Peter Giger, 1939-2026

Erste Assoziation: ein wirklich volltönendes Schlagzeug, weit über den Umfang eines normalen jazz drum set hinaus. Geradezu orchestral. 
Zweite Assoziation: das Album „Family of Percussion“, ein Solo-Album, 1975. Der Begriff „Familie“ bezog sich dort zunächst auf Perkussionsinstrumenten aus allen Erdteilen, bedient nur von ihm, einem perkussiven Weltenumrunder.
Später, bis weit in die 90er Jahre, erfasste der Begriff dann auch etliche andere trommelnde sowie nicht-trommelnde Mitstreiter, darunter Trilok Gurtu, Archie Shepp, Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner - es wurde ein Band/ein Projektname.
Noch eine Assoziation: die große Schweizer Drummer-Tradition Charly Antolini, Pierre Favre, Daniel Humair, Peter Giger mit heutigen Abzweigungen zu Lucas Niggli (der allerdings bei Fave studiert hat) und zu Christoph Haberer (aus dem benachbarten Alemannischen).
Mit der geografischen Nachbarschaft war das so eine Sache: in seiner Heimat hat Giger manches bewirkt (z.B. die Gründung der Swiss Jazz School, 1969), das meiste aber im benachbarten Ausland. 
Da gibt es die Pariser Jahre, ab 1960. Giger stammt aus Zürich, ist aufgewachsen in Bern und traf in der französischen Hauptstadt, nachdem er mit der Dixieland-Band Tremble Kids durch halb Europa gezogen war, auf den Pianisten Claude Bolling.
Die hörenswerte SRF jazz collection präsentiert ihn 2015 mit Teddy Wilson in einem traditionellen Swing aus jener Zeit, in astreiner Besentechnik, gefolgt von einem two Beat-Stück mit Brigitte Bardot - als Sängerin.
Obwohl er in den 60ern in Paris auf Duke Ellington trifft und Billy Strayhorn, auf Stéphane Grapepelli und Memphis Slim, es war ihm zuviel des Ähnlichen. Ein Auftritt von Pharoah Sanders Ende der 60er Jahre in Antibes mit einem afrikanischen Percussionisten verkehrt sein Welt, er übt wie verrückt, handwerklich und theoretisch und kehrt zurück nach Bern (s.o.)
1972 ein entscheidender Schritt, er geht nach Frankfurt, wird Mitglied der Ensembles um Albert Mangelsdorff - und wir lernen für den Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnten einen melodischen Schlagzeuger kennen, einen ausgesprochenen Stilisten.
Unvergessen der Auftritt von Dzyan, einem Powertrio mit Giger, Eddy Marron,g, Reinhard Karwatky, bg, beim Gründungskongress der UDJ (heute Deutsche Jazz Union), 1973 in Marburg, das einzige, groovende Ensemble.
Insbesondere durch die „Family of Percussion“ weitet sich sein perkussives Spielfeld, auch durch Besuche vor Ort, gen Afrika, 1993 auch theoretisch unterfüttert durch sein Buch „Die Kunst des Rhythmus“.  Er lehrt 12 Jahre an der Musikhochschule Köln, 1994 zieht er nach Meißen, um ein „Europäisches Museum für Perkussionsinstrumente“ einzurichten, ohne Erfolg. In Meißen erweitert er sein Arsenal um elektronische Klangerzeuger, von dem - das muss man sagen - die Szene wenig mitbekommt.
Überhaupt gerät der einst so Zentrale im neuen Jahrtausend out of focus. 2002 zieht er in den Tessin, kurz darauf  hört er wohl überhaupt auf zu trommeln und überlässt sich ganz seinem „zweiten Jugendwunsch“, nämlich nur noch zu malen (was ihn näher an Daniel Humair rückt).
Auf seiner Webseite stösst man unter „my paintings“ freilich auf einen toten link. Dort breitet er sich selbstbewußt (wie er immer war) aus als „a musicians drummer and a teachers teacher“  - und springt gnadenlos um mit den Schweizer Medien und der Kulturpolitik seines Herkunftslandes.
Außer einem Nachruf im SRF Radio nehmen die Qualitätsmedien in der Schweiz seinen Tod erstaunlicherweise nicht zur Kenntnis.
Dafür präsentiert er auf seiner Seite einen wohl geliebten & gehassten Freund, den großen Humanisten, Soziologen und Sozialdemokraten Jean Ziegler (1934-2026).
Wenige Tage vor ihm ist er selbst von uns gegangen.

Hans Peter Giger, geboren am 12. April 1939 in Zürich, verstarb am 27. Mai 2026. Er wurde 87 Jahre alt.

erstellt: 17.06.26
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