KAJA DRAKSLER, PETTER ELDH, CHRISTIAN LILLINGER Punkt.VRT.Plastik *********

01. Nuremberg Amok (Lillinger), 02. Evicted (Draksler), 03. Punkt Torso (Eldh), 03. Azan (Lillinger), 05. Veins, 06. Body Decline (Eldh), 07. Plastic (Lillinger),  08. Momentan, 09. Life is Transient (Eldh)

Kaja Draksler - p, Petter Eldh - b, Christian Lillinger - dr

rec. 26.02.2018

Intakt CD 318/2018

DELL, BRECHT, LILLINGER, WESTERGAARD Boulez Materialism - Live in Concert ********
01. Materialism I (Dell, Brecht, Lillinger, Westergaard), 02. Materialism II

Christopher Dell - vib, Johannes Brecht - electronics, Christian Lillinger - dr, Jonas Westergaard - b

rec. 10.10.2017

Plaist Music PLAIST 002

Den SWR Jazzpreis, die bis dato höchste Auszeichnung, hat er im Herbst 2017 erhalten - 2018 aber wurde sein Jahr, zumindest discografisch. Das Jahr von Christian Lillinger.
Er startet mit „Cor“, einem neuen Album seines Ensembles Grund, „nichts weniger als eine Neubestimmung des FreeJazz“.
Im Mai folgt sein elektro-akustisches Quartett (siehe unten), im Spätsommer die Post-Rock-Band Kuu!
Lillinger beschließt das Jahr mit einem Trio, das seit seinem mehr oder weniger spontanen Start beim October Meeting 2016 in Amsterdam Furore macht, u.a. in Münster, Anfang 2017, oder beim Jazzfest Berlin im November 2017.
Der Begriff von der „Neubestimmung des FreeJazz“ will einem auch hierzu einfallen, auch wenn er damit keine Identität mit „Cor“ oder „Boulez Materialism“ zum Ausdruck bringen will.
Man könnte durchauch auch noch Amok Amor in die Überlegung miteinbeziehen: die Schnittmengen sind klar vorhanden.
Sie zeigen sich vor allem in den rhythmisch-metrischen Vexierspielen, mit denen auch dieses Album eröffnet. Es scheint nur noch ein Bewegungsimpuls die drei Stimmen zu vereinen, ansonsten folgen sie eigenen Akzenten - ohne dass dieser Energieball auseinander bräche.
cover punkt.vrt.plastikUnd der Level ist vom Start weg hoch.
Es ist diese right-into-your-face Ästhetik, die einen förmlich anspringt. Aber eben nicht in Gestalt der alten FreeJazz-Raserei, die in einem Klangstrudel daherkommt; die drei Stimmen bleiben klar identifizerbar, sie spielen mit einer Mordspower eigene, variierende patterns, die sich mal mehr, mal weniger verzahnen.
Bei 2:45 von „Nuremberg Amok“ z.B. sinkt das Tempo, Draksler und Eldh verhaken sich in ein 5-Töne-vamp, Lillinger spielt dagegen an, und man erkennt beim Rückspulen, dass es sich um einen Teil des Themas handelt. Sie behandeln es lediglich mit dem Stilmittel Nr. 1 dieser Produktion, der Wiederholung.
Eine Minute später, kurz vor Schluss des 4-Minuten-Stückes, ergibt sich so etwas wie eine Themen-Reprise; das ist formal unbefriedigend, aber insgesamt hoch-expressiv.
Während an dieser hoch-verdichteten, gleichwohl transparenten Performance die Frage „Wer ist hier Solist? Wer Begleiter?“ wie völlig absurd abprallt, muss sie (Achtung UDJ!) hinsichtlich der composer credits doch gestellt werden.
Nicht, dass Kaja Draksler in der Ausführung auch nur einen Sekundenbruchteil Benachteiligung erführe, erscheint gerade deshalb weni einsichtig, warum sie nur ein Stück („Evicted“) „geschrieben“ hat.
Hier demonstriert sie in einer Solo-Kadenz eines ihrer Markenzeichen: eminentes staccato-Spiel zugleich in hoher und tiefer Lage.
Petter Eldh, vertreten mit drei Stücken, zeigt in einem („Punkt Torso“) eines seiner Markenzeichen, eine dem Kinderlied verwandte Melodik, selbstverständliche untenrum, rhythmisch ordentlich verrätselt.
Ein anderes, zum ersten Male 2015 bei Troyka untergebracht, erscheint in melodisch-rhythmisch so aufgebrochener Form, dass man es kaum wiedererkennt.
„Momentan“ von Christian Lillinger spielt thematisch ähnlich mit Kinderliedhaftem wie Eldh´s „Punkt Torso“, in der Durchführung mag man - mit einiger Phantasie - Rock-Strukturen erkennen.
Ansonsten agiert er geradezu extra-busy, der drum-set wirkt klanglich mitunter wie hochgepitched, z.B. in seinem Intro zu „Plastic“.
Warum der Begriff hier mit „c“ und nicht wie im Albumtitel mit „k“ zum Vorschein kommt, erscheint zweitranging - wie letzterer auch. Die Erklärung von Petter Eldh dazu  (im Programmheft des Jazzfestes 2017) hilft wenig weiter:
„Punkt bedeutet im Schwedischen [wie im Deutschen] Punkt. Vrt ist das slowenische Wort für Garten. Christian verkörpert das Plastik.“
Eines ist sicher: eines der besten Jazz-Alben 2018 kann man nicht mit drei Worten einfangen, man muss es hören. Auch hören können.
Die Kraft dieser Musik ist nichts für nebenbei.
Diese Aussage gilt umsomehr für das zweite hier vorzustellende Album: „Boulez Materialism“ von Dell, Brecht, Lillinger, Westergaard.
Es handelt sich um den Live-Mitschnitt einer Hälfte des Konzertes am 17. Oktober 2017 in Ludwigshafen, des Konzertes anlässlich der Verleihung des SWR-Jazzpreises 2017 an Christian Lillinger.
„Boulez Maerialism“ führt auf ein anderes Feld des FreeJazz, mit Schnittmengen zur Elektro-Akustischen Musik, wo Momente freier Improvisation deutlicher zu erkennen sind als bei Draksler/Eldh/Lillinger.
Seinen Titel bezieht das Projekt aus dem Verfahren der Prolifération (der Wucherung), wie es die Musiker als „Verschalten minimaler Strukturen“ bei Pierre Boulez meinen erkannt zu haben.
Abgesehen davon, dass dieses Verfahren nicht nur in den improvisierenden Künsten so basal ist wie seine Bennenung banal, verweist seine Aufbrezelung durch ein Boulez-Zitat auf den ungenießbaren Teil dieser Produktion.
Die liner notes, die auf Deutsch und Englisch das booklet ausmachen - wir lehnen uns nicht zu weit aus dem Fenster - dürften in der Jazzgeschichte ohne Beispiel sein. Und zwar in punto Verschwurbelung der Gedanken.
Autor ist niemand anderes als der Vibraphonist Christopher Dell, der auch an anderer Stelle schon seine Texte als Fallstricke ausgelegt hat, in denen sicher nicht nur seine Leser jeden Halt verloren haben.
Dell, der hier als Beteiligter die einmalige Chance hat, in das Werk einzuführen, also die Musik zu „erklären“, geht die Beschreibung der Instrumentierung, die unsereins als Erweiterung des FreeJazz mit Mitteln der Elektro-Akustischen Musik bezeichnet, mit folgendem Satz an:
„Das Zusammenspiel von akustischen Instrumenten mit elektronischen Klangwelten erhält seine Triebfeder aus dem ideologiekritischen Moment, aufzuzeigen, dass nur durch die Totale selbst die Unterdrückung einzelner sich aufheben lässt.“
Diese vier von der „Theorie“-Tankstelle verlassen sich nicht wie zahllose ihrer Kollegen auf ihre Inspiration und ihre Erfahrung im Moment des Spielens und kennen das Ergebnis ihres Handelns nicht, nein sie rekurrieren „in diesem Konnex auf Hegel und dessen Begriff des Moments“.
cover LillingerNach allem was die Improvisationsforschung über den flow herausgefunden hat, dürften Musiker, die sich so ihrer Aufgabe stellen, praktisch keinen Ton hervorbringen.
Den Vorzug der Musik, nicht propositional zu sein, also keine Aussgen tätigen zu können, hat man selten so genossen wie in dieser Produktion, wo der Vibraphonist Christopher Dell mit dem Autor gleichen Namens nur den Namen teilt und im Medium Musik (ganz im Gegensatz zum Wort) ein Bedeutender genannt werden darf.
Nicht auszudenken, die flinken Läufe, die Tontrauben auf dem Vibraphon „sprächen“ zu uns…
Und „Boulez Materialism“ ist im Kern eine Veranstaltung von Christopher Dell und Christian Lillinger.

Der Live-Elektroniker Johannes Brecht interveniert mit einigen Einfällen hier und da, (insbesodere wenn er das Schlagzeug klanglich transformiert oder selbst perkussiv eingreift) aber er ist strukturell ebensowenig gleichberechtigt wie der Bassist Jonas Westergaard.
Das ist nun keineswegs als (negative) Kritik zu verstehen, sondern als Beschreibung; die Dialoge von Dell & Lillinger sind spannend genug.
Nur ragen sie eben nicht so aus dem gewohnten „Konnex“, pardon Kontext der Gattung heraus wie „Grund“ oder „Punkt…“ (siehe oben).

erstellt: 14.11.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten