Sonny Rollins, 1930-2026

1280px Sonny RollinsDie Koinzidenz seines Todestages 24 Stunden vor dem 100. Geburtstag von Miles Davis springt ins Auge. Und der Vergleich - ob man will oder nicht - gleich hinterher.
Dicht gefolgt von der Frage, ob mit seinem Tod zugleich auch der letzte der historischen Giganten des Jazz gegangen sei.
Die Washington Post hält diese Frage schon für beantwortet.
„Sonny Rollins, the ´saxophone colossus´ who was widely considered America’s greatest living jazz musician and whose musical eloquence and inventiveness kept him at the creative forefront of jazz for six decades“.
Zu jedem anderen Zeitpunkt wäre diese Übertreibung weniger aufgefallen, aber gerade in diesem spezifischen Zeitfenster, wo die Musik genannt Jazz endlich mal wieder unter Flutlicht aller Medien steht, fällt sie besonders auf.
Wo doch der Titel international gerade heute wieder bestätigt wird und allenfalls ein Louis Armstrong noch in einem Atemzug mit dem Jubilar genannt wird.
Man muss der Washington Post zugute halten, dass sie in der Überschrift zu just diesem Nachruf eine gerechtere Beurteilung abgibt, demnach sei der Verstorbene „one of America’s most renowned jazz musicians“ gewesen.
Aber auch unter strikter Befolgung der interkulturell gültigen Empfehlung „De mortuis nil nisi bene“ darf doch der völlig unbestrittene historische Rang von Sonny Rollins ein wenig unterhalb der Marge „sechs Jahrzehnte an der kreativen Spitze“ angesetzt werden.
Es handelt sich nicht zuletzt um eine Überlegung, die sich dereinst auch im Falle Herbie Hancock, 86, stellen wird. Dessen neues Album lässt schon über eine Dekade auf sich warten, wobei der noch nicht formulierte Ehrentitel „keyboard colossus“ der Resonanz des „saxophone colossus“ mindestens ebenbürtig sein dürfte.
Miles & Sonny,
die beiden trafen erstmals in einem Studio im Juni 1954 zusammen, im legendären von Rudy van Gelder. „Newk“ (Spitzname für Rollins) brachte drei seiner Stücke mit, die zu großen Standards der Jazzgeschichte wurden: die beiden fast swinger „Oleo“ (ein rhythm changes-Stück) und „Airegin“ (Nigeria rückwärts gelesen) sowie das bluesige „Doxy“.
Mitglied im ersten Miles Davis Quintet wurde freilich nicht er, sondern John Coltrane, stilistisch & solistisch anders, und möglicherweise langfristig der noch größere „Saxophone Colossus“, um eines der epochemachenden Rollins-Alben zu zitieren, darauf ein anderer seiner Klassiker, „St. Thomas“, einer von mehreren Calypsos aus seiner Feder (seine Eltern stammten von den karibischen Jungferninseln).
Sonny Rollins war ein überragender Improvisator. Unter den vielen Hörempfehlungen in den Nachrufen findet sich ein zurecht mit Emphase vorgetragenes Plädoyer für ein 1965 enstandenes Video vom Kopenhagen Jazzfestival von „Oleo“ (mit Alan Dawson-dr, Nils Henning Ørsted-Petersen).
Seine Saxophon-Chorusse im Blues „Blue 7“ (aus „Saxophone Colossus“) gingen auf in der ersten musikwissenschaftlichen Analyse der Jazzgeschichte, 1958 vorgenommen durch Gunter Schuller (Komponist/Arrangeur und 1950 an „Birth of the Cool“ als Hornist beteiligt). Er spricht von „thematischen Improvisationen“ in Rollins´ Soli.
Dank digitaler Hilfsmittel sind die Analysten heute sehr viel weiter. Die Weimar Jazz Database hat ein Dutzend Rollins-Improvisationen durchleuchtet.
Sehr eindrucksvoll Klaus Frieler aus dem damaligen Forscherteam mit praktischen Hinweisen auf die Improvisationstypen in „Blue 7“.
Rollins wuchs auf im Sugarhill District in Harlem, sein Bruder wurde Arzt, er fühlte sich zur Musik hingezogen; ein Modell, vor allem in puncto Kleidung, war der Altsaxophonist Louis Jordan, musikalisch aber Coleman Hawkins. Rollins übte wie ein Besessener, wurde schon als Teenager Profi, stieß auf den Kreis um Charlie Parker und Miles - und geriet in Drogenabhängigkeit wie jene.
Für einen bewaffneten Banküberfall 1951, wohl in Folge von Beschaffungskriminalität, saß er 10 Monate im Gefängnis.
Zwischen 1956 und 1958 brachte er nicht weniger als 12 Alben auf den Markt, darunter „Tenor Madness“ (1956), im Titelstück ein Duo mit seinem Freund & Rivalen John Coltrane.
Auf dem Höhepunkt dieser Welle wurde es ihm zuviel, er zog sich zurück, es folgten die berühmten zwei Jahre allein mit seinem Tenor auf der Williamsburg Bridge. Das Resultat: „The Bridge“ (1962), mit einer Combo, darin Jim Hall.
1967 bis 1971 ein weiter Hiatus, in Japan und Indien, um sich in Buddhismus und Yoga zu versenken.
Vorher noch unternahm er eine Exkursion in ein populäres Fach, als Komponist und Bandleader für ein Jazzensemble in dem Film „Alfie“, 1966 (mit Michael Caine).
1981 dann, zunächst gegen seinen Willen, dann aber auf dringenden Rat seiner Frau, drei Soli auf dem Album „Tatto you“ der Rolling Stones.
960px Sonny Rollins 2009Lucille starb 2004. Im Zuge von 9/11, drei Jahre zuvor, gab das Paar seine New Yorker Wohnung auf (nur sechs Blocks nördlich vom World Trade Center) und zog nach Norden, aufs Land in Upstate New York.
In dem Durcheinander nach dem Anschlag, am zweiten Tag danach, beim Warten auf die Evakuierung aus dem Haus, griff er sich sein Tenor, spielte gegen die Verzweiflung an - und sog, so erzählte er später, „toxische Luft“ ein, möglicherweise die Ursache für eine Lungenfibrose, die im Sommer 2016 bei ihm diagnostiziert wurde.
Sein letztes Konzert gab er 2012, das Saxophon-Üben stellte er 2014 ein.
In die Weltabgeschiedenheit, in die er sich zuletzt auf seiner Farm in Germantown begeben hatte, sie wird in englischsprachigen Nachrufen als Rollins´Metaphysics ausgegeben:
„Diese Welt wird sich nicht ändern. Was sich ändern wird, bin ich. Du. Jeder Einzelne. Das ist es, was sich ändert. Darum geht es. Darum, selbst Weisheit zu erlangen. Deshalb sage ich, dass es besser ist, nicht auf alles zu hören. Das ist keine Askese. Es geht nicht darum, sich von allem zurückzuziehen. Es geht darum, sich auf alles einzulassen.“
Was von ihm bleibt, sind eine Handvoll Standards, etliche Alben - darauf dieser Ton, dieser runde, kräftige Ton, deutlich zu unterscheiden von dem vielleicht noch einflussreicheren von John Coltrane.
 Dieser Ton lebt weiter, er wird fortgesponnen von Joshua Redman, Melissa Aldana u.a.
Walter Theodore "Sonny" Rollins, geboren am 7. September 1930 in New York City,verstarb am 25. Mai 2026 in Woodstock/NY. Er wurde 95 Jahre alt.
Fotos: Yves Moch, Bengt Nyman (Wikipedia)
erstellt: 26.05.26
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