ENRICO RAVA FEARLESS FIVE with JOE LOVANO Corners *******

01. Certi Angoli Segreti (Enrico Rava), 02. Sin Peso (Francesco Diodati), 03. Le Mie Gambe (Evita Polidoro), 04. Sun Rava (Joe Lovano), 05. Hitchcock at the Beach (Enrico Rava), 06. Tone, Shape and Colours (Joe Lovano), 07. Ça va sans dire (Francesco Ponticelli), 08. Bowery Dance (Enrico Rava), 09. Mamma (Matteo Paggi)

Enrico Rava - tp, flh, Matteo Paggi - tb, Francesco Diodati - g, Francesco Ponticelli - b, Evita Polidoro - dr, voc (3,4,5), Joe Lovano - ts

rec. 21.-23.07.2025

ECM 2868


Der Titel „Roma“ war schon vergeben, für ein Album im gleichen Format, einem Quintett, live in Rom im November 2018. Es war das erste Treffen der beiden big names des transatlantischen Jazz in diesem Format. Sie kannten sich lange, seit den frühen 90ern; dies war hingegen, im Rahmen einer Tournee, das erste reguläre joint venture mit ausgewogenem Repertoire, in einem Quintett mit leicht amerikanischer Dominanz (3:2).
„Corners“ ist gleichfalls in Rom entstanden, nun aber gastiert der amerikanische Tenorist (mit sizilianischen Wurzeln, wie gerne betont wird), in Ravas neuem Quintett. Mehr noch, das Repertoire verteilt sich nicht allein auf die beiden Häuptlinge, sondern auf alle Mitglieder der Fearless Five:
„Da sie alle ihre eigenen Bands haben, in denen sie als Leader und Komponisten fungieren“, erläutert Enrico Rava, „hielt ich es für sinnvoll, dass jeder von uns Songs zu diesem neuen Album beisteuert – dadurch unterscheidet sich ‚Corners‘ deutlich von meinen anderen Alben.“
Einen Punkt, der, ohne dass er entscheidend wäre, schon einmal für dieses Album einnimmt. Man kann sich leicht alle aus dem Kreis der Angstfreien in der von Rava beschriebenen Eigenschaft vorstellen; sie sind exzellent.

Das Album beginnt mit einer sehr italienischen Assoziation, an die Musiken von Nino Rota für die Filme von Federico Fellini (1920-1993). Eine Zeit lang meint man, einen Marsch aus deren Fabelreich hören; aber wirklich nur sehr kurz, der Umgang mit Beat & Tempo ist sehr variabel.
Man kann sich an den Titel halten, „Certi Angoli Segreti“; es werden in der Tat „gewisse versteckte Winkel“ der Komposition ausgeleuchtet, in einem Feature für alle Solisten des Quintetts (mit Ausnahme der Schlagzeugerin Evita Polidoro).
Ihr Beitrag ist das sehr folkloristisch anmutende „Le Mie Gambe“, wo sie offenkundig „Meine Beine“ besingt.
Ihr solistischer Einsatz erfolgt gleich danach in Lovanos „Sun Rava“, instrumentaler Höhepunkt des Albums. Dem Bassisten Francesco Ponticelli kommt in diesem imponierenden Wechselspiel aus variierenden Tempi & Grooves zentrale Bedeutung zu.
Sein Ausgangspunkt ist ein 4/4 walking bass, der immer wieder aufgebrochen, beschleunigt, verlangsamt wird, und an einer Stelle, dem Gitarrensolo von Francesco Diodati, ganz aussetzt.
Joe Lovano hat dem Stück thematisch einen Anstrich a la Ornette Coleman gegeben; faszinierend, wie er mit der ihm ureigenen Phrasierung & Tombildung eine große „Erzählung“ darbringt, mit sehr schnellen lines, großen Intervallsprüngen und abrupten Pausen.
„Tone, Shape and Colours“, der Titel seines zweiten Beitrages, könnte auch hierauf bezogen werden. Das so betitelte Stück selbst, rubato und deutlich FreeJazz-näher, zeigt damit freilich eine ganz andere Faktur.
Enrico Rava hat, mehr als die anderen, drei Stücke für sich reserviert. Wobei sein zweites, „Hitchcock at the Beach“, eine rubato-Ballade, worin Evita Polidoro vokal das hymnische Thema der Bläser mitrechnet, in starkem Kontrast zu  „Bowery Dance“ steht.
Von der stilischen Faktur her dürften hier New Yorker Reminiszenzen anklingen: man kann diesen very slow funk auch hören als Hommage an Lester (1941-1999) und Joseph Bowie, 73.

Letzteres Instrumentalkollege, der Posaunist Matteo Paggi, beschließt das Album mit einem Titel, der - zumindest in Europa - in keinem anderen Land durchginge als in Italien, „Mamma“. Es ist, man kann es nicht anders sagen, nicht gerade der originellste Gedanke dieses durchweg smarten Albums.
Und von der Form her, ja was wohl…?

erstellt: 05.11.26
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