SCHMID´S HUHN Hindemith Abstractions *********
The Little Jazz Musician´s Favorites (Stefan Karl Schmid)
01. Part 1, 02. Part 2, 03. Part 3, 04. Part 4, 05. Intermission (Schmid, Huhn, Schönegg, Arends)
Reflections on Hindemith
06. Abstract 1: Thirds, 07. Abstract 2: Affinity, 08. Abstract 3: Spinning, 09. Abstract 4: Chase, 10. Abstract 5: Syntony
Stefan Karl Schmid - ts, Leonhard Huhn - as, Stefan Schönegg - b, Fabian Arends - dr
rec. 03.-05.2.25
EAN Code 4064946715264
War es nur eine Frage der Zeit, bis diese Kölner Könige des Neo Cool in Paul Hindemith (1885-1963) einen ihrer Vorläufer erkennen würden?
Sie tun es auf ihre Weise. Der Titel ihres vierten Albums legt es offen: sie abstrahieren Hindemith, indem sie fragen:
„Was passiert, wenn man die Musik von Paul Hindemith durch die Linse eines improvisierenden Jazzensembles betrachtet?“
Spoiler: es kommt eines der mutmaßlich besten deutschen Jazzalben des Veröffentlichungsjahres 2026 dabei heraus!
Die Linse, mit der sie auf Hindemith - ja durchaus auch - „schauen“, ist auf den 20. Juni 1930 gerichtet.
Da wird in der Rundfunk-versuchsstelle in Berlin „Des kleinen Elektromusikers Lieblinge“ uraufgeführt, eine Komposition von Paul Hindemith für das neu-entwickelte Instrument des Physikers Friedrich Trautwein, genannt das Trautonium.
Die Idee: weil Mikrofone damals bestenfalls für Sprachaufnahmen tauchten, nicht aber für Musik, Musik unter Umgehung dieses Schallwandlers sozusagen „direkt aus der Steckdose“ zu machen (vgl. Wikipedia)
Auf der Bühne damals drei Trautonien, bedient vom Komponisten selbst, von Oskar Sala (Trautweins Assistent) sowie vom Klavierdozenten Rudolf Schmidt.
Es ist jener Sala, dem es 1963 in Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ gelingt, mit der furchterregenden Imitation von Vogelstimmen das Instrument im Klangarchiv der Filmgeschichte zu hinterlegen.
Von der Performance 1930 in Berlin führt kein direkter Weg zu den Aufnahmen des Kölner Quartetts 95 Jahre später; allenfalls wortspielerisch (sieben Sätzen in 1930 stehen vier oder fünf unter dem heutigen, assoziativen Titel „The Little Jazz Musician´s Favorites“ entgegen), ansonsten aber weder formal noch klanglich.
Es sei denn, man möchte in den jeweiligen Schlusspassagen der tracks 9 und 10, in den abenteuerlichen, nun stimm-stabilen Altsaxofon-Sounds von Leonhard Huhn eine Paraphrase über die damals wimmernden Sounds des Trautoniums erkennen.
(Erstaunlich, dass in einem sehr engen Zeitfenster neben Immanuel Wilkins erneut Klangausweitungen des Altsaxofons erscheinen.)
Man darf in diesem Falle den im Titel des Albums formulierten Anspruch ernst nehmen: „Hindemith Abstractions“.
Genau das vollzieht das Quartett hier, es nutzt Hindemiths Material „als kompositorischen Resonanzraum: Motive, Intervalle, formale Ideen und harmonische Denkweisen werden transformiert, neu konzeptualisiert und konsequent in die eigene musikalische Sprache überführt.“
Das cover-Bild führt dabei in die Irre.
Stefan Karl Schmidt, ts, und Leonhard Huhn, as, dürften in dieser Kombination zu den elegantesten Duos seit Warne Marsh & Lee Konitz gehören. Eine wie im Foto insinuierte Lautäußerung ist ihnen vollkommen fremd.
Meist umspielen sie einander in Kleinmotiven wie im ersten Satz der Titelsuite, in einem 3/4-Takt. Im zweiten Teil darf es dann u.a. auch frei-metrisch werden, umrahmt von einer wunderbar atmenden und „transparent“ aufgenommenen Rhythmusgruppe, Stefan Schönegg - b Fabian Arends - dr, die in diesem track ebenso elegant auch in einen midtempo swing gleiten. Bei 3:08 dann einer der Höhepunkte dieses Albums: ein unisono der beiden Bläser!
Das ist ein vamp, der ist so schön, dass darauf eigentlich nichts mehr folgen darf.
So ist es. Der vierte track setzt am anderen Ende der Fahnenstange ein, mit Klangfragmenten: Klappengeräuschen, multiphonics, arco Bass, ein klangschöner FreeJazz, der jeden Schrecken abgelegt hat.
Ab der „Intermission“, dem Bindeglied zwischen den beiden mehrteiligen Stücken, sind alle Mitglieder des Quartetts als Komponisten eingetragen. Das ist ein urheberrechtliches Konstrukt, das nichts über den konzeptionellen Ursprung der Klangfabrikation verrät.
Hier aber steht es für die Aussage, dass die fünf Abschnitte von „Reflections on Hindemith“ frei-improvisiert seien. Man muss es lesen & glauben, denn die Kohärenz des Ausdruckes ist so dicht wie im ersten Großteil des Albums, für welchen Stefan Karl Schmidt als Autor zeichnet.
Die Aufnahmen des Albums an den drei Tagen vom 3. bis 5. Dezember 2025 wurden eingeleitet mit einem Konzert. Wir waren nach dem Besuch des Konzertes eher skeptisch (auf hohem Niveau, damit wir uns nicht missverstehen!) - und sind jetzt überzeugt, dass das Album nichts aus dem Konzert, sondern ausschließlich Material aus den nicht-öffentlichen Sitzungen enthält.
An eine Maultrommel z.B. (in „Spinning“) können wir uns gar nicht erinnern, auch nicht an eine so dichte, eine so gelungene Kollektivimprovisation wie gerade in diesem Stück.
Alle Parameter des FreeJazz sind hier vorhanden, aber in einer so konzentrierten, kontrollierten Form, die einen staunen macht. Es ist zudem eine editorische Glanzleistung, wie die tracks „Spinning“, „Chase“ und „Syntony“ zusammenhängen - oder zusammen gehängt wurden.
erstellt: 17.06.26
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