Lange nichts mehr gehört von Diedrich Diederichsen, lange jedenfalls nichts mehr zum Jazz.
Das muss nicht weiter wundern oder gar beunruhigen, das ist auch gar nicht DD´s eigentlicher Beritt, darüber lässt er sich nur gelegent-
lich aus.
Daniel Martin Feige, der DD´s Monumentalwerk „Über Popmusik“ (2014) ausführlich rezensiert hat, quittiert die entsprechenden Passagen noch recht freundlich „Das Jazzkapitel gehört zu den kontoversesten Kapiteln“.

Weil: „Mehr noch als bei Diederichsens Analysen zur Popmusik fällt auf, dass hier die Musik, über die gesprochen wird, in ästhetischer Hinsicht überhaupt nicht genauer charakterisiert wird“ (Musik & Ästhetik 20/2016).
Der Verdacht, der sich nach diesem Urteil so einfach nicht abschütteln lässt, unterfüttert denn auch die Lektüre, als DD nun gute Nachrichten aus unserer kleinen Welt über-
bringen will:
„Im Jazz passieren so aufregende Sachen, dass man sich fragt, ob das noch Jazz ist.“ (Freitag 16/2020)
Möchte man jemand, der unter dieser Prämisse an eine Groß-Gattung herantritt, wirklich zuhören?
Möchte man ihm die Grenzziehung zutrauen, hier Jazz - dort nicht mehr?
Das „größere kulturelle Erblühen“, das DD zu erkennen meint und „an dem diese immer noch Jazz genannte Musik einen zentralen Anteil hat“, ist offenkundig nicht Resultat umfangreicher eigener Hörarbeit, sondern beschränkt sich auf die üblichen Verdächtigen, die seit geraumer Zeit von heißer Luft nach oben getragen werden.
Kamasi Washington, Shabaka Hutchings, Moor Mother, Matana Roberts, Jeff Parker, wer fehlt noch?
Makaya McCraven, selbstverständlich.
Für europäische Blüten ist DD taub; vermutlich deshalb, weil ihm schon schwerfällt, Jazz als „universelles Idiom“ zu akzeptieren.
„Genau dieses universelle Idiom war aber, diese gewiss grobe Verallgemeinerung sei erlaubt, schon vor dem Ende des letzten Jahrhunderts unverbindlich und langweilig geworden, nur noch in Einzelleistungen relevant.“
Nein, diese grobe Verallgemeinerung ist nicht erlaubt.
Wer auf so schwankendem Grund steht wie Diedrich Diederichsen, der sollte Ludwig Wittgenstein für sich adaptieren:
„Wovon man nicht sprechen kann, davon soll man schweigen.“

erstellt: 16.05.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten