till bronner foto

 

 

Zur Erinnerung: „unser Schönster“ trägt den Ehrentitel (frei nach Eckhard Henscheid) nicht nur, weil er auf der Bühne gut ausschaut, sondern auch, weil er - ohne Trompete - gemodelt hat.
Seit geraumer Zeit gehört Till Brönner selbst auch zu den Bildbelichtern.
Eine Ausstellung in Duisburg, ein zweites Buch dokumentieren diesen Teil seines Schaffens („Melting Pott“).
Jüngst war er zu Gast beim RBB „Talk aus Berlin“ (05.09.19).
dr pic schickt uns dieses Protokoll:


JÖRG THADEUSZ: Du hast gesagt: Wir Jazzmusiker verdanken den Fotografen eine ganze Menge. Du hast einen der tollsten Fotografen sehr oft erlebt, nämlich Jim Rakete, wo man das Gefühl hat, er macht eigentlich nur tolle Fotos von Leuten. Wie gefällt's du dir, wenn du dich selbst da siehst?
TILL BRÖNNER: Schön, dass du Jim Rakete ansprichst. Der hat die ersten Fotos damals von mir gemacht, die tatsächlich mal abgedruckt wurden. Und in dem Augenblick habe ich mich gefragt: Komisch, eigentlich verwenden sie doch alle dieselben Kameras und dasselbe Equipment. Warum sind denn jetzt ausgerechnet die Fotos von Jim Rakete so anders geworden? Und ich glaube, das ist eben nicht so richtig erklärbar, aber es ist Chemie. Die Fotos mit Jim Rakete dauern immer so gut wie... gar nicht lange. In wenigen Sekunden ist das alles schon vorbei. Und dann kommt dieser wunderbare Satz noch, wenn man sich unsicher fühlt: Nicht denken, nur gucken. Der ist von ihm.
JÖRG THADEUSZ (lacht): Verwendest du den?
TILL BRÖNNER: Den hab ich gestohlen, auf jeden Fall. Denn der ist absolut richtig. In dem Augenblick, wo du anfängst nachzudenken – das passt übrigens auch zu Jazz –, ist es schon zu spät.

Den letzten Satz hat dr pic fett unterstrichen.
Aber, er irrt, wenn er ihn für falsch hält (wie er so vieles von Brönner für falsch hält).
Denn wenn Unser Schönster seine Aussage auf die Improvisation gemünzt haben sollte - dann spricht er durchaus im Einklang mit der Wissenschaft.
Ein Paradebeispiel (wie es Klaus Frieler von der Weimar Jazz Database gerne verwendet, das Solo von Bob Berg, ts, in „Angles“, 1993:
799 Töne, 144 Takte, Tempo 270 beats per minute.
Wenn Berg mit 6,3 Tönen pro Sekunde da durchrast (und keine Fehler macht!) - kann er nicht mehr „nachdenken“. Er flöge aus der Kurve.
Es herrscht die Sensomotorik, seine Sensomotorik, d.h. er kombiniert in einem Affenzahn Muster aus seinem Gedächtnis. Patterns, die er irgendwann gelernt hat.
Sollte er sich noch dazu im berühmten „Flow“-Zustand befinden, gilt, was der Neurowissenschaftler Arne Dietrich (American University Beirut) sagt:
„Wissenschaftler verstehen darunter denjenigen Zustand, in dem Wahrnehmen ohne den Umweg über das Bewusstsein direkt zum Handeln führt.“
Diese Qualität darf auch Unser Schönster ohne weitere Umwege für sich reklamieren.

erstellt: 08.09.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten