, in die von clustern übersähten Felder der tonalen und rhythmischen Mehrdeutigkeiten.
Cecil Taylor Andy newUnd er kannte die Kunstmusik; bei Henry Cowell in Boston hatte er studiert, Stockhausen und Boulez waren ihm vertraut. Nie und nimmer aber hätten jene das Instrument so bezeichnet wie er, als Ansammlung von „88 gestimmten Trommeln“.
Das beschrieb seinen Weg dorthin, als Tänzer, nicht als Konstrukteur von sauber berechneten Reihen. Dafür hätte er gar nicht Kraft & Ausdauer gebraucht, die auch seine Zuhörer bis an den Rand der Erschöpfung brachten.
„Ich versuche, auf dem Piano die Sprünge zu imitieren, die ein Tänzer im Raum macht“, sagte er 1966.
Ihn zu hören, war das eine, ihn zu sehen, etwas ganz anderes. Etliche Videos, die nun vermehrt verlinkt werden, zeugen davon.
Er war kompromisslos. Und hat er die Kosten dafür getragen, u.a. mit Hilfsarbeiten im New York der 1960er Jahre. Die Vorderseite der Medaille, die späteren Auszeichnungen als Künstler (1991 McArthur Fellowship, 2013 Kyoto-Preis) haben ihm rund eine Million Dollar eingebracht.
Die knapp 500.000 Dollar Kyoto-Preisgeld landeten erst verspätet auf seinem Konto, nachdem jemand, der sich als "Freund" ausgab, den Betrag auf sein eigenes Konto umgeleitet hatte.
In Europa wurde er mehr verehrt als in Amerika. Dass eines seiner besten Alben „Looking (Berlin Version)“
sieben Tage vor dem Fall der Mauer entstanden ist, wird jetzt wieder in Verbindung damit gebracht. Rein metaphorisch, versteht sich.
Es ist quasi der Zuschlag zu einer 13-CD-Box, vom selben Ort (aus beiden Teilen des noch unvereinigten Berlin) aus dem Jahr zuvor, das Feel-Trio mit William Parker, b, und Tony Oxley, dr.
„Looking“ wie auch die Box zeigen den Künstler auf Höhepunkten dessen, was man FreeJazz nennt, interaktiv zwar, aber mit deutlichem Primat des Pianisten.
Er hat, für sein Instrument, den FreeJazz konturiert wie kein zweiter, und das betrifft keineswegs die hoch-expressiven Momente, die Raserei, allein.
Viele Jahre später, im Juni 2015, bei der Beerdigung von Ornette Coleman, spielte er, der auch zerbrechlich erscheinen konnte, als habe er - wie jemand sagte - Debussy paraphrasiert.
Der Pianist Cecil Taylor, geboren am 25. März 1929, verstarb am 5. April 2018 in Brooklyn/New York. Er wurde 89 Jahre alt, eine Todesursache ist nicht bekannt.

erstellt: 06.04.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten
Foto: Andy New