DAVID SANBORN Time and the River ***



01. A la Verticale (Soyer,, Luc), 02. Ordinary People (Sanborn), 03. Drift, 04. Can´t get next to you (Strong, Whitfield), 05. Oublie Moi (Soyer), 06. Seven Days Seven Nights (Marcus Miller), 07. Windmills of your Mind (Legrand, Bergman), 08. Spanish Joint (D´angelo, Hargrove), 09. Overture (Amram)

David Sanborn - as, Roy Assaf - keyb, Marcus Baylor - dr, Javier Diaz - perc, Marcus Miller - bg, Yotam Silberstein, Nicky Moroch - g, Peter Hess - ss, ts,fl, bcl, Justin Mullens - tp, flh,Tim Vaughn - tb, Ricky Peterson - org (2,4)

rec. 2014 (?)
Sony Music/OKeh 88875063142

Es war schon mal mehr Sanborn in der Welt - mehr vom Original, mehr Imitate.
Dieser Altsaxophon-Ton, nicht ganz so verbreitet wie der von Michael Brecker auf dem Tenor, war über Jahrzehnte eine Klangmarke; nicht eben elegant wie seinerzeit Paul Desmond oder heute Hayden Chisholm, nasal mit großer Blues-Inflektion, betont in den rhythmischen Parametern, kraftvoll wie herausgepresst, weil mit großem Druck vorgetragen.
Ein Shouter.
cover Sanborn TimeWenn man jetzt das Original mal wieder hört, ist man geradezu erschrocken, wie schmalspurig es klingt, fast wie aus Pappe, Sanborn wie ein Sanborn-Darsteller.
Es bleibt nicht viel von seiner Kunst, wenn der Powerpegel drumherum so abfällt wie auf „Time and the River“.
Und untenrum ist hier wenig los, viel zu wenig für „eine fesselnde Mischung aus Jazz und R&B“, wie sie die das Label annonciert.
Dieser Begleittext (nicht zu verwechseln mit den liner notes) ist ohnehin ein Dokument frappierender Unkenntnis. Sanborn wird darin zitiert, als habe er mit Marcus Miller lediglich „einen alten Freund“ als Produzenten herangezogen - tatsächlich sind die beiden in genau diesen Rollen einander seit Jahrzehnten verbunden.
Und allerspätestens, als der Jammerlappen-Funk von „Seven Days Seven Nights“ erklingt, flieht man geradezu in den riesigen Katalog der zwei, beispielsweise in „upfront“ aus dem Frühjahr 1992.
Herrschaften, was ist da los!
Auf der Zählzeit „4“ im ersten Takt des Albums sitzt ein snare-Akzent von Steve Jordan (heute vertritt ihn der brave Marcus Baylor von den Yellowjackets). Slapbass von Mr. Marcus Miller. Fetter Hammond-Sound von Ricky Peterson (heute nur noch in 2 tracks dabei).
Der zweite track dort, der erste von einer ganzen Strecke mit Shuffles, ein im slow tempo schmelzender Sanborn, wie er es heute gar nicht mehr hinkriegt. Ja, Shuffle war für David Sanborn einst eine Königsdisziplin, heute klingt er wie eine Pflichtübung („Can´t get next to you“).
Noch ein Vergleich mit „upfront“?
Damals kreuzt er James Brown-Funk mit House, was 1992 relativ neu war, und die Mannschaft geht so was von mit!
„Upfront“ beschließt Sanborn an der Seite von Herb Robertson, tp, mit „Ramblin´“ von Ornette Coleman im Stile des tight funk.
Ja, der Katalog kann grausam sein für Künstler, die über einen solchen verfügen.

erstellt: 18.03.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten



Drucken   E-Mail