Neulich ging bei der Jazzpolizei ein Hinweis aus der Netz-Bevölkerung ein, demzufolge der irische Jazzsänger Graham J.
auf Twitter über das britische Jazz Journal sich beklagt.
Er tut es nicht in Netz-typischer Diktion, sondern wie ein Gentleman.
Dabei ist der Grund seiner Kritik wirklich unappetitlich:
eine Rezension seines neuen Albums „Cry“ durch Leon Nock, der eine herablassende Beurteilung (immerhin aber doch noch ★★★) mit dem Zusatz gewürzt haben soll, der Sänger aus Wexford sei „schwul“.
Der Konjunktiv steht hier, weil der Originaltext inzwischen bereinigt ist.

Und deshalb nicht mehr nachzuvollziehen, um welche Art von „Attacke“ es sich gehandelt haben mag.
JJ FotoJet condGerade als die Jazzpolizei sich schon abwenden wollte (schließlich ist Wexford weder Ibiza noch Wien), klickte sie einfach mal weiter auf „next article“ - und fand einen klassischen Aufreger.
Er durchzieht die Jazzgeschichte seit Anbeginn: das völlige Unverständnis.
Es ist der bucklige Verwandte von Lob & Hype, den beiden Ton-angebenden der Jazzpublizistik. Er wagt sich heute kaum noch aus der Deckung.

Sein Lieblingmodus: die Vollbremsung, auf gut Deutsch
„Die können doch gar nicht spielen!“
In der Sprache des Jazz Journal „occasionally sounding to me like a band of people that simply can’t play“.

Ein Kritiker namens John Adcock stellt die bange Frage:
„bleibt für uns als individuelle menschliche Wesen überhaupt noch Platz in dem Sturzbach der bits?“

Wir sehen, hier wurde nicht eine Rezension aus dem Gründungsjahr des Magazines 1948 (ansonsten ein toller Jahrgang!) aufgetaut, aus Adcock spricht nichts als die reine Gegenwart.
„Können wir überhaupt noch improvisieren in einer Welt, in der alles vorbestimmt ist durch Algorithmen?“
Im Schmerz über das, was Adcock ertragen musste (und sich mit 0,5 ★ vom Leibe hält), fallen ihm Metaphern ein, die die Jazzhistorie noch nicht gesehen hat.

Er hat gehört „das Equivalent zu einem Haufen Steine oder" - fasten seat belts! -
Schafe in Formaldehyd“.
Was kann das nur gewesen sein?

„Double Screening“ vom Emile Parisien Quartet - eines der besten Alben des Jazzjahres 2019!

erstellt: 20.05.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten