MAKAYA MCCRAVEN Universal Beings *****

CD 1
New York Side
01. A Queens Intro (McCraven), 02. Holy Lands, 03. Young Genius,  04. Black Lion, 05. Tall Tales, 06. Mantra
Chicago Side
07. Pharaos Intro, 08. Atlantic Black, 09. Inner Flight, 10. Wise Man, Wiser Woman, 11. Prosperity´s Fear
CD 2
London Side
01. Flipped OUT, 02. Voila, 03. Suite Haus, 04. The Newbies lift off, 05. The Royal Outro
Los Angeles Side
06. The Count off,  07. Butterss´s,  08. Turtle Tricks,  09. The fifth Monk,  10. Brighter Days beginning, 11. Universal Beings

Brandee Younger - harp (1-6), Tomeka Reid - vc (1-11), Joel Ross - vib (1-6), Dezron Douglas - b (1-6), Makaya McCraven - dr, Shabaka Hutchings - ts (7-11), Junius Paul - b, perc (7-11), Nubya Garcia - ts (CD 2, 1-5), Ashley Henry - ep (CD 2, 1-5), Daniel Casimir - b (CD 2, 1-5), Josh Johnson - as (CD2, 6-11), Miguel Atwood Ferguson - v (CD2, 6-11), Jeff Parker - g (CD2, 6-11), Anna Butterss - b (CD2, 6-11), Carlos Niño - perc (CD2, 6-11)

rec. 2017
/2018
International Anthem Recording 002

Die Jazzgeschichte ist ungerecht, ihre Aufmerksamkeit asymetrisch verteilt: von den Leistungen des europäischen Jazz wissen die Amerikaner wenig bis gar nichts, umgekehrt aber vieles, sicher nicht alles.
Diese Produktion liefert ein schönes Beispiel für den ewig verrutschten Fokus und seinen engen Verwandten, die unhistorische Betrachtung vieler Jazzkritiker (Achtung! - vor der man selbst keineswegs gefeit ist…)
Was Makaya McCraven hier veranstaltet, hat vor ein paar Jahren ganz ähnlich Jonas Burgwinkel gemacht. In Köln. Komplexer. Und besser.
Im Gegensatz zu McCraven hat er es nicht in der New York Times unter die „Best of Jazz“ seines Jahrganges geschafft (2018 ist unter zwanzig mit Sylvie Courvoisier auch nur ein europäischer Name dabei). Auch das Selbstlob McCraven´s, ein beat scientist zu sein, hätte ihm nicht geholfen.
Im Gegensatz zu Burgwinkel profitiert McCraven von der gut erzählbaren Hipness seiner Biographie: geboren 1983 in Paris, die Mutter Ungarin, der Vater ein afro-amerikanischer Schlagzeuger, der auch mit Archie Shepp und Sam Rivers gespielt hat; aufgewachsen in Massachussetts, lebt er seit 10 Jahren in Chicago.
Was ihn von Burgwinkel unterscheidet: sein Schwerpunkt ist der Groove, die Wiederholung, die Inspiration durch afrikanische Verknüpfungspraktiken (interlocking patterns); da hat er was vorzuweisen. Die kunstvolle Verschleierung des Beats ist seine Sache nicht (insofern läuft seine Selbststilisierung als „beat scientist“ eigentlich ins Leere).
Was ihn mit Burgwinkel verbindet, ist ein sehr formales Verfahren (bei sehr unterschiedlichen stilistischen Inhalten): die Aufnahme mehr oder weniger spontaner Sessions, abseits der Studios, und ihre nachträgliche Bearbeitung durch cut up-Techniken zu einem neuen Produkt, das sowohl Beteiligte als auch Zuhörer im Moment der Aufnahme so nicht gehört haben (können).
Das ist heute auf jedem Laptop realisierbar und viel einfacher als vor 50 Jahren die mühsame Schnittarbeit von Teo Macero für Miles Davis, den nun manche Rezensenten, nicht zu unrecht, als Vorläufer betrachten.
Burgwinkel ist auf die neue Art 2013/14 im Kölner Club „Stecken“ ein konzeptionell wegweisendes Album gelungen, „Side B“, das auch in seiner Heimat nicht angemessen gewürdig worden ist.
McCraven verfolgt demgegenüber ein weitaus mehr afro-amerikanische Ästhetik. Er hat an drei amerikanischen und einer europäischen location aufgenommen.
cover mccraven
Der Start - ausgerechnet in Queens/New York - ist schwach, ein halbes Dutzend dunkle Funk-Grooves, denen der Überbau fehlt; man wartet ständig: kommt da noch was?
Ab track 7, auf der „Chicago Side“, wird diese Frage gelöst; ein Gast aus Großbritannien, der Tenorsaxophonist Shabaka Hutchings, bringt Kontur ins Spiel. Auch die aus Chicago stammende Cellistin Tomeka Reid kommt mehr zum Zuge.
Ja, mit track 8, „Atlantic Black“, gelingt der Höhepunkt der ganzen Aufnahmen.
Hutchings und Reid spielen kurze, hypnotische vamps über einem schnellen Beat, der der haitianischen Rara Music entlehnt ist.

Über allem liegt ein keyboard-loop (personell nicht identifiziert) und McCraven hat vermutlich nachträglich im Computer Halbton-Rückungen der Linien eingefügt. Die Wiederholungen sind wirklich betörend. Gegen 6:30 blendet er die uptempo Figuren in einen wesentlich langsameren Abschnitt, in dem Shabaka Hutchings als shouter brilliert, umgarnt von Tomeka Reid´s Cello.
Das wesentlich afrikanisch geprägte interlocking, das Ineinandergreifen kleiner und kleinster Figuren bestimmt auch die Folgestücke, worunter track 11 als dunkler Kollektiv-Groove erneut hervorsticht.
Die „London Side“ - das ist die erste Hälfte von CD 2 - glänzt mit intensiven ternären Grooves, viel mächtiger als die aus New York, richtig schwere „Schieber“, in denen simple keyboard-Linien Druck machen. Sie kommen von Ashley Henry, einer Art britischem Robert Glasper.
Auch er beschränkt sich auf Wiederholungsformeln, solistisch entfalten kann er sich nicht, ebenso wenig die Tenorsaxophonistin Nubya Garcia. Die ist - im Gegensatz zu ihm - weit überschätzt; man hätte von Henry liebend gern Gedanken gehört, die sich aus den dunklen Grooves erheben.
Das alles aber ist Gold gegen die letzte Station der Reise, aufgenommen im Januar 2018 in Los Angeles. McCraven verlässt im Auftakt von „The Count Off“ das sichere Gelände der HipHop- und Funk-Grooves und spielt irjenswie „free“. 
Ab track 7 lässt er´s wieder und kehrt auf für ihn sicheres Terrain zurück, zu Beats; es sind freilich die spannungsärmsten des ganzen Unternehmens, außer ein paar Klangfärbungen, die er seinem eigenen drum set genehmigt, passiert strukturell nichts, aber auch gar nichts, was Aufmerksamkeit beanspruchen könnte.
Wenn das die Arbeit eines beat scientist sein sollte, dann fragt man ratlos, wie man daneben die Arbeit seiner Zeitgenossen vom Schlage eines Marcus Gilmore oder eines Chris Dave charakterisieren soll, von der der zahllosen Vorgänger ganz zu schweigen.

erstellt: 14.12.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten