BRAFF/ELDH/KÖNIG Outside *******

01. Vienese Grøt à la Berlinaise (Braff), 02.3TOES, 03. Cycle, 04.  Crémines

Malcom Braff - p, Petter Eldh - b, Lukas König - dr

rec. 05.-11.08.2020
Unit Records UTR 5296

Die Produktionsdaten lesen sich mit Erstaunen: ein halbes Dutzend Jahre zwischen Aufnahme und Veröffentlichung, sieben Tage im Studio für einen Reinertrag von 23 Hörminuten.
Was auch immer die Gründe dafür sein mögen: gut, dass es dieses Album (von der Länge einer EP) gibt - allein schon wegen des openers „Vienese Grøt à la Berlinaise“ (Wiener Grießbrei nach Berliner Art), die englische Beschreibung eines Wiener/Berliner Müslis mit einer norwegischen Zutat.
Der in Genf lebende, 1970 in Brasilien geborene, seit 1982 in der Schweiz ansässige Pianist Malcom Braff dürfte diesen Titel nicht aus der Luft gegriffen, sondern ihn auf seine Rhythmusgruppe bezogen haben.
Als da sind der schwedische, in Berlin lebende Bassist Petter Eldh, der 2022 mit einem Quartett namens Unionen an die Jahre 1814-1905 erinnert, da Schweden und Norwegen in Personalunion regiert wurden (und vielleicht, vielleicht ein „ø“ auch im Schwedischen gebräuchlich war).
Sowie an den König, Lukas aus Wien, einen sehr spezifischen Querling durch die Genres. Wir haben ihn 2023 in Schwaz/Tirol einerseits im technoiden Flackern erlebt, andererseits als Komponisten und Ausführenden in einer Komposition für Flipper & Kammerorchester.
Vor allem aber: Lukas König hat sich 2011 bei Malcolm Braff als Groovemeister qualifiziert, auf dessen Album „Inside“, das nicht nur vom Titel her einen Verwandten zum jetzigen „Outside“ stellt.
Beide Alben eröffnen mit einem Shuffle; „Inside“ 2011 mit einem Afro-Shuffle. 

„Vienese Grøt à la Berlinaise“ ist nicht nur vom Titel her ausgefallener, sondern auch von der ganzen Faktur.
Braff gibt erneut eine Stimmung a la Abdullah Ibrahim vor, noch eine Spur gospel-gesottener. König legt eine schwer dominate snare darunter. Es groovt wie Hölle, er betont die Zählzeit „2“ und markiert sie zusätzlich mit einem kurzen Echo.
Ja, das kennen wir ähnlich aus dem Dub, aber König entzieht sich jeder Mechanik, fallt beinahe mit jedem Takt aus der Ordnung; was er da verschiebt und betont und wieder weglässt (sogar bis zur Aufgabe des beat überhaupt), ist ein Meisterstück in beat displacement. 
Und dies strukturell & klanglich. Wo immer man diese snare so bearbeitet hat wie sie jetzt klingt, bei der Aufnahme in Crémines/CH oder später beim Mix in Berlin (beide Male beteiligt der derzeit gefragte Toningenieur Martin Ruch), es dürfte gut & gerne ein Tag für die Feinjustierung des Klanges dabei aufgewandt worden sein.
„3TOES“ beginnt erneut mit dieser snare, aber mit rimshots (Schläge auf den Rand des Instrumentes). Das Stück lebt erneut von mikro-rhythmischen Variationen (Braff hat dazu Bücher veröffentlicht), es hat was Monkísches - und ist nach knapp drei Minuten schon wieder vorbei.
„Cycle“ hat wiederum etwas Gospel-haftes, eine rubato-Ballade, die anderswo mit anderer Rhythmusgruppe weit weniger energetisch erklingen würde. Mit knapp neun Minuten das längste Stück des Albums.
Es schließt mit einer Hommage an den Aufnahmeort, „Crémines“ im Schweizer Jura - das einzige Stück ohne dominante snare. Möglicherweise fand man den sound unpassend in einem überwiegend frei-metrischen Kontext. Denn das ist es, ein Stück FreeJazz, freilich wiederum auf eine spezifisch Braff´sche Weise, wenig atonal.
erstellt: 18.10.26
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