Cassandra Wilson, 1955-2026

Cassandra Wilson, Ottawa 2008"Nobody was ready for Cassandra Wilson to die today".
Der US-Jazzpublizist Nate Chinen trifft den Punkt: außerhalb des engsten Familienkreises sei niemand auf diese Nachricht vorbereitet gewesen (zumal keine Todesursache mitgeteilt wurde).
Auch Ted Goia ist zuzustimmen, dies sei der Tod "einer der größten Jazzsängerinnen".
Die Suggestivkraft der Nachricht überblendet in der Tat die eigene Rezeption, die - man muss nun wirklich nachschlagen -, in den letzten Dutzend Jahren nicht von großem Entzücken geprägt war.
Stellvertretend ein Album aus einer ganzen Talsohlenstrecke, nämlich „Another Country“ von 2011, womit nicht das Musikgenre angesprochen war, sondern der neben New Orleans zweite Aufnahmeort, nämlich Florenz in Italy, vulgo in „another country“.
„Das Problem dieser Sängerin“, so meinten wir damals die Flaute zu erklären, „bleibt ihre Abhängigkeit von starken Produzenten, die ihr die Richtung weisen, in welche sie ihre beachtlichen Künste ausrichten soll.“
Und deren hatte sie mehrere zu Beginn ihrer Karriere. Angefangen mit dem Münchner Stefan Winter, der sie behutsam aus dem Kreis um den Saxofonisten Steve Coleman (gleichfalls ein Mitproduzent) löste und auf sieben Alben seines JMT-Labels („Jazz Music Today“) von „Point of View“ (1986) bis „After the Beginning again“ (1992) dem exzeptionellen Alt der Künstlerin zu großer Charakterstärke verhalf.
Es war dann Craig Street, unter dessen Regie auf ihren ersten beiden Blue Note Alben „Blue Light till Dawn“, (1993, 400.000 Auflage) und „New Moon Daughter“, (1996) ihr Interpretationsradius noch weiter ausgreifen konnte. 
Essenzialistische Deutungen taten sich schwer damit, dass eine schwarze Sängerin neben Willie Dixon und Son House zugleich auch Joni Mitchell, Neil Young oder gar den Monkees etwas abgewinnen konnte. Und was! Nämlich Anverwandlungen aus der Tiefe des Blues auch solcher Stile, die damals als genuin „weiß“ gelesen pardon: gehört wurden. 
Die Prägung durch Wilson war so stark, dass man für ihre Identifikation selten mehr als vier Take brauchte - und dann das Staunen auslöste, welche Vorlage durch ihren Zugriff ja, nicht selten veredelt wurde. Durch ein rauh-weiches Alt, eigentlich ein Kontra-Alt, mitunter auch lasziv in Phrasierung und timing, unwiderstehlich: eine der ganz großen Stimmen des vokalen Jazz.
Eine Stimme, die Standards gesetzt hat.
Cassandra Wilson, geboren am 5. Dezember 1955 in Jackson/MS als Cassandra Fowlkes, starb ebendort am 2. September 2026. Sie wurde 70 Jahre alt.

Foto: Scott Penner, Wikipedia (Ottawa, 2008)
erstellt: 03.09.26
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