Dietrich Rauschtenberger, 1939-2026

Wer seine Band „einwandfrei“ nennt, der kann kein schlechter Mensch gewesen sein.
Er ist damit schon mal durch seinen Humor verbürgt.
Und ein gehöriges Schmunzeln ist beim Durchblättern seiner Vita unvermeidbar.
Er hatte einfach ein Händchen für die Titelei.
Ein (Solo)-Musiktheaterstück „Die Kunst ein Schlagzeug aufzubauen“ zu nennen, in dem auf unterhaltsame Weise eine Geschichte des Schlagzeugs in Jazz, Rock und Pop erzählt wird - ist das von der sprachlichen Leuchtkraft nicht auf dem Niveau von „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“?
Nicht ganz schlecht (Marcel Reif) auch der Titel des Hörspiels „Wie wir den FreeJazz erfunden haben“ (2006) mit Rolf Becker als Erzähler. 

Das ist biografisch sogar beglaubigt.
Anfang der 60er nämlich traf Rauschtenberger in Wuppertal auf Brötzmann, der an der Werkkunstschule Grafik studierte:
„Das hat Dieter Fränzel eingestielt. ,Ich kenn´ da einen Saxophonspieler’, sagte er, ´mit dem müsstest du dich mal treffen´. Brötzmann hat mein Musikverständnis und mein Leben verändert.“ (WZ 13.08.20)
Freitags wurde „in einer Barmer Kneipe FreeJazz gespielt" - der Legende nach in Anwesenheit von Arbeitern, die hätten dort ihr Bier getrunken und „erstaunlicherweise unsere schräge Musik ertragen“.

Der Kurator Dieter Fränzel, 91, hat 2025 eine Art Selfie-Doku über die von ihm wesentlich angeschobenen „sounds like whoopataal“ anfertigen lassen, jene von den Amerikanern so getaufte legendäre Szene, der peu a peu die Teilnehmenden abhanden kommen.
Rauschtenberger gehörte dazu, an Schlagzeug und Saxofon, jedenfalls halb. Und als allzeit bereiter Diskutant.
Die Chuzpe eines Peter Brötzmann, trotz Familie alles auf die Karte FreeJazz zu setzen, in der sicheren Erwartung karger Jahre, die fehlte ihm.
Er hatte drei Kinder, er wurde Lehrer.
Und blieb bis ins hohe Alter, auch an Rollator und Krücken, dort, wo es sich zeigte, „whoopataal“ verbunden. Immer von Schwelm aus.
Im Gegensatz zu vielen, die sich damit betrügen, ihr politisches Engagement über den Irrweg ihrer Instrumente zum Ausdruck bringen zu können, blieb er in dieser Frage völlig unpoetisch: als Gründungsmitglied von Bündnis 80/Die Grünen und für diese in Gremien sowie vorübergehend auch im Stadtrat von Schwelm.
Im Frühsommer 2026 machte er mit dem Stellwerk Quartett seine letzten Aufnahmen, im Juni erschien sein jüngster Roman, "Blanck steigt aus".
Dietrich Rauschtenberger, geboren am 23. September 1939 in Schwelm, ist dort in einem Hospiz nach langer Krankheit am 9. August 2026 gestorben. Er wurde 86 Jahre alt.
erstellt: 11.08.26
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