Jazz ist tot.
Ältere Semester werden sich erinnern, dieses angerostete Schild gesehen zu haben, als sie frohgemut und neugierig in die Auffahrt zu dieser Gattung eingebogen sind. Und, dass es ihnen auch in den Folgejahren immer mal wieder begegnet ist.

am Ende

 

 

 

 




In den letzten Jahren hat man die schlechte Botschaft kaum noch gehört.
Selbst His Wyntoness hat sie nicht so formuliert.
Sie passt auch schlecht in die heutige „Gesellschaft der Singularitäten“, um mit einem aktuellen Buchtitel zu sprechen.
Wer will so einen Quatsch lesen? Wer traut sich noch, so in den Wald zu rufen?
Gerhard Klußmeier, 78, tut es, dessen „besondere Schwerpunkte“ laut Wikipedia „die Geschichte des Jazz und Karl May darstellen“.
Er tut es in der jüngsten Ausgabe (November 2017) des Jazz Podium, von Volker Kriegel (1943-2003) einst mit sanftem Sarkasmus als „unser Gemeindeblatt“ tituliert.
Wem die Klußmeier-Predigt als Faksimilie zugeschickt wird, mag die Datierung zunächst nicht glauben, das Blatt pflegt ein Layout wie vor 50 oder 60 Jahren. Erst das Auftauchen des Namens von Till Brönner auf Seite 38, der auch dank seines Albums „The Good Live“ (2016; „f“ oder „v“, wer weiß das schon?) zu den dem „echten Jazz verbundenen Musikern“ gehören soll, beglaubigt die Datierung.
Wohingegen die Swingin´ Fireballs aus Bremen, „eine der wohl vielseitigsten Formationen des europäischen Jazz“, dies dank ihres Namens auch schon 1957 hätten gewesen sein können.
Noch nie aber hat der Gaul, genannt „wahrhaftiger“ oder „echter“ Jazz, so erbärmlich ausgeschaut wie in der Pflege des Herrn Klußmeier.
Sein Futter ist derart kalorienarm, wie es nur sein kann, wenn sein Besitzer ihn auf einem Acker weidet, der seit den „letzten rund 30 Jahren“ nichts als „die absolute ´Stil-Leere´“ bietet.

Es wächst einfach nichts Nahrhaftes mehr nach!

„Man möge als Gegenargument bitte einmal den heutigen, vorgeblich aktuellen Jazz in einer erkennbaren, eindeutig neuen und überzeugenden Ausprägung zeigen - was bei jedem einzelnen der Jazz-Stile bis hin zum Free Jazz möglich ist!“

Eben.

Früher hätten sich die Jazzformen „folgerichtig immer mit und aus dem Vergagenenen heraus“ entwickelt.
Bis zum Free Jazz sei der Begriff Jazz „nahezu eindeutig erklärend“ gewesen. Seitdem würden „aus purer Verlegenheit entstandene Bezeichnungen künstlich fortgeschrieben, welche nicht mehr einer bis dahin logischen Weiterentwicklung entsprechen…“
Was hat ein solches Sprach- und Denk-Geholper in einem Gemeindeblatt zu suchen?
Oder, handelt es sich hier vorgeblich um Real-Satire?

Zumal der Autor Klußmeier, siehe oben, durch Expertenwissen über einen der größten Fiktionalisten der deutschen Literatur, Karl May, ausgewiesen ist.

Vielleicht hat er - so wie jener den Wilden Westen nie gesehen - Jazz nie gehört? Und den den Albumtitel von Till Brönner, weil falsch wiedergegeben, aus einem Modemagazin abgeschrieben?

erstellt: 29.11.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten