KAJA DRAKSLER, PETTER ELDH, CHRISTIAN LILLINGER Punkt.VRT.Plastik - somit *********

01. Helix AG (Lillinger), 02. If asked (Draksler), 03. Membran (Lillinger), 04. Natt Raum (Eldh), 05. Amnion (Lillinger), 06. Morgon Morfin (Eldh), 07. Fraustadt (Draksler), 08. Somit (Lillinger), 09. Axon, 10. Enbert Amok, 11. Trboje (Draksler), 12. Ribosome (Lillinger), 13. Vrvica (Draksler)

Kaja Draksler - p, Petter Eldh - b, Christian Lillinger - dr, perc, p (13)

rec. 05.+ 06.09.2020

Intakt CD 353/2021

Alles aussprechen, was man sagen kann. Das ist gewissermaßen der Kern der Jazzästhetik. Damit macht man nichts falsch, damit sind schließlich große Momente entstanden (wir denken nur an eines von vielen Beispielen, an John Coltrane).
Der Gegenbeispiele sind nicht so viele, uns fällt - wir sprechen ja gerade über eine in Deutschland entstandene Produktion - spontan das Kölner Quartett Tome XX ein, Mitte der 90erJahre. Das hat die Geste der Verweigerung gerdezu zelebriert; es hat nicht ausformuliert, was in einer Komposition „angelegt“ ist. Die Zuhörer mussten mit dem schönen Frust leben, einen Gedanken auf eigene Faust in sich fortklingen zu lassen.
Der englische Pianist Alexander Hawkins, der hier die liner notes schreibt, hat diese Prozesse offenbar ähnlich wahrgenommen.
„Viele dieser höchst zielgerichteten Kompositionen scheinen sich mit einer einzelnen,, verdichteten musikalischen Idee zu beschäftigen“. Er fühlt sich an „Musica Ricerata“ von György Ligeti erinnert. Die Kompositionen würden einfach „aufhören´, anstatt mühsam einen ´Schluss´zu konstruieren, der unter diesen Laborbedingungen übermässig dekorativ wirken könnte“.

Letzteres steht gerade nicht zu befürchten, wohl aber muten manche Stücke an (beispielsweise das Finale „Vrvica“, wo Lillinger das zweite Klavier spielt), als habe die weitere Entwicklung sich nicht mehr gelohnt, sie sei deshalb mit einer schnellen Blende verabschiedet worden.
 Von „Kompositionen“ zu sprechen, liegt nahe. Das Trio verfügt zwar über einen großen Fundus an Erfahrung, es kann jederzeit einem uptempo swing oder einer Verdichtung folgen. Aber die Repetitions-Ästhetik, die hier vorherrscht, oft unter Verdopplung und Verdreifachung der Stimmen, ist ohne konzeptionelle Eingriffe nicht zu denken.
cover punktvrtplastik 2Nehmen wir „Natt Raum“, ein Stück, das dank seiner Kinderlied-Melodik klar als von Petter Eldh stammend ausgewiesen werden kann. Das Stück beginnt mit einem wunderbar rumpeligen Rock-Beat, und es sind sogleich mindestens zwei weitere Klaviere, die - auch in ganz hoher Lager - das Haupt-Klavierthema spiegeln. 

Ja, Thema und Struktur seien von ihm, schreibt Eldh in privater e-mail-Kommunikation, aber „nicht aufgeschrieben“, und ja, der uptempo swing, den die Rhythusgruppe später vorgibt, der sei spontan entstanden.
Das sei „Jazz with very few instructions“ und Improvisation für ihn „not the individual blowing or solo, but the individual freedom joining forces as a collective shape“.
Auch Zawinul´s Motto „we always solo, we never solo“, sprachlich paradox, könnte hier zur Anwendung kommen. Trotz der geradezu überschäumenden ostinato-Kultur - eine oder auch zwei Stimmen von dreien brechen immer aus.
In „Natt Raum“ ist dies der wie immer wieselige Christian Lillinger (damals Tony Williams), insofern kann man hier eine gaanz, gaanz ferne strukturelle Verwandtschaft zu Miles Davis´ „Nefertiti“ (1967) feststellen.
Die hohe rhythmisch-melodische Interaktionskultur ist das eine Novum dieser Produktion (ähnlich wie schon das Debüt 2018).
Das andere sind die Themen, denkbar weit vom Jazz entfernt.
Allein schon die vielen tremoli, die Wiederholungen ein und desselben Tones (vor allem in den tracks 8 und 10); Alexander Hawkins bemerkt zurecht:
„Der Absturz ist nie weit weg, allein aufgrund der Mechnanik des Instrumentes“ (gemeint hier natürlich das von Kaja Draksler in singulärer Art gespielte Piano).
Kaum denkbar, dass diese drei MusikerInnen abstürzten (und wenn, hätten sie es nicht noch als Tonträger herausgegeben); aber allein den Eindruck zu erzeugen, diese eminente Spannung aufrecht zu erhalten, macht den ungeheuren Reiz, den Status dieses Post FreeJazz aus, eine Flipperkugel, die zwischen den Kontakten Monk, Tristano, Ligeti (und etlichen mehr) hin- und herrast.
Nicht zuletzt - und weil dieser Tage einige Kollegen in den elektronischen Farbtopf gefallen sind - machen nachträglich zugefügte Farbnuancen den Reiz dieser Produktion aus. Am deutlichsten der allererste Klang: ein Cymbal-Schlag wie ein Peitschenknall, ansonsten leicht verstimmte Pianos in der zweiten und dritten Reihe (tracks 5, 9, 10), die mitunter Assoziationen an das Wurlitzer Electric Piano wachrufen, in einer gänzlich „soul“-freien Musik.
Der Geist hier, der spirit, ist ein anderer; er muss nicht semantisch abgeklopft werden, er zählt zum Besten, was Jazz als Kunstmusik derzeit aufzuweisen in der Lage ist.

erstellt: 26.03.21
©Michael Rüsenberg, 2021. Alle Rechte vorbehalten


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