James "Blood" Ulmer, 1940-2026

 

James Blood Ulmer 05N0026Von den Titeln, die von ihm im Umlauf sind, springt einer sofort ins Auge, vielleicht weniger ins Ohr: „Are you glad to be in America?“ (aus dem gleichnamigen Album 1980).
Eine Zeile, die sogleich und in den Jahrzehnten danach als rhetorische Frage verstanden wurde; mühelos den jeweiligen Zeitläuften adaptierbar (und darin vielleicht  Graham Greene´s wunderbarem Romantitel „The Quiet American“ entfernt verwandt).
Man muss sich hüten, gerade mit europäischem Pass, das Klischee nicht mit einem „heute erst recht!“ zu bedienen.
An europäische Ohren drang er über eine der damals hipsten Stationen, das Label Rough Trade in London, ein Zentralorgan der unter den Schirm „New Wave“ sich drängenden Ströme.
Das Album enthielt jenseits des Titelstückes mit „Jazz is the Teacher, Funk is the Preacher“ auch eine stilistisch treffend betitelte Hörhilfe.
„Are you glad to be in America?“ präsentierte ihn in einer bereits leicht glattgezogenen Variante, produziert durch den Weissen Mayo Thompson. Mit Top Jazzpersonal, u.a. Ronald Shannon Jackson, dr, Oliver Lake, as, und David Murray, ts.
Die New Yorker kannten den Sänger und Gitarristen schon länger und rauher, z.B. an der Seite von Ornette Coleman; aber auch - man glaubt es kaum - an der Seite von Art Blakey, Paul Bley oder Joe Henderson.
Joel Harrison, selbst renommierter Gitarrist und mit seinem blog „Guitar Talk“ einer der besten Erklärer des Instrumentes, bezieht sich in seinem - lehrreichen - Nachruf offenbar auf jene Vor-Zeit:
„Er wirkte fast so, als sei er aus dem Nichts entstanden, als hätte John Lee Hooker den Körper eines Jazzmusikers von außerhalb wiederbelebt. Er kümmerte sich nicht um die Taktstriche, bewegte sich frei durch die Harmonien und ließ jede konventionelle Jazzsprache hinter sich. Er war unglaublich funky“.
1980, als Student, hatte er Ulmer zu einem Konzert ans berühmte Bard College geholt: „Es war ein echtes Durcheinander“ (seines der College-Tontechnik), „ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich es gut fand – aber ich wusste, dass es fantastisch war“.
Vor ein paar Jahren konnte er ihn noch einmal live erleben:
„Er spielte auf fünf Saiten, war 82 Jahre alt und spielte irgendwie so, als hätte er noch nie in seinem Leben eine Gitarre in die Hand genommen. Es hätte vor 100 Jahren sein können, wir alle stehen in irgendeiner Spelunke, während er in einer Sprache brüllt, die niemand verstehen kann. Seine eigene Sprache, etwas, das man eher spürt als versteht“.
Ulmer stammt aus einer seinerzeit stark segregierten Kleinstadt in South Carolina, als ältestes von acht Kindern sang er zunächst im Gospel-Quartett seines Vaters, eines Baptisten Predigers. Nach dem Stimmbruch wechselte er zur Gitarre, mit Chuck Berry und dem Blues als neuen Verbündeten, für eine Eltern „Teufelsmusik“.
Mit 18 zog er nach Pittsburgh, heiratete dort, spielte in doo-wop-Gruppen, auch in Europa. Die nächste Stationen Columbus und Detroit. Fünf Jahre verbrachte er mit Doug Hammond in einem Literatur/Musik-Projekt namens Focus Novii.
Und dann New York City, 1971, ein Wendepunkt!
„I always played structured blues, rhythm playing, dance music, or something like that. And I abandoned it! When I came to New York, it was like … I just went totally another way.”
Heute kaum nachvollziehbar seine ersten Stationen dort: Art Blakey, Joe Henderson, Rashied Ali, und schließlich Ornette Coleman.
Er wurde zum ersten Gitarristen in dessen Band, Coleman produzierte auch sein Debüt „Tales of Captain Black“ (1979).
Es waren die Tage des sogenannten FreeFunk (in diesen Tagen gerne verwechselt mit PunkJazz und No Wave).
Der Jazzanteil seiner Musik verringerte sich mehr und mehr in Richtung Blues, seiner Art von Blues. Er veröffentlichte und tourte bis weit in die 2000er Jahre, sein letztes Konzert gab er 2024 beim Detroit Jazzfestival.

James "Blood" Ulmer, geboren am 8. Februar 1940 in St. Matthews/South Carolina, gestorben am 3. Juni 2026. Er wurde 86 Jahre alt.

Fotos: Michael Höfner (Wikipedia)
erstellt: 10.06.26
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