KEITH JARRETT La Fenice *******

CD I
01. La Fenice Part I (Jarrett), 02. Part II, 03. Part III, 04. Part IV, 05. Part V
CD II
01. Part VI, 02. The Sun who rays (Gilbert, Sullivan), 03. Part VII (Jarrett), 04. Part VIII, 05. My wild Irish Rose (trad), 06. Stella by Starlight (Young, Washington), 07. Blossom (Jarrett)

Keith Jarrett - p

rec. 19.07.2006

ECM 2601/02

Das abgelaufene Jahr 2018 wäre jazz-discografisch unvollständig ohne Berücksichtigung dieses Doppelalbums. Obgleich es den Künstler nicht in seinem aktuellen oder wenigstens doch zeitnahen Schaffen repräsentiert.
Die Editionspraxis von ECM fordert nämlich den geneigten Zuhörern in puncto Keith Jarrett solo einiges ab.
Sie ist sprunghaft, zieht mal hier etwas aus dem Archiv, das noch aus der Zeit seiner langen Piano-Predigten stammt (grob sortiert: vor „Radiance“, 2002), dann wieder aus der Zeit danach, wo die Improvisationen kürzer ausfallen, in jeweils stilstisch eher homogene Blöcke.
Im Hinblick auf italienische Konzertorte ist dies besonders ausgeprägt: die letzte Veröffentlichung, die 4-CD-Box „A Multitude of Angels“) 2015, sammelte Mitschnitte von vier Aufnahmeorten im Oktober 1996.
Jetzt, zwei Jahre später, ist Venedig dran, eine Aufnahme aus dem Theater La Fenice, 2006.
Schon ein Blick auf das tracklisting zeigt: es handelt sich um ein Konzert des zweiten Typs; kein Stück dauert länger als 17 Minuten, eines sogar nur dreineinhalb.
Das bedeutet improvisationsästhetisch, dass die Abschnitte in sich stilistisch homogener sind, ihr Charakter wird nicht in langen Übergängen aus den vorgehenden entfaltet.
Jarrett startet jeweils mit einer auch für den Zuhörer klar erkennbaren Idee, mit anderen Worten: er improvisiert weniger, jedenfalls was den großen Bogen eines Konzertes betrifft.
Ja, „Part VIII“ entpuppt sich schon nach wenigen Momenten als ein Blues im klassischen 12-Takte-Format - daran ist nichts improvisiert, bestenfalls könnte seine Position im Gesamtkontext spontan entstanden sein.
Der gern kolportierte Umstand, dass bei der Improvisierten Musik Zuhörer & Musiker quasi „gleichauf“ sind, weil beide nicht wissen, wie es weiter geht - diese Legende trifft hier noch weniger zu.
cover la feniceSchon „Part I“ freilich widerspricht der hier aufgestellten „Regel“.
Jarrett beginnt pointillistisch, quasi suchend; er wandert durch Formen und Ideen. Gegen 5:00 findet er hörbar Gefallen an einer schnellen Figur - eine Grundbewegung scheint gefunden, sie lässt die rechte Spielhand immer wieder bis in die oberste Lage wandern.
Bei 10:23 ein regelrechter Schluß. Pause. Jeder Tonmeister würde hier einen trackmarker setzen - aber die Zeit läuft weiter. Jarrett empfindet die fast „erzählerische“ Akkordstruktur in ruhigem Tempo offenbar als Fortsetzung. „Ruhig“ heißt hier auch, dass größtenteils ein 4/4 Takt ausgeschöpft wird, wobei jeder Akkord eine eigene Zählzeit einnimmt.
„Part II“ greift den pointillistischen Gestus wieder auf, nun freilich tonal stellenweise in leicht spanischer Färbung. Erster Applaus.
Mit „Part III“ stellt sich der Gospel-Jarrett vor, der Groove-Mann.
„Part IV“ setzt sogleich ein mit einer melodischen Figur, die wie komponiert klingt, das Stück entfaltet sich wie eine Ballade.
„Part V“ ruft unsere jüngste Lerneinheit in Erinnerung (durch einen Wuppertaler Saxophonisten als ästhetischen Sparringspartner), wonach Jarrett das Bebop-Vokabular besser beherrsche als viele andere Pianisten; das Stück ist ein Bebop-Fetzer.
In ähnlichem Idiom bewegt Jarrett sich in „Stella by Starlight“ (auf CD II). Es ist der Teil des Konzertes, der CD-Produktion, der seine kompositorischen Vorentscheidungen noch deutlicher macht.
„The Sun whose rays“, eine Ballade, entstammt der Operette „Der Mikado“ aus den 1880er Jahren von Gilbert & Sullivan. Ihr folgt „La Fenice Pat VII“, nunmehr eine Jazzballade von Jarrett und dann der schon erwähnte blues „Part VIII“.
„My wild Irish Rose“ hat er schon 1998 auf „The Melody at Night with you“, es unterstreicht den balladesken Charakter von CD II.
Und so hat sie auch begonnen, mit „Part VI“, einer knappen Viertelstunde, dem am meisten improvisierten Teil dieses zweiten Tonträgers.
Hier ist ein Rückbezug erkennbar zum Beginn des gesamten Abends (vorausgesetzt, wir hören die Stücke in chronologischer Folge), nämlich zum Schlussteil von „Part I“, wo Jarrett gleichfalls mehr oder weniger einen 4/4-Takt akkordisch ausführt - das spannendste Stück auch hier.

erstellt: 16.01.19
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