John Hollenbecks GEORGE Looking for Consonance ******

01. Bounce (Hollenbeck), 02. Lewis (dedicated to George Lewis), 03. Nassam Alayna-LHawa (a diasporic offering for peace) (Assi + Mansour Rahbani), 04. George and Dee (dedicated to George and Dee Gamble) (Hollenbeck), 05. Georgist, 06. Porter (10,000 men named George), 07. Norma (in support of reproductive autonomy), 08. Unicornio (for the Global South, in movement and resilience) (Silvio Rodriguez), 09. Johnson (dedicated to George F. Johnson) (Hollenbeck), 10. Wayne Phases (dedicated to Wayne Shorter)

John Hollenbeck - dr, glockenspiel, Sarah Rossy - voc, synth, Anna Webber - ts, fl, afl, Chiquita Magic - synth, voc

rec. 05./06.11.2024


Out of your Head-Records OOYH 044

John Hollenbeck hat für dieses Jahr schon mal ein ordentliches Pfund vorgelegt: ein Projekt mit der Frankfurt Radio Big Band und den Trondheim Voices im Februar in Darmstadt.
Jetzt folgt der zweite Streich in Gestalt des zweiten Albums seines überwiegend weiblichen besetzten Quartetts George.
Der Vorgänger „Letters to George“ (2022) war ein Ereignis. Leider gefolgt von einem Personalwechsel (Sarah Rossy in der Nachfolge der Multiinstrumentalistin Aurora Nealand), als erstes geradezu peinlich zu spüren bei der Performance beim Jazzfest Berlin 2024.
Dass das Quartett just zu jenem Zeitpunkt auch die Hansa Studios in Berlin zwei Tage zur Produktion dieses Albums „Looking for Consonance“ bucht, nicht alle dürften das aufgrund der damaligen Live-Erfahrung für ein gutes Omen halten.
Es kam/es kommt anders. Die 2024 negativen bis fragwürdigen Eindrücke (die zwecks Vergleich natürlich nicht mehr en detail abrufbar sind) verflüchtigen sich zu einem leicht gegenpoligen Urteil.
Verschoben hat sich die Bedeutung des Bandnamens. War er für das Debütalbum noch mit „Γεώργιος“ aus dem Griechischen verbunden für "Erdarbeiter", spricht John Hollenbeck in diesem Fall „von unserem Tribut an George Floyd“ (den 2020 in Minneapolis durch einen Polizisten getöteten Afroamerikaner > „I can´t breath“).
Das ist natürlich ein schwereres Zeichen, obgleich es bei den Widmungen hier kaum eine Rolle spielt).
„Lewis“ ist dem Posaunisten und Jazztheoretiker George Lewis gewidmet, wie so viele Stücke basierend auf einem fetten Squencer-ostinato, hier in einem 5/4 Takt.
„George and Dee“, ein oldschool slow rocker, ist George and Dorothy „Dee“ Gamble zugedacht, heute Rentner in North Carolina, einst Mitglieder des Peace Corps von John F. Kennedy.
Auch hier wieder im Thema die Kopplung von Anna Webbers Tenorsaxophon mit einem vokalen Signal, entweder durch realen Gesang (von Chiquita Magic oder Sarah Rossy) oder, wie hier, durch ein vokalisierende Keyboard-Farben.
Der nächste track dann, „Georgist“, ein erster richtiger Aufreger: Webbers Flöte steht in unorthodoxen Klängen gegen Synthie-Flächen, die einherfliegen, wie einst das Trautonium bei Alfred Hitchcock in „Die Vögel“.
„Porter“ setzt noch eins drauf mit polymetrischen Verschiebungen über einem 3/4-Takt. Hier ist in zweieinhalb Minuten alles beisammen, was die George-Ästhetik ausmacht: „warme“ analoge Keyboard-Farben, vokalisiert; ein ostinato-beat, hier in metrischen Verschiebungen über einem 3/4-Takt.
In metrischen freien Gefilden, wie im nachfolgenden „Norma“, glänzt das Quartett weniger, das ts-dr-Duo zwischen Webber & Hollenbeck wird sicher nicht in den Kanon dieser Subkategorie aufgenommen werden.
„Looking for Consonance“ enthält zwei - sagen wir - Ethno-Songs: „Unicornio“ des kubanischen Liedermachers Silvio Rodriguez, das zunächst rubato verharrt und erst im Refrain zum Beat findet, überwölbt von einer großen Synthie-Wolke.
Weitaus eindrucksvoller „Nassam Alayna-LHawa“ („Ich bin Alayna LHawa“) der beiden libanesischen Komponistenbrüder Assi (1923–1986) und Mansour Rahbani (1925-2009), im Untertitel „a diasporic offering for peace“. Beide gesunden von Chiquita.

George F. Johnson (1857-1948) mag ein tüchtiger Schuhfabrikant und Philanthrop gewesen sein - das ihm gewidmete Stück wird in der Schlußkurve von einem Tribut an Wayne Shorter klar übertroffen.
„Wayne Phases“ ist mit knapp 12 Minuten das längste Stück des Albums, das in Abschnitten (sprechen wir hier ruhig von einer Suite)…ja was sammelt? Sind es Wayne Shorter-Phrasen? Jedenfalls kurze Motive, wie sie auch im Repertoire des legendären Saxophonisten zu finden sind.
Wie soll man das alles stilistisch eintüten?

Das Label spricht von einer „avantgardistischen Synth-Pop-Jazz-Fusion“.
Nun denn; nähme man das hochtrabende Adjektiv heraus, käme man einer korrekten Beschreibung schon näher.

erstellt: 01.07.26
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